bristolhotel

9

alpha : 2.26 — Fol­gende Per­son, ein Mann, kön­nte reine Erfind­ung sein. Der Mann war mir während eines Spazier­ganges aufge­fall­en, dass heißt, ich hat­te einen Ein­fall oder eine Idee, oder ich machte vielle­icht eine Ent­deck­ung. Ich kön­nte von dieser Per­son, die sich nicht wehren kann, behaupten, dass sie nicht ganz bei Ver­stand sein wird, weil sie seit langer Zeit in einem Hotelz­im­mer lebt, welch­es sie niemals ver­lässt. Das Hotel, in dem sich dieses Zim­mer befind­et, erre­icht man vom Flughafen der nor­wegis­chen Stadt Bergen aus in 25 Minuten, sofern man sich ein Taxi leis­ten kann. Es ist das Bris­tol, unweit des Nation­althe­aters gele­gen, dort, im drit­ten Stock, ein kleines Zim­mer, der Boden hell, sodass man meinen möchte, man spazierte auf Wal­knochen herum. Nun aber zu dem Mann, von dem ich eigentlich erzählen will. Es han­delt sich um einen wohlhaben­den Mann im Alter von fün­fzig Jahren. Er ist 176 cm groß, gepflegt, kaum Haare auf dem Kopf, wiegt 73 Kilo­gramm, und trägt eine Brille. Sieben weiße Hem­den gehören zu ihm, Strümpfe, Unter­wäsche, dunkel­braune Schuhe mit weichen Sohlen, ein hell­grauer Anzug und ein Kof­fer, der unter dem Bett ver­wahrt wird. Auf einem Tisch nahe eines Fen­sters, zwei Hand­com­put­er. In den Anschluss des einen Com­put­ers wurde ein USB-Spe­icher­medi­um einge­führt. Auf dem Bild­schirm sind Verze­ich­nisse und Dateina­men zu erken­nen, die sich auf jen­em Spe­icher­medi­um befind­en. Auf dem Bild­schirm des anderen Com­put­ers ein ähn­lich­es Bild, Verze­ich­nisse, Dateina­men, Zei­tangaben, Größenord­nun­gen. Was wir sehen, sind Com­put­er des Mannes, der Mann arbeit­et in Bergen im Bris­tol im Zim­mer auf dem Knochen­bo­den. Er sitzt vor den Bild­schir­men und öffnet Dateien, um sie zu ver­gle­ichen, Texte im Block­satz. Zeile um Zeile wan­dert der Mann mit Hil­fe ein­er Bleis­tift­spitze durch das Gebi­et der Worte, die ich nicht lesen kann, weil sie in ein­er Sprache notiert wur­den, die mir unbekan­nt. Es scheint eine ver­schlüs­selte Sprache zu sein, weshalb der Mann dazu gezwun­gen ist, jedes Zeichen für sich zu über­prüfen. Fünf Stun­den Arbeit am Vor­mit­tag, fünf Stun­den Arbeit am Nach­mit­tag, und weit­ere fünf Stun­den am Abend bis in die Nacht. Der Mann trinkt Tafel­wass­er, raucht nicht, und isst gern Fisch, Dorsch, See­teufel, Stein­butt. 277275 Dateien sind zu über­prüfen, 12.532.365 Seit­en. Er scheint noch nicht weit gekom­men zu sein. Die Vorhänge der Fen­ster sind zuge­zo­gen, es ist ohne­hin ger­ade eine Zeit ohne Licht. Ein Mäd­chen, das ihm manch­mal seinen Fisch serviert, macht ihm schöne Augen. Mor­gens sind die Hörn­er der Schiffe zu vernehmen, die den Hafen der Stadt ver­lassen. Es ist der 1. Dezem­ber 2013. — stop
polaroidhumming

sekundenfliege

9

nord­pol : 1.32 — In der ver­gan­genen Nacht habe ich eine E-Mail notiert. Es war kurz nach drei Uhr. Die Frau, an die ich schrieb, lag ver­mut­lich in einem Bett und schlief. Dass ich an Men­schen schreibe, die in dem Moment, da ich notiere, schlafen, ist für mich nicht ungewöhn­lich, weil ich immer­hin wache, während alle anderen in mein­er europäis­chen Umge­bung schlafen. Gestern aber hat­te ich ein selt­sames Gefühl. Ich meinte, mit der schlafend­en Frau unmit­tel­bar sprechen zu kön­nen, in dem ich notierte. Ich wusste, dass sie bald auf­ste­hen würde, weil sie gegen 4 Uhr ein­er wichti­gen Auf­gabe nachzuge­hen hat­te. Ich notierte: Liebe H., es ist kurz nach drei Uhr. Lei­der musst Du bald auf­ste­hen. Aber das weißt Du ver­mut­lich ger­ade noch nicht. – In diesem Moment hörte ich auf zu schreiben, ich war mir nicht sich­er, ob ich nicht vielle­icht ger­ade Unsinn notierte. Plöt­zlich die Frage, ob man davon sprechen kann, dass man im Schlaf etwas weiß, obwohl man ger­ade daran nicht denken kann, weil man von etwas Anderem träumt? Ich dachte: Lieber Louis, aber natür­lich weißt du, dass in Dein­er Küche Scheiben ein­er Enten­brust darauf warten, verzehrt zu wer­den. Du weiß das genau seit zwei Stun­den, obwohl Du Dich sei­ther in Gilles Leroys Roman Zola Jack­son ver­tieftest. Ja, so dachte ich. Auch erin­nerte ich mich an eine Win­ter­fliege, die seit gestern Mor­gen durch meine Woh­nung brummt. Vor drei Minuten habe ich von ihrer Exis­tenz schein­bar nichts gewusst, weil ich mich nicht erin­nerte, als wäre sie niemals anwe­send gewe­sen. Irgen­det­was ist selt­sam hier. — stop
ping

drohne

9

nord­pol : 3.55 — Das Wort Drohne ist im Wörter­buch der Gebrüder Grimm heut Nacht nicht zu find­en, aber das feine Wort Droll­birne. — stop
ping

radioisotop

9

marim­ba : 6.58 — In der Ver­gan­gen­heit habe ich mir oft gewün­scht, ich kön­nte mein Leben aus der Sicht eines Vogels aufze­ich­nen, der mich begleit­et, Gespräche, die ich täglich mit Men­schen führe oder heim­liche Gespräche mit mir selb­st. Auch würde aufgenom­men, was ich gese­hen habe, während ich reiste, einen Ken­tau­ren nahe des Müll­ner­horns, Regen­tropfen am Strand von Coney Island, eine Ameise auf Georges Perecs Schul­ter während ein­er Fahrt in der Paris­er Metro, meinen Kör­p­er, während ich schlief. Manch­mal ist es angenehm, sich zu wün­schen, was nicht möglich zu sein scheint, eine große Frei­heit der Speku­la­tion. Aber in den ver­gan­genen Tagen wurde mir bewusst, dass die Ver­wirk­lichung eines mich beglei­t­en­den Vogel­we­sens nicht länger utopisch ist. Ich kann mir eine fliegende Mas­chine ohne weit­ere Anstren­gung vorstellen, ein kün­stlich­es Luftwe­sen, vier Pro­peller, angetrieben von ein­er leicht­en Radionuk­lid­bat­terie, die sich tat­säch­lich für Jahrzehnte an mein­er Seite in der Luft aufhal­ten kön­nte, ein beina­he laut­los­es Wesen in der Gestalt eines Kolib­ris, eines Tauben­schwänzchens oder ein­er Biene. Kaum hat­te ich das Flu­gob­jekt aus sein­er Trans­port­box gehoben und aktiviert, wusste ich, dass es für immer mein­er Per­son ver­bun­den sein wird, meinem per­sön­lichen Luftraum, den ich mit mir führe wohin ich auch gehe. Selt­sam ist vielle­icht, dass es gle­ich­wohl unmöglich sein wird, dieses Wesen je wieder einz­u­fan­gen, weil es sehr schnell ist in seinen Reak­tio­nen, schneller als meine Hand, schneller als eine Gewehrkugel, ein Wesen, das über die Flugflucht­fähigkeíten ein­er Stuben­fliege ver­fügt. – Heute Nacht pfeift ein Sturmwind übers Dach. Ich frage mich, was die Vögel ger­ade machen. Höre das Moped eines Zeitungs­boten. Ich habe den Mann, der eine Frau sein kön­nte, noch nie gese­hen. Er ist pünk­tlich wie immer. Ich werde gle­ich das Fen­ster öff­nen. — stop

polaroidqueen

MELDUNG : kirsche No 762

picping

MELDUNG. San Fran­cis­co, 24, Chabot Ter­race, 2. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 762 [ Mar­mor, Car­rara : 0.88 Gramm ] vol­len­det. — stop
ping

schirmqualle

2

oli­mam­bo

~ : oe som
to : louis
sub­ject : SCHIRMQUALLE
date : dez 06 13 6.22 p.m.

Gestern ist Marlen zu ihrer zweit­en Exkur­sion in die Tiefe zu Noe aufge­brochen. Seit sie von ihrem ersten Besuch zurück­gekehrt war, hat­te sie nicht viel mit uns gesprochen. Sie erzählte lediglich, dass sie sich während der ersten Stun­den ihres Aufen­thaltes unter der Wasser­ober­fläche in ihrem Taucher­anzug vor allem darauf konzen­tri­ert habe, sich möglichst nicht zu bewe­gen. Immer dann, wenn sie sich bewegte, sei die Enge ihres Habi­tats deut­lich spür­bar gewor­den, sie habe dann unter Atem­not gelit­ten. Solange sie sich jedoch kaum bewegte, sei alles gut gewe­sen. Noe habe keine Notiz von ihr genom­men. Sie habe seine Augen bestens erkan­nt hin­ter der Scheibe seines Helmes, aber er selb­st habe nicht ein­mal ver­sucht, ihre, Mar­lens Augen, aufzusuchen mit einem Blick. Es sei ihr unheim­lich gewe­sen, entwed­er sei Noe sehr diszi­plin­iert oder längst ver­rückt gewor­den. Natür­lich habe sie geschlafen, selb­stver­ständlich habe sie während des Schlafens ihre Augen geschlossen, und natür­lich könne sie nicht auss­chliessen, dass Noe ihr in dieser Zeit nicht doch etwas Aufmerk­samkeit gewid­met haben kön­nte. In den lan­gen Stun­den ihres Besuch habe er ohne Unter­brechung vorge­le­sen. Er habe das Buch indessen mit seinen eis­er­nen Hand­schuhen fest­ge­hal­ten. Fis­che waren nicht in ihre Nähe gekom­men, weshalb sie Fis­che nicht beschreiben könne, aber eine blau leuch­t­ende Schir­mqualle. Sie habe das Seil, an dem Noe befes­tigt ist, genauer betra­chtet, es sei doch sehr dünn, auch Noes Atemver­sorgung wirke höchst zer­brech­lich. Natür­lich habe sie nicht unmit­tel­bar ver­standen, welche Wörter und Sätze Noe for­mulierte, obwohl sie ihm sehr nah gekom­men war. Sie habe jedoch Noes Stimme mit­tel­bar über den Funk des Schiffes gehört, eine Stimme, wie aus ein­er sehr großen Ent­fer­nung. – Weit­er­hin Schneefall und heftiger Wind. Es wird früh dunkel und sehr spät wieder hell. Bob ist seekrank. Ich melde mich wieder. Ahoi. Dein OE SOM

gesendet am
6.12.2013
1878 zeichen

oe som to louis »

ping

schlafen in turku

pic

himalaya : 2.32 — Vielle­icht wer­den Sie sich erin­nern. Vom Schlafen habe ich bere­its im Jahr 2008 notiert, und zwar im Monat Novem­ber. Vor weni­gen Minuten, als ich nach schweben­den Bal­lo­nen über der Stadt Turku suchte, habe ich einen entsprechen­den Text unter dem Titel “Schlafen in Turku” in den Verze­ich­nis­sen der Google-Such­mas­chine wieder­ent­deckt. Der Text ist mir noch immer nah, weshalb ich ihn mitgenom­men und an diesem Zeitort einge­fügt habe. Ich stelle nun zum zweit­en Mal die Frage: Ist Ihnen vielle­icht bekan­nt, dass Wale, Pottwale genauer, wenn sie schlafen, Kopf nach oben im Wass­er schweben? Langsam sink­ende Türme, leise sin­gend, leise knat­ternd, fried­volle Ver­samm­lun­gen, die mit dem Golf­strom treiben. Wenn Sie ein­mal wach liegen soll­ten, wenn Sie nicht schlafen kön­nen, weil Sor­gen Sie bedrän­gen oder andere schmerzvolle Gedanken, wird es hil­fre­ich sein, eine Tauch­fahrt zu unternehmen im Kopf durchs Bild der träu­menden Wale. Oder Sie reisen an die Ost­see, nehmen die näch­ste Fähre nach Turku. Sie wer­den dann schon sehen. Bal­lone, zum Beispiel, Bal­lone wer­den Sie sehen am Hor­i­zont, Bal­lone am dämm­ri­gen Him­mel, dort müssen Sie hin. Alles ist gut zu Fuß zu erre­ichen, eine Stunde oder zwei, nicht länger, je nach Gepäck. Man wird Sie schon erwarten, man wird Sie fre­undlich begrüßen, man wird Sie fra­gen, wie lange Zeit Sie zu schlafen wün­schen, welch­er Art die Dinge sind, die Sie zu vergessen haben, die Sie beschw­eren. Man wird Ihren Blick zum Him­mel lenken und Sie wer­den erken­nen, dass unter den Bal­lo­nen Men­schen schweben, aufrecht und reg­los, in Daunen­män­tel gehüllt, von einem leicht­en Wind hin und her geschaukelt, hun­derte, ja tausende Men­schen. — - Stille herrscht. — - Nur das Fauchen der Feuer­maschi­nen von Zeit zu Zeit. - Drei Uhr dreiund­dreis­sig auf dem Maid­an zu Kiew. — stop

polaroidkiemenana

ai : LAOS

aihead2

MENSCH IN GEFAHR : “Auch ein Jahr nach der Ver­schlep­pung von Som­bath Som­phone haben die lao­tis­chen Behör­den immer noch keine umfassenden Ermit­tlun­gen ein­geleit­et, um sein Schick­sal aufzuk­lären. Deshalb beste­ht Anlass zu großer Sorge um den 62-Jähri­gen. Der zivilge­sellschaftlich engagierte Aktivist wurde vor knapp einem Jahr an einem Kon­trollpunkt der Polizei in Vien­tiane, der Haupt­stadt von Laos, ent­führt. Auf­grund ein­er chro­nis­chen Erkrankung ist Som­bath Som­phone auf die tägliche Ein­nahme von Medika­menten angewiesen. / Som­bath Som­phone wurde am Abend des 15. Dezem­ber 2012 an einem Kon­trollpunkt der Polizei in Vien­tiane in Anwe­sen­heit von Sicher­heitsper­son­al in einem Last­wa­gen ver­schleppt. Sei­ther ist gut ein Jahr ver­gan­gen, und bis­lang fehlt von ihm jede Spur. Der bevorste­hende Jahrestag des “Ver­schwindens” von Som­bath Som­phone und der Man­gel an umfassenden und unpartei­is­chen Unter­suchun­gen in seinem Fall geben Anlass zur Sorge um das Schick­sal und Woh­lerge­hen des Aktivis­ten. /Die Ver­schlep­pung von Som­bath Som­phone wurde mit ein­er Verkehrskam­era aufgeze­ich­net. Sein­er Fam­i­lie war es gelun­gen, das Video­ma­te­r­i­al zu kopieren. Die lao­tis­chen Behör­den behaupten, auf den Auf­nah­men seien nicht die Kennze­ichen der Fahrzeuge zu sehen, mit denen Som­bath Som­phone ver­schleppt wurde. Die USA, die Europäis­che Union, Mit­glieder des Ver­bands Südostasi­atis­ch­er Natio­nen (ASEAN) sowie die UN-Hochkom­mis­sarin für Men­schen­rechte haben die lao­tis­chen Behör­den wieder­holt dazu aufge­fordert, die Ver­schlep­pung von Som­bath Som­phone drin­gend zu unter­suchen. Den­noch scheinen die bis­lang unzure­ichen­den Ermit­tlun­gen still zu ste­hen. Tech­nis­che Unter­stützung bei der Auswer­tung des Video­ma­te­ri­als haben die Behör­den abgelehnt. Drei par­la­men­tarische Del­e­ga­tio­nen, die nach Laos fuhren, um den Fall direkt bei den Behör­den vorzubrin­gen, sehen kein­er­lei Anze­ichen dafür, dass die Behör­den bei den Ermit­tlun­gen Fortschritte machen oder dass echte Anstren­gun­gen unter­nom­men wer­den, Som­bath Som­phone zu find­en und mit sein­er Fam­i­lie zu vere­inen. Offen­sichtlich fehlt es an der ern­sthaften Absicht, das Schick­sal von Som­bath Som­phone aufzuk­lären. Dies legt nahe, dass die Behör­den ver­suchen, seine Ver­schlep­pung zu ver­schleiern. / Som­bath Som­phone grün­dete im Jahre 1996 das Train­ings­cen­ter für mitbes­timmte Entwick­lung (Par­tic­i­pa­to­ry Devel­op­ment Train­ing Cen­tre) zur Förderung von Bil­dung, Führungsqual­itäten und nach­haltiger Entwick­lung in Laos. 2005 wurde er mit dem Ramon Magsaysay-Preis (Ramon Magsaysay Award for Com­mu­ni­ty Lead­er­ship) aus­geze­ich­net. Er gehörte zu den Organ­isatoren des Asia-Europe People’s-Forums, das im Okto­ber 2012 in Vien­tiane stat­tfand. Let­zteres ist möglicher­weise ein Grund für seine Ver­schlep­pung.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 22. Jan­u­ar 2014 hin­aus, unter »> ai : urgent action

ping

übersee

9

tan­go : 6.36 — Am Flughafen mor­gens um 5 Uhr lehnt ein Mann an ein­er Wand nahe der Abflugter­mi­nals Rich­tung Übersee. Sein Kof­fer, als würde er warten, ste­ht neben dem Mann ganz still. Der Mann, Augen geschlossen, scheint zu schlafen. Bei­de Arme hän­gen lose am Kör­p­er. Als ich näherkomme, sehe ich, dass der Mann ein Ohr an die Wand presst. Er scheint die Wand zu belauschen. Vielle­icht, denke ich, sind in der Wand alle Wörter gespe­ichert, die in ihrer Nähe je gesprochen wur­den. Der Mann kön­nte über ein außeror­dentlich­es Gehör ver­fü­gen, über fra­gende Ohren, die Antworten provozieren. Ein Pas­sagengedanke, ein Gedanke im Vorüberge­hen, ein Sekun­dengeschöpf, wenn ich diesen Mann nicht mehrfach an genau dieser Stelle in genau dieser beschriebe­nen Hal­tung angetrof­fen hätte. Der Mann trägt einen dun­klen Anzug, Krawat­te, hell­braune, ele­gante Led­er­schuhe. Ich habe keine Vorstel­lung, welche Farbe die Farbe sein­er Augen sein kön­nte. Auch wenn ich den Mann sofort noch ein­mal erfinde, fällt mir die Farbe sein­er Augen nicht ein. — stop
ping

regensprache

9

tan­go : 6.35 — Während ein­er Trauer­feier für Nel­son Man­dela, heftiger Regen, soll ein Mann, den ich mit eige­nen Augen ohne Zeitverzögerung beobachtete, in ein­er merk­würdi­gen Zeichen­sprache Reden über­set­zt oder begleit­et haben, die für gehör­lose Men­schen nicht ver­ständlich gewe­sen war. Bere­its nach den ersten Minuten seines Auftritts hat­ten sich Men­schen irri­tiert und wütend an Fernsehsender mit der Frage gewen­det, um wen es sich dort auf dem Bild­schirm eigentlich han­delte. Eine doch selt­same Geschichte. Man über­legte, ob der Mann vielle­icht gefährlich gewe­sen sein kön­nte. Aber der Mann machte nur Luftze­ichen mit seinen Hän­den, nichts weit­er. Ich habe mich in den ver­gan­genen Tagen gefragt, was der Mann erzählt haben kön­nte oder durch seinen Auftritt andeuten wollte. Der Mann war von sehr ordentlich­er Gestal­tung gewe­sen, wirk­te klar und konzen­tri­ert. Er machte nicht den Ein­druck, als wollte er aus rein per­sön­lichen, aus Eit­elkeits­grün­den dort oben auf der Bühne neben berühmten Per­sön­lichkeit­en ste­hen, um auf sich aufmerk­sam zu machen. Er war ganz ein­fach da und gestikulierte. Ich dachte, es kön­nte sich in dieser weltweit sicht­baren Sprache um eine erfun­dene, um eine zufäl­lige, also gar keine Sprache gehan­delt haben, weil man sie niemals ein­deutig wieder­holen kön­nte. Vielle­icht war es Musik, die der Mann mit seinen Zeichen in aller Stille zur Auf­führung brachte. Vielle­icht über­set­zte er die Geräusche des Regens. — stop

polaroidlesende2

robotslogfile

9

whiskey : 5.58 — Leroy schrieb mir einen Brief auf Papi­er. Er notierte: Lieber Louis, seit sechs Wochen nun bin ich online. Man kann mich lesen so oft und so lange man möchte, ohne einen Cent dafür bezahlen zu müssen. Das ist ein nicht unan­genehmes Gefühl. Ich hat­te dieses Gefühl nicht erwartet. Manch­mal sitze ich vor dem Bild­schirm und beobachte meinen Text auf dem sel­ben Weg, den auch andere nehmen, um mich lesen zu kön­nen. Ich bin begeis­tert davon, dass ich dem Text nicht anzuse­hen ver­mag, ob ihn ger­ade in diesem Moment andere Augen betra­cht­en, weil es doch der­selbe Text mit dem sel­ben Ursprung ist. Ich werde noch dahin­terkom­men, bis dahin wun­dere ich mich weit­er. Gestern war Singer zu Besuch, der sich ausken­nt in dig­i­tal­en Din­gen. Er fragte, ob ich ihm sagen könne, wie viele Men­schen denn meine elek­trischen Texte besucht­en. Ich erzählte ihm, dass ich selb­stver­ständlich Nachricht davon erhal­ten habe. Ich genieße, sagte ich, die Aufmerk­samkeit einiger Leser in Island, Ameri­ka, Togo, Deutsch­land, der Schweiz, den Nieder­lan­den, Chi­na, Eng­land, Frankre­ich, Marokko, Spanien. Manche kom­men sehr häu­fig und lesen, sie kom­men stündlich vor­bei, auf die Sekunde genau, andere eher sel­ten, als würde sie mich gele­sen haben und sofort wieder vergessen. Ich holte uns am Kiosk eine Limon­ade, während Singer sich mit meinen Log­files beschäftigte. Als ich zurück­kam, hörte ich Singer lachen, in dem Moment genau, da ich die Tür öffnete, hörte ich Singer lachen. Dann hörte er auf, und wir sprachen über Kak­teen und ihre Win­terblüte, und dass er bald wieder für einige Monate nach Man­aro­la reisen würde, wo es mild sei im Win­ter. Kurz darauf schlief ich ein. Ich erwachte vom Lärm viel­er Stim­men. Auf der Straße liefen Men­schen hin und her, es war früher Nach­mit­tag, ich wusste, dass die Nacht für mich zu Ende war. Heute ist also Son­ntag. Ich grüße Dich. Dein Leroy. — stop
ping

buenos aires

9

sier­ra : 6.15 — Eine spin­deldürre Frau kommt auf dem Flughafen­bahn­steig an mir vorüber. Es ist kurz vor halb sechs Uhr. Die Frau trägt ein Som­merkleid, obwohl Win­ter ist. Ich denke noch, vielle­icht ist sie ger­ade aus Südameri­ka angekom­men oder aus Aus­tralien. Da dreht sie um und kehrt zurück. Sie ste­ht unge­fähr drei Meter von mir ent­fer­nt und schaut mich neugierig an wie ein Kind. Beson­ders aufmerk­sam betra­chtet sie meine kleine, flache Schreib­mas­chine. Ich habe die Schreib­mas­chine aufgeklappt und notiere ger­ade über einen Film, den ich vor Kurzem beobachtet hat­te. Der Film han­delt von zwei Lon­don­er Ärztin­nen, die in das syrische Bürg­erkriegs­ge­bi­et reisen. Sie kauern in einem Taxi und wis­sen nicht, wie sie sich bewe­gen sollen, weil sie schwere, gepanz­erte West­en tra­gen. Die jün­gere der bei­den Frauen berichtet, dass das ein sehr selt­sames Gefühl sei hier im Auto mit dieser Weste, man könne nicht atmen, aber man sei sich­er. Kurz drauf waren Schüsse zu hören. Auf dem Bahn­steig hebt die spin­deldürre Frau ein Bein in die Luft, während sie auf dem anderen bal­anciert. Keine Tasche weit und bre­it, kein Kof­fer. Plöt­zlich eine helle Stimme. Die Frau zeigt lächel­nd auf meine Schreib­mas­chine: Ob da wirk­lich etwas wichtiges drin ist, sagt sie. Wie ein Storch ste­ht sie vor mir. Ihre Haut ist so weiß, als wäre sie noch nie mit dem Licht der Sonne in Berührung gekom­men. stop — Nichts weit­er. — stop
ping

Viktoria og Marit Ansethmoen

9

sier­ra : 6.50 — Ich beobachtete einen älteren Mann, der auf ein­er Fahrt von Man­hat­tan nach Stat­en Island Schriftze­ichen in die hölz­erne Sitzbank ein­er Fähre gravierte. Ein kalter Win­tertag, der Mann war sportlich gek­lei­det, rote Wind­jacke, Lap­p­land­mütze, Wan­der­schuhe, dazu Fäustlinge, die seine kräfti­gen Hände schützten. Er war über­haupt von mächtiger Statur gewe­sen. Ich hat­te die Vorstel­lung, dass es sich um einen Nor­weger oder Finnen gehan­delt haben kön­nte. Als der Mann das Schiff betrat, fol­gte ich ihm, set­zte mich in sein­er Nähe nieder. Leichter See­gang, die Scheiben des unteren Decks waren von der Salzgis­cht geblendet, draussen bedeck­te eine Eiskruste die Prom­e­nade der Fähre. Während der Über­fahrt, da ich den alten Mann beobachtete, spiel­ten ein paar schwarzhäutige Jungs wun­der­bar schep­pern­den Blues auf Met­all­gi­tar­ren. Eine Hand­voll Schulkinder toll­ten herum. Das Horn des Schiffes grüsste in die Luft der Upper New York Bay wie immer. Da begann der alte Mann vor meinen Augen mit einem Klappmess­er seine Arbeit. Er ver­fügte über ein schöne Schrift. Während er arbeit­ete schien er keinen Blick für seine Umge­bung zu haben, er machte das so wie ein­er, der meint, er sei nicht sicht­bar, solange er fest an seine Unsicht­barkeit glaubt. Eine gute Vier­tel­stunde schnitzte er vor sich hin. Dann pack­te er sein Mess­er in seinen Ruck­sack und ver­ließ das Schiff mit allen anderen Pas­sagieren. Kaum waren wir an Land, stellte ich mich in die Warteschlange Rich­tung Man­hat­tan, um sofort wieder zurück auf das selbe Schiff zu gelan­gen, mit dem ich zur Insel hin gefahren war. Nur wenige Minuten später nahm ich genau an der Stelle Platz, an der der Mann gear­beit­et hat­te. Auf dem Boden des Schiffes lag ein Häufchen dun­kler Späne, in den Sitz ein­graviert ein Name: Vik­to­ria og Mar­it Anseth­moen. Dem Namen fol­gte eine Zif­fer: No 7563. Diese Zif­fer, und den dazuge­höri­gen Namen, ent­deck­te ich gestern in einem Notizbuch wieder, das ich damals geführt hat­te während win­ter­lich­er Fahrten auf Stat­en Island Fähren. Noch immer weiß ich nicht, was diese Zahl bedeuten kön­nte, und warum der alte Mann den Namen ein­er Frau in die Sitzbank des Schiffes einge­tra­gen hat­te. Heute Nacht die Vorstel­lung, ich kön­nte meinen Text in die nor­wegis­che Sprache über­set­zen lassen, um ihn der dig­i­tal­en Sphäre zu übergeben: Alter Man­hat­tan­mann, melden Sie sich bitte. Code: Vik­to­ria og Mar­it Anseth­moen / No 7563 — stop

polaroiddrohnen2

isaak b. singer

9

nord­pol : 2.55 — Ich stellte mir ger­ade eben noch einen jun­gen Mann vor, der an ein­er län­geren Nov­el­le schreibt. Diese Nov­el­le erzählt von Kiemen­men­schen, welche in Wasser­woh­nun­gen der Stadt Val­let­ta existieren sollen. Merk­würdig ist vielle­icht, dass der junge Mann einen Erzählband Isaac B. Singers auf seinen Arbeit­stisch legte, dem er nun Wörter ent­nimmt, die er in sein­er Nov­el­le ver­wen­den will. Ich spreche mit dem jun­gen Mann, erfahre, dass er für seine Geschichte auss­chließlich Wörter ver­wen­den dürfe, die im Buch Isaac B. Singers enthal­ten sind. Es han­delt sich um eine Über­set­zung der Col­lect­ed Sto­ries aus dem Jahr 1983. In dem Buch sind kaum noch freie Wörter zu find­en. Wörter, die bere­its ver­wen­det wur­den, sind mit Bleis­tift markiert. Der junge Mann blät­tert wie wild gewor­den in seinem Buch herum, er sucht nach den Wörtern Lun­gen­schleuse und Seeanemo­nen­baum, er sucht vielle­icht verge­blich, weil diese Wörter in dem Roman Isaac B. Singers bish­er von nie­man­dem ent­deckt wer­den kon­nten. Zu diesem Zeit­punkt, inmit­ten der Nacht, ist denkbar, dass der junge Mann noch Jahre so sitzen wird und suchen, ohne seine Geschichte je fort­set­zen oder zu Ende schreiben zu kön­nen. — stop
ping

k.a.i.r.o.

picping

MELDUNG. Fünf mit Hand­feuer bewaffnete Beamte [ Soko K.a.i.r.o ] haben zu Venedig zwei Ägypter sichergestellt, fil­igrane Meißel weit­er­hin [ 0.3 Zoll Kan­ten­länge ], sowie zwei Handtäschchen [ türkise ]. Fol­gende kryp­tis­che Sig­natur war dem Sock­elgestein des Palaz­zo Gri­mani di San Luca [ Calle Riva Car­bon ] beige­bracht : 5MHFDTHSXMHZT65. Auch diese Ägypter [ Ägypter No 27 und 28 des laufend­en Jahres ], je 178 cm hoch, mit­tleres Alter, ver­weigern jede Aus­sage. – stop

ping

wangenschirm

9

india : 5.12 — Nehmen wir ein­mal an, man erkundigte sich, ob ich bere­it wäre, mir einen Bild­schirm anstatt Wan­gen­haut auf mein Gesicht ver­legen zu lassen, einen hochau­flösenden Lichtschirm, sowie einen sehr kleinen Spe­ich­er, der unsicht­bar in einen mein­er Wan­gen­knochen ver­tieft wer­den kön­nte. Welche Filme würde ich selb­st auf meinem Gesicht zur Auf­führung brin­gen? Ganz sich­er Jim Jar­muschs Down by law oder Wong Kar Wais Melo­dram 2046. Eine aufre­gende idee. Welchen Fil­men würde ich wohl begeg­nen, wenn ich in eine U-Bahn steige, sagen wir in der Stadt Madrid. Wie wir uns gegenüber­sitzen und schauen. An der Hal­testelle Bil­bao wün­sche ich auszusteigen, aber eine ältere Dame hält mich an, reicht mir eine Pfund­note, bit­tet mich drin­gend, sitzen zu bleiben, weil sie noch nicht fer­tig sei, dieser wun­der­bare Streifen, den sie noch nie gese­hen habe: Paris, Texas. — Existieren vielle­icht Men­schen auf unser­er Erde, die nach ihrer Geburt niemals von einem weit­eren Men­schen berührt wor­den sind? — stop
polaroidgiraffen

ping
ping
ping

zoulou : 7.15 — Gestern ent­deck­te ich in meinem Briefkas­ten eine Postkarte, die von irgend­je­man­dem mit äußerst kleinen japanis­chen Zeichen beschriftet wor­den war. Zunächst wirk­te der Text wie ein Muster, das sich erst dann zu Schriftze­ichen auflöste, als ich meine Brille aus der Schublade holte. Ich kon­nte den Text natür­lich nicht lesen. Ich nehme an, die Postkarte wurde verse­hentlich in meinen Briefkas­ten gewor­fen. Bei genauer­er Unter­suchung stellte ich jedoch fest, dass die Postkarte in jedem anderen Briefkas­ten ver­mut­lich gle­ich­wohl ein verse­hentlich­es Ereig­nis gewe­sen wäre, die Postkarte trug näm­lich keine Anschrift an der dafür vorge­se­henen Stelle, aber eine Brief­marke des japanis­chen Hoheits­ge­bi­etes. Auch auf ihrer Rück­seite war kein Adres­sat zu erken­nen. Eine Fotografie zeigt Samuel Beck­ett, der unter einem blühen­den Kirschbaum sitzt, oder einen Mann, der Samuel Beck­ett ähn­lich sein kön­nte, der Dichter im Alter von 160 Jahren, er hat sich kaum verän­dert. Ein sehr inter­es­santes Bild. Auf einem Ast des Baumes sind Eich­hörnchen zu erken­nen, sieben oder acht Tiere, die ihre Augen geschlossen hal­ten. Ich erin­nere mich, dass ich ein­mal davon hörte, Men­schen wür­den immer wieder ein­mal Postkarten notieren, oft sehr aufwendig aus­gear­beit­ete Schrift­stücke, um zulet­zt die Adresse des Empfängers zu vergessen. Das ist tragisch oder vielle­icht eine Meth­ode, Infor­ma­tion an die Welt zu senden, die nie­man­den oder irgen­deinen beliebi­gen Men­schen erre­ichen soll. Nun liegt diese Postkarte neben Zimt­ster­nen, Bana­nen und Äpfeln auf meinem Küchen­tisch. Zunächst hat­te ich das Wort L i e b e r in die Google — Über­set­zer­mas­chine eingegeben und in die japanis­che Sprache über­set­zt. Zeichen, die sich auf meinem Bild­schirm formierten, waren mit den ersten Zeichen auf der Postkarte iden­tisch. Ich weiß sehr genau, was nun zu tun ist. In diesem Augen­blick jedoch scheue ich noch davor zurück, meinen Namen in die Maske der Such­mas­chine einzugeben. Es ist jet­zt bald Mor­gendäm­merung, ich höre Tauben auf dem Dach spazieren. — stop

ping

Top