bristolhotel

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alpha : 2.26 – Folgende Person, ein Mann, könnte reine Erfin­dung sein. Der Mann war mir während eines Spazier­ganges aufge­fallen, dass heißt, ich hatte einen Einfall oder eine Idee, oder ich machte viel­leicht eine Entde­ckung. Ich könnte von dieser Person, die sich nicht wehren kann, behaupten, dass sie nicht ganz bei Verstand sein wird, weil sie seit langer Zeit in einem Hotel­zimmer lebt, welches sie niemals verlässt. Das Hotel, in dem sich dieses Zimmer befindet, erreicht man vom Flug­hafen der norwe­gi­schen Stadt Bergen aus in 25 Minuten, sofern man sich ein Taxi leisten kann. Es ist das Bristol, unweit des Natio­nal­thea­ters gelegen, dort, im dritten Stock, ein kleines Zimmer, der Boden hell, sodass man meinen möchte, man spazierte auf Walkno­chen herum. Nun aber zu dem Mann, von dem ich eigent­lich erzählen will. Es handelt sich um einen wohl­ha­benden Mann im Alter von fünfzig Jahren. Er ist 176 cm groß, gepflegt, kaum Haare auf dem Kopf, wiegt 73 Kilo­gramm, und trägt eine Brille. Sieben weiße Hemden gehören zu ihm, Strümpfe, Unter­wä­sche, dunkel­braune Schuhe mit weichen Sohlen, ein hell­grauer Anzug und ein Koffer, der unter dem Bett verwahrt wird. Auf einem Tisch nahe eines Fens­ters, zwei Hand­com­puter. In den Anschluss des einen Compu­ters wurde ein USB-Spei­cher­me­dium einge­führt. Auf dem Bild­schirm sind Verzeich­nisse und Datei­namen zu erkennen, die sich auf jenem Spei­cher­me­dium befinden. Auf dem Bild­schirm des anderen Compu­ters ein ähnli­ches Bild, Verzeich­nisse, Datei­namen, Zeit­an­gaben, Größen­ord­nungen. Was wir sehen, sind Computer des Mannes, der Mann arbeitet in Bergen im Bristol im Zimmer auf dem Knochen­boden. Er sitzt vor den Bild­schirmen und öffnet Dateien, um sie zu verglei­chen, Texte im Block­satz. Zeile um Zeile wandert der Mann mit Hilfe einer Blei­stift­spitze durch das Gebiet der Worte, die ich nicht lesen kann, weil sie in einer Sprache notiert wurden, die mir unbe­kannt. Es scheint eine verschlüs­selte Sprache zu sein, weshalb der Mann dazu gezwungen ist, jedes Zeichen für sich zu über­prüfen. Fünf Stunden Arbeit am Vormittag, fünf Stunden Arbeit am Nach­mittag, und weitere fünf Stunden am Abend bis in die Nacht. Der Mann trinkt Tafel­wasser, raucht nicht, und isst gern Fisch, Dorsch, Seeteufel, Stein­butt. 277275 Dateien sind zu über­prüfen, 12.532.365 Seiten. Er scheint noch nicht weit gekommen zu sein. Die Vorhänge der Fenster sind zuge­zogen, es ist ohnehin gerade eine Zeit ohne Licht. Ein Mädchen, das ihm manchmal seinen Fisch serviert, macht ihm schöne Augen. Morgens sind die Hörner der Schiffe zu vernehmen, die den Hafen der Stadt verlassen. Es ist der 1. Dezember 2013. – stop
polaroidhumming

sekundenfliege

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nordpol : 1.32 – In der vergan­genen Nacht habe ich eine E-Mail notiert. Es war kurz nach drei Uhr. Die Frau, an die ich schrieb, lag vermut­lich in einem Bett und schlief. Dass ich an Menschen schreibe, die in dem Moment, da ich notiere, schlafen, ist für mich nicht unge­wöhn­lich, weil ich immerhin wache, während alle anderen in meiner euro­päi­schen Umge­bung schlafen. Gestern aber hatte ich ein selt­sames Gefühl. Ich meinte, mit der schla­fenden Frau unmit­telbar spre­chen zu können, in dem ich notierte. Ich wusste, dass sie bald aufstehen würde, weil sie gegen 4 Uhr einer wich­tigen Aufgabe nach­zu­gehen hatte. Ich notierte: Liebe H., es ist kurz nach drei Uhr. Leider musst Du bald aufstehen. Aber das weißt Du vermut­lich gerade noch nicht. – In diesem Moment hörte ich auf zu schreiben, ich war mir nicht sicher, ob ich nicht viel­leicht gerade Unsinn notierte. Plötz­lich die Frage, ob man davon spre­chen kann, dass man im Schlaf etwas weiß, obwohl man gerade daran nicht denken kann, weil man von etwas Anderem träumt? Ich dachte: Lieber Louis, aber natür­lich weißt du, dass in Deiner Küche Scheiben einer Enten­brust darauf warten, verzehrt zu werden. Du weiß das genau seit zwei Stunden, obwohl Du Dich seither in Gilles Leroys Roman Zola Jackson vertief­test. Ja, so dachte ich. Auch erin­nerte ich mich an eine Winter­fliege, die seit gestern Morgen durch meine Wohnung brummt. Vor drei Minuten habe ich von ihrer Exis­tenz scheinbar nichts gewusst, weil ich mich nicht erin­nerte, als wäre sie niemals anwe­send gewesen. Irgend­etwas ist seltsam hier. – stop
ping

drohne

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nordpol : 3.55 – Das Wort Drohne ist im Wörter­buch der Gebrüder Grimm heut Nacht nicht zu finden, aber das feine Wort Droll­birne. – stop
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radioisotop

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marimba : 6.58 – In der Vergan­gen­heit habe ich mir oft gewünscht, ich könnte mein Leben aus der Sicht eines Vogels aufzeichnen, der mich begleitet, Gespräche, die ich täglich mit Menschen führe oder heim­liche Gespräche mit mir selbst. Auch würde aufge­nommen, was ich gesehen habe, während ich reiste, einen Kentauren nahe des Müll­ner­horns, Regen­tropfen am Strand von Coney Island, eine Ameise auf Georges Perecs Schulter während einer Fahrt in der Pariser Metro, meinen Körper, während ich schlief. Manchmal ist es ange­nehm, sich zu wünschen, was nicht möglich zu sein scheint, eine große Frei­heit der Speku­la­tion. Aber in den vergan­genen Tagen wurde mir bewusst, dass die Verwirk­li­chung eines mich beglei­tenden Vogel­we­sens nicht länger utopisch ist. Ich kann mir eine flie­gende Maschine ohne weitere Anstren­gung vorstellen, ein künst­li­ches Luft­wesen, vier Propeller, ange­trieben von einer leichten Radio­nu­klid­bat­terie, die sich tatsäch­lich für Jahr­zehnte an meiner Seite in der Luft aufhalten könnte, ein beinahe laut­loses Wesen in der Gestalt eines Koli­bris, eines Tauben­schwänz­chens oder einer Biene. Kaum hatte ich das Flug­ob­jekt aus seiner Trans­portbox gehoben und akti­viert, wusste ich, dass es für immer meiner Person verbunden sein wird, meinem persön­li­chen Luft­raum, den ich mit mir führe wohin ich auch gehe. Seltsam ist viel­leicht, dass es gleich­wohl unmög­lich sein wird, dieses Wesen je wieder einzu­fangen, weil es sehr schnell ist in seinen Reak­tionen, schneller als meine Hand, schneller als eine Gewehr­kugel, ein Wesen, das über die Flug­flucht­fä­hig­keíten einer Stuben­fliege verfügt. – Heute Nacht pfeift ein Sturm­wind übers Dach. Ich frage mich, was die Vögel gerade machen. Höre das Moped eines Zeitungs­boten. Ich habe den Mann, der eine Frau sein könnte, noch nie gesehen. Er ist pünkt­lich wie immer. Ich werde gleich das Fenster öffnen. – stop

polaroidqueen

schirmqualle

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olimambo

~ : oe som
to : louis
subject : SCHIRMQUALLE
date : dez 06 13 6.22 p.m.

Gestern ist Marlen zu ihrer zweiten Exkur­sion in die Tiefe zu Noe aufge­bro­chen. Seit sie von ihrem ersten Besuch zurück­ge­kehrt war, hatte sie nicht viel mit uns gespro­chen. Sie erzählte ledig­lich, dass sie sich während der ersten Stunden ihres Aufent­haltes unter der Wasser­ober­fläche in ihrem Taucher­anzug vor allem darauf konzen­triert habe, sich möglichst nicht zu bewegen. Immer dann, wenn sie sich bewegte, sei die Enge ihres Habi­tats deut­lich spürbar geworden, sie habe dann unter Atemnot gelitten. Solange sie sich jedoch kaum bewegte, sei alles gut gewesen. Noe habe keine Notiz von ihr genommen. Sie habe seine Augen bestens erkannt hinter der Scheibe seines Helmes, aber er selbst habe nicht einmal versucht, ihre, Marlens Augen, aufzu­su­chen mit einem Blick. Es sei ihr unheim­lich gewesen, entweder sei Noe sehr diszi­pli­niert oder längst verrückt geworden. Natür­lich habe sie geschlafen, selbst­ver­ständ­lich habe sie während des Schla­fens ihre Augen geschlossen, und natür­lich könne sie nicht ausschliessen, dass Noe ihr in dieser Zeit nicht doch etwas Aufmerk­sam­keit gewidmet haben könnte. In den langen Stunden ihres Besuch habe er ohne Unter­bre­chung vorge­lesen. Er habe das Buch indessen mit seinen eisernen Hand­schuhen fest­ge­halten. Fische waren nicht in ihre Nähe gekommen, weshalb sie Fische nicht beschreiben könne, aber eine blau leuch­tende Schirm­qualle. Sie habe das Seil, an dem Noe befes­tigt ist, genauer betrachtet, es sei doch sehr dünn, auch Noes Atem­ver­sor­gung wirke höchst zerbrech­lich. Natür­lich habe sie nicht unmit­telbar verstanden, welche Wörter und Sätze Noe formu­lierte, obwohl sie ihm sehr nah gekommen war. Sie habe jedoch Noes Stimme mittelbar über den Funk des Schiffes gehört, eine Stimme, wie aus einer sehr großen Entfer­nung. – Weiterhin Schnee­fall und heftiger Wind. Es wird früh dunkel und sehr spät wieder hell. Bob ist seekrank. Ich melde mich wieder. Ahoi. Dein OE SOM

gesendet am
6.12.2013
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oe som to louis »

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schlafen in turku

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hima­laya : 2.32 – Viel­leicht werden Sie sich erin­nern. Vom Schlafen habe ich bereits im Jahr 2008 notiert, und zwar im Monat November. Vor wenigen Minuten, als ich nach schwe­benden Ballonen über der Stadt Turku suchte, habe ich einen entspre­chenden Text unter dem Titel “Schlafen in Turku” in den Verzeich­nissen der Google-Such­ma­schine wieder­ent­deckt. Der Text ist mir noch immer nah, weshalb ich ihn mitge­nommen und an diesem Zeitort einge­fügt habe. Ich stelle nun zum zweiten Mal die Frage: Ist Ihnen viel­leicht bekannt, dass Wale, Pott­wale genauer, wenn sie schlafen, Kopf nach oben im Wasser schweben? Langsam sinkende Türme, leise singend, leise knat­ternd, fried­volle Versamm­lungen, die mit dem Golf­strom treiben. Wenn Sie einmal wach liegen sollten, wenn Sie nicht schlafen können, weil Sorgen Sie bedrängen oder andere schmerz­volle Gedanken, wird es hilf­reich sein, eine Tauch­fahrt zu unter­nehmen im Kopf durchs Bild der träu­menden Wale. Oder Sie reisen an die Ostsee, nehmen die nächste Fähre nach Turku. Sie werden dann schon sehen. Ballone, zum Beispiel, Ballone werden Sie sehen am Hori­zont, Ballone am dämm­rigen Himmel, dort müssen Sie hin. Alles ist gut zu Fuß zu errei­chen, eine Stunde oder zwei, nicht länger, je nach Gepäck. Man wird Sie schon erwarten, man wird Sie freund­lich begrüßen, man wird Sie fragen, wie lange Zeit Sie zu schlafen wünschen, welcher Art die Dinge sind, die Sie zu vergessen haben, die Sie beschweren. Man wird Ihren Blick zum Himmel lenken und Sie werden erkennen, dass unter den Ballonen Menschen schweben, aufrecht und reglos, in Daunen­mäntel gehüllt, von einem leichten Wind hin und her geschau­kelt, hunderte, ja tausende Menschen. – - Stille herrscht. – - Nur das Fauchen der Feuer­ma­schinen von Zeit zu Zeit. - Drei Uhr drei­und­dreissig auf dem Maidan zu Kiew. – stop

polaroidkiemenana

ai : LAOS

aihead2

MENSCH IN GEFAHR : “Auch ein Jahr nach der Verschlep­pung von Sombath Somphone haben die laoti­schen Behörden immer noch keine umfas­senden Ermitt­lungen einge­leitet, um sein Schicksal aufzu­klären. Deshalb besteht Anlass zu großer Sorge um den 62-Jährigen. Der zivil­ge­sell­schaft­lich enga­gierte Akti­vist wurde vor knapp einem Jahr an einem Kontroll­punkt der Polizei in Vien­tiane, der Haupt­stadt von Laos, entführt. Aufgrund einer chro­ni­schen Erkran­kung ist Sombath Somphone auf die tägliche Einnahme von Medi­ka­menten ange­wiesen. / Sombath Somphone wurde am Abend des 15. Dezember 2012 an einem Kontroll­punkt der Polizei in Vien­tiane in Anwe­sen­heit von Sicher­heits­per­sonal in einem Last­wagen verschleppt. Seither ist gut ein Jahr vergangen, und bislang fehlt von ihm jede Spur. Der bevor­ste­hende Jahrestag des “Verschwin­dens” von Sombath Somphone und der Mangel an umfas­senden und unpar­tei­ischen Unter­su­chungen in seinem Fall geben Anlass zur Sorge um das Schicksal und Wohl­ergehen des Akti­visten. /Die Verschlep­pung von Sombath Somphone wurde mit einer Verkehrs­ka­mera aufge­zeichnet. Seiner Familie war es gelungen, das Video­ma­te­rial zu kopieren. Die laoti­schen Behörden behaupten, auf den Aufnahmen seien nicht die Kenn­zei­chen der Fahr­zeuge zu sehen, mit denen Sombath Somphone verschleppt wurde. Die USA, die Euro­päi­sche Union, Mitglieder des Verbands Südost­asia­ti­scher Nationen (ASEAN) sowie die UN-Hoch­kom­mis­sarin für Menschen­rechte haben die laoti­schen Behörden wieder­holt dazu aufge­for­dert, die Verschlep­pung von Sombath Somphone drin­gend zu unter­su­chen. Dennoch scheinen die bislang unzu­rei­chenden Ermitt­lungen still zu stehen. Tech­ni­sche Unter­stüt­zung bei der Auswer­tung des Video­ma­te­rials haben die Behörden abge­lehnt. Drei parla­men­ta­ri­sche Dele­ga­tionen, die nach Laos fuhren, um den Fall direkt bei den Behörden vorzu­bringen, sehen keinerlei Anzei­chen dafür, dass die Behörden bei den Ermitt­lungen Fort­schritte machen oder dass echte Anstren­gungen unter­nommen werden, Sombath Somphone zu finden und mit seiner Familie zu vereinen. Offen­sicht­lich fehlt es an der ernst­haften Absicht, das Schicksal von Sombath Somphone aufzu­klären. Dies legt nahe, dass die Behörden versu­chen, seine Verschlep­pung zu verschleiern. / Sombath Somphone grün­dete im Jahre 1996 das Trai­nings­center für mitbe­stimmte Entwick­lung (Parti­ci­patory Deve­lop­ment Trai­ning Centre) zur Förde­rung von Bildung, Führungs­qua­li­täten und nach­hal­tiger Entwick­lung in Laos. 2005 wurde er mit dem Ramon Mags­aysay-Preis (Ramon Mags­aysay Award for Commu­nity Leadership) ausge­zeichnet. Er gehörte zu den Orga­ni­sa­toren des Asia-Europe People’s-Forums, das im Oktober 2012 in Vien­tiane statt­fand. Letz­teres ist mögli­cher­weise ein Grund für seine Verschlep­pung.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 22. Januar 2014 hinaus, unter »> ai : urgent action

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übersee

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tango : 6.36 – Am Flug­hafen morgens um 5 Uhr lehnt ein Mann an einer Wand nahe der Abflug­ter­mi­nals Rich­tung Übersee. Sein Koffer, als würde er warten, steht neben dem Mann ganz still. Der Mann, Augen geschlossen, scheint zu schlafen. Beide Arme hängen lose am Körper. Als ich näher­komme, sehe ich, dass der Mann ein Ohr an die Wand presst. Er scheint die Wand zu belau­schen. Viel­leicht, denke ich, sind in der Wand alle Wörter gespei­chert, die in ihrer Nähe je gespro­chen wurden. Der Mann könnte über ein außer­or­dent­li­ches Gehör verfügen, über fragende Ohren, die Antworten provo­zieren. Ein Passa­gen­ge­danke, ein Gedanke im Vorüber­gehen, ein Sekun­den­ge­schöpf, wenn ich diesen Mann nicht mehr­fach an genau dieser Stelle in genau dieser beschrie­benen Haltung ange­troffen hätte. Der Mann trägt einen dunklen Anzug, Krawatte, hell­braune, elegante Leder­schuhe. Ich habe keine Vorstel­lung, welche Farbe die Farbe seiner Augen sein könnte. Auch wenn ich den Mann sofort noch einmal erfinde, fällt mir die Farbe seiner Augen nicht ein. – stop
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regensprache

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tango : 6.35 – Während einer Trau­er­feier für Nelson Mandela, heftiger Regen, soll ein Mann, den ich mit eigenen Augen ohne Zeit­ver­zö­ge­rung beob­ach­tete, in einer merk­wür­digen Zeichen­sprache Reden über­setzt oder begleitet haben, die für gehör­lose Menschen nicht verständ­lich gewesen war. Bereits nach den ersten Minuten seines Auftritts hatten sich Menschen irri­tiert und wütend an Fern­seh­sender mit der Frage gewendet, um wen es sich dort auf dem Bild­schirm eigent­lich handelte. Eine doch selt­same Geschichte. Man über­legte, ob der Mann viel­leicht gefähr­lich gewesen sein könnte. Aber der Mann machte nur Luft­zei­chen mit seinen Händen, nichts weiter. Ich habe mich in den vergan­genen Tagen gefragt, was der Mann erzählt haben könnte oder durch seinen Auftritt andeuten wollte. Der Mann war von sehr ordent­li­cher Gestal­tung gewesen, wirkte klar und konzen­triert. Er machte nicht den Eindruck, als wollte er aus rein persön­li­chen, aus Eitel­keits­gründen dort oben auf der Bühne neben berühmten Persön­lich­keiten stehen, um auf sich aufmerksam zu machen. Er war ganz einfach da und gesti­ku­lierte. Ich dachte, es könnte sich in dieser welt­weit sicht­baren Sprache um eine erfun­dene, um eine zufäl­lige, also gar keine Sprache gehan­delt haben, weil man sie niemals eindeutig wieder­holen könnte. Viel­leicht war es Musik, die der Mann mit seinen Zeichen in aller Stille zur Auffüh­rung brachte. Viel­leicht über­setzte er die Geräu­sche des Regens. – stop

polaroidlesende2

robotslogfile

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whiskey : 5.58 – Leroy schrieb mir einen Brief auf Papier. Er notierte: Lieber Louis, seit sechs Wochen nun bin ich online. Man kann mich lesen so oft und so lange man möchte, ohne einen Cent dafür bezahlen zu müssen. Das ist ein nicht unan­ge­nehmes Gefühl. Ich hatte dieses Gefühl nicht erwartet. Manchmal sitze ich vor dem Bild­schirm und beob­achte meinen Text auf dem selben Weg, den auch andere nehmen, um mich lesen zu können. Ich bin begeis­tert davon, dass ich dem Text nicht anzu­sehen vermag, ob ihn gerade in diesem Moment andere Augen betrachten, weil es doch derselbe Text mit dem selben Ursprung ist. Ich werde noch dahin­ter­kommen, bis dahin wundere ich mich weiter. Gestern war Singer zu Besuch, der sich auskennt in digi­talen Dingen. Er fragte, ob ich ihm sagen könne, wie viele Menschen denn meine elek­tri­schen Texte besuchten. Ich erzählte ihm, dass ich selbst­ver­ständ­lich Nach­richt davon erhalten habe. Ich genieße, sagte ich, die Aufmerk­sam­keit einiger Leser in Island, Amerika, Togo, Deutsch­land, der Schweiz, den Nieder­landen, China, England, Frank­reich, Marokko, Spanien. Manche kommen sehr häufig und lesen, sie kommen stünd­lich vorbei, auf die Sekunde genau, andere eher selten, als würde sie mich gelesen haben und sofort wieder vergessen. Ich holte uns am Kiosk eine Limo­nade, während Singer sich mit meinen Logfiles beschäf­tigte. Als ich zurückkam, hörte ich Singer lachen, in dem Moment genau, da ich die Tür öffnete, hörte ich Singer lachen. Dann hörte er auf, und wir spra­chen über Kakteen und ihre Winter­blüte, und dass er bald wieder für einige Monate nach Mana­rola reisen würde, wo es mild sei im Winter. Kurz darauf schlief ich ein. Ich erwachte vom Lärm vieler Stimmen. Auf der Straße liefen Menschen hin und her, es war früher Nach­mittag, ich wusste, dass die Nacht für mich zu Ende war. Heute ist also Sonntag. Ich grüße Dich. Dein Leroy. – stop
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buenos aires

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sierra : 6.15 – Eine spin­del­dürre Frau kommt auf dem Flug­ha­fen­bahn­steig an mir vorüber. Es ist kurz vor halb sechs Uhr. Die Frau trägt ein Sommer­kleid, obwohl Winter ist. Ich denke noch, viel­leicht ist sie gerade aus Südame­rika ange­kommen oder aus Austra­lien. Da dreht sie um und kehrt zurück. Sie steht unge­fähr drei Meter von mir entfernt und schaut mich neugierig an wie ein Kind. Beson­ders aufmerksam betrachtet sie meine kleine, flache Schreib­ma­schine. Ich habe die Schreib­ma­schine aufge­klappt und notiere gerade über einen Film, den ich vor Kurzem beob­achtet hatte. Der Film handelt von zwei Londoner Ärztinnen, die in das syri­sche Bürger­kriegs­ge­biet reisen. Sie kauern in einem Taxi und wissen nicht, wie sie sich bewegen sollen, weil sie schwere, gepan­zerte Westen tragen. Die jüngere der beiden Frauen berichtet, dass das ein sehr selt­sames Gefühl sei hier im Auto mit dieser Weste, man könne nicht atmen, aber man sei sicher. Kurz drauf waren Schüsse zu hören. Auf dem Bahn­steig hebt die spin­del­dürre Frau ein Bein in die Luft, während sie auf dem anderen balan­ciert. Keine Tasche weit und breit, kein Koffer. Plötz­lich eine helle Stimme. Die Frau zeigt lächelnd auf meine Schreib­ma­schine: Ob da wirk­lich etwas wich­tiges drin ist, sagt sie. Wie ein Storch steht sie vor mir. Ihre Haut ist so weiß, als wäre sie noch nie mit dem Licht der Sonne in Berüh­rung gekommen. stop – Nichts weiter. – stop
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Viktoria og Marit Ansethmoen

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sierra : 6.50 – Ich beob­ach­tete einen älteren Mann, der auf einer Fahrt von Manhattan nach Staten Island Schrift­zei­chen in die hölzerne Sitz­bank einer Fähre gravierte. Ein kalter Wintertag, der Mann war sport­lich gekleidet, rote Wind­jacke, Lapp­land­mütze, Wander­schuhe, dazu Fäust­linge, die seine kräf­tigen Hände schützten. Er war über­haupt von mäch­tiger Statur gewesen. Ich hatte die Vorstel­lung, dass es sich um einen Norweger oder Finnen gehan­delt haben könnte. Als der Mann das Schiff betrat, folgte ich ihm, setzte mich in seiner Nähe nieder. Leichter Seegang, die Scheiben des unteren Decks waren von der Salz­gischt geblendet, draussen bedeckte eine Eiskruste die Prome­nade der Fähre. Während der Über­fahrt, da ich den alten Mann beob­ach­tete, spielten ein paar schwarz­häu­tige Jungs wunderbar schep­pernden Blues auf Metall­gi­tarren. Eine Hand­voll Schul­kinder tollten herum. Das Horn des Schiffes grüsste in die Luft der Upper New York Bay wie immer. Da begann der alte Mann vor meinen Augen mit einem Klapp­messer seine Arbeit. Er verfügte über ein schöne Schrift. Während er arbei­tete schien er keinen Blick für seine Umge­bung zu haben, er machte das so wie einer, der meint, er sei nicht sichtbar, solange er fest an seine Unsicht­bar­keit glaubt. Eine gute Vier­tel­stunde schnitzte er vor sich hin. Dann packte er sein Messer in seinen Ruck­sack und verließ das Schiff mit allen anderen Passa­gieren. Kaum waren wir an Land, stellte ich mich in die Warte­schlange Rich­tung Manhattan, um sofort wieder zurück auf das selbe Schiff zu gelangen, mit dem ich zur Insel hin gefahren war. Nur wenige Minuten später nahm ich genau an der Stelle Platz, an der der Mann gear­beitet hatte. Auf dem Boden des Schiffes lag ein Häuf­chen dunkler Späne, in den Sitz eingra­viert ein Name: Viktoria og Marit Anseth­moen. Dem Namen folgte eine Ziffer: No 7563. Diese Ziffer, und den dazu­ge­hö­rigen Namen, entdeckte ich gestern in einem Notiz­buch wieder, das ich damals geführt hatte während winter­li­cher Fahrten auf Staten Island Fähren. Noch immer weiß ich nicht, was diese Zahl bedeuten könnte, und warum der alte Mann den Namen einer Frau in die Sitz­bank des Schiffes einge­tragen hatte. Heute Nacht die Vorstel­lung, ich könnte meinen Text in die norwe­gi­sche Sprache über­setzen lassen, um ihn der digi­talen Sphäre zu über­geben: Alter Manhat­tan­mann, melden Sie sich bitte. Code: Viktoria og Marit Anseth­moen / No 7563 – stop

polaroiddrohnen2

isaak b. singer

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nordpol : 2.55 – Ich stellte mir gerade eben noch einen jungen Mann vor, der an einer längeren Novelle schreibt. Diese Novelle erzählt von Kiemen­men­schen, welche in Wasser­woh­nungen der Stadt Valletta exis­tieren sollen. Merk­würdig ist viel­leicht, dass der junge Mann einen Erzähl­band Isaac B. Singers auf seinen Arbeits­tisch legte, dem er nun Wörter entnimmt, die er in seiner Novelle verwenden will. Ich spreche mit dem jungen Mann, erfahre, dass er für seine Geschichte ausschließ­lich Wörter verwenden dürfe, die im Buch Isaac B. Singers enthalten sind. Es handelt sich um eine Über­set­zung der Collected Stories aus dem Jahr 1983. In dem Buch sind kaum noch freie Wörter zu finden. Wörter, die bereits verwendet wurden, sind mit Blei­stift markiert. Der junge Mann blät­tert wie wild geworden in seinem Buch herum, er sucht nach den Wörtern Lungen­schleuse und Seeane­mo­nen­baum, er sucht viel­leicht vergeb­lich, weil diese Wörter in dem Roman Isaac B. Singers bisher von niemandem entdeckt werden konnten. Zu diesem Zeit­punkt, inmitten der Nacht, ist denkbar, dass der junge Mann noch Jahre so sitzen wird und suchen, ohne seine Geschichte je fort­setzen oder zu Ende schreiben zu können. – stop
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k.a.i.r.o.

picping

MELDUNG. Fünf mit Hand­feuer bewaff­nete Beamte [ Soko K.a.i.r.o ] haben zu Venedig zwei Ägypter sicher­ge­stellt, fili­grane Meißel weiterhin [ 0.3 Zoll Kanten­länge ], sowie zwei Hand­täsch­chen [ türkise ]. Folgende kryp­ti­sche Signatur war dem Sockel­ge­stein des Palazzo Grimani di San Luca [ Calle Riva Carbon ] beigebracht : 5MHFDTHSXMHZT65. Auch diese Ägypter [ Ägypter No 27 und 28 des laufenden Jahres ], je 178 cm hoch, mitt­leres Alter, verwei­gern jede Aussage. – stop

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wangenschirm

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india : 5.12 – Nehmen wir einmal an, man erkun­digte sich, ob ich bereit wäre, mir einen Bild­schirm anstatt Wangen­haut auf mein Gesicht verlegen zu lassen, einen hoch­auf­lö­senden Licht­schirm, sowie einen sehr kleinen Spei­cher, der unsichtbar in einen meiner Wangen­kno­chen vertieft werden könnte. Welche Filme würde ich selbst auf meinem Gesicht zur Auffüh­rung bringen? Ganz sicher Jim Jarmuschs Down by law oder Wong Kar Wais Melo­dram 2046. Eine aufre­gende idee. Welchen Filmen würde ich wohl begegnen, wenn ich in eine U-Bahn steige, sagen wir in der Stadt Madrid. Wie wir uns gegen­über­sitzen und schauen. An der Halte­stelle Bilbao wünsche ich auszu­steigen, aber eine ältere Dame hält mich an, reicht mir eine Pfund­note, bittet mich drin­gend, sitzen zu bleiben, weil sie noch nicht fertig sei, dieser wunder­bare Streifen, den sie noch nie gesehen habe: Paris, Texas. – Exis­tieren viel­leicht Menschen auf unserer Erde, die nach ihrer Geburt niemals von einem weiteren Menschen berührt worden sind? – stop
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zoulou : 7.15 – Gestern entdeckte ich in meinem Brief­kasten eine Post­karte, die von irgend­je­mandem mit äußerst kleinen japa­ni­schen Zeichen beschriftet worden war. Zunächst wirkte der Text wie ein Muster, das sich erst dann zu Schrift­zei­chen auflöste, als ich meine Brille aus der Schub­lade holte. Ich konnte den Text natür­lich nicht lesen. Ich nehme an, die Post­karte wurde verse­hent­lich in meinen Brief­kasten geworfen. Bei genauerer Unter­su­chung stellte ich jedoch fest, dass die Post­karte in jedem anderen Brief­kasten vermut­lich gleich­wohl ein verse­hent­li­ches Ereignis gewesen wäre, die Post­karte trug nämlich keine Anschrift an der dafür vorge­se­henen Stelle, aber eine Brief­marke des japa­ni­schen Hoheits­ge­bietes. Auch auf ihrer Rück­seite war kein Adressat zu erkennen. Eine Foto­grafie zeigt Samuel Beckett, der unter einem blühenden Kirsch­baum sitzt, oder einen Mann, der Samuel Beckett ähnlich sein könnte, der Dichter im Alter von 160 Jahren, er hat sich kaum verän­dert. Ein sehr inter­es­santes Bild. Auf einem Ast des Baumes sind Eich­hörn­chen zu erkennen, sieben oder acht Tiere, die ihre Augen geschlossen halten. Ich erin­nere mich, dass ich einmal davon hörte, Menschen würden immer wieder einmal Post­karten notieren, oft sehr aufwendig ausge­ar­bei­tete Schrift­stücke, um zuletzt die Adresse des Empfän­gers zu vergessen. Das ist tragisch oder viel­leicht eine Methode, Infor­ma­tion an die Welt zu senden, die niemanden oder irgend­einen belie­bigen Menschen errei­chen soll. Nun liegt diese Post­karte neben Zimt­sternen, Bananen und Äpfeln auf meinem Küchen­tisch. Zunächst hatte ich das Wort L i e b e r in die Google – Über­set­zer­ma­schine einge­geben und in die japa­ni­sche Sprache über­setzt. Zeichen, die sich auf meinem Bild­schirm formierten, waren mit den ersten Zeichen auf der Post­karte iden­tisch. Ich weiß sehr genau, was nun zu tun ist. In diesem Augen­blick jedoch scheue ich noch davor zurück, meinen Namen in die Maske der Such­ma­schine einzu­geben. Es ist jetzt bald Morgen­däm­me­rung, ich höre Tauben auf dem Dach spazieren. – stop

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