schlafkapsel : standby

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olimambo : 14.28 – In der Stadt New York soll ein Schlaf­kap­sel­haus exis­tieren, man bezahlt 50 Dollar und darf sich in eine der 2700 Waben legen, die ange­nehm warm gestaltet sind und gut isoliert gegen Geräu­sche jeder Art. Oder in Schlaf­zügen reisen unter der Stadt, abge­dun­kelte Fens­ter­bojen, die Linien 12 und 15, ohne je anzu­halten Tag und Nacht. Man könnte viel­leicht sehr bald einmal einen spezi­ellen Stoff­wech­sel­kreis­lauf für Menschen erfinden, einen spar­samen Modus der Verbren­nung, eine Vari­ante, die akti­viert sein könnte, sobald ein mensch­li­ches Wesen dauer­haft arbeitslos zu werden droht. Menschen, frei von Aufgabe, wären nun in der Lage, zu exis­tieren ohne nennens­werte Spuren zu hinter­lassen, würden kaum noch Nahrung zu sich nehmen, statt­dessen schlafen, länger schlafen, als andere Menschen, die sich in Brot und Arbeit befinden. Man wünscht, sagen wir, in dem man schläfrig wird, Zeit zu gewinnen, Zeit zu über­brü­cken. Ganze Land­striche, Stadt­teile, Konti­nente wären in dieser Weise leichter Hand in einen Zustand des Wartens, der spar­samen, der schmerz­freien Duldung zu versetzen. – stop
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staten island ferry : blizzard

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papille : 16.28 – Eigen­artig, das Verhalten der Papiere, das Verhalten meiner Hände, meiner Blei­stifte. Seit ich wieder stun­den­weise mit einfachsten Werk­zeugen notiere, mit Werk­zeugen, die ohne Elek­tri­zität funk­tio­nieren, der Verdacht, dass von eigen­sin­niger Natur ist, was ich auf klei­nere oder größere Zettel schreibe. Meine Wörter wollen sich nicht auf Linien legen, sie wollen fliegen, weshalb sie über den Zeilen aufwärts steigen. An einem anderen Tag, wieder einem Tag ohnmäch­tiger Hori­zonte, sinken sie, ohne dass ich präzise sagen könnte, warum es an dem einen Tag aufwärts und an dem anderen Tag abwärts gehen will, immerhin war jeweils nur ein wenig Schlaf zwischen da und dort zu verzeichnen gewesen. Auch mit den Buch­staben hab ich Mühe, mal bricht die Blei­stift­spitze, dann wieder ist ein Zeichen gemalt, das man doch eher für ein ganz anderes halten möchte. Die Buch­staben Z und G sind beson­ders wider­spens­tige Gestalten, und das S und das A machen schon immer was sie wollen. Dagegen sind das I und das M an jedem meiner Arbeits­tage zuver­läs­sige Erschei­nungen, Welle und Giraf­fen­hals, schlicht und weich. Ich nehm das jetzt, gerade wie es kommt, in aller Ruhe. – stop

venenstern

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echo : 20.55 – Ein Schatten von Wörtern exis­tiert in der elek­tri­schen Welt, Anfragen der Such­ma­schine g o o g l e, die parti­cles mittelbar oder unmit­telbar berührten: > Fliege
 : Mond­fisch 
: Schreib­ma­schine
 : Roman Opalka : Kolibri gezeichnet : DNA : Doppel­helix
 : Trom­pe­ten­käfer 
: Venens­tern 
: Brumm­kreisel 
: Geräuschwörter : Perga­ment­haut
 : Chirurg
 : Pyra­mi­den­bahn : > 2345 Begriffe im Monat August. stop. Feuer­käfer. stop. Ich könnte viel­leicht sagen, dass Wörter dieser Art Lock­stoffen ähnlich sind. Oder Lande­bahnen. Oder Flie­gen­fallen. – stop

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col-X77b

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romeo : 20.07 – Das Beson­dere, gleich­wohl das Tragi­sche im Leben der Feuer­käfer ist, dass sie in Flammen aufgehen, sobald sie, inneren Stimmen folgend, ihre Flügel entfalten. – stop
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Edna St. Vincent Millay

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sierra : 20.08 – Wie im Kurz­schlaf die Welt neu geordnet wird. Alle Geschichten erzählen sich, als hätten sie sich über die kühle Hand einer Nacht gefaltet. Jede begin­nende Stunde, eine Stunde vor unbe­kannter Land­schaft. – Nach­mit­tags dann begegnet mir im Park wieder einmal ein zentraler Satz des portu­gie­si­schen Erzäh­lers António Lobo Antunes. Er sagte, um ein Buch zu schreiben, müsse man etwas riskieren. Ein Schrift­steller, der nichts wage, sei unauf­richtig. Ich spazierte und über­legte, was genau zu unter­nehmen ist, damit mein Schreiben so gefähr­lich werden könnte, dass ich von einem Wagnis spre­chen dürfte. – Abend jetzt. Kühle Luft. Vor wenigen Minuten die Stimme der Dich­terin Edna St. Vincent Millay. Sie liest ihr Poem RECUERDO. We were very tired, we were very merry, We had gone back and forth all night on the ferry. Das feine Doku­ment aufge­hoben. Oder zu mir geholt. stop. Wie auch immer. – stop

l a t e r a l

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hima­laya : 0.05 – Soweit bin ich in meiner anato­mi­schen Arbeit gekommen, dass ich an einem Nach­mittag Reisenden, die von der Stadt Kobe weither nach Europa gekommen waren, erklärte, die Abtei­lungen der Regen­wälder befänden sich l a t e r a l der Wüsten­häuser des Palmen­gar­tens. – Ist das eine Nach­richt?
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mantelstille

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ubu : 15.07 – Vor wenigen Tagen habe ich einen Spazier­gang durch die Stadt unter­nommen am hell­lichten Tag. Alles bewegte sich, auch die Straßen, Häuser, Brücken bewegten sich unter den Händen der Arbeiter und ihren hämmernden Werk­zeugen. In einem Park wurden Bäume gefällt, billige Jazz­musik in Waren­häu­sern, Stra­ßen­feger trieben mit Wind­ma­schinen Blätter und Papiere vor sich her, unauf­hör­li­cher Lärm von Ecke zu Ecke. Plötz­lich, so im Gehen, versuchte ich mir Stille vorzu­stellen. Ich dachte, dass ich, wenn ich den Eindruck von Stille erin­nern könnte, den Lärm um mich herum vergessen könnte, sozu­sagen nicht­hören, weil das eigent­liche Echo­ge­räusch des Lärms, das schmerzt, im Kopf entsteht, ein Geräusch, das ich hoffte, mit einer Idee von Ruhe umman­teln zu können. Es gab kein Entrinnen. Ich muss das weiter üben. – stop
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tonwellenschrauben

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echo : 22.18 – Lungerte im Wald unter Loui­sia­na­moosen. Sturm­ge­räu­sche, auch Zikaden waren zu hören gewesen, ihre Flügel­stimmen, hell, schrill, gläsern, Tonwel­len­schrauben. Auf Knien kroch ich bald jagend durchs Unter­holz, wollte eines der lockenden Tiere fangen. Anstatt Insekten entdeckte ich Spiel­dosen, hunderte, ja tausende, krei­sende Lärm­ma­schinen. Sie leuch­teten, feuerrot und blau, je nach Höhe oder Tiefe ihres Gesangs. Sobald ich mich näherte, um eines der Wesen zu ergreifen, schossen sie senk­recht in die Luft, ganz so als würden sie über prall gefüllte Druck­luft­bäuche fürs flüch­tende Reisen gebieten. Dann wurde ich wach. Es war Abend geworden. Samstag. Ein Orkan näherte sich von Westen, knis­ternde Fenster, Frösche schwebten summend vor den Fens­tern. Zwei Stunden lang dachte ich über die Erfin­dung dienst­barer Käfer nach, Gattung, die Stille zu erzeugen vermag, wann immer gewünscht. Ich stellte mir vor, wie sie sich rück­wärts über meine Wangen hin zu meinen Ohren bewegen, wie sie ihre kühlen Leiber in meine Gehör­gänge versenken, wie sie sich dehnen und stre­cken, sanft, sanft, bis sie nahezu verschwunden sein werden. Zwei Fühler noch, ein Paar kleinster Augen links, ein Paar kleinster Augen rechts, Dochte, nein, Dioden­lichter. Ich hörte nichts.

pizzo tambo

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MELDUNG. Engel, Schule zu St. Nazaire, sind heute Abend von 9 bis 10 bei leichter Nacht­flie­gerei über dem Pizzo Tambo [ Südflanke ] anzu­treffen. – stop

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ein Millionstel Gramm Wort

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tango : 16.22 – Meine neue Schreib­ma­schine ist leicht und flach, ihr Atem geht leise. So fein ist sie gebaut, dass ich sie unter meinem Hemd verbergen könnte, niemand würde sie bemerken. Wenn das so weiter geht mit dem Leich­ter­werden der Maschinen, werde ich bald Schreib­werke zur Verfü­gung haben, die von gerin­gerer Schwere sind als die Papiere, die ich mit ihren Zeichen fülle. – Wie viel genau wiegt eigent­lich dieses elek­tri­sche Wort, das gerade vor mir auf dem Bild­schirm erscheint? L i m a. Wie viele Male wird es heute oder morgen auf weiteren Bild­schirmen aufge­rufen, wie lange Zeit jeweils sichtbar sein? Es ist denkbar, dass das Wort L i m a, das in Europa vor wenigen Minuten verzeichnet wurde, schwerer wiegt, sobald es in Austra­lien auf einem Bild­schirm erscheint, als das selbe Wort, wenn wir es in Europa lesen, 1 Milli­onstel Gramm schwerer, sagen wir, um 1 Milli­onstel Gramm Kohle schwerer und um den Bruch­teil einer Sekunde. – stop
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asmara tigri

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lima : 16.01 – Die Frau, die mir sofort eine Geschichte erzählen wird, scheint müde zu sein. Immer wieder fallen für Sekunden ihre Augen zu. Früher Morgen, Tigri hat die Nacht über gear­beitet. Wir sitzen in einem Schnellzug vom Flug­hafen in die Stadt. Gerade wollte sie noch wissen, warum ich auf dem Note­book einen Film betrachte, der von einstür­zenden Türmen des World Trade Centers berichtet. Sie habe, bemerkt Tigri, sechs Stunden lang Briefe sortiert, das heißt, Luft­post­briefe für Inseln, die im pazi­fi­schen Ozean liegen, weil sie eine Spezia­listin für Inseln ist, auch für Inseln atlan­ti­scher Gebiete, aber vor allem kenne sie sich aus mit Inseln, die Kiri­bati heißen oder Tonga oder Palau oder Vanuatu. Sie sagt, dass sie diese Namen lieben würde, dass sie Anfang der 70er Jahre in einem Dorf nahe der eritrei­schen Haupt­stadt Asmara geboren worden sei und dass das Dorf im Jahr 1984 wieder aufge­baut werden musste, weil an einem Sonn­tag­abend ein MIG-Flug­zeug das Dorf zerstört habe und viele ihrer Freunde getötet. Zu diesem Zeit­punkt lebte Tigri bereits in West­deutsch­land. Wenn sie den Namen ihres Dorfes ausspricht, bin ich nicht im Stande, das schöne Geräusch in meinem Kopf zu behalten, aber das Wort Asmara kann ich mir merken. Sobald ich das Wort Asmara formu­liere, leuchten ihre Augen, also sage ich dreimal Asmara und freue mich über die Wirk­sam­keit dieses Wortes. Asmara soll eine Stadt hellen Lichtes sein, sage ich, es soll dort immerzu nach Kaffee duften, und Tigri lacht und ich denke, dass das jetzt entweder so ist oder dass das nicht so ist, dass sie jeden­falls das Helle mag und auch den Kaffee­duft. Man spreche Tigrigna dort in ihrer Gegend, sagt Tigri, und ich bemerke, dass ihr ganzer Name selbst in diesem Wort enthalten sei. Wieder lacht die junge Frau, schließt kurz die Augen, erzählt, dass ihr Bruder, ein Gynä­ko­loge, aus den Diensten eines Kran­ken­hauses entlassen wurde, weil man ihn nicht als das behan­deln wollte, was er zu sein wünschte. Mein Bruder, wissen Sie, möchte ein König sein. Nun ist er arbeitslos und König. Er ist natür­lich schwarz wie ich, genau so schwarz, und schwarz steht den Königen nur in Afrika. Sie macht eine kurze Pause, reibt sich die Augen. Wir sind jetzt allein auf dieser Welt, sagt Tigri, alles ging sehr schnell. Im vergan­genen Jahr sei ihr Vater gestorben in Eritrea, ein glück­li­cher Mensch, ein Busfahrer, ein sehr stolzer Herr. Im Oktober des selben Jahres sei schließ­lich die Mutter mit dem Flug­zeug via Rom nach Frank­furt gekommen. Sie habe, ohne das zu wissen, einen Tumor im Kopf mitge­bracht, im Februar war sie dann umge­fallen und tot im März. Tigri lehnt ihren Kopf an die Wand des Zuges, schaut aus dem Fenster. Ein heißer, schwüler Morgen. Ob sie den Film ansehen dürfe, will sie wissen.
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trockenzungen

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delta : 6.22 – Ich träumte einmal von einem Schlaf­saal, in dem einhun­dert arme Dichter wohnten. Sie liefen sehr langsam, sagen wir, vorsichtig herum, weil sie nicht wach waren, sondern schliefen. Eines Abends wurden sie in dem Auftrag geweckt, feine Formu­lie­rungen für einen beson­deren Regen zu finden, einen Regen, der eine große Stadt unter Wasser setzen sollte. Ihre Freude, ihre Begeis­te­rung, viel­leicht endlich wieder gehört zu werden. Wie sie durch­ein­ander spazierten. Und das Rascheln der Papiere, das Knir­schen der Stifte, das Geräusch ihrer suchenden Trocken­zungen. – stop

buenos aires

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MELDUNG. Buenos Aires, Av Cordoba 8, 11. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 2018 [ Marmor, Carrara : 7 Gramm ] voll­endet. – stop
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handgeschichte

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echo : 23.58 – Ich hatte gerade in einem Buch gelesen, als ich beob­ach­tete, wie meine Hände, die den Buch­körper von entge­gen­ge­setzten Rich­tungen des Himmels her kommend berührten, sich bewegten, obwohl ich sie nicht dazu ermun­tert hatte. Viel­mehr war das so geplant gewesen, dass sie bewe­gungslos auf den Papieren ruhen sollten, um das Buch, das sich immer wieder schließen wollte, zu bändigen. Zunächst bewegte sich der linke, dann der rechte Daumen, ein Geräusch, ein helles Geräusch war zu hören, ich unter­brach meine Lektüre und legte das Buch zur Seite. Ich notiere: Sobald ich mich für ein oder zwei Minuten ganz und gar auf meine Hände konzen­triere, vergesse ich mich selbst. Ich könnte mich, das ist denkbar, in dieser Übung einmal so gründ­lich vergessen, dass ich von außen her gerettet werden müsste, um wieder ganz anwe­send und beweg­lich sein zu können. An einem anderen Tag, noch nicht lange her, war ich durch die Bewe­gung eines Fingers meiner linken Hand derart erschro­cken, dass ich bald vom Tisch aufge­sprungen wäre. Selt­same Sache. – stop
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PRÄPARIERSAAL : traumzeit

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kili­man­dscharo : 15.16 – Einen Raum der Zeit, den ich dafür verwende, Stimmen mittels eines Tonband­ge­rätes einzu­fangen, benö­tige ich etwas später zum zweiten Mal, um die verzeich­neten Stimmen von dem selben Tonband­gerät aus wieder frei­zu­lassen. stop. Markus an einem Mitt­woch. Februar. Abend: Versu­chen Sie bitte sich vorzu­stellen, Sie wüssten für sechs lange Wochen nicht, ob Sie sich in einem Traum befinden oder ob Sie doch eher wach sind. Wenn ich von meiner Zeit im Präpa­rier­saal spreche, dann spreche ich gerne von meiner Traum­zeit. Ich hatte den Eindruck, einen gewal­tigen Satz zu tun. Ich meine, ich machte eine Erfah­rung, die nicht ganz alltäg­lich ist. Ich stand morgens um 6 Uhr auf und wenn ich abends um 10 Uhr zurückkam, dann hatte ich drei oder vier Stunden mit einem Skal­pell am Körper eines toten Menschen gear­beitet. Ich hatte eine gewisse Vorstel­lung davon, was in einem Präpa­rier­saal geschieht, nicht aber davon, dass der Körper insge­samt unter meinen Händen verschwinden wird. Das Verschwinden dieses Körpers vor mir auf dem Tisch habe ich als etwas Unwirk­li­ches, als traum­ar­tiges Geschehen empfunden. Das war kein Alptraum, ganz gewiss nicht. Viel­mehr hatte ich den Eindruck, mich in einem Film zu befinden, der mal zu schnell und mal zu langsam abge­spielt wurde, so dass ich nie wissen konnte, wie schnell ich mich, oder ob ich mich über­haupt bewegen würde im nächsten Augen­blick. Ich konnte mich selbst nicht berechnen. Ich war zu langsam einer­seits und zu schnell ande­rer­seits. Ich habe meine Hände betrachtet, wie sie Haut vom Gesicht eines Menschen entfernten. Ich hatte den Eindruck, meine Hände würden nicht zu mir gehören.
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ohrlamellenschirm

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pupille : 5.08 – 28 Lamellen, eine kreis­för­mige Versamm­lung feinster Häute, die unbe­merkt eng an meinen Gehör­gang­wänden zu liegen gekommen sind, famoses Werk. Und doch kann ich zu diesem Zeit­punkt noch nicht sagen, dass ganz und gar geglückt ist, was man erdachte, um den Lärm der Welt auszu­schließen, eine Schirm­ver­schluss­kon­struk­tion, Adap­tion, durch­blutet, einer Blende, erster Versuch, erste Verhand­lung. Da war ein ange­nehmes Ziehen heute Nacht gegen zwei, als sich die Schirme in meinen Ohren schlossen. Es ist still jetzt, unver­gleichbar stiller als sonst, nichts als meine Knochen­räume pochen. Nein, nein, ich kann zu dieser Stunde nicht wirk­lich sagen, dass ganz und gar geglückt ist, was man erdachte. Noch wird das Alles mittels meiner Augen gesteuert. Dieser kleine Text zum Morgen wurde von einem zeit­weise Blinden geschrieben. – stop

lichtinseln

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foxtrott : 6.15 – Ich kann viel­leicht sagen, dass ich, sobald sich die Augen eines Schla­fenden vor meinen eigenen Augen öffnen, ohne Ausnahme sofort gefangen bin. Habe in der Beob­ach­tung schla­fender Menschen nachts, wenn ich durch Flug­ha­fen­hallen spazierte oder in Subway­zügen reiste, Erfah­rungen gesam­melt, der Blick auf vorüber­zie­hende Licht­in­seln draußen vor dem Fenster, dann wieder auf das entspannte Gesicht eines unbe­kannten Reisenden, der träumte. So schnell sich die Augen eines Schla­fenden öffnen, kann ich meinen beob­ach­tenden Blick niemals verbergen. Vermut­lich exis­tiert keine schnel­lere Bewe­gung, zu der ein mensch­li­cher Körper in der Lage wäre, als jene Bewe­gung der Augen, wenn sie sich öffnen. Erstaun­lich ist darüber hinaus, dass diese in Bruch­teilen einer Sekunde entklei­deten Augen unver­züg­lich präsent sind, weil der Blick sogleich anwe­send ist und wirkungs­voll, sein Licht, viel­leicht deshalb, weil ein Blick noch vor der Öffnung der Augen­lider beginnt oder zu Lebzeiten niemals endet. – stop

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amsterdam

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MELDUNG. Frische Ohren zu Amsterdam, mensch­lich, aus den Laboren in der Over­singe 11, nahe Amstel­park: 100 g je 72 engli­sche Pfund. Nur heute. Ab 15 Uhr. Solange der Vorrat reicht. – stop
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lichtbilder

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marimba : 2.15 – Exis­tieren in diesem Moment noch Menschen auf unserem Planeten, die während ihres Lebens niemals auf einer Foto­grafie abge­bildet sein werden? – stop
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schnecken

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echo

~ : oe som
to : louis
subject : SCHNECKEN
date : sept 24 11 7.12 p.m.

Früher Abend, ruhige See. Möwen, die unser Schiff wie eine Insel bewohnen, kreisen dicht über dem Wasser. Gerade eben meldete Noe, zwei Putzer­schne­cken näherten sich seinem Gesicht. Er müsse jetzt vorsichtig sein, um sie nicht zu verletzen, sofern sie seinen Mund entern sollten. Noe wohlauf. Seit zwei Wochen senden wir Jazz, wann immer Noe Jazz zu hören wünscht. Wir haben zunächst Charlie Parker geladen, das machte ihn nervös, weil er sich nicht bewegen kann im Taucher­anzug im Rhythmus, der schnell geht, ruhelos. Wir proben, forschen nach sanf­teren Takes. Er könne, das sei neu, berichtet Noe, wenn er das Wort Regen lese, sich das Geräusch des Regens nicht länger in Erin­ne­rung rufen, als würde sich das Wort Regen nach und nach entleeren. Wir haben verspro­chen, Regen für ihn aufzu­zeichnen und in die Tiefe zu schi­cken. Gestern, als wir nachts alleine mitein­ander spre­chen konnten, wünschte Noe, dass ich ihm das Schiff beschreibe, unter welchem er schwebt. Er sei glück­lich, sagte Noe, aber er sehne sich nach einer Uhr. – Dein OE SOM

gesendet am
24.09.2011
1143 zeichen

oe som to louis »

PRÄPARIERSAAL : periskop

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echo : 8.15 – Zur Winter­zeit mit einer jungen Frau, einer Malerin, in einem bota­ni­schen Garten spaziert. Sie erzählte von ersten Beob­ach­tungen im Präpa­rier­saal. Ihre leise Stimme, tief, die helle Wölk­chen in der eiskalten Luft erzeugte. Und ein Blick, wenn sie mich ansah, der wie durch ein Sehrohr zu kommen schien. Auf dem Dach eines Glas­schau­hauses balan­cierte ein Mann mit einer Schaufel. Schwäne klap­perten Schnäbel durch knie­hohen Schnee. Entdeckte eine Notiz, die sie mir wenige Wochen später über­mit­telt hatte, weil ihr Kopf nach unserem Spazier­gang weiterhin anato­mi­sche Sätze erzeugte. Ein Ausschnitt. Sophie schreibt: > Was ich sah, war Chaos. Merk­wür­digste, fremd­ar­tige Formen auf Tischen, die von Studie­renden bewegt wurden. Es war absto­ßend und ängs­ti­gend. Ich dachte daran, dass dies einmal Menschen gewesen waren. Dann aber wurden in meinen Gedanken aus jenen gewe­senen Menschen Körper, und es wurde möglich, das, was ich sah, mit Begriffen zu versehen. Ganz mecha­nisch sagte ich Bezeich­nungen für Körper­teile, die ich iden­ti­fi­zieren konnte, vor mich hin. Ich glaube, dass sich in diesem Moment meine Emotio­na­lität von meinem Intel­lekt trennte und sich irgendwo – sicher vor weiteren Eindrü­cken – versteckte. Und ich war erleich­tert, zu sehen, dass das Geheimnis des Todes ein Geheimnis geblieben war. Ich beob­ach­tete mit Verstand. Trotzdem sah ich tief aus mir selbst heraus. Ich wanderte zwischen Leichen umher, die von weißen Kitteln umringt waren, wie in einer Blase, die mich schützte, und doch war ich sehr zerbrech­lich. In der Mitte der Körper, dort wo norma­ler­weise der Bauch ist, war jeweils ein Loch zu sehen. Neugierig geworden, musste ich näher an die toten Körper heran­treten. Ich sah das viele Fleisch, gelbe fettige Farbe unter farb­loser Haut. Ich war über­haupt über­rascht von der Farb­lo­sig­keit der Körper und stellte fest, wie wenig Mensch­li­ches, wie wenig Persön­li­ches noch an ihnen zu erkennen gewesen war. Obwohl ich diesen Ort besuchte, um zu zeichnen, hatte ich bei meinen ersten Besu­chen weder Papier noch Blei­stift dabei. Ich wollte zunächst nur sehen. – stop

wassermelone

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MELDUNG. Roboter E-Mina­ture-Z88 [ Serie lH78328 ] flüchtet zehn­fünf­zehn in Wasser­me­lone. Wütende Passanten [ Fleisch­wunden : Waden und Gesäß ] haben der fein­glied­rigen Flug­ma­schine heftig zuge­setzt. Kurz­schluß, zehnacht­zehn. [ Milano Statione Centrale : Südseite ] – stop

segel

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marimba : 8.02 – Feinstes Strom­ge­webe, segelnde Haut, die Erfin­dung von Wirk­lich­keit trennt, eine heim­lich durch den Kopf wandernde Struktur. Beob­ach­tete, dass ein Gedanke, eine Geschichte am Morgen, im Moment der ersten Notiz noch frisch und fremd, nach einem Spazier­gang zur Nacht­zeit ohne weitere Schreib­ar­beit verrichtet zu haben, zu einem vertrauten, wirk­li­chen Raum geworden war. – stop
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