lakritze

picping

MELDUNG. Ein halbes Pfund Lakritze bei El Corte [ Plaça de Catalun­ya, 14, Barcelona ], damit in der Tüte ist Odile, eine Rose, zwanzigzwölf voller Glück über die Straße gegan­gen. Kurz darauf in Folge von Meteo­ri­ten durch­schla­gen: Kio­skdach, 2 Pas­seig de Grà­cia, 12 Uhr 14, 3 Gramm. Mar­kise, 666 Gran Via de les Corts Cata­lanes, Erdgeschoss, 12 Uhr 16, 0.8 Gramm. Motor­haube, 67 Car­rer del Bruc, 12 Uhr 17, 1.8 Gramm. Alle Feu­ers­brünste sind gelöscht. — stop

menschenimpark

chicago

2

tan­go : 6.05 — Im Pal­men­garten abends bei leichtem Regen auf ein­er Bank. Neben mir saß ein Mann, der mich nicht sehen, aber hören kon­nte. Ich bemerk­te nicht sofort, dass er blind war, weil ich unter einem Regen­schirm saß, auch der Mann hat­te einen Regen­schirm über sich aufges­pan­nt. Kaum hat­te ich Platz genom­men, notierte ich zunächst eine Liste von Büch­ern in mein Note­book, die sich mit der Arbeitswelt der Men­schen beschäfti­gen. Sie schreiben schnell, sagte der Mann plöt­zlich, sie sind wohl geübt. Sie haben vielle­icht etwas im Kopf, das sie los wer­den wollen. Als ich mich dem Mann zuwen­dete, bemerk­te ich, dass er den Regen­schirm in eine langsame Drehung ver­set­zt hat­te, sein Gesicht kon­nte ich nicht erken­nen. Wenn das meine Schreib­mas­chine wäre, kön­nte ich Ihnen genau sagen, was sie ger­ade geschrieben haben. Ich kann hören, was meine Schreib­mas­chine schreibt. Der Mann machte eine kurze Pause. Was haben sie denn aufgeschrieben, wollte er dann wis­sen. Ich antworte: Einige Namen, Namen, die sie vielle­icht schon ein­mal gele­sen haben. Melville. Bukows­ki. Upton Sin­clair. Max von der Grün. – Gele­sen nicht, antwortete der Mann, aber gehört habe ich zwei der Namen. Upton Sin­clairs Dschun­gel­buch existiert in englis­ch­er Sprache als Hör­buch für Blinde oder für Men­schen, die nicht lesen wollen. Ich würde gerne lesen, aber das geht ja nicht so leicht, wenn man nichts sieht. Der Mann lachte. Ich höre dem Regen gern zu, aus mein­er Sicht der Dinge ist das so, als würde der Regen schreiben, hören Sie, wie es reg­net, wie es schreibt. Ist das nicht wun­der­bar! – Ich fragte den Mann, ob er denn lesen oder hören könne, was der Regen genau notiert in diesem Augen­blick. – Aber natür­lich, antwortete der Mann, es ist mit jedem Regen etwas anderes, nicht wahr, der Regen, der auf das Meer fällt, erzählt etwas anderes, als dieser Regen hier, der über einem kleinen See niederge­ht. Für einen Moment stand der Regen­schirm neben mir ganz still. Ich hörte ein Flüstern: Dieser Regen hier erzählt von Chica­go. — stop

ping

ping

20 Gramm : eine Künstlerin erzählt

2

zoulou : 18.25 — Inés, die mehrere Jahre lang in einem zen­tralen Madrid­er Post­amt arbeit­ete, erzählt, sie habe in der Stunde etwa 3200 Kurzbriefe mit der Hand sortiert. Jed­er ihrer Arbeit­stage dauerte 6 Stun­den rein­er Arbeit­szeit, das heißt, Stun­den­zeit ohne Pause, da ihre Hände ruht­en. Manch­mal, wenn ihre rechte Hand schmerzte, habe sie mit der linken Hand sortiert, da sei sie aber nicht so schnell gewe­sen. Ein­mal habe sie errech­net, pro Nacht oder Schicht mit ihren Hän­den aus dem Sitzen her­aus 385 Kilo­gramm ange­hoben und durch die Luft trans­portiert zu haben. Sie lebte damals in der Calle José Abas­cal in einem kleinen Ate­lier unter dem Dach, nun, im Alter von bald 40 Jahren, könne sie Grund der Bilder, die sie zeichne, her­vor­ra­gend leben. Ein­mal wohne sie in Lon­don, dann wieder in Berlin, München, Paris. Manch­mal träume sie noch von Briefen, die sie in ihrer postal­is­chen Zeit gerne betra­chtet habe, Kuverts, die selb­st Kunst­werke gewe­sen seien, liebevoll gestal­tet. Aber das genaue Betra­cht­en der Briefe war natür­lich nicht ges­tat­tet, da das Betra­cht­en eines Briefes viel zu lange dauere. Dass ich nun Zeit habe, niemals het­zen muss, sog­ar selb­st entschei­den kann, wie schnell ich mein Abend­brot zu mir nehme, ist mein größtes Glück. — stop

ping

radare

2

whiskey : 0.02 — Für die Posi­tion “par­ti­cles” waren gestern, Son­ntag, 3. Mai, 12.718 Besuche, Aufrufe, Berührun­gen zu verze­ich­nen. 324 Besuche scheinen von men­schlich­er Natur gewe­sen zu sein, 12394 Besuche sind ver­mut­lich Maschi­nen, Com­put­er­pro­gram­men, Rou­ti­nen wie Radaren zuzuord­nen. — Past mid­night. Nev­er knew such silence. — stop

menschendaemmerung

von nelken

2

echo : 6.10 — Ich beobachtete eine alte Frau, wie sie unter einem Regen­schirm im Garten kniend Nack­tsch­neck­en von Nelken­blu­men pflück­te. Neben sich hat­te die alte Frau einen kleinen Eimer abgestellt, der sich nach und nach mit Sch­neck­enkör­pern füllte. Heftiger Regen. Ich kon­nte den Regen hören, wie er auf den Schirm der alten Frau trom­melte. Und ich hörte eine helle Stimme, die mit sich selb­st oder zu den Sch­neck­en sprach. Immer wieder ein­mal stand die alte Frau vor­sichtig auf, um in ihr Haus zurück­zukehren. Sie klopfte dann ihre Schuhe ab, stand hin­ter dem Fen­ster, schaute in den Garten und wartete bis weit­ere Sch­neck­en ohne Häuser in die Nähe ihrer Nelken gekom­men waren. Diese Sch­neck­en reis­ten nicht von der Seite her an, son­dern kamen tat­säch­lich von unten aus dem erdi­gen Boden her­auf. Waren es wieder viele Sch­neck­en gewor­den, kehrte die alte Frau zurück in ihren Garten und erneut hörte ich den Regen und eine helle Stimme. Ich hat­te bald den Ein­druck, diese Sch­neck­en, die unabläs­sig aus dem Boden stiegen, kön­nten rein aus etwas Haut und klarem Wass­er beste­hen, es waren der­art viele, dass sie ganz ein­fach zunächst sehr kleine Wesen sein mussten, die sich zu ihrer vollen Ent­fal­tung mit Wass­er füll­ten sobald es reg­nete. Nach drei Stun­den war der Eimer gefüllt und die alte Frau deck­te ihn mit einem Kochtopfdeck­el zu, holte aus dem Haus einen weit­eren Eimer, der etwas größer gewe­sen war, als der erste Eimer. Es däm­merte, dann war es dunkel, und als es richtig dunkel gewor­den war, fin­ster, kehrte die alte Frau mit ein­er Taschen­lampe in den Garten zurück. Sie trug jet­zt Gum­mistiefel an den Füßen und ein Nachthemd und es reg­nete noch immer. — stop

ping

dos passos

2

india : 0.28 — Der Mann im Traum kön­nte John Dos Pas­sos gewe­sen sein. Er trug einen Kit­tel wie ihn Ärzte tra­gen. Ich kam ger­ade sehr vor­sichtig eine steile Treppe herunter, als ich ihn ent­decke. Er stand bre­it­beinig unter ein­er Lampe, die sich langsam hin und her bewegte, weil wir uns auf einem Schiff befan­den. Leichter See­gang. Um die Lampe herum schwebte ein Kind. Es musste ger­ade erst geboren wor­den sein, ein Stück der Nabelschnur baumelte noch von seinem Bauch, außer­dem schien das Wesen feucht zu sein, es war so groß wie eine Man­darine, anstatt Armen und Hän­den ver­fügte es über Flügel, damit schwebte das Kind, und John Dos Pas­sos schaute ihm zu. Er schien sich nicht zu wun­dern, ich hat­te vielmehr den Ein­druck, als würde er das Kindwe­sen prüfen. Eine Mut­ter war nicht zuge­gen. — stop

ping

paperwhite

2

ulysses : 0.01 — Die Buch­staben ver­drehen sich zur Zeit, ich schreibe zu schnell mit der Mas­chine, manch­mal ver­säume ich ganze Wörter, als wür­den meine Hände glauben, dass ich Wörter schon geschrieben habe, obwohl ich sie noch nicht geschrieben habe. — Fol­gende Ent­deck­ung: Es ist tat­säch­lich möglich, für den Preis 1 Pis­tazieneiskugel Joseph Roths Gesam­melte Werke auf ein Paper­white — Lesegerät zu laden. James Joyces Ulysses kostet soviel wie keine Eiskugel. Vir­ginia Woolfes Mrs. Dal­loway eine halbe Kugel. Anton Pawlow­itsch Tsche­chows Kurzgeschicht­en, Nov­ellen, Dra­men wiederum 1 voll­ständi­ge Kugel . Down­load­reisezeit : 5,2 Sekun­den. Bemerkenswert. Selt­sam. — stop
ping

sydney

picping

MELDUNG. Syd­ney, 10 Mac­quar­ie St, 2. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 8 [ Mar­mor, Car­rara : 6.22 Gramm ] vol­len­det. — stop

ping

von der sekundenzeit

pic

delta : 0.02 — Wie jet­zt der Som­mer näherkommt, ändert sich alles. Im Win­ter erfrieren Men­schen, im Som­mer fall­en sie verse­hentlich aus Fen­stern, die sie zum Vergnü­gen geöffnet haben. Bern­hardt L., der mich besuchte, erzählte von seinen Erfahrun­gen, die er mit Todesur­sachen betrunk­en­er Men­schen sam­melte. Es war ein  angenehmer Abend. Eigentlich woll­ten wir nicht von trau­ri­gen Geschicht­en sprechen, aber dann wurde es doch irgend­wie wieder ein­mal ernst. Wir saßen auf Garten­stühlen vor dem Fen­ster zu den Bäu­men, die in den Him­mel staubten, und beobachteten meine Sch­necke Esmer­al­da, die sich der frischen Abend­luft näherte. Sie kroch ziel­stre­big über den Boden hin, dann die Wand hin­auf und ließ sich auf dem Fen­ster­brett draußen nieder. Wenn sich Sch­neck­en set­zen, bewe­gen sie sich kaum noch, ihr feuchter Kör­p­er scheint indessen etwas bre­it­er zu wer­den. Mein Bekan­nter Bern­hardt L. war sehr inter­essiert an der Exis­tenz Esmer­al­das in mein­er Woh­nung, er hat­te sie noch nie zuvor gese­hen und auch noch nicht von ihr gehört. Er wollte wis­sen, woher sie gekom­men war, wie alt sie wohl sei, und warum sie diesen sehr schö­nen Namen Esmer­al­da von mir erhal­ten habe. Ich erin­nere mich, wie er mit einem Fin­ger zärtlich über Esmer­al­das Häuschen strich, während er von einem unglück­lichen Mann erzählte, der ein Zeitwirtschaftler von Beruf gewe­sen sein soll. Dieser Mann habe Minuten gezählt, Sekun­den, in der Beobach­tung arbei­t­en­der Men­schen in ein­er Fab­rik. Seine Auf­gabe sei gewe­sen, Zeiträume aufzus­püren, die durch Verän­derun­gen in den Bewe­gun­gen der beobachteten Men­schen einges­part wer­den kön­nten. In einem Brief, der sehr aus­führlich sein Unglück notiert, habe er berichtet, dass es ihm zulet­zt nicht möglich gewe­sen sei, eine Tasse Kaf­fee von der Küche in sein Wohnz­im­mer zu tra­gen, ohne darüber nachzu­denken, ob es wirtschaftlich sei, mit nur ein­er Tasse Kaf­fee in der Hand die Räume zu wech­seln, wenn es doch möglich wäre, zwei Tassen Kaf­fee zur gle­ichen Zeit zu trans­portieren. — stop

nachricht­en von esmer­al­da »
winterzeiten

vor neufundland 1.16.28 uhr : kirschblüten

2

zoulou : 0.08 — Die Nachricht, ein afrikanis­ch­er Mann von der Elfen­beinküste habe bere­its am ver­gan­genen Mittwoch seinen 8 Jahre alten Sohn in einem Rol­lkof­fer über die marokkanisch — spanis­che Gren­ze nach Europa trans­feriert. Das Kind wurde während ein­er Kof­fer­durch­leuch­tung lebend ent­deckt, sein Vater festgenom­men. Ich erin­nere mich, vor zwanzig Jahren ein­mal beobachtet zu haben, wie am Cen­tral­bahn­hof ein Kind in ein Gepäckschließ­fach klet­terte, eine Frau, vielle­icht die Mut­ter des Kindes, klappte die Tür des Schließ­fach­es zu, wartete einige Sekun­den, dann öffnete sie die Tür wieder und das Kind klet­terte aus dem Fach. Das Kind lachte. — Mel­dung von Noe aus 805 Fuß Meer­estiefe vor Neu­fund­land. ANFANG 01.14.02 | | | > s t o p habe das wort som­merzeit notiert. s t o p kurz darauf eingeschlafen. s t o p als ich erwache liegt meine hand noch auf der tas­tatur der mas­chine. s t o p ein gel­ber fisch. s t o p behut­sam. s t o p als ob er mit meinem hand­schuh sprechen wollte. s t o p werde bald ohne luft sein. s t o p das ist denkbar, s t o p ohne erin­nerung. h u n t i n g r e d f i s h f r o m a b o v e. s t o p plan­los. s t o p ein laut­los­es ende. s t o p der duft der kirschblüten. s t o p von einem atemzug zum anderen. s t o p stark. s t o p süß. s t o p vielle­icht flieder? t w o y e l l o w f i s h e s l e f t h a n d. s t o p | | | ENDE 01.16.28

nachricht­en von noe »

ping

ein ball

2

whiskey : 0.12 — Ein­mal beobachtete ich in New York einen Mann, wie er das Ver­hal­ten eines Balles in einem Wag­on der Sub­way studierte. Es war ein son­niger Tag im Jan­u­ar, ich fuhr ger­ade mit der Lin­ie N Rich­tung Coney Island, als der Mann, der mir im Zug unmit­tel­bar gegenüber Platz genom­men hat­te, einen roten Ball, von weißen Punk­ten bedeckt wie ein Fliegen­pilz, aus ein­er Tasche holte und auf den Boden legte. Sofort rollte der Ball gegen die Fahrtrich­tung davon, ver­lor sich zunächst zwis­chen den gestiefel­ten Beinen einiger Reisender, war dann für einen Moment nicht zu sehen, so dass der Mann, der den Ball freige­lassen hat­te, sich nach vorne beu­gen musste, um ihn wieder in den Blick zu bekom­men. Kurz darauf kehrte der Ball zurück, beschrieb einen weit­en Bogen, stieß mehrfach gegen die Füße ein­er schlafend­en Frau, die die Berührun­gen des Balles aber nicht zu bemerken schien und ein­fach weit­er­schlief. Indessen verze­ich­nete der Mann mit­tels eines Bleis­tiftes den Weg des Balles durch den Wag­on in ein Notizbuch, scharfe Rich­tungswech­sel, enge Kreise, oder auch ruhigere Bewe­gun­gen des Balles über den Gang des Wag­ons wur­den in dieser Weise präzise doku­men­tiert. Ein­mal nahm ein Kind den Ball in seine Hände, da machte der Mann an dem Ort, da der Ball den Boden ver­ließ, ein Kreuz auf sein Papi­er. Nach ein­er hal­ben Stunde stieg der Mann aus dem Zug, und ich dachte noch, dass ich diesem Mann und seinem Ball vielle­icht nie wieder begeg­nen würde. Ich notierte: Hier in New York begeg­net man ständig Men­schen, die man nie wieder sehen wird. Drei Tage später bemerk­te ich einen roten Ball mit weißen Punk­ten auf ein­er Fähre nach Stat­en Island, er rollte langsam über das Hur­ri­cane-Deck. — stop

ping

winterherz

2

alpha : 6.52 — Nehmen wir ein­mal an, es existierten Men­schen, die je über ein schla­gen­des, also ein aktives Herz ver­fü­gen, und außer­dem über ein wartendes Herz, das ganz still im Brustko­rb liegt, klein, gefal­tet, ein Alter­sh­erz oder ein Win­ter­herz. Von dieser Vorstel­lung wollte ich in der ver­gan­genen Nacht einem kleinen Mann iranis­ch­er Herkun­ft erzählen. Aber kaum hat­te ich Luft geholt und meinen ersten Satz zu Ende gesprochen, begann der kleine Mann sein­er­seits eine Geschichte zu erzählen. Er sagte, er habe Merk­würdi­ges erlebt, das Fes­t­net­ztele­fon sein­er Woh­nung sei gestört gewe­sen, er habe deshalb die Tele­fonge­sellschaft über sein Mobil­tele­fon angerufen. Eine weib­liche Stimme habe sich bald gemeldet, die sich sehr fre­undlich mit ihm unter­hal­ten habe in der Art und Weise, dass sie Fra­gen stellte. Sie fragte zum Beispiel: Kön­nten Sie bitte Ihr Prob­lem genau beschreiben. Oder sie erkundigte sich, ob seine Inter­netverbindung noch funk­tion­ieren würde, ob sein Tele­fon über aus­re­ichende Stromver­sorgung ver­füge, wie lange Zeit er in etwa nicht mit seinem Tele­fon tele­foniert habe. Das Gespräch dauerte, so erzählte der kleine Mann, einige Minuten, bis er bemerk­te, dass tat­säch­lich eine Maschi­nen­stimme zu ihm sprach. Weit­ere drei Minuten ver­strichen, dann habe er sich vor­sichtig erkundigt, ob er mit einem men­schlichen Wesen der Tele­fonzen­trale ver­bun­den wer­den kön­nte. In diesem Moment brach das Pro­gramm die Unter­hal­tung ab. Es wurde still am Tele­fon, keine Fra­gen, keine Antworten, kurz darauf war ein Pfeifen zu hören. Und das soll nun ein­er am frühen Mor­gen noch ver­ste­hen. Der Him­mel leicht bewölkt. — stop

melly

morgens kurz nach fünf

2

zoulou : 6.10 — Eine Stech­mücke set­zte sich in der Däm­merung nach ein­er lan­gen Arbeit­snacht auf meinen Arm. Ich beobachtete, wie sie ihren Rüs­sel an mich legte, aber sie stach nicht zu, als ob sie sich mein­er Reife nicht sich­er gewor­den sei. Kurz darauf wartete ich vor ein­er Kasse in ein­er Men­schen­schlange. Irgend­wo in der Ferne lachte eine Kassiererin. Plöt­zlich bemerk­te ich, dass ich in meinem Leben noch nie eine Ohrfeige bekom­men habe, oder alle Ohrfeigen, die ich bekom­men habe, vergessen kon­nte. So endete meine Nacht mit zwei span­nen­den Geschicht­en, ich war zufrieden. — stop
ping

freitag

2

india : 4.10 — Gestern Abend im Gespräch ent­deck­te ich die Exis­tenz der Ohrmuschelforsch­er. Es existieren außer­dem Herz­forsch­er, Knochen­forsch­er, Lun­gen­forsch­er, Kehlkopf­forsch­er. An dieser Stelle höre Ich auf zu erzählen. Heute ist Fre­itag. Guten Mor­gen. — stop
ping

terminal 1

2

india : 7.02 — Eine kugel­runde Frau sitzt am Flughafen sehr aufrecht auf ein­er Bank. Sie hält in jed­er Hand ein Tele­fon. Ein­mal betra­chtet sie das eine Tele­fon, dann wieder das andere Tele­fon. Wie ich sie so beobachte, glaube ich zu bemerken, dass sie für bei­de Tele­fone zärtliche Gefüh­le zu hegen scheint, als seien sie kleine Tiere, die manch­mal zu ihr sprechen. Ich spüre plöt­zlich selb­st zärtliche Gefüh­le in mir wach­sen für diese Frau oder dieses Bild der Frau mit ihren Tele­fo­nen. Unver­mit­telt schaut sie mich an, und ich senke meinen Blick, öffne schnell meine Schreib­mas­chine und beginne zu notieren, obwohl ich nichts im Kopf habe, das ich notieren kön­nte. Also schreibe ich zunächst, dass ich ger­ade eben notiere, obwohl ich nichts zu notieren habe, weil ich ver­legen bin. Ich schreibe, eine kugel­runde Frau sitzt früh­mor­gens sehr aufrecht auf ein­er Bank. Bald wird Som­mer wer­den. Am Flughafen existieren wed­er Vögel noch Mäuse. — stop

ameisenvogel

abschnitt neufundland

picping

Abschnitt Neu­fund­land meldet fol­gende gegen Küste gewor­fene Arte­fak­te : Wrack­teile [ Seefahrt – 507, Luft­fahrt — 701, Auto­mo­bile — 53], Grußbotschaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahrhun­dert — 8, 19. Jahrhun­dert – 66, 20. Jahrhun­dert – 1001 , 21. Jahrhun­dert — 355 ], Trol­leykof­fer [ blau : 7, rot : 66, gelb : 5, schwarz : 532 ] phys­i­cal mem­o­ries [ bespielt — 6, gelöscht : 122 ], Arm­ban­duhr — Aude­mars Piguet / Typ Roy­al Oak Grande : [ 1 ], Frösche [ Pärchen ] auf Treib­holz [ 8 ], Öle [ 0.76 Ton­nen ], Prothe­sen [ Herz — Rhyth­mus­beschle­u­niger – 8, Kniege­lenke – 66, Hüftkugeln – 2, Brillen – 562 ], Halb­schuhe [ Größen 28 – 39 : 54, Größen 38 — 45 : 88 ], Plas­tik­san­dalen [ 307 ], Kühlschränke [ 3 ], Tele­fone [ 65 ], Porzel­lan­pup­pen­hände [ 16 ] Gas­masken [ 17 ], Tief­see­tauchanzüge [ ohne Tauch­er – 5, mit Tauch­er – 18 ], Pfeifenköpfe — Bruyère­holz [ 2 ], Engel­szun­gen [ 51 ] | stop |

ping

ein pinguin

2

india : 6.38 — Lud­wig, ich traf ihn am Fre­itagabend während eines Spazier­gangs zufäl­lig unten am Fluss, erzählte von einem Exper­i­ment, das er vor weni­gen Wochen im April ges­tartet haben will. Es gehe, sagte Lud­wig, um den Ver­such, Luft­post­briefe nach Alep­po zu ver­schick­en. Wed­er habe er selb­st Fre­unde noch Fam­i­lien­ange­hörige in Alep­po, trotz­dem habe er ein gutes Dutzend Briefe in die zer­störte Stadt geschickt, zufäl­lige Straßen, zufäl­lige Häuser, zufäl­lige Namen. Eine Fre­undin habe ihm bei sein­er Arbeit geholfen, Lucille, die die ara­bis­che Sprache müh­e­los sprechen und schreiben könne. 5 sein­er Briefe seien nach weni­gen Tagen bere­its zurück­gekom­men, sie waren je mit einem hand­schriftlichen Ver­merk in deutsch­er Sprache verse­hen: Zur Zeit nicht zustell­bar. 12 weit­ere Briefe seien noch ver­schollen, 1 Brief war jedoch zu ihm zurück­gekehrt. Der Brief schien tat­säch­lich bis in die Stadt Alep­po gekom­men zu sein, ein Stem­pel in franzö­sis­ch­er Sprache begrün­dete die Rück­sendung des Briefes: Adresse insuff­isante. Diese Nachricht hat­te Lud­wig erwartet, nicht aber, dass auf dem Briefum­schlag selb­st eine Nachricht in der Gestalt eines handgeze­ich­neten Pin­guins hin­ter­lassen wor­den war. — stop
ping

violet

2

echo : 0.01 — Vielle­icht ist das so, dass sich die Seele eines Ortes, beispiel­sweise die Seele eines Fährschiffes, auf Wörter überträgt, wenn diese Wörter an dem Ort, von dem sie erzählen, geschrieben wer­den während ein­er län­geren Zeit der Beobach­tung. Ich sehe, was ich nicht erfind­en kann. Oder ich erfinde, was ich nur hier erfind­en kann. Ja, so kön­nte das sein. Ein befreien­der Gedanke. — Ich träumte von einem Mann, der keine Kom­maze­ichen ertrug, weswe­gen er Kom­maze­ichen ein­er­seits durch Punk­te erset­zte, ander­seits darauf achtete, möglichst kurze, ein­schichtige Sätze zu for­mulieren. — stop

violet

zitronengelb

2

char­lie : 7.08 — Über meinen Groß­vater, den ich nie per­sön­lich ken­nen­gel­ernt habe, ist mir nicht sehr viel bekan­nt. Er soll ein warmherziger Men­sch gewe­sen sein, der als Beamter der Stadt München in ein kleines Büroz­im­mer ver­set­zt wor­den war, das im Win­ter nicht beheizt wer­den kon­nte. Mein Groß­vater wollte nicht in die Partei ein­treten, deshalb musste er frieren, deshalb war er sehr oft krank gewe­sen. Die Fam­i­lie, meine Mut­ter war ein Mäd­chen von damals fünf oder sechs Jahren, bewohnte eine kleine Woh­nung in einem nördlichen Stadt­teil. Sie waren dort zu fün­ft, die Eltern und ihre drei Töchter. In der Küche der Woh­nung im zweit­en Stock war Par­ket­t­fuss­bo­den ver­legt, keine Selb­stver­ständlichkeit für diese Zeit. Wenn Bomben ins Münch­en­er Zen­trum fie­len, zit­terte in Moosach der Boden und die Hölz­er des Par­ketts hüpften wie Frösche herum. Vor einem Spiegel ste­ht mein Groß­vater. Er rasiert sich mit zit­tern­den Hän­den. Er hat Zuck­er und kein Insulin. Er ist immer sehr durstig und spricht vom Durch­hal­ten wegen der Rente. Vor allem ist sein Gesicht so gelb wie eine Zitrone. Diese Vorstel­lung habe ich ein­er Erzäh­lung mein­er Mut­ter unlängst ent­nom­men, die ich hörte, als wir über den Nord­fried­hof gin­gen, um das Grab der Groß­mut­ter und des Groß­vaters zu besuchen. Bald wird das Grab ver­schwun­den sein, aber die Knochen bleiben im Boden zurück. Zum Zeit­punkt unseres Besuch­es war alles anwe­send, wie früher noch, als ich selb­st, ein Kind, an Son­nta­gen vor das Efeu­grab getreten war. Ein­mal stand ich dort in blauen San­dalen. Auf dem Grab­stein spazierte eine Sch­necke. Sie legte eine Bleis­tift­strecke zurück, dann blieb sie sitzen und schlief in der war­men Herb­st­sonne ein. — stop
ping

schirme

2

oli­mam­bo : 7.08 — Träume scheinen sich zu ver­hal­ten wie Fallschirme kurz nach ein­er Lan­dung. Für einen Moment zeigen sie sich noch in ihrer vollen Pracht, dann sinken sie in sich zusam­men, wer­den weniger und weniger, bis sie fast ganz unsicht­bar gewor­den sind. – stop

ping

eine chinesin

2

echo : 1.24 — Im Zug saß ich ein­er alten Frau gegenüber, die in ein­er chi­ne­sis­chen Zeitung las, ohne eine Brille zu ver­wen­den. Das war deshalb bemerkenswert, weil die Zeichen der Zeitung sehr klein waren, aber nicht nur die Zeichen der Zeitung, son­dern auch jene Schriftze­ichen, die die alte Frau neben die Zeilen der Zeitung set­zte, waren außeror­dentlich kleine Zeichen. Sie notierte mit einem Bleis­tift, den sie immer wieder spitzte. Und obwohl der Zug uns Reisende beständig erschüt­terte, wur­den ihre kom­plizierten Schriftze­ichen mit je ein­er sehr schnellen Hand­be­we­gung sich­er auf das Papi­er geset­zt. Kein Blick zu mir hin. Aber ich spürte, dass sie meine beobach­t­en­den Blicke selb­st bemerk­te. Nach zwei Stun­den ver­ließ die alte chi­ne­sis­che Frau den Zug. Sie sagte: Auf Wieder­se­hen! — Sehr helle Stimme. — stop

drohne1

lichtzimmer

2

nord­pol : 0.02 — Ein­mal träume ich von einem Haus ohne Fen­ster und ohne Türen. Die Zim­mer des Haus­es sind von strahlen­dem Licht erfüllt. Das Licht kommt aus dem Boden, den Wän­den, von der Decke. In ein­er Ecke kauert ein Mann. Seine Augen sind gerötet. Er ste­ht auf, geht auf unsicheren Füßen umher, sucht nach einem Schal­ter, vielle­icht um das Licht zu löschen. Vögel leben in den Zim­mern des Haus­es, hun­derte kleine Vögel. Sie fliegen hin und her, ohne jemals zu lan­den. – stop
ping

dynamo

2

echo : 5.22 — Sind nicht vielle­icht Fin­gerge­lenke als Dynamoap­pa­rate zu betra­cht­en? — stop

ping

am radio

2

zoulou : 0.08 — Als ich das Radio ein­schal­tete, hörte ich, bei Ryan Air, ein­er Flugge­sellschaft, sollen die Stück­kosten, demzu­folge die Kosten je trans­portierten Pas­sagiers, erneut drama­tisch gesunken sein. Weit­er­hin wür­den in einem Land des fer­nen Ostens bald Züge über das Land rasen, die stets sehr pünk­tlich sein wer­den, da sie auch von selb­st­mor­den­den Men­schen niemals aufzuhal­ten sind, sie fahren immer weit­er und weit­er zu. Auf der ersten Seite ein­er spanis­chen Prov­inzzeitung sei ein leicht­gewichtiger Hund zu sehen, der im Moment sein­er Auf­nahme von ein­er Elek­tro­drohne über ein Haus­dach befördert wurde. Die Zahl der hungern­den Men­schen auf dieser Welt würde im kom­menden Jahr erfreulicher­weise um 10 Mil­lio­nen auf unter 800 Mil­lio­nen Men­schen sinken. Das war gestern. — stop
ping

das auge der ezmer

2

himalaya : 0.01 — Ich habe Palmi­ra zunächst nicht wirk­lich ernst genom­men. Sie erzählte vor eini­gen Wochen, das linke Auge ihrer Tochter Ezmer würde sich selt­sam ver­hal­ten, ich hörte kaum hin. Gestern dann habe ich Mut­ter und Tochter zufäl­lig in ein­er Straßen­bahn getrof­fen. Tat­säch­lich schien sich das linke Auge der kleinen Ezmer in Rich­tung des nahegele­ge­nen Ohres in Bewe­gung geset­zt zu haben. Die Frage, ob sie Schmerzen empfinde, verneinte Ezmer, auch könne sie mit ihrem wan­dern­den Auge weit­er­hin bestens sehen. Sie fragte mich: Wo will es denn hin? Woraufhin Ezmers Mut­ter Palmi­ra bemerk­te: Mach Dir keine Gedanken, Kleines, dein Auge geht nur ein biss­chen spazieren. — stop

holz

Top