ai : VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE

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MENSCH IN GEFAHR : “Der omani­sche Schrift­steller und Blogger Muawiya al-Ruwahi wurde in ein Gefängnis in Abu Dhabi verlegt. Sein Gerichts­ver­fahren soll dort am 14. September vor der Staats­si­cher­heits­kammer des Obersten Bundes­ge­richts beginnen./ Der 31-jährige omani­sche Schrift­steller und Blogger Muawiya al-Ruwahi (auch al-Rawahi) wurde Ende Mai in das al-Wathba-Gefängnis in Abu Dhabi verlegt. Sein Fall wurde an die Staats­si­cher­heits­kammer des Obersten Bundes­ge­richts verwiesen. Am 14. September soll sein Verfahren beginnen. Die Ankla­ge­punkte sind ebenso wenig bekannt wie die konkreten Gründe für seine Fest­nahme und das Verfahren. / Laut der Face­book-Seite seines Vaters erhielt Muawiya al-Ruwahi, der an einer bipo­laren Störung leidet, am 11. Juni Besuch von omani­schen Diplomat_innen sowie dem Staats­an­walt. Die Diplomat_innen konnten alleine mit ihm spre­chen. Seit seiner Fest­nahme am 23. Februar 2015, als er aus Oman in die Verei­nigten Arabi­schen Emirate (VAE) einreisen wollte, durfte er mehrere Male mit seiner Familie tele­fo­nieren. Den ersten Anruf tätigte er einen Monat nach seiner Fest­nahme. Dabei bat er seine Familie darum, einen Rechts­bei­stand für ihn zu benennen. Muawiya al-Ruwahi erzählte seiner Familie, dass er regel­mäßig seine Medi­ka­mente erhalten hatte und dass die Behörden der VAE von seiner psychi­schen Erkran­kung wussten. Seine Kran­ken­akte, die vom Sultan-Qabus-Univer­si­täts­kli­nikum ausge­stellt wurde, wurde an die Behörden der VAE weiter­ge­leitet. Die Mutter von Muawiya al-Ruwahi durfte ihn am 18. Juni für eine halbe Stunde im Gefängnis besu­chen. Am glei­chen Tag durfte er außerdem zehn Minuten mit seinem Vater in Oman tele­fo­nieren. Zwei Tage später wandte sich seine Mutter an die Behörden des al-Wathba-Gefäng­nisses, um sicher­zu­stellen, dass ihr Sohn regel­mäßig seine Medi­ka­mente erhalten würde. – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 31. August 2015 hinaus, unter »> ai : urgent action

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nachtechse

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alpha : 2.55 – Stellt Euch vor, eine Eidechse, wildes Tier, hockt seit bald zwei Stunden auf meinem Küchen­tisch. Das wäre für sich genommen schon eine bemer­kens­werte Geschichte, weil ich recht weit oben wohne, die Fenster nicht geöffnet wurden und auch keinerlei frische Geschenk­ware in den vergan­genen Wochen bei mir ange­kommen ist. Außer­or­dent­lich span­nend wird die kleine Geschichte nun aber durch die Beob­ach­tung der zwei Köpfe, über die das Wesen gebietet. Sie sitzen ganz vorne an dem Tier am Hals, der sich gabelt. Die Augen der Eidechse gehen auf und zu, wie sie möchte, alle auf einmal oder auch getrennt vonein­ander, es sind vier. Zwei Zungen natür­lich, die züngeln, gemeinsam oder gar nicht oder auch sie unab­hängig vonein­ander. Ich über­legte nun, ob die Eidechse von Geburt an über zwei Köpfe verfügt haben könnte, oder aber welcher der eigent­liche Kopf der Eidechse gewesen sein dürfte, der erstere der Köpfe oder der origi­nale Kopf, und welcher der zwei Köpfe demzu­folge der nach­ge­wach­sene Kopf gewesen müsste. Ich habe weiterhin darüber nach­ge­dacht, ob es möglich wäre, einen der zwei Eidech­sen­köpfe mittels einer Papier­schere zu entfernen, ohne dem kleinen Tier viel­leicht weh zu tun. Das scheint aller­dings sehr unwahr­schein­lich zu sein, deshalb bleibt die Schere liegen. Unter der Lupe ist ein weiterer Kopf viel­leicht schon sichtbar, ich meine eine Buch­tung an der Schulter zu erkennen, ich muss das weiter beob­achten. – Kurz nach drei Uhr, weit vor Dämme­rung. Sollte noch ein paar Fliegen fangen. Wenn man drin­gend Fliegen braucht, sind niemals Fliegen da. – stop

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im keller

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ginkgo : 1.52 – Sechs Stock­werke abwärts, ich steige in den Keller in räudige Land­schaft, schnee­weiße Spin­nen­ge­beine, die von der Decke schau­keln. Nacht ist, ich ahne Ratten, die mich betrachten von irgend­woher, ein unheim­li­cher Ort, einer, der dem Besu­cher die Augen öffnet. Im Licht der Taschen­lampe kann man den Leuten, die über der Keller­land­schaft schlafen, in ihre Müll­höhlen schaun. Dieses Durch­ein­ander von Holz­teilen und Ölfäs­sern und Fahr­rad­ske­letten könnte zur Wohnung X gehören, und das alles zur Wohnung Y, wie sorg­fältig sich die Karto­nagen doch stapeln, in welchen Bücher vermo­dern und Mäntel und Schals und Strümpfe. In einem der Keller­ab­teile ruht ein Plat­ten­spieler zentral auf dem Boden, sonst ist dort nichts zu sehn, nur dieser eine Plat­ten­spieler, staubig. Hinter der Luft­schutztür von schwerem Eisen reihen sich Schau­feln der Haus­meis­terei, die schon lange ohne den Haus­meister selbst auskommen muss, das Hoch­wasser des vergan­genen Jahres, wie es eine Linie zeich­nete, stand den Besen bis zum Hals. Nicht rauchen ist noch immer an einer Wand vermerkt in altdeut­scher Schrift. Und wenn ich so weiter­gehe um eine Ecke herum, stoße ich auf ein schmales Abteil, das sich mit einer Geschichte verbindet. Es scheint nun leer zu sein, war aber einmal ein beson­derer Ort. Ich erin­nere mich an eine Öllampe, an eine Matratze, einen Stuhl und den Schatten eines Menschen, der auf dieser Matratze ruhte: Im Schatten saßen Augen fest, sie starrten in meine Lampe, dann flüch­teten sie, dann kamen sie nicht zurück. – stop

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cäsium

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whiskey : 2.45 – Das Fern­sehen erzählte heute eine Geschichte von einem Jungen, der nahe der Stadt Fuku­shima im Strah­len­mess­zen­trum Nihon­matsu in das Gehäuse einer Maschine gestellt wurde, um die Strah­len­be­las­tung seines Körpers innen wie außen und von oben bis unten zu messen oder zu zählen, demzu­folge von Kopf bis Fuß. Der Junge, auf dem Bild­schirm mehr­fach zu sehen, war noch nicht einmal zehn Jahre alt, er und seine Mutter wohnen in verseuchtem Gebiet. Ein Radio­loge erzählte der Mutter, was sie zu ihrem Schutz im Wohn­haus unter­nehmen könnte. Sie sollte mit Wasser gefüllte Plas­tik­fla­schen auf die Fens­ter­bretter der Zimmer stellen, gut geeignet seien die vier­eckigen Zwei­li­ter­fla­schen. Ihr Sohn sollte, wenn möglich, im Erdge­schoss schlafen, nicht im ersten Stock. Am nied­rigsten sei die Strah­len­be­las­tung in der Mitte des Zimmers. Draußen sei die Strah­len­be­las­tung umso höher, je tiefer man sich befindet. Aber im Haus sei das genau anders herum. Weiter unten sei die Dosis geringer. Das komme daher, dass das Cäsium, das sich auf dem Dach ansam­melte, die Dosis­rate in den Zimmern darunter erhöhe, eine plau­sible Begrün­dung. Ich sah und hörte zu und dachte an Georges Perec, der notierte: Es ist ein Tag wie dieser hier, ein wenig später, ein wenig früher, an dem alles neu beginnt, an dem alles beginnt, an dem alles weiter­geht. – stop

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destillieren

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alpha : 1.45 – Weitere fünf­zehn Minuten Lektüre auf Posi­tion Face­book nahe Pegida. Folgende Begriffe entdeckt, die asyl­su­chende Menschen bezeichnen: Drecks­pack Verge­wal­tiger Zigeuner­klau­ge­sindel Moslem­ge­mat­sche Nigger Kaker­laken Ficker Vieh­zeug Ratten­pack Neger­sklaven Seuche Gesocks. Diese so bezeich­neten Menschen möchte man wahl­weise: verbrennen, vergasen, abfa­ckeln, erschiessen, kastrieren, in einem Euro­tunnel unter Wasser setzen bis sie alle tot sind oder aber mittels einer schweren Verschu­block über­rollen, durch­lö­chern, schred­dern, erhängen, wegbomben, vor Schnee­pflüge spannen, als Biomasse verheizen. Noch immer könnte ich zahl­reiche bürger­liche Namen jener Personen, die diese Bezeich­nungen wählten, sowie zu Mord und Totschlag aufrufen, an Ort und Stelle hier notieren, sie sind bekannt, man scheint sich nicht im mindesten verheim­li­chen zu wollen. – stop

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sierra : 0.28 – Ich begreife zahl­reiche Erschei­nungen der mensch­li­chen Kommu­ni­ka­tion im Durch­ein­ander der Stimmen, der Bewe­gungen, die ich Nacht für Nacht erlebe, um Stunden, manchmal um Tage verzö­gert. Es ist so, als würde ich beständig einen hoch­auf­lö­senden Tonfilm spei­chern, welchen ich mit Verzö­ge­rung in der Zeit abspiele, um Details, um Zusam­men­hänge nach­voll­ziehen zu können, die zunächst in ihrer umfas­senden Erschei­nung nicht wahr­nehmbar waren. Manchmal setzt dieser Hinter­grund­film während seiner Aufnahme eine kleine Boje aus, die in Echt­zeit signa­li­siert, da ist etwas, da war etwas: Achtung! Ich glaube, ich verfüge über Augen oder Kame­ra­ob­jek­tive, die in der Lage sind, nach allen Himmels­rich­tungen Ausschau zu halten. Sobald ich sie suche, kann ich diese Augen nicht finden, es sind vermut­lich sehr kleine Augen. – Null Uhr acht­und­zwanzig auf dem Meer vor Msal­lata, Lybia. – stop

drohne10

rio de janeiro

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MELDUNG. Rio de Janeiro, Rua Candelária 104, 3. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 1055 [ Marmor, Carrara : 2.06 Gramm ] voll­endet. – stop

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fliege nachts

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tango : 2.15 – Ich saß in der warmen Nacht am Tisch, legte einmal die linke, dann die rechte Hand in eine Schüssel, die ich mit kaltem Wasser füllte. Auf dem Tisch spazierte eine Fliege. Weil ich in diesem Moment nichts zu tun hatte, als diese Fliege zu beob­achten, entdeckte ich, dass sie ihre Flügel verloren oder vergessen zu haben schien, die Fliege flog nicht herum, auch wenn ich mich mit einem Finger näherte, flog sie nicht davon, sondern flüch­tete zu Fuß. Es war eine sehr kleine Fliege, sie war so klein, dass ich sie mit bloßem Auge kaum noch wahr­nehmen konnte. Nach einer halben Stunde stand ich auf, suchte nach meiner Lese­brille und kehrte an den Tisch zurück. Die Fliege lungerte nun unmit­telbar neben meiner Schreib­ma­schine, ich konnte sie von meiner Posi­tion aus sehr gut sehen, sie kam sogar noch näher heran, als ich mich mit meinen Augen hinter den Gläsern der Brille über dem Tisch verbeugte. In diesem Augen­blick erlebte ich den ersten Blick­kon­takt meines Lebens mit einer Fliege, ich war mir sicher, diese Fliege musterte mich ebenso wie ich sie musterte, es war ihre Haltung, die mich über­zeugte, wie sie unmit­telbar vor mir auf dem Tisch hockte, den Kopf ange­hoben und sich nicht bewegte. Nach einigen Minuten drehte sie sich herum und über­querte den Tisch wiederum zu Fuß hin zu einem Teller und bestieg eine Manda­rine. Es war kurz nach zwei Uhr. – stop

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martha

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marimba : 20.24 – Als Martha vor wenigen Tagen ein neues Telefon bekam, sollte ich ihr zeigen, wie man den Anruf­be­ant­worter des Tele­fons in Betrieb setzt, vor allem helfen, eine Begrü­ßung auf Band fest­zu­halten. Als wir soweit gekommen waren, dass sie spre­chen konnte, machte Martha ein bedeu­tendes Gesicht, sie sagte: Guten Tag, guten Tag! Hier spricht Martha, ich bin nicht zu Hause oder viel­leicht doch, ich rufe bald zurück. Sobald sie fertig gespro­chen hatte, wollte sie ihre Ansage noch einmal hören, ich drückte also auf den Knopf, der die Wieder­gabe star­tete, und wir hörten nun gemeinsam Marthas Stimme, rau geworden von der Zeit. Martha war zufrieden: Schau, das hört sich gut an, das wird noch dann zu hören sein, wenn ich gar nicht mehr anwe­send sein werde. Und wie sie so durch ihr Wohn­zimmer ging, sah ich in ihr eine lustige Frau, die sich an Tischen, Stühlen, Schränken fest­halten musste, ich konnte mir vorstellen wie sie noch ganz jung gewesen war, eben eine lustige junge Frau, irgendwie leicht­füßig. Sie suchte nach ihrem Tele­fon­ap­parat, der ihr 12 Jahre gedient hatte, zuletzt waren seine Tasten für Marthas zitternde Hände zu klein geworden. Sie sagte: Ich will hören wie ich damals gespro­chen habe. – stop

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kurz vor panitanki

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marimba : 4.18 – Ich kann nicht mit Sicher­heit sagen, wo sich Milano­maki gerade tatsäch­lich aufhält, ich weiß nicht einmal, ob es sich um eine Frau oder um einen Mann handelt, und wie alt dieser Mensch sein könnte, der mir erzählt. Zuletzt noch folgende Notiz im Dezember: Ich sollte ein Ohren­mensch sein. Ich sitze mit leicht zur Seite geneigtem Kopf und höre zu, einem Menschen viel­leicht oder einer Fliege, die über mir im Luft­raum turnt. Oder ich stehe in einem Zimmer ganz still, um so präzise wie möglich denken zu können. Kurz darauf setze ich mich an einen Schreib­tisch und mache viele Wörter, dann mache ich eine Pause, dann lese ich alles das Notierte noch einmal durch, dann streiche ich so viele Wörter mit dem Kopf wie möglich ist, um bald wieder nur einen Strich vor mir auf dem Papier vorzu­finden. Ich habe viel erlebt. – Vor wenigen Stunden nun eine weitere Nach­richt, die in einem Zugab­teil dritter Klasse während einer Fahrt von Mumbai nach Darjee­ling entstanden sein soll. Lesen Sie selbst: Ich kann nicht aufhören, rasendes, unent­wegtes Schreiben, weil mir Jemand beim Schreiben zusieht. Ich schrieb über das Fieber der vergan­genen Tage, aber dann entdeckte ich den Blick der roten Schuhe, und schrieb und schrieb nur noch über meine flie­genden Hände, wie sie schneller und immer schneller notieren, während sich dieser eine rote flache Schuh in meiner Nähe immer schneller drehte, kleine Kreise in die Luft zeich­nete, die sich beschleu­nigten, weil ich flinker und flinker schreibe, ein Text über das Schnell­schreiben, das nur deshalb möglich ist, weil die Schreib­ma­schinen nicht mehr klap­pern wie früher noch, mein Gott, würden sie noch klap­pern diese Schreib­ma­schinen, was würde das nur bedeuten, ein Getöse, jetzt nur noch ein sanftes leises Geräusch im Schreiben über das Schreiben, ein Versuch, diesen Schuh, der zu einem anderen System gehört, schneller und immer schneller kreisen zu lassen. - stop

drohne12

vordämmerungsbesuch

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india : 5.16 – Wusst ichs doch, entgegen der Behaup­tung, Libellen flögen niemals in der Nacht umher, kam gerade vor einer Stunde noch eine Libelle durchs Fenster, stock­finster draußen, viel­leicht hielt sie das Licht in meinem Zimmer für einen Tag, den zu besu­chen lohnte. Es war so still zu dieser Stunde, dass ich zum ersten Mal hörte, wie es klingt, wenn Libellen in nächster Nähe fliegen, sie rauschen nämlich, während sie scheinbar bewe­gungslos in der Luft stehen. Ich habe früher schon einmal bemerkt, dass ich gut denken und erfinden kann, sobald ich Libellen beob­achte. Das ist mögli­cher­weise deshalb so, weil Libellen sich in der Art und Weise der Gedanken selbst bewegen. Sie scheinen lange Zeit still in der Luft zu stehen und sind doch am Leben, was man daran erkennen kann, dass sie nicht zu Boden fallen. Etwas Zeit vergeht, wie immer. Und plötz­lich haben sich die feinen Libel­len­raub­tiere weiter­be­wegt. Sie sind von einer Sekunde zur nächsten Sekunde an einem anderen Ort ange­kommen. Genau so scheint es mit Gedanken zu sein. Sie springen weiter und machen neue Gedanken, ohne dass der Weg von da nach dort sichtbar oder spürbar geworden wäre. – stop
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kubatajo

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romeo : 5.20 – Kühle Luft, gnädiges Tier, fließt über den Boden. Zwei Tauben sitzen auf dem Fens­ter­brett und spähen ins Zimmer. Irgendwo im Süden südlich werden sich in diesem Augen­blick hung­rige große Menschen und hung­rige kleine Menschen durchs Unter­holz der Berg­wälder schlagen. Unlängst erzählte vom Bild­schirm her ein älterer Herr zu Buda­pest, er könne SIE nicht mehr sehen, Flüch­tige, man sollte ihnen in die Beine schießen, dann würden sie nicht wieder kommen. Und ich dachte, derart präzise hat er bereits Körper­orte der Verwun­dung voraus­ge­dacht, dass er konkret werden kann. Wieder Wörter erfunden: jusi­beba babu­kele bife­rigu jaba­buba kuba­tajo ribe­jumu gocubobu kubexebu sopi­jabe bibu­jebi. stop – 5 Uhr 15: Miles Davis / John Coltrane – Konser­t­huset Stock­holm 1960 – stop
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giraffe no 1

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alpha : 5.15 – Ich notierte eine E-Mail an August Brillé, bat ihn, mir in der Entschlüs­se­lung eines Textes behilf­lich zu sein, den ich verse­hent­lich derart kodiert hatte, dass ihn nicht wieder in einen lesbaren Zustand zurück­zu­holen vermochte. August antwor­tete, er habe zwei seiner Rechen­ma­schinen mit dieser komplexen Aufgabe betraut. Er könne aller­dings nicht garan­tieren, in den kommenden Jahren erfolg­reich zu sein in der Entschlüs­se­lung meiner Passage, ich solle mich deshalb ergän­zend an die Öffent­lich­keit mit der Bitte um Unter­stüt­zung wenden. Hiermit also ersuche ich Sie um Hilfe. Sollten Sie in der Lage sein, meinen verschüs­selten Text zu deko­dieren, würde ich Ihnen mit Freude ein kleines Geschenk über­mit­teln. Es handelt sich um eine hölzerne Giraffe, die sich mittels Finger­dru­ckes zur einer Verbeu­gung hinreissen lässt. Ich danke Ihnen im Voraus! Ihr Louis – Code : start /// g o Q C l v O V 0 s e K Q V A K Q w P 0 I l 6 u q t u 7 3 x g K J b Q u q 3 b u x 5 o b M E h j 0 f W K K e a Q Q C V T n + 7 d o f e Q K 2 d N N a s 9 0 C p T o u q O d n 1 5 n v 6 + J G i N G E 8 6 g T v Z S R n t K r X T j t l 1 8 V u b c N z 2 L 7 T e b 8 m q w q 3 Y d K L P b M Y E h V f W g x m 0 2 b + o G A j e T v L C Q L P o j k z S Q W R i 0 u L G f R M G J C W r e Y 7 J U 9 A O C F u z 4 6 l o t m w T X g F b Y 0 7 L B B k g V Q z m u B P F j p X E O m R 8 3 f c R X Z X t k j 3 \ / y s 3 T p P C R Z v 0 E z r m B 7 5 X w c a J d k 6 d 6 7 1 I n b U + c F r T W 2 O o j r N p z y b P M v Y k s B 5 8 U L + U R I 5 5 I U f 9 Y 7 S 8 t 9 q l 7 J 6 V p s v c B R a c B D i W T f 3 X Z G a H s v U N b R e O 4 E M I C b s J n c y p N b w 1 i 6 6 u 4 N x L E y u 7 t K K m f g z R 0 E k X b g o I o N 2 q y S a x O m B l P n A 3 e z V m C R l l b C K K d 7 b j u 2 B P j e T 1 T 4 M d 6 3 3 A J 3 0 r C P e V K c m 7 s b Y U V 7 T A 1 n y S y G s I 9 H 7 q q r k V P v u 7 U c o Z y O A I Y 4 b n 2 G q C w x 6 7 C q i o C M w h w G C 0 2 R z a O A L T R U G P 7 k u V c d W t m g M K O 9 N M Z e x I K M D a A Y q 8\ / b K 5 M 6 i p X b E r q a z X s 1 C + y 2 q 9 s u 3 N H m R F C f I B mG o 5 w e 8 a H P K 6 J U m P i M x d + E 2 B m U z ZH O k 8 k q m V C f y 5 D t R 7 u J K O 6 N P 8 7 A p C 8 N k + 9 p H d a 4 G d H 1 p g 9 8 g j Y g i – /// end – stop

harlem

sommerhut

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tango : 6.55 – Menschen exis­tieren, die Flüch­tige sind in sich selbst, unscharfe Wesen, oszil­lie­rende, bebende Personen, obwohl sie doch in nächster Nähe stehen, man könnte sie berühren, ihnen die Hand reichen, wird man ihrer niemals sicher sein. Oder Schla­fende. Eine Frau morgens im Zug, der ich seit Jahren in der 6-Uhr-15-Bahn vom Flug­hafen ins Stadt­zen­trum fahrend regel­mäßig begegne. Sie ist immer schon anwe­send, wenn ich den Zug betrete. Sie ist vermut­lich die einzige Frau, deren Gesichts­züge mir vertraut sind, ohne je ihre Augen gesehen zu haben. Ich kenne sie ausschließ­lich als schla­fende Person. Vermut­lich wird sie stets lange vor meiner Zeit in den Zug gestiegen sein, viel­leicht in Bad Kreuz­nach oder Idar Ober­stein, da war halb noch Nacht. Ich nehme an, ihr Schlaf ist tief, denn sie sitzt sehr stabil von einer Hand­ta­sche beschwert und rührt sich auch dann nicht, wenn jemand neben ihr Platz nimmt. Ihr rund­li­ches Gesicht ist niemals geschminkt, ein fried­li­ches, ich würde sagen, ein glück­li­ches Gesicht. Einmal, in den Tagen großer Hitze, trug sie einen Sommerhut, ein anderes Mal im Winter eine Woll­mütze. – stop

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tellerpfirsich

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delta : 7.12 – Der Nachtzug fährt über eine Hoch­bahn­strecke: Unge­heure Weite, ein Meer von Licht. Dann wieder runter unter die Stadt. Von Zeit zu Zeit Bahn­höfe, die wie Planeten aus dem Dunkel heran­kommen. Wie ich durch den Zug gehe, sehe ich, alle Sitz­plätze sind besetzt, da und dort stehen Menschen, sie lehnen an Wänden oder halten sich an geeig­neten Stangen oder Streben fest. Fast Stille, niemand wach, hin und wieder murmelndes Gespräch, heftiges Atmen, Lachen, Stöhnen. Sobald ich mich einem der schla­fenden Menschen nähere, Flüs­tern: Sie befinden sich in einem Schlafzug, sie dürfen hier niemanden wecken, unsere Passa­giere haben für Schlaf bezahlt. Eich­hörn­chen, Hunderte, tollen durch die Abteile des Zuges, sie springen an den Wänden hoch, jagen über Koffer­ab­lagen dahin, purzeln unter Sitz­reihen, Akro­baten, ohne je einen der schla­fenden Menschen zu berühren. stop. Gestern erste Teller­apri­kose meines Lebens. – stop

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MELDUNG. In der Nacht zum Donnerstag bereits haben acht weiße Wale vor Tromvik ein russi­sches Unter­see­boot der Condor­klasse auf das Schreck­lichste miss­han­delt. Das Wrack, menschen­leer, wird zur Behand­lung nach Murmansk geschleppt. – stop

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ai : ASERBAIDSCHAN

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MENSCHEN IN GEFAHR : “Die aser­bai­dscha­ni­sche Menschen­rechts­ver­tei­di­gerin Leyla Yunus und ihr Ehemann Arif Yunus wurden am 13. August 2015 zu acht­ein­halb bzw. sieben Jahren Haft verur­teilt. Der Gesund­heits­zu­stand von Arif Yunus hat sich weiter verschlech­tert, er verlor im Gerichts­saal das Bewusst­sein. Die aser­bai­dscha­ni­schen Behörden schränkten zudem weiterhin den Zugang für inter­na­tio­nale Beobachter_innen und Journalist_innen zur Gerichts­ver­hand­lung ein. Die gewalt­losen poli­ti­schen Gefan­genen Leyla und Arif Yunus wurden am 13. August 2015 vom Gericht für schwere Straf­taten in der aser­bai­dscha­ni­schen Haupt­stadt Baku zu acht­ein­halb bzw. sieben Jahren Haft verur­teilt. Beide wurden des “Betrugs” und anderer Straf­taten, die im Zusam­men­hang mit der Menschen­rechts­ar­beit des Ehepaares stehen, für schuldig befunden. Leyla Yunus ist die Vorsit­zende der aser­bai­dscha­ni­schen NGO_ Insti­tute for Peace and Democracy_. Vor ihrer Fest­nahme hatte sie die Behand­lung poli­ti­scher Gefan­gener durch die Behörden in Aser­bai­dschan doku­men­tiert. Ihr Ehemann Arif Yunus ist Histo­riker und poli­ti­scher Akti­vist. Dem Ehepaar wird außerdem Landes­verrat wegen der angeb­li­chen Spio­nage für Arme­nien vorge­worfen. Diese Anklage wurde jedoch zur Prüfung an ein anderes Gericht verwiesen. Inter­na­tio­nalen Beobachter_innen und Journalist_innen wurde der Zugang zum Gerichts­saal verwehrt und nur wenige Diplomat_innen durften dem Verfahren beiwohnen. / Während der Anhö­rung am 13. August verlor Arif Yunus das Bewusst­sein. Zuvor musste eine Anhö­rung vom 3. August auf den 5. August vertagt werden, nachdem Arif Yunus aufgrund Blut­hoch­drucks ohnmächtig geworden war. Im April 2014 erlitt er zwei Schlag­an­fälle. Seine Familie befürchtet, dass er einen weiteren Schlag­an­fall nicht über­leben würde. Bei Leyla Yunus wurden Diabetes und Hepa­titis C diagnos­ti­ziert. Zudem ist ihr Sehver­mögen auf dem linken Auge einge­schränkt. Sie erhält im Gefängnis keine ange­mes­sene medi­zi­ni­sche Betreuung. Die Behörden haben sich gewei­gert, die Menschen­rechts­ver­tei­di­gerin in ein Kran­ken­haus zu verlegen. Leyla Yunus gab an, bedroht, drang­sa­liert und einge­schüch­tert sowie miss­han­delt worden zu sein, nachdem sie um medi­zi­ni­sche Hilfe gebeten hatte. / Arif und Leyla Yunus werden seit Sommer 2014 auf der Grund­lage konstru­ierter Anklagen in Haft gehalten. Zu den Vorwürfen zählen Landes­verrat und einige Anklagen finan­zi­eller Natur. Nach Auffas­sung von Amnesty Inter­na­tional hängen diese Anklagen mit der legi­timen Menschen­rechts­ar­beit des Ehepaars sowie ihrer Kritik an der aser­bai­dscha­ni­schen Regie­rung zusammen. – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 24. September 2015 hinaus, unter »> ai : urgent action

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Notiz des Foto­grafen:

central african repu­blic: torn apart by violence:fane abdel­karim arame, aged 70, found shelter at Ecole liberty, but she still worries about the situa­tion in boss­angoa. despite the arrival of peace-keeping troops, she said, “we can’t go back to our own district now, it’s been taken.”she said she had lost four rela­tives in the violence. “we grew up in this country, my grand – parents are central afri­cans and we were here before inde­pen­dence, we have seen six regimes come and go. we don’t have anywhere else to go.” she called for a return to the days when commu­nities lived in harmony.

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india : 5.05 – Eine Stra­ßen­bahn, tatsäch­lich, am frühen Morgen. Stau­bige junge Männer, Maler­ar­beiter, sie lehnen anein­ander und schlafen wieder oder erzählen sich irgend­welche wilden Geschichten in polni­scher Sprache, wie an jedem Tag zu dieser Zeit, auch wenn Sonntag ist oder Samstag. Am Max-Weber-Platz, fünf Uhr und acht Minuten, steigen uralte, afri­ka­ni­sche Frauen zu, sind in weiße, gold­be­stickte Tücher gehüllt, auf dem Weg zur Morgen­an­dacht viel­leicht. Auch sie erzählen sich irgend­welche wilden Geschichten, sehr helle Stimmen, so hell oder schnell, dass sie kaum noch hörbar sind. Es ist jetzt eine Stunde, die nicht länger zur Nacht, aber auch noch nicht in den Tag gehört. Nur in dieser 1 Stunde Zeit fahren Stra­ßen­bahnen herum, die voll stau­biger, müder Männer und heiterer, uralter Frauen sind, die sich Geschichten erzählen, viel­leicht von der Furcht, die sichtbar wird in Gesten, scheuen Blicken, Lamel­leniris, nur nicht spre­chen, tatsäch­lich, von der Furcht, von der ich weiß, Nesrin hat mir erzählt, von heim­li­cher Furcht, an die man am besten nicht denkt. – stop

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lamelleniris

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charlie : 3.12 – Ich stellte mir eine Versuchs­an­ord­nung vor. Ich sollte für die Verwirk­li­chung dieser Versuchs­an­ord­nung Nahrungs­mittel horten, zwei oder drei Enten ( je 1 kg), Maronen ( 1 kg ) , Wasser ( 10 l ), Manda­rinen ( 2 kg ), dunkles Brot ( 2 kg ), helles Brot ( 1 kg ), Marme­lade ( 0,5 kg ), Kaffee ( 3 Pfund ) und Butter ( 0,5 kg ). Ich würde meine Compu­ter­ma­schinen einer Nach­barin über­geben, mein Fest­netz­te­lefon zertrüm­mern ( ich brauche ohnehin ein Neues ), mein Handy ins Eisfach legen und dort vergessen, weiterhin Film­ab­spiel­ma­schinen jeder Art aus der Wohnung tragen, auch alle Bücher, aber im Gegenzug einige tausend Kartei­karten auf meinem Küchen­tisch stapeln. Dann lange Zeit von Stille, Tage der Ruhe und Konzen­tra­tion, ich sitze oder gehe in der Wohnung unter dem Dach auf und ab, und notiere Wörter. Es geht nämlich darum, alle Wörter meiner Sprache, die ich erin­nern kann, aufzu­schreiben, je ein Wort auf eine Karte, um heraus­zu­finden, über wie viele Wörter ich verfüge. Mit welchem Wort werde ich beginnen? – stop

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manhattan

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MELDUNG. Manhattan, Lexington Avenue 822, 28. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 2055 [ Marmor, Carrara : 3.08 Gramm ] voll­endet. – stop
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von eichhörnchen

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tango : 8.12 – Vor wenigen Tagen hörte ich am Telefon, ein Freund sei wegen eines Postings auf Posi­tion Face­book bedroht worden, das war eine Drohung gegen Leib und Leben. Er hatte sich einem Pegida-Fan gegen­über kritisch geäu­ßert, darauf folgende öffent­liche Unter­hal­tungen eska­lierten. Mein Freund bemühte sich zunächst, Spuren im Internet, die zu seinem Wohnort führen könnten, zu löschen, eine schwie­rige Arbeit, sehr viele Spuren waren zu notieren und jede einzelne für sich bedeu­tete bittende oder fordernde Kommu­ni­ka­tion über Einga­be­masken mit entspre­chenden Webseiten oder Insti­tu­tionen. Seit zwei Wochen trai­niert er Möglich­keiten, sich eines körper­li­chen Angriffes zu erwehren, nach Einbruch der Dunkel­heit verlässt er das Haus durch einen Hinter­ein­gang, die Straße vor dem Haus wird von ihm beob­achtet, weshalb er zum ersten Mal entdeckte, dass in den Bäumen jenseits der Straße zwei Eich­hörn­chen wohnen. Heute ist Donnerstag. – stop

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spulen

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delta : 8.02 – Ich hatte vor langer Zeit einmal, kurz vor einer Reise nach New York, eine Spule digi­taler Spei­cher­scheiben von einem Zimmer in ein anderes Zimmer getragen. Wie ich über eine Türschwelle trat, wurde mir bewusst, dass ich in meinen Händen 500 Filme trans­por­tierte oder 750 Stunden Zeit, die vergehen würde, wenn ich jeden dieser Filme einmal betrachten sollte. Ich setzte mich auf mein Sofa und legte eine der Scheiben in meinen Computer. Kaum 2 Minuten waren vergangen, und schon hatte ich 5 Filme, die auf dem Daten­träger seit Jahren gespei­chert waren, von ihrem ursprüng­lich Ort in einen Kasten von der Größe einer Zigar­ren­schachtel trans­por­tiert. Mein Computer arbei­tete indessen so leise, dass ich mein Ohr an sein Gehäuse legen musste, um gerade noch seinen Atem vernehmen zu können. Zwei Stunden atmete mein Computer, in dem er alle Filme der Spule, Scheibe um Scheibe, in den kleinen Kasten, der neben ihm auf dem Sofa ruhte, trans­fe­rierte. Dann holte ich eine weitere Spule und setzte meine Arbeit fort, bis auch diese Spule und ihre Filme in das Käst­chen über­tragen waren, Spule um Spule, eine Nacht entlang. Nun ist das so, drei Jahre sind seither vergangen, dass sich in meinem neuen Film­ma­gazin unge­fähr 5778 Filme befinden, ohne dass das Daten­käst­chen indessen größer oder schwerer geworden wäre. – stop

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