lakritze

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MELDUNG. Ein halbes Pfund Lakritze bei El Corte [ Plaça de Catalunya, 14, Barce­lona ], damit in der Tüte ist Odile, eine Rose, zwan­zig­zwölf voller Glück über die Straße gegangen. Kurz darauf in Folge von Meteo­ri­ten durch­schla­gen: Kio­skdach, 2 Passeig de Gràcia, 12 Uhr 14, 3 Gramm. Mar­kise, 666 Gran Via de les Corts Cata­lanes, Erdge­schoss, 12 Uhr 16, 0.8 Gramm. Motor­haube, 67 Carrer del Bruc, 12 Uhr 17, 1.8 Gramm. Alle Feu­ers­brünste sind gelöscht. — stop

menschenimpark

chicago

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tango : 6.05 – Im Palmen­garten abends bei leichtem Regen auf einer Bank. Neben mir saß ein Mann, der mich nicht sehen, aber hören konnte. Ich bemerkte nicht sofort, dass er blind war, weil ich unter einem Regen­schirm saß, auch der Mann hatte einen Regen­schirm über sich aufge­spannt. Kaum hatte ich Platz genommen, notierte ich zunächst eine Liste von Büchern in mein Note­book, die sich mit der Arbeits­welt der Menschen beschäf­tigen. Sie schreiben schnell, sagte der Mann plötz­lich, sie sind wohl geübt. Sie haben viel­leicht etwas im Kopf, das sie los werden wollen. Als ich mich dem Mann zuwen­dete, bemerkte ich, dass er den Regen­schirm in eine lang­same Drehung versetzt hatte, sein Gesicht konnte ich nicht erkennen. Wenn das meine Schreib­ma­schine wäre, könnte ich Ihnen genau sagen, was sie gerade geschrieben haben. Ich kann hören, was meine Schreib­ma­schine schreibt. Der Mann machte eine kurze Pause. Was haben sie denn aufge­schrieben, wollte er dann wissen. Ich antworte: Einige Namen, Namen, die sie viel­leicht schon einmal gelesen haben. Melville. Bukowski. Upton Sinc­lair. Max von der Grün. – Gelesen nicht, antwor­tete der Mann, aber gehört habe ich zwei der Namen. Upton Sinc­lairs Dschun­gel­buch exis­tiert in engli­scher Sprache als Hörbuch für Blinde oder für Menschen, die nicht lesen wollen. Ich würde gerne lesen, aber das geht ja nicht so leicht, wenn man nichts sieht. Der Mann lachte. Ich höre dem Regen gern zu, aus meiner Sicht der Dinge ist das so, als würde der Regen schreiben, hören Sie, wie es regnet, wie es schreibt. Ist das nicht wunderbar! – Ich fragte den Mann, ob er denn lesen oder hören könne, was der Regen genau notiert in diesem Augen­blick. – Aber natür­lich, antwor­tete der Mann, es ist mit jedem Regen etwas anderes, nicht wahr, der Regen, der auf das Meer fällt, erzählt etwas anderes, als dieser Regen hier, der über einem kleinen See nieder­geht. Für einen Moment stand der Regen­schirm neben mir ganz still. Ich hörte ein Flüs­tern: Dieser Regen hier erzählt von Chicago. – stop

ping

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20 Gramm : eine Künstlerin erzählt

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zoulou : 18.25 – Inés, die mehrere Jahre lang in einem zentralen Madrider Postamt arbei­tete, erzählt, sie habe in der Stunde etwa 3200 Kurz­briefe mit der Hand sortiert. Jeder ihrer Arbeits­tage dauerte 6 Stunden reiner Arbeits­zeit, das heißt, Stun­den­zeit ohne Pause, da ihre Hände ruhten. Manchmal, wenn ihre rechte Hand schmerzte, habe sie mit der linken Hand sortiert, da sei sie aber nicht so schnell gewesen. Einmal habe sie errechnet, pro Nacht oder Schicht mit ihren Händen aus dem Sitzen heraus 385 Kilo­gramm ange­hoben und durch die Luft trans­por­tiert zu haben. Sie lebte damals in der Calle José Abascal in einem kleinen Atelier unter dem Dach, nun, im Alter von bald 40 Jahren, könne sie Grund der Bilder, die sie zeichne, hervor­ra­gend leben. Einmal wohne sie in London, dann wieder in Berlin, München, Paris. Manchmal träume sie noch von Briefen, die sie in ihrer posta­li­schen Zeit gerne betrachtet habe, Kuverts, die selbst Kunst­werke gewesen seien, liebe­voll gestaltet. Aber das genaue Betrachten der Briefe war natür­lich nicht gestattet, da das Betrachten eines Briefes viel zu lange dauere. Dass ich nun Zeit habe, niemals hetzen muss, sogar selbst entscheiden kann, wie schnell ich mein Abend­brot zu mir nehme, ist mein größtes Glück. – stop

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radare

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whiskey : 0.02 – Für die Posi­tion “parti­cles” waren gestern, Sonntag, 3. Mai, 12.718 Besuche, Aufrufe, Berüh­rungen zu verzeichnen. 324 Besuche scheinen von mensch­li­cher Natur gewesen zu sein, 12394 Besuche sind vermut­lich Maschinen, Compu­ter­pro­grammen, Routinen wie Radaren zuzu­ordnen. – Past midnight. Never knew such silence. – stop

menschendaemmerung

von nelken

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echo : 6.10 – Ich beob­ach­tete eine alte Frau, wie sie unter einem Regen­schirm im Garten kniend Nackt­schne­cken von Nelken­blumen pflückte. Neben sich hatte die alte Frau einen kleinen Eimer abge­stellt, der sich nach und nach mit Schne­cken­kör­pern füllte. Heftiger Regen. Ich konnte den Regen hören, wie er auf den Schirm der alten Frau trom­melte. Und ich hörte eine helle Stimme, die mit sich selbst oder zu den Schne­cken sprach. Immer wieder einmal stand die alte Frau vorsichtig auf, um in ihr Haus zurück­zu­kehren. Sie klopfte dann ihre Schuhe ab, stand hinter dem Fenster, schaute in den Garten und wartete bis weitere Schne­cken ohne Häuser in die Nähe ihrer Nelken gekommen waren. Diese Schne­cken reisten nicht von der Seite her an, sondern kamen tatsäch­lich von unten aus dem erdigen Boden herauf. Waren es wieder viele Schne­cken geworden, kehrte die alte Frau zurück in ihren Garten und erneut hörte ich den Regen und eine helle Stimme. Ich hatte bald den Eindruck, diese Schne­cken, die unab­lässig aus dem Boden stiegen, könnten rein aus etwas Haut und klarem Wasser bestehen, es waren derart viele, dass sie ganz einfach zunächst sehr kleine Wesen sein mussten, die sich zu ihrer vollen Entfal­tung mit Wasser füllten sobald es regnete. Nach drei Stunden war der Eimer gefüllt und die alte Frau deckte ihn mit einem Koch­topf­de­ckel zu, holte aus dem Haus einen weiteren Eimer, der etwas größer gewesen war, als der erste Eimer. Es dämmerte, dann war es dunkel, und als es richtig dunkel geworden war, finster, kehrte die alte Frau mit einer Taschen­lampe in den Garten zurück. Sie trug jetzt Gummi­stiefel an den Füßen und ein Nacht­hemd und es regnete noch immer. – stop

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dos passos

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india : 0.28 – Der Mann im Traum könnte John Dos Passos gewesen sein. Er trug einen Kittel wie ihn Ärzte tragen. Ich kam gerade sehr vorsichtig eine steile Treppe herunter, als ich ihn entdecke. Er stand breit­beinig unter einer Lampe, die sich langsam hin und her bewegte, weil wir uns auf einem Schiff befanden. Leichter Seegang. Um die Lampe herum schwebte ein Kind. Es musste gerade erst geboren worden sein, ein Stück der Nabel­schnur baumelte noch von seinem Bauch, außerdem schien das Wesen feucht zu sein, es war so groß wie eine Manda­rine, anstatt Armen und Händen verfügte es über Flügel, damit schwebte das Kind, und John Dos Passos schaute ihm zu. Er schien sich nicht zu wundern, ich hatte viel­mehr den Eindruck, als würde er das Kind­wesen prüfen. Eine Mutter war nicht zugegen. – stop

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paperwhite

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ulysses : 0.01 – Die Buch­staben verdrehen sich zur Zeit, ich schreibe zu schnell mit der Maschine, manchmal versäume ich ganze Wörter, als würden meine Hände glauben, dass ich Wörter schon geschrieben habe, obwohl ich sie noch nicht geschrieben habe. – Folgende Entde­ckung: Es ist tatsäch­lich möglich, für den Preis 1 Pista­zien­eis­kugel Joseph Roths Gesam­melte Werke auf ein Paper­white – Lese­gerät zu laden. James Joyces Ulysses kostet soviel wie keine Eiskugel. Virginia Woolfes Mrs. Dalloway eine halbe Kugel. Anton Pawlo­witsch Tsche­chows Kurz­ge­schichten, Novellen, Dramen wiederum 1 voll­stän­dige Kugel . Down­load­rei­se­zeit : 5,2 Sekunden. Bemer­kens­wert. Seltsam. – stop
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sydney

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MELDUNG. Sydney, 10 Macquarie St, 2. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 8 [ Marmor, Carrara : 6.22 Gramm ] voll­endet. – stop

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von der sekundenzeit

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delta : 0.02 – Wie jetzt der Sommer näher­kommt, ändert sich alles. Im Winter erfrieren Menschen, im Sommer fallen sie verse­hent­lich aus Fens­tern, die sie zum Vergnügen geöffnet haben. Bern­hardt L., der mich besuchte, erzählte von seinen Erfah­rungen, die er mit Todes­ur­sa­chen betrun­kener Menschen sammelte. Es war ein  ange­nehmer Abend. Eigent­lich wollten wir nicht von trau­rigen Geschichten spre­chen, aber dann wurde es doch irgendwie wieder einmal ernst. Wir saßen auf Garten­stühlen vor dem Fenster zu den Bäumen, die in den Himmel staubten, und beob­ach­teten meine Schnecke Esme­ralda, die sich der frischen Abend­luft näherte. Sie kroch ziel­strebig über den Boden hin, dann die Wand hinauf und ließ sich auf dem Fens­ter­brett draußen nieder. Wenn sich Schne­cken setzen, bewegen sie sich kaum noch, ihr feuchter Körper scheint indessen etwas breiter zu werden. Mein Bekannter Bern­hardt L. war sehr inter­es­siert an der Exis­tenz Esme­raldas in meiner Wohnung, er hatte sie noch nie zuvor gesehen und auch noch nicht von ihr gehört. Er wollte wissen, woher sie gekommen war, wie alt sie wohl sei, und warum sie diesen sehr schönen Namen Esme­ralda von mir erhalten habe. Ich erin­nere mich, wie er mit einem Finger zärt­lich über Esme­raldas Häus­chen strich, während er von einem unglück­li­chen Mann erzählte, der ein Zeit­wirt­schaftler von Beruf gewesen sein soll. Dieser Mann habe Minuten gezählt, Sekunden, in der Beob­ach­tung arbei­tender Menschen in einer Fabrik. Seine Aufgabe sei gewesen, Zeit­räume aufzu­spüren, die durch Verän­de­rungen in den Bewe­gungen der beob­ach­teten Menschen einge­spart werden könnten. In einem Brief, der sehr ausführ­lich sein Unglück notiert, habe er berichtet, dass es ihm zuletzt nicht möglich gewesen sei, eine Tasse Kaffee von der Küche in sein Wohn­zimmer zu tragen, ohne darüber nach­zu­denken, ob es wirt­schaft­lich sei, mit nur einer Tasse Kaffee in der Hand die Räume zu wech­seln, wenn es doch möglich wäre, zwei Tassen Kaffee zur glei­chen Zeit zu trans­por­tieren. – stop

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winterzeiten

vor neufundland 1.16.28 uhr : kirschblüten

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zoulou : 0.08 – Die Nach­richt, ein afri­ka­ni­scher Mann von der Elfen­bein­küste habe bereits am vergan­genen Mitt­woch seinen 8 Jahre alten Sohn in einem Roll­koffer über die marok­ka­nisch – spani­sche Grenze nach Europa trans­fe­riert. Das Kind wurde während einer Koffer­durch­leuch­tung lebend entdeckt, sein Vater fest­ge­nommen. Ich erin­nere mich, vor zwanzig Jahren einmal beob­achtet zu haben, wie am Central­bahnhof ein Kind in ein Gepäck­schließ­fach klet­terte, eine Frau, viel­leicht die Mutter des Kindes, klappte die Tür des Schließ­fa­ches zu, wartete einige Sekunden, dann öffnete sie die Tür wieder und das Kind klet­terte aus dem Fach. Das Kind lachte. – Meldung von Noe aus 805 Fuß Meeres­tiefe vor Neufund­land. ANFANG 01.14.02 | | | > s t o p habe das wort sommer­zeit notiert. s t o p kurz darauf einge­schlafen. s t o p als ich erwache liegt meine hand noch auf der tastatur der maschine. s t o p ein gelber fisch. s t o p behutsam. s t o p als ob er mit meinem hand­schuh spre­chen wollte. s t o p werde bald ohne luft sein. s t o p das ist denkbar, s t o p ohne erin­ne­rung. h u n t i n g r e d f i s h f r o m a b o v e. s t o p planlos. s t o p ein laut­loses ende. s t o p der duft der kirsch­blüten. s t o p von einem atemzug zum anderen. s t o p stark. s t o p süß. s t o p viel­leicht flieder? t w o y e l l o w f i s h e s l e f t h a n d. s t o p | | | ENDE 01.16.28

nach­richten von noe »

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ein ball

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whiskey : 0.12 – Einmal beob­ach­tete ich in New York einen Mann, wie er das Verhalten eines Balles in einem Wagon der Subway studierte. Es war ein sonniger Tag im Januar, ich fuhr gerade mit der Linie N Rich­tung Coney Island, als der Mann, der mir im Zug unmit­telbar gegen­über Platz genommen hatte, einen roten Ball, von weißen Punkten bedeckt wie ein Flie­gen­pilz, aus einer Tasche holte und auf den Boden legte. Sofort rollte der Ball gegen die Fahrt­rich­tung davon, verlor sich zunächst zwischen den gestie­felten Beinen einiger Reisender, war dann für einen Moment nicht zu sehen, so dass der Mann, der den Ball frei­ge­lassen hatte, sich nach vorne beugen musste, um ihn wieder in den Blick zu bekommen. Kurz darauf kehrte der Ball zurück, beschrieb einen weiten Bogen, stieß mehr­fach gegen die Füße einer schla­fenden Frau, die die Berüh­rungen des Balles aber nicht zu bemerken schien und einfach weiter­schlief. Indessen verzeich­nete der Mann mittels eines Blei­stiftes den Weg des Balles durch den Wagon in ein Notiz­buch, scharfe Rich­tungs­wechsel, enge Kreise, oder auch ruhi­gere Bewe­gungen des Balles über den Gang des Wagons wurden in dieser Weise präzise doku­men­tiert. Einmal nahm ein Kind den Ball in seine Hände, da machte der Mann an dem Ort, da der Ball den Boden verließ, ein Kreuz auf sein Papier. Nach einer halben Stunde stieg der Mann aus dem Zug, und ich dachte noch, dass ich diesem Mann und seinem Ball viel­leicht nie wieder begegnen würde. Ich notierte: Hier in New York begegnet man ständig Menschen, die man nie wieder sehen wird. Drei Tage später bemerkte ich einen roten Ball mit weißen Punkten auf einer Fähre nach Staten Island, er rollte langsam über das Hurri­cane-Deck. – stop

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winterherz

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alpha : 6.52 – Nehmen wir einmal an, es exis­tierten Menschen, die je über ein schla­gendes, also ein aktives Herz verfügen, und außerdem über ein wartendes Herz, das ganz still im Brust­korb liegt, klein, gefaltet, ein Alters­herz oder ein Winter­herz. Von dieser Vorstel­lung wollte ich in der vergan­genen Nacht einem kleinen Mann irani­scher Herkunft erzählen. Aber kaum hatte ich Luft geholt und meinen ersten Satz zu Ende gespro­chen, begann der kleine Mann seiner­seits eine Geschichte zu erzählen. Er sagte, er habe Merk­wür­diges erlebt, das Fest­netz­te­lefon seiner Wohnung sei gestört gewesen, er habe deshalb die Tele­fon­ge­sell­schaft über sein Mobil­te­lefon ange­rufen. Eine weib­liche Stimme habe sich bald gemeldet, die sich sehr freund­lich mit ihm unter­halten habe in der Art und Weise, dass sie Fragen stellte. Sie fragte zum Beispiel: Könnten Sie bitte Ihr Problem genau beschreiben. Oder sie erkun­digte sich, ob seine Inter­net­ver­bin­dung noch funk­tio­nieren würde, ob sein Telefon über ausrei­chende Strom­ver­sor­gung verfüge, wie lange Zeit er in etwa nicht mit seinem Telefon tele­fo­niert habe. Das Gespräch dauerte, so erzählte der kleine Mann, einige Minuten, bis er bemerkte, dass tatsäch­lich eine Maschi­nen­stimme zu ihm sprach. Weitere drei Minuten verstri­chen, dann habe er sich vorsichtig erkun­digt, ob er mit einem mensch­li­chen Wesen der Tele­fon­zen­trale verbunden werden könnte. In diesem Moment brach das Programm die Unter­hal­tung ab. Es wurde still am Telefon, keine Fragen, keine Antworten, kurz darauf war ein Pfeifen zu hören. Und das soll nun einer am frühen Morgen noch verstehen. Der Himmel leicht bewölkt. – stop

melly

morgens kurz nach fünf

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zoulou : 6.10 – Eine Stech­mücke setzte sich in der Dämme­rung nach einer langen Arbeits­nacht auf meinen Arm. Ich beob­ach­tete, wie sie ihren Rüssel an mich legte, aber sie stach nicht zu, als ob sie sich meiner Reife nicht sicher geworden sei. Kurz darauf wartete ich vor einer Kasse in einer Menschen­schlange. Irgendwo in der Ferne lachte eine Kassie­rerin. Plötz­lich bemerkte ich, dass ich in meinem Leben noch nie eine Ohrfeige bekommen habe, oder alle Ohrfeigen, die ich bekommen habe, vergessen konnte. So endete meine Nacht mit zwei span­nenden Geschichten, ich war zufrieden. – stop
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freitag

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india : 4.10 – Gestern Abend im Gespräch entdeckte ich die Exis­tenz der Ohrmu­schel­for­scher. Es exis­tieren außerdem Herz­for­scher, Knochen­for­scher, Lungen­for­scher, Kehl­kopf­for­scher. An dieser Stelle höre Ich auf zu erzählen. Heute ist Freitag. Guten Morgen. – stop
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terminal 1

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india : 7.02 – Eine kugel­runde Frau sitzt am Flug­hafen sehr aufrecht auf einer Bank. Sie hält in jeder Hand ein Telefon. Einmal betrachtet sie das eine Telefon, dann wieder das andere Telefon. Wie ich sie so beob­achte, glaube ich zu bemerken, dass sie für beide Tele­fone zärt­liche Gefühle zu hegen scheint, als seien sie kleine Tiere, die manchmal zu ihr spre­chen. Ich spüre plötz­lich selbst zärt­liche Gefühle in mir wachsen für diese Frau oder dieses Bild der Frau mit ihren Tele­fonen. Unver­mit­telt schaut sie mich an, und ich senke meinen Blick, öffne schnell meine Schreib­ma­schine und beginne zu notieren, obwohl ich nichts im Kopf habe, das ich notieren könnte. Also schreibe ich zunächst, dass ich gerade eben notiere, obwohl ich nichts zu notieren habe, weil ich verlegen bin. Ich schreibe, eine kugel­runde Frau sitzt früh­mor­gens sehr aufrecht auf einer Bank. Bald wird Sommer werden. Am Flug­hafen exis­tieren weder Vögel noch Mäuse. – stop

ameisenvogel

abschnitt neufundland

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Abschnitt Neufund­land meldet folgende gegen Küste gewor­fene Arte­fakte : Wrack­teile [ Seefahrt – 507, Luft­fahrt – 701, Auto­mo­bile – 53], Gruß­bot­schaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert – 8, 19. Jahr­hun­dert – 66, 20. Jahr­hun­dert – 1001 , 21. Jahr­hun­dert – 355 ], Trol­ley­koffer [ blau : 7, rot : 66, gelb : 5, schwarz : 532 ] physical memo­ries [ bespielt – 6, gelöscht : 122 ], Armbanduhr – Aude­mars Piguet / Typ Royal Oak Grande : [ 1 ], Frösche [ Pärchen ] auf Treib­holz [ 8 ], Öle [ 0.76 Tonnen ], Prothesen [ Herz – Rhyth­mus­be­schleu­niger – 8, Knie­ge­lenke – 66, Hüft­ku­geln – 2, Brillen – 562 ], Halb­schuhe [ Größen 28 – 39 : 54, Größen 38 – 45 : 88 ], Plas­tik­san­dalen [ 307 ], Kühl­schränke [ 3 ], Tele­fone [ 65 ], Porzel­lan­pup­pen­hände [ 16 ] Gasmasken [ 17 ], Tief­see­tauch­an­züge [ ohne Taucher – 5, mit Taucher – 18 ], Pfei­fen­köpfe – Bruyè­re­holz [ 2 ], Engels­zungen [ 51 ] | stop |

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ein pinguin

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india : 6.38 – Ludwig, ich traf ihn am Frei­tag­abend während eines Spazier­gangs zufällig unten am Fluss, erzählte von einem Expe­ri­ment, das er vor wenigen Wochen im April gestartet haben will. Es gehe, sagte Ludwig, um den Versuch, Luft­post­briefe nach Aleppo zu verschi­cken. Weder habe er selbst Freunde noch Fami­li­en­an­ge­hö­rige in Aleppo, trotzdem habe er ein gutes Dutzend Briefe in die zerstörte Stadt geschickt, zufäl­lige Straßen, zufäl­lige Häuser, zufäl­lige Namen. Eine Freundin habe ihm bei seiner Arbeit geholfen, Lucille, die die arabi­sche Sprache mühelos spre­chen und schreiben könne. 5 seiner Briefe seien nach wenigen Tagen bereits zurück­ge­kommen, sie waren je mit einem hand­schrift­li­chen Vermerk in deut­scher Sprache versehen: Zur Zeit nicht zustellbar. 12 weitere Briefe seien noch verschollen, 1 Brief war jedoch zu ihm zurück­ge­kehrt. Der Brief schien tatsäch­lich bis in die Stadt Aleppo gekommen zu sein, ein Stempel in fran­zö­si­scher Sprache begrün­dete die Rück­sen­dung des Briefes: Adresse insuf­fi­sante. Diese Nach­richt hatte Ludwig erwartet, nicht aber, dass auf dem Brief­um­schlag selbst eine Nach­richt in der Gestalt eines hand­ge­zeich­neten Pinguins hinter­lassen worden war. – stop
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violet

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echo : 0.01 – Viel­leicht ist das so, dass sich die Seele eines Ortes, beispiels­weise die Seele eines Fähr­schiffes, auf Wörter über­trägt, wenn diese Wörter an dem Ort, von dem sie erzählen, geschrieben werden während einer längeren Zeit der Beob­ach­tung. Ich sehe, was ich nicht erfinden kann. Oder ich erfinde, was ich nur hier erfinden kann. Ja, so könnte das sein. Ein befrei­ender Gedanke. – Ich träumte von einem Mann, der keine Komma­zei­chen ertrug, weswegen er Komma­zei­chen einer­seits durch Punkte ersetzte, ander­seits darauf achtete, möglichst kurze, einschich­tige Sätze zu formu­lieren. – stop

violet

zitronengelb

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charlie : 7.08 – Über meinen Groß­vater, den ich nie persön­lich kennen­ge­lernt habe, ist mir nicht sehr viel bekannt. Er soll ein warm­her­ziger Mensch gewesen sein, der als Beamter der Stadt München in ein kleines Büro­zimmer versetzt worden war, das im Winter nicht beheizt werden konnte. Mein Groß­vater wollte nicht in die Partei eintreten, deshalb musste er frieren, deshalb war er sehr oft krank gewesen. Die Familie, meine Mutter war ein Mädchen von damals fünf oder sechs Jahren, bewohnte eine kleine Wohnung in einem nörd­li­chen Stadt­teil. Sie waren dort zu fünft, die Eltern und ihre drei Töchter. In der Küche der Wohnung im zweiten Stock war Parkett­fuss­boden verlegt, keine Selbst­ver­ständ­lich­keit für diese Zeit. Wenn Bomben ins Münchener Zentrum fielen, zitterte in Moosach der Boden und die Hölzer des Parketts hüpften wie Frösche herum. Vor einem Spiegel steht mein Groß­vater. Er rasiert sich mit zitternden Händen. Er hat Zucker und kein Insulin. Er ist immer sehr durstig und spricht vom Durch­halten wegen der Rente. Vor allem ist sein Gesicht so gelb wie eine Zitrone. Diese Vorstel­lung habe ich einer Erzäh­lung meiner Mutter unlängst entnommen, die ich hörte, als wir über den Nord­friedhof gingen, um das Grab der Groß­mutter und des Groß­va­ters zu besu­chen. Bald wird das Grab verschwunden sein, aber die Knochen bleiben im Boden zurück. Zum Zeit­punkt unseres Besu­ches war alles anwe­send, wie früher noch, als ich selbst, ein Kind, an Sonn­tagen vor das Efeu­grab getreten war. Einmal stand ich dort in blauen Sandalen. Auf dem Grab­stein spazierte eine Schnecke. Sie legte eine Blei­stift­strecke zurück, dann blieb sie sitzen und schlief in der warmen Herbst­sonne ein. – stop
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schirme

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olimambo : 7.08 – Träume scheinen sich zu verhalten wie Fall­schirme kurz nach einer Landung. Für einen Moment zeigen sie sich noch in ihrer vollen Pracht, dann sinken sie in sich zusammen, werden weniger und weniger, bis sie fast ganz unsichtbar geworden sind. – stop

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eine chinesin

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echo : 1.24 – Im Zug saß ich einer alten Frau gegen­über, die in einer chine­si­schen Zeitung las, ohne eine Brille zu verwenden. Das war deshalb bemer­kens­wert, weil die Zeichen der Zeitung sehr klein waren, aber nicht nur die Zeichen der Zeitung, sondern auch jene Schrift­zei­chen, die die alte Frau neben die Zeilen der Zeitung setzte, waren außer­or­dent­lich kleine Zeichen. Sie notierte mit einem Blei­stift, den sie immer wieder spitzte. Und obwohl der Zug uns Reisende beständig erschüt­terte, wurden ihre kompli­zierten Schrift­zei­chen mit je einer sehr schnellen Hand­be­we­gung sicher auf das Papier gesetzt. Kein Blick zu mir hin. Aber ich spürte, dass sie meine beob­ach­tenden Blicke selbst bemerkte. Nach zwei Stunden verließ die alte chine­si­sche Frau den Zug. Sie sagte: Auf Wieder­sehen! – Sehr helle Stimme. – stop

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lichtzimmer

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nordpol : 0.02 – Einmal träume ich von einem Haus ohne Fenster und ohne Türen. Die Zimmer des Hauses sind von strah­lendem Licht erfüllt. Das Licht kommt aus dem Boden, den Wänden, von der Decke. In einer Ecke kauert ein Mann. Seine Augen sind gerötet. Er steht auf, geht auf unsi­cheren Füßen umher, sucht nach einem Schalter, viel­leicht um das Licht zu löschen. Vögel leben in den Zimmern des Hauses, hunderte kleine Vögel. Sie fliegen hin und her, ohne jemals zu landen. – stop
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dynamo

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echo : 5.22 – Sind nicht viel­leicht Finger­ge­lenke als Dyna­mo­ap­pa­rate zu betrachten? – stop

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am radio

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zoulou : 0.08 – Als ich das Radio einschal­tete, hörte ich, bei Ryan Air, einer Flug­ge­sell­schaft, sollen die Stück­kosten, demzu­folge die Kosten je trans­por­tierten Passa­giers, erneut drama­tisch gesunken sein. Weiterhin würden in einem Land des fernen Ostens bald Züge über das Land rasen, die stets sehr pünkt­lich sein werden, da sie auch von selbst­mor­denden Menschen niemals aufzu­halten sind, sie fahren immer weiter und weiter zu. Auf der ersten Seite einer spani­schen Provinz­zei­tung sei ein leicht­ge­wich­tiger Hund zu sehen, der im Moment seiner Aufnahme von einer Elek­tro­drohne über ein Haus­dach beför­dert wurde. Die Zahl der hungernden Menschen auf dieser Welt würde im kommenden Jahr erfreu­li­cher­weise um 10 Millionen auf unter 800 Millionen Menschen sinken. Das war gestern. – stop
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das auge der ezmer

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hima­laya : 0.01 – Ich habe Palmira zunächst nicht wirk­lich ernst genommen. Sie erzählte vor einigen Wochen, das linke Auge ihrer Tochter Ezmer würde sich seltsam verhalten, ich hörte kaum hin. Gestern dann habe ich Mutter und Tochter zufällig in einer Stra­ßen­bahn getroffen. Tatsäch­lich schien sich das linke Auge der kleinen Ezmer in Rich­tung des nahe­ge­le­genen Ohres in Bewe­gung gesetzt zu haben. Die Frage, ob sie Schmerzen empfinde, verneinte Ezmer, auch könne sie mit ihrem wandernden Auge weiterhin bestens sehen. Sie fragte mich: Wo will es denn hin? Woraufhin Ezmers Mutter Palmira bemerkte: Mach Dir keine Gedanken, Kleines, dein Auge geht nur ein biss­chen spazieren. – stop

holz

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