schlafkapsel : standby

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oli­mam­bo : 14.28 — In der Stadt New York soll ein Schlafkapsel­haus existieren, man bezahlt 50 Dol­lar und darf sich in eine der 2700 Waben leg­en, die angenehm warm gestal­tet sind und gut isoliert gegen Geräusche jed­er Art. Oder in Schlafzü­gen reisen unter der Stadt, abge­dunkelte Fen­ster­bo­jen, die Lin­ien 12 und 15, ohne je anzuhal­ten Tag und Nacht. Man kön­nte vielle­icht sehr bald ein­mal einen speziellen Stof­fwech­selkreis­lauf für Men­schen erfind­en, einen sparsamen Modus der Ver­bren­nung, eine Vari­ante, die aktiviert sein kön­nte, sobald ein men­schlich­es Wesen dauer­haft arbeit­s­los zu wer­den dro­ht. Men­schen, frei von Auf­gabe, wären nun in der Lage, zu existieren ohne nen­nenswerte Spuren zu hin­ter­lassen, wür­den kaum noch Nahrung zu sich nehmen, stattdessen schlafen, länger schlafen, als andere Men­schen, die sich in Brot und Arbeit befind­en. Man wün­scht, sagen wir, in dem man schläfrig wird, Zeit zu gewin­nen, Zeit zu über­brück­en. Ganze Land­striche, Stadt­teile, Kon­ti­nente wären in dieser Weise leichter Hand in einen Zus­tand des Wartens, der sparsamen, der schmerzfreien Dul­dung zu ver­set­zen. — stop
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staten island ferry : blizzard

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papille : 16.28 — Eige­nar­tig, das Ver­hal­ten der Papiere, das Ver­hal­ten mein­er Hände, mein­er Bleis­tifte. Seit ich wieder stun­den­weise mit ein­fach­sten Werkzeu­gen notiere, mit Werkzeu­gen, die ohne Elek­triz­ität funk­tion­ieren, der Ver­dacht, dass von eigensin­niger Natur ist, was ich auf kleinere oder größere Zettel schreibe. Meine Wörter wollen sich nicht auf Lin­ien leg­en, sie wollen fliegen, weshalb sie über den Zeilen aufwärts steigen. An einem anderen Tag, wieder einem Tag ohn­mächtiger Hor­i­zonte, sinken sie, ohne dass ich präzise sagen kön­nte, warum es an dem einen Tag aufwärts und an dem anderen Tag abwärts gehen will, immer­hin war jew­eils nur ein wenig Schlaf zwis­chen da und dort zu verze­ich­nen gewe­sen. Auch mit den Buch­staben hab ich Mühe, mal bricht die Bleis­tift­spitze, dann wieder ist ein Zeichen gemalt, das man doch eher für ein ganz anderes hal­ten möchte. Die Buch­staben Z und G sind beson­ders wider­spen­stige Gestal­ten, und das S und das A machen schon immer was sie wollen. Dage­gen sind das I und das M an jedem mein­er Arbeit­stage zuver­läs­sige Erschei­n­un­gen, Welle und Giraf­fen­hals, schlicht und weich. Ich nehm das jet­zt, ger­ade wie es kommt, in aller Ruhe. — stop

venenstern

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echo : 20.55 — Ein Schat­ten von Wörtern existiert in der elek­trischen Welt, Anfra­gen der Such­mas­chine g o o g l e, die par­ti­cles mit­tel­bar oder unmit­tel­bar berührten: > Fliege
 : Mond­fisch 
: Schreib­mas­chine
 : Roman Opal­ka : Kolib­ri geze­ich­net : DNA : Dop­pel­he­lix
 : Trompe­tenkäfer 
: Venen­stern 
: Brummkreisel 
: Geräuschwörter : Perga­men­thaut
 : Chirurg
 : Pyra­mi­den­bahn : > 2345 Begriffe im Monat August. stop. Feuerkäfer. stop. Ich kön­nte vielle­icht sagen, dass Wörter dieser Art Lock­stof­fen ähn­lich sind. Oder Lan­de­bah­nen. Oder Fliegen­fall­en. — stop

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col-X77b

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romeo : 20.07 — Das Beson­dere, gle­ich­wohl das Tragis­che im Leben der Feuerkäfer ist, dass sie in Flam­men aufge­hen, sobald sie, inneren Stim­men fol­gend, ihre Flügel ent­fal­ten. — stop
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Edna St. Vincent Millay

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sier­ra : 20.08 — Wie im Kurz­schlaf die Welt neu geord­net wird. Alle Geschicht­en erzählen sich, als hät­ten sie sich über die küh­le Hand ein­er Nacht gefal­tet. Jede begin­nende Stunde, eine Stunde vor unbekan­nter Land­schaft. — Nach­mit­tags dann begeg­net mir im Park wieder ein­mal ein zen­traler Satz des por­tugiesis­chen Erzäh­lers António Lobo Antunes. Er sagte, um ein Buch zu schreiben, müsse man etwas riskieren. Ein Schrift­steller, der nichts wage, sei unaufrichtig. Ich spazierte und über­legte, was genau zu unternehmen ist, damit mein Schreiben so gefährlich wer­den kön­nte, dass ich von einem Wag­nis sprechen dürfte. — Abend jet­zt. Küh­le Luft. Vor weni­gen Minuten die Stimme der Dich­terin Edna St. Vin­cent Mil­lay. Sie liest ihr Poem RECUERDO. We were very tired, we were very mer­ry, We had gone back and forth all night on the fer­ry. Das feine Doku­ment aufge­hoben. Oder zu mir geholt. stop. Wie auch immer. — stop

l a t e r a l

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himalaya : 0.05 – Soweit bin ich in mein­er anatomis­chen Arbeit gekom­men, dass ich an einem Nach­mit­tag Reisenden, die von der Stadt Kobe wei­ther nach Europa gekom­men waren, erk­lärte, die Abteilun­gen der Regen­wälder befän­den sich l a t e r a l der Wüsten­häuser des Pal­men­gartens. — Ist das eine Nachricht?
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mantelstille

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ubu : 15.07 – Vor weni­gen Tagen habe ich einen Spazier­gang durch die Stadt unter­nom­men am hel­l­licht­en Tag. Alles bewegte sich, auch die Straßen, Häuser, Brück­en bewegten sich unter den Hän­den der Arbeit­er und ihren häm­mern­den Werkzeu­gen. In einem Park wur­den Bäume gefällt, bil­lige Jazzmusik in Waren­häusern, Straßen­feger trieben mit Wind­maschi­nen Blät­ter und Papiere vor sich her, unaufhör­lich­er Lärm von Ecke zu Ecke. Plöt­zlich, so im Gehen, ver­suchte ich mir Stille vorzustellen. Ich dachte, dass ich, wenn ich den Ein­druck von Stille erin­nern kön­nte, den Lärm um mich herum vergessen kön­nte, sozusagen nichthören, weil das eigentliche Echogeräusch des Lärms, das schmerzt, im Kopf entste­ht, ein Geräusch, das ich hoffte, mit ein­er Idee von Ruhe umman­teln zu kön­nen. Es gab kein Entrin­nen. Ich muss das weit­er üben. — stop
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tonwellenschrauben

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echo : 22.18 – Lungerte im Wald unter Louisianamoosen. Stur­mgeräusche, auch Zikaden waren zu hören gewe­sen, ihre Flügel­stim­men, hell, schrill, gläsern, Ton­wellen­schrauben. Auf Knien kroch ich bald jagend durchs Unter­holz, wollte eines der lock­enden Tiere fan­gen. Anstatt Insek­ten ent­deck­te ich Spiel­d­osen, hun­derte, ja tausende, kreisende Lär­m­maschi­nen. Sie leuchteten, feuer­rot und blau, je nach Höhe oder Tiefe ihres Gesangs. Sobald ich mich näherte, um eines der Wesen zu ergreifen, schossen sie senkrecht in die Luft, ganz so als wür­den sie über prall gefüllte Druck­luft­bäuche fürs flüch­t­ende Reisen gebi­eten. Dann wurde ich wach. Es war Abend gewor­den. Sam­stag. Ein Orkan näherte sich von West­en, knis­ternde Fen­ster, Frösche schwebten sum­mend vor den Fen­stern. Zwei Stun­den lang dachte ich über die Erfind­ung dien­st­bar­er Käfer nach, Gat­tung, die Stille zu erzeu­gen ver­mag, wann immer gewün­scht. Ich stellte mir vor, wie sie sich rück­wärts über meine Wan­gen hin zu meinen Ohren bewe­gen, wie sie ihre kühlen Leiber in meine Gehörgänge versenken, wie sie sich dehnen und streck­en, san­ft, san­ft, bis sie nahezu ver­schwun­den sein wer­den. Zwei Füh­ler noch, ein Paar kle­in­ster Augen links, ein Paar kle­in­ster Augen rechts, Dochte, nein, Dio­den­lichter. Ich hörte nichts.

pizzo tambo

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MELDUNG. Engel, Schule zu St. Nazaire, sind heute Abend von 9 bis 10 bei leichter Nacht­fliegerei über dem Piz­zo Tam­bo [ Süd­flanke ] anzutr­e­f­fen. — stop

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ein Millionstel Gramm Wort

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tan­go : 16.22 — Meine neue Schreib­mas­chine ist leicht und flach, ihr Atem geht leise. So fein ist sie gebaut, dass ich sie unter meinem Hemd ver­ber­gen kön­nte, nie­mand würde sie bemerken. Wenn das so weit­er geht mit dem Leichter­w­er­den der Maschi­nen, werde ich bald Schreib­w­erke zur Ver­fü­gung haben, die von gerin­ger­er Schwere sind als die Papiere, die ich mit ihren Zeichen fülle. — Wie viel genau wiegt eigentlich dieses elek­trische Wort, das ger­ade vor mir auf dem Bild­schirm erscheint? L i m a. Wie viele Male wird es heute oder mor­gen auf weit­eren Bild­schir­men aufgerufen, wie lange Zeit jew­eils sicht­bar sein? Es ist denkbar, dass das Wort L i m a, das in Europa vor weni­gen Minuten verze­ich­net wurde, schw­er­er wiegt, sobald es in Aus­tralien auf einem Bild­schirm erscheint, als das selbe Wort, wenn wir es in Europa lesen, 1 Mil­lion­s­tel Gramm schw­er­er, sagen wir, um 1 Mil­lion­s­tel Gramm Kohle schw­er­er und um den Bruchteil ein­er Sekunde. — stop
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asmara tigri

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lima : 16.01 — Die Frau, die mir sofort eine Geschichte erzählen wird, scheint müde zu sein. Immer wieder fall­en für Sekun­den ihre Augen zu. Früher Mor­gen, Tigri hat die Nacht über gear­beit­et. Wir sitzen in einem Schnel­lzug vom Flughafen in die Stadt. Ger­ade wollte sie noch wis­sen, warum ich auf dem Note­book einen Film betra­chte, der von ein­stürzen­den Tür­men des World Trade Cen­ters berichtet. Sie habe, bemerkt Tigri, sechs Stun­den lang Briefe sortiert, das heißt, Luft­post­briefe für Inseln, die im paz­i­fis­chen Ozean liegen, weil sie eine Spezial­istin für Inseln ist, auch für Inseln atlantis­ch­er Gebi­ete, aber vor allem kenne sie sich aus mit Inseln, die Kiri­bati heißen oder Ton­ga oder Palau oder Van­u­atu. Sie sagt, dass sie diese Namen lieben würde, dass sie Anfang der 70er Jahre in einem Dorf nahe der eritreis­chen Haupt­stadt Asmara geboren wor­den sei und dass das Dorf im Jahr 1984 wieder aufge­baut wer­den musste, weil an einem Son­ntagabend ein MIG-Flugzeug das Dorf zer­stört habe und viele ihrer Fre­unde getötet. Zu diesem Zeit­punkt lebte Tigri bere­its in West­deutsch­land. Wenn sie den Namen ihres Dor­fes ausspricht, bin ich nicht im Stande, das schöne Geräusch in meinem Kopf zu behal­ten, aber das Wort Asmara kann ich mir merken. Sobald ich das Wort Asmara for­muliere, leucht­en ihre Augen, also sage ich dreimal Asmara und freue mich über die Wirk­samkeit dieses Wortes. Asmara soll eine Stadt hellen Licht­es sein, sage ich, es soll dort immerzu nach Kaf­fee duften, und Tigri lacht und ich denke, dass das jet­zt entwed­er so ist oder dass das nicht so ist, dass sie jeden­falls das Helle mag und auch den Kaf­fee­duft. Man spreche Tigrigna dort in ihrer Gegend, sagt Tigri, und ich bemerke, dass ihr ganz­er Name selb­st in diesem Wort enthal­ten sei. Wieder lacht die junge Frau, schließt kurz die Augen, erzählt, dass ihr Brud­er, ein Gynäkologe, aus den Dien­sten eines Kranken­haus­es ent­lassen wurde, weil man ihn nicht als das behan­deln wollte, was er zu sein wün­schte. Mein Brud­er, wis­sen Sie, möchte ein König sein. Nun ist er arbeit­s­los und König. Er ist natür­lich schwarz wie ich, genau so schwarz, und schwarz ste­ht den Köni­gen nur in Afri­ka. Sie macht eine kurze Pause, reibt sich die Augen. Wir sind jet­zt allein auf dieser Welt, sagt Tigri, alles ging sehr schnell. Im ver­gan­genen Jahr sei ihr Vater gestor­ben in Eritrea, ein glück­lich­er Men­sch, ein Bus­fahrer, ein sehr stolz­er Herr. Im Okto­ber des sel­ben Jahres sei schließlich die Mut­ter mit dem Flugzeug via Rom nach Frank­furt gekom­men. Sie habe, ohne das zu wis­sen, einen Tumor im Kopf mit­ge­bracht, im Feb­ru­ar war sie dann umge­fall­en und tot im März. Tigri lehnt ihren Kopf an die Wand des Zuges, schaut aus dem Fen­ster. Ein heißer, schwüler Mor­gen. Ob sie den Film anse­hen dürfe, will sie wis­sen.
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trockenzungen

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delta : 6.22 — Ich träumte ein­mal von einem Schlaf­saal, in dem ein­hun­dert arme Dichter wohn­ten. Sie liefen sehr langsam, sagen wir, vor­sichtig herum, weil sie nicht wach waren, son­dern schliefen. Eines Abends wur­den sie in dem Auf­trag geweckt, feine For­mulierun­gen für einen beson­deren Regen zu find­en, einen Regen, der eine große Stadt unter Wass­er set­zen sollte. Ihre Freude, ihre Begeis­terung, vielle­icht endlich wieder gehört zu wer­den. Wie sie durcheinan­der spazierten. Und das Rascheln der Papiere, das Knirschen der Stifte, das Geräusch ihrer suchen­den Trocken­zun­gen. — stop

buenos aires

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MELDUNG. Buenos Aires, Av Cor­do­ba 8, 11. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 2018 [ Mar­mor, Car­rara : 7 Gramm ] vol­len­det. — stop
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handgeschichte

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echo : 23.58 — Ich hat­te ger­ade in einem Buch gele­sen, als ich beobachtete, wie meine Hände, die den Buchkör­p­er von ent­ge­genge­set­zten Rich­tun­gen des Him­mels her kom­mend berührten, sich bewegten, obwohl ich sie nicht dazu ermuntert hat­te. Vielmehr war das so geplant gewe­sen, dass sie bewe­gungs­los auf den Papieren ruhen soll­ten, um das Buch, das sich immer wieder schließen wollte, zu bändi­gen. Zunächst bewegte sich der linke, dann der rechte Dau­men, ein Geräusch, ein helles Geräusch war zu hören, ich unter­brach meine Lek­türe und legte das Buch zur Seite. Ich notiere: Sobald ich mich für ein oder zwei Minuten ganz und gar auf meine Hände konzen­triere, vergesse ich mich selb­st. Ich kön­nte mich, das ist denkbar, in dieser Übung ein­mal so gründlich vergessen, dass ich von außen her gerettet wer­den müsste, um wieder ganz anwe­send und beweglich sein zu kön­nen. An einem anderen Tag, noch nicht lange her, war ich durch die Bewe­gung eines Fin­gers mein­er linken Hand der­art erschrock­en, dass ich bald vom Tisch aufge­sprun­gen wäre. Selt­same Sache. — stop
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PRÄPARIERSAAL : traumzeit

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kil­i­mand­scharo : 15.16 — Einen Raum der Zeit, den ich dafür ver­wende, Stim­men mit­tels eines Ton­bandgerätes einz­u­fan­gen, benötige ich etwas später zum zweit­en Mal, um die verze­ich­neten Stim­men von dem sel­ben Ton­bandgerät aus wieder freizu­lassen. stop. Markus an einem Mittwoch. Feb­ru­ar. Abend: Ver­suchen Sie bitte sich vorzustellen, Sie wüssten für sechs lange Wochen nicht, ob Sie sich in einem Traum befind­en oder ob Sie doch eher wach sind. Wenn ich von mein­er Zeit im Prä­pari­er­saal spreche, dann spreche ich gerne von mein­er Traumzeit. Ich hat­te den Ein­druck, einen gewalti­gen Satz zu tun. Ich meine, ich machte eine Erfahrung, die nicht ganz alltäglich ist. Ich stand mor­gens um 6 Uhr auf und wenn ich abends um 10 Uhr zurück­kam, dann hat­te ich drei oder vier Stun­den mit einem Skalpell am Kör­p­er eines toten Men­schen gear­beit­et. Ich hat­te eine gewisse Vorstel­lung davon, was in einem Prä­pari­er­saal geschieht, nicht aber davon, dass der Kör­p­er ins­ge­samt unter meinen Hän­den ver­schwinden wird. Das Ver­schwinden dieses Kör­pers vor mir auf dem Tisch habe ich als etwas Unwirk­lich­es, als trau­mar­tiges Geschehen emp­fun­den. Das war kein Alp­traum, ganz gewiss nicht. Vielmehr hat­te ich den Ein­druck, mich in einem Film zu befind­en, der mal zu schnell und mal zu langsam abge­spielt wurde, so dass ich nie wis­sen kon­nte, wie schnell ich mich, oder ob ich mich über­haupt bewe­gen würde im näch­sten Augen­blick. Ich kon­nte mich selb­st nicht berech­nen. Ich war zu langsam ein­er­seits und zu schnell ander­er­seits. Ich habe meine Hände betra­chtet, wie sie Haut vom Gesicht eines Men­schen ent­fer­n­ten. Ich hat­te den Ein­druck, meine Hände wür­den nicht zu mir gehören.
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ohrlamellenschirm

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pupille : 5.08 — 28 Lamellen, eine kre­is­för­mige Ver­samm­lung fein­ster Häute, die unbe­merkt eng an meinen Gehör­gang­wän­den zu liegen gekom­men sind, famoses Werk. Und doch kann ich zu diesem Zeit­punkt noch nicht sagen, dass ganz und gar geglückt ist, was man erdachte, um den Lärm der Welt auszuschließen, eine Schir­mver­schlusskon­struk­tion, Adap­tion, durch­blutet, ein­er Blende, erster Ver­such, erste Ver­hand­lung. Da war ein angenehmes Ziehen heute Nacht gegen zwei, als sich die Schirme in meinen Ohren schlossen. Es ist still jet­zt, unver­gle­ich­bar stiller als son­st, nichts als meine Knochen­räume pochen. Nein, nein, ich kann zu dieser Stunde nicht wirk­lich sagen, dass ganz und gar geglückt ist, was man erdachte. Noch wird das Alles mit­tels mein­er Augen ges­teuert. Dieser kleine Text zum Mor­gen wurde von einem zeitweise Blind­en geschrieben. — stop

lichtinseln

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fox­trott : 6.15 — Ich kann vielle­icht sagen, dass ich, sobald sich die Augen eines Schlafend­en vor meinen eige­nen Augen öff­nen, ohne Aus­nahme sofort gefan­gen bin. Habe in der Beobach­tung schlafend­er Men­schen nachts, wenn ich durch Flughafen­hallen spazierte oder in Sub­wayzü­gen reiste, Erfahrun­gen gesam­melt, der Blick auf vorüberziehende Lichtin­seln draußen vor dem Fen­ster, dann wieder auf das entspan­nte Gesicht eines unbekan­nten Reisenden, der träumte. So schnell sich die Augen eines Schlafend­en öff­nen, kann ich meinen beobach­t­en­den Blick niemals ver­ber­gen. Ver­mut­lich existiert keine schnellere Bewe­gung, zu der ein men­schlich­er Kör­p­er in der Lage wäre, als jene Bewe­gung der Augen, wenn sie sich öff­nen. Erstaunlich ist darüber hin­aus, dass diese in Bruchteilen ein­er Sekunde entk­lei­de­ten Augen unverzüglich präsent sind, weil der Blick sogle­ich anwe­send ist und wirkungsvoll, sein Licht, vielle­icht deshalb, weil ein Blick noch vor der Öff­nung der Augen­lid­er begin­nt oder zu Lebzeit­en niemals endet. — stop

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amsterdam

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MELDUNG. Frische Ohren zu Ams­ter­dam, men­schlich, aus den Laboren in der Over­singe 11, nahe Amstel­park: 100 g je 72 englis­che Pfund. Nur heute. Ab 15 Uhr. Solange der Vor­rat reicht. — stop
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lichtbilder

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marim­ba : 2.15 — Existieren in diesem Moment noch Men­schen auf unserem Plan­eten, die während ihres Lebens niemals auf ein­er Fotografie abge­bildet sein wer­den? — stop
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schnecken

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echo

~ : oe som
to : louis
sub­ject : SCHNECKEN
date : sept 24 11 7.12 p.m.

Früher Abend, ruhige See. Möwen, die unser Schiff wie eine Insel bewohnen, kreisen dicht über dem Wass­er. Ger­ade eben meldete Noe, zwei Putzer­sch­neck­en näherten sich seinem Gesicht. Er müsse jet­zt vor­sichtig sein, um sie nicht zu ver­let­zen, sofern sie seinen Mund entern soll­ten. Noe wohlauf. Seit zwei Wochen senden wir Jazz, wann immer Noe Jazz zu hören wün­scht. Wir haben zunächst Char­lie Park­er geladen, das machte ihn nervös, weil er sich nicht bewe­gen kann im Taucher­anzug im Rhyth­mus, der schnell geht, ruh­e­los. Wir proben, forschen nach san­fteren Takes. Er könne, das sei neu, berichtet Noe, wenn er das Wort Regen lese, sich das Geräusch des Regens nicht länger in Erin­nerung rufen, als würde sich das Wort Regen nach und nach entleeren. Wir haben ver­sprochen, Regen für ihn aufzuze­ich­nen und in die Tiefe zu schick­en. Gestern, als wir nachts alleine miteinan­der sprechen kon­nten, wün­schte Noe, dass ich ihm das Schiff beschreibe, unter welchem er schwebt. Er sei glück­lich, sagte Noe, aber er sehne sich nach ein­er Uhr. — Dein OE SOM

gesendet am
24.09.2011
1143 zeichen

oe som to louis »

PRÄPARIERSAAL : periskop

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echo : 8.15 — Zur Win­terzeit mit ein­er jun­gen Frau, ein­er Malerin, in einem botanis­chen Garten spaziert. Sie erzählte von ersten Beobach­tun­gen im Prä­pari­er­saal. Ihre leise Stimme, tief, die helle Wölkchen in der eiskalten Luft erzeugte. Und ein Blick, wenn sie mich ansah, der wie durch ein Sehrohr zu kom­men schien. Auf dem Dach eines Glass­chauhaus­es bal­ancierte ein Mann mit ein­er Schaufel. Schwäne klap­perten Schnä­bel durch knieho­hen Schnee. Ent­deck­te eine Notiz, die sie mir wenige Wochen später über­mit­telt hat­te, weil ihr Kopf nach unserem Spazier­gang weit­er­hin anatomis­che Sätze erzeugte. Ein Auss­chnitt. Sophie schreibt: > Was ich sah, war Chaos. Merk­würdig­ste, frem­dar­tige For­men auf Tis­chen, die von Studieren­den bewegt wur­den. Es war abstoßend und ängsti­gend. Ich dachte daran, dass dies ein­mal Men­schen gewe­sen waren. Dann aber wur­den in meinen Gedanken aus jenen gewe­se­nen Men­schen Kör­p­er, und es wurde möglich, das, was ich sah, mit Begrif­f­en zu verse­hen. Ganz mech­a­nisch sagte ich Beze­ich­nun­gen für Kör­perteile, die ich iden­ti­fizieren kon­nte, vor mich hin. Ich glaube, dass sich in diesem Moment meine Emo­tion­al­ität von meinem Intellekt tren­nte und sich irgend­wo – sich­er vor weit­eren Ein­drück­en – ver­steck­te. Und ich war erle­ichtert, zu sehen, dass das Geheim­nis des Todes ein Geheim­nis geblieben war. Ich beobachtete mit Ver­stand. Trotz­dem sah ich tief aus mir selb­st her­aus. Ich wan­derte zwis­chen Leichen umher, die von weißen Kit­teln umringt waren, wie in ein­er Blase, die mich schützte, und doch war ich sehr zer­brech­lich. In der Mitte der Kör­p­er, dort wo nor­maler­weise der Bauch ist, war jew­eils ein Loch zu sehen. Neugierig gewor­den, musste ich näher an die toten Kör­p­er her­antreten. Ich sah das viele Fleisch, gelbe fet­tige Farbe unter far­blos­er Haut. Ich war über­haupt über­rascht von der Far­blosigkeit der Kör­p­er und stellte fest, wie wenig Men­schlich­es, wie wenig Per­sön­lich­es noch an ihnen zu erken­nen gewe­sen war. Obwohl ich diesen Ort besuchte, um zu zeich­nen, hat­te ich bei meinen ersten Besuchen wed­er Papi­er noch Bleis­tift dabei. Ich wollte zunächst nur sehen. — stop

wassermelone

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MELDUNG. Robot­er E-Mina­ture-Z88 [ Serie lH78328 ] flüchtet zehn­fün­fzehn in Wasser­mel­one. Wütende Pas­san­ten [ Fleis­chwun­den : Waden und Gesäß ] haben der feingliedri­gen Flug­mas­chine heftig zuge­set­zt. Kurz­schluß, zehnachtzehn. [ Milano Sta­tione Cen­trale : Süd­seite ] — stop

segel

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marim­ba : 8.02 — Fein­stes Stromgewebe, segel­nde Haut, die Erfind­ung von Wirk­lichkeit tren­nt, eine heim­lich durch den Kopf wan­dernde Struk­tur. Beobachtete, dass ein Gedanke, eine Geschichte am Mor­gen, im Moment der ersten Notiz noch frisch und fremd, nach einem Spazier­gang zur Nachtzeit ohne weit­ere Schreibar­beit ver­richtet zu haben, zu einem ver­traut­en, wirk­lichen Raum gewor­den war. — stop
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