nazamins schwester

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echo : 5.08 — Ich träumte von merk­würdi­gen Tieren, die sehr flach sind und weich und außer­dem sehr schön gestal­tet. Wenn man eines dieser Tiere auf einem Tisch in der Wirk­lichkeit vor sich liegend betra­cht­en kön­nte, würde man vielle­icht die Ähn­lichkeit zu Brief­marken erken­nen, so wie wir sie als Kinder ent­deck­en und zu sam­meln begin­nen. Tat­säch­lich han­delt es sich bei jenen Tieren, welche ich träumte, um Brief­marken­tiere, die sehr leicht sind, manche tra­gen die Zeich­nung weit­er­er Tiere auf ihrem Kör­p­er, Zebras oder Schmetter­linge oder Singvögel sind häu­fig auf ihrem Rück­en zu erken­nen. An einem ihrer gezah­n­ten Rän­der sitzen sehr kleine Augen fest, dort soll sich gle­ich­wohl ein Mund befind­en, der fein­ste Stäube aus der Luft ent­nimmt, Pol­len­samen, Bak­te­rien, Sporen jed­er Art, davon ernähren sich Brief­marken­tiere vornehm­lich, es sein denn, sie wer­den mit fein­stem Pud­erzuck­er vorsät­zlich gefüt­tert. Brief­marken­tiere sollen dort zu erwer­ben sein, wo man auch herkömm­liche Post­wertze­ichen bestellen kann, sie sind zunächst nicht so preiswert wie das papierene Mate­r­i­al, dafür mehrfach ver­wend­bar. Um einen Brief mit einem Brief­marken­tier zu verse­hen, legt man das betr­e­f­fende Schrift­stück im Kuvert auf einen Tisch, set­zt nun behut­sam eines der Brief­marken­tiere an geeignete Stelle, näm­lich genau dor­thin, wo nor­maler­weise papierene Brief­marken aufzu­tra­gen sind, und schon wird man beobacht­en wie sich das Brief­marken­tier mit seinem neuen Zuhause verbindet, es schmiegt sich an und ist for­t­an vom Brief nur noch mit­tels Gewalt zu tren­nen. Wie es jet­zt leuchtet, wie es seine wun­der­baren Far­ben zeigt, wie es mit Mustern spielt und mit Bildern, die zu Fil­men wer­den, zu Geschicht­en, die das Brief­marken­tier irgend­wo gel­ernt haben muss. Und wenn nun der Brief auf die Reise geht, reist das Brief­marken­tier mit ihm mit, und bleibt dem Brief solange ver­bun­den, bis der Brief geöffnet wird. In diesem Moment der Öff­nung, löst sich das Brief­marken­tier von seinem Brief, der nun nicht mehr sein Brief sein kann. Es ist kaum zu glauben, aber es ist wahr, ich hab’s geträumt, das Brief­marken­tier segelt sogle­ich durch die Luft davon, es ist sehr schnell unter­wegs, schnell wie ein Zugvo­gel kehrt es zu seinem Absender zurück, Tage oder auch Wochen ist es unter­wegs, Schwärme von Brief­marken­tieren wur­den bere­its in großer Höhe über dem Erd­bo­den beobachtet. Zuhause endlich angekom­men, lungern sie dann gern an den Fen­stern und warten. stop. Ende meines Traumes. stop – Naza­mins Schwest­er wurde am ver­gan­genen Sam­stag in den Bergen nahe Semdin­li ver­mut­lich von türkisch­er Mil­itär­polizei getötet. Naza­mins Schwest­er wird nie wieder erwachen. – stop

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abschnitt neufundland

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Abschnitt Neu­fund­land meldet fol­gende gegen Küste gewor­fene Arte­fak­te : Wrack­teile [ Seefahrt – 108, Luft­fahrt — 322, Auto­mo­bile — 16], Grußbotschaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahrhun­dert — 17, 19. Jahrhun­dert – 75, 20. Jahrhun­dert – 988, 21. Jahrhun­dert — 532 ], Trol­leykof­fer [ blau : 143, rot : 643, gelb : 88, schwarz : 1734 ] phys­i­cal mem­o­ries [ bespielt — 1186, gelöscht : 34 ], Seenotret­tungswest­en : [ 1801 ], Ameisen [ Arbeit­er ] auf Treib­holz [ 1453 ], Brummkreisel : 5, Öle [ 0.06 Ton­nen ], Matrosch­ka — Pup­pen von Birken­holz : 5, Prothe­sen [ Herz — Rhyth­mus­beschle­u­niger – 77, Kniege­lenke – 345, Hüftkugeln – 16, Brillen – 6754 ], Halb­schuhe [ Größen 28 – 39 : 133, Größen 38 — 45 : 766 ], Plas­tik­san­dalen [ 1562 ], Kühlschränke [ 1 ], Tele­fone [ 874 ], Pup­penköpfe [ 102 ] Gas­masken [ 2 ], Tief­see­tauchanzüge [ ohne Tauch­er – 3, mit Tauch­er – 1 ], Engel­szun­gen [ 56 ] | stop |

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sarajevo

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alpha : 2.12 — In mein­er Vorstel­lung wurde ein drei­jähriger Junge von sein­er Mut­ter in einem Kinder­wa­gen über eine Straße geschoben. Die Mut­ter, die zunächst vor­sichtig ging, um das Kind nicht zu weck­en, beschle­u­nigte plöt­zlich ihre Schritte, nach weni­gen Sekun­den spurtete sie eine Häuser­wand ent­lang, sie hat­te das Kind aus dem Kinder­wa­gen gehoben und trug es jet­zt in ihren Armen, während sie etwas seitwärts lief, sie war geschickt in dieser Art und Weise zu laufen, sie schützte das Kind mit ihrem Kör­p­er vor Pro­jek­tilen, die von einem Scharf­schützen, einem Sniper, auf den Weg gebracht wor­den waren, um sie und ihr Kind ums Leben zu brin­gen. Irgend­wo irgend­wann muss ich einen Film gese­hen haben, der eine Szene wie die vorgestellte Szene zeigte. Unlängst sprach ich mit einem jun­gen Mann, der sich in meine geschilderte Vorstel­lung har­monisch ein­fü­gen würde, ich kenne ihn seit län­ger­er Zeit, er war tat­säch­lich Kind gewe­sen in Sara­je­vo während der Belagerung der Stadt. Ein­mal, als etwas Zeit war zu sprechen, fragte ich ihn, wie diese Jahre damals für ihn gewe­sen waren, ob er sich erin­nern könne. Er schaute mich fre­undlich an und lachte. Als ich meine Frage wieder­holte, sagte er, dass er über diese Zeit noch nie gesprochen habe. Ich fragte ihn, ob er vielle­icht noch nie mit ein­er Per­son wie mir gesprochen habe, die die Belagerung, die Erschießung von Men­schen damals, als er noch ein Kind gewe­sen war, auf einem Fernse­hbild­schirm beobachtet hat­te. Er antwortete, nein, er habe über­haupt noch nie, mit Nie­man­dem, mit keinem Men­sch also über diese Zeit, deren Geräusche er kenne, gesprochen. Seine Mut­ter habe den Krieg über­lebt, seine Schwest­er, die ein Jahr älter als er selb­st gewe­sen war, sei gestor­ben. Und wieder lachte er, und dann klopfte er mir auf die Schul­ter, und ich stellte keine weit­ere Frage. — stop

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mosul

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MELDUNG. Mosul, Nabi Jor­jis St., 3. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 2801 [ Mar­mor, Car­rara : 3.65 Gramm ] vol­len­det. — stop

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kil­i­mand­scharo : 0.27 – Orig­i­nal-Nachricht / Betr­e­ff : Unde­liv­ered Mail Returned to Sender Datum: 2015–11-08T00:47:36+0100 – I’m sor­ry to have to inform you that your mes­sage could not be deliv­ered to one or more recip­i­ents. It’s attached below. For fur­ther assis­tance, please send mail to post­mas­ter. If you do so, please include this prob­lem report. You can delete your own text from the attached returned mes­sage. NOTE: Lieber Ted­dy, drei Jahre sind ver­gan­gen, seit ich hörte, dass Du in Peking gestor­ben sein sollst. Einige Tage zuvor waren damals Fre­unde in einem Restau­rant ver­sam­melt gewe­sen, um gemein­sam Enten und Gänse zu ver­speisen. Du hat­test Deinen Besuch angekündigt, kamst aber nicht. Wir warteten verge­blich auf Deinen Anruf, hat­ten keine Vorstel­lung davon, was geschehen sein kon­nte, ein kalter Tag, eisig, der 20. Novem­ber 2012. Wenn ich im Inter­net nach Deinen Spuren suche, ist immer noch alles so wie im let­zten Jahr anzutr­e­f­fen, Deine Fotografien, Deine Web­seite, Spuren in Foren. Bemerk­swert ist eine beson­dere Anfrage, die in hinzugekom­men ist im Bezirk ein­er Such­mas­chine, deren Dien­stleis­tung ini­itiert wer­den musste, irgend jemand erkundigt sich nach Dir in ein­er außergewöhn­lichen Weise. Wie in den Jahren zuvor, lieber Ted­dy, sichere ich auch in diesem Jahr eine Dein­er Fotografien, von deren Geschichte Du mir lei­der nie erzählen wirst. – Dein Louis < t.s@posteo.de: host mx02.posteo.de[89.146.194.165] said: 550 5.1.1 < t.s@posteo.de>: Recip­i­ent address reject­ed: unde­liv­er­able address: Recip­i­ent address lookup failed (in reply to RCPT TO com­mand) – The mail sys­tem – stop

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mitado muje

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oli­mam­bo : 2.02 – In einem Post­amt der neuseeländis­chen Stadt Whakatane arbeite ein Nachtschicht­beamter mit­tleren Alters, der beson­dere Namen samm­le. Er soll, so ein Gerücht, auf einem Drehstuhl vor einem Fächer­re­gal sitzen und Briefe in zweier­lei Hin­sicht sorgfältig betra­cht­en, ob sie näm­lich ein­er­seits aus­re­ichend frankiert sind, um ihren Bes­tim­mung­sort erre­ichen zu kön­nen, ander­seits würde er Namen von Adres­sat­en, die sich in aller Welt befind­en, ihrem Klang nach inspizieren. Sobald der Nacht­mann einen Namen, der ihm gefällt, ent­deckt, würde der Name auf einem Zettel notiert: Sakon­akis Pina, Emi­lie Lionel, Pol­lie Patatas, Josef Thomey, Lai­ly Pina, Clara Lorenz, Phillipe Odil. Es heißt, man könne diese Namen im Inter­net erwer­ben, vielle­icht, wenn man einen geräuschvollen Namen benötigten würde weil man eine Per­son erfind­en möchte, die sich in poet­is­ch­er Weise darzustellen wün­scht, 10 Cent. Ich muss das über­prüfen. – stop


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lilly

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marim­ba : 2.05 – Auf der Suche nach einem Kiemen­mäd­chen namens Lil­ly Man­gold war ich gegen Mit­ter­nacht eingeschlafen, da öffnete tief im Gehör­gang meines recht­en Ohres knis­ternd eine Zwergseerose ihre Blüte. Ich hörte, man könne Zwergseerosen in Kaf­fee­tassen zücht­en. Ist das eine Nachricht? – stop

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propeller

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tan­go : 6.52 – Dieses Wort, Pro­peller­wort, das sich seit eini­gen Stun­den, weiß der Him­mel woher es gekom­men ist, in meinem Kopf bewegt, scheint in der wirk­lichen Welt noch nicht zu existieren. Ich suchte in Wörter­büch­ern, ich suchte in der dig­i­tal­en Sphäre, verge­blich. Was also kön­nte unter einem Pro­peller­wort exakt zu ver­ste­hen sein? Ein Wort vielle­icht, das in der Lage wäre, weit­ere Wörter, die vor oder hin­ter ihm in einem Satzver­bund notiert wor­den sind, im Geiste eines Lesenden zu beschle­u­ni­gen, oder den Lesenden selb­st in sein­er Art des Lesens heftig anzure­gen. In diesem Augen­blick kommt mir kein Wort in den Sinn, das in dieser Weise wirk­sam wer­den kön­nte. Stattdessen dachte ich an das Wort Zwergseerose, das ich gestern noch notierte, das Wort Zwergseerose kön­nte für mich zu einem Pro­peller­wort wer­den, weil es mich leichter wer­den lässt, weil ich mich freue, sobald ich das Wort denke oder höre, weil ich sofort weit­ere Zwerg­wörter bemerke, die mir gefall­en, das Wort Zwer­glibelle beispiel­sweise, oder das Wort Zwergameisenpferd, von den Ameisenpfer­den habe ich bere­its erzählt, auch das Wort Ohrfeige, wenn ich das Wort Ohrfeige hin­sichtlich der Baum­früchte betra­chte, scheint sich gle­ich­wohl zu einem Pro­peller­wort zu entwick­eln. Oh, Du schön­er Früh­lingsmor­gen. – stop
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marim­ba : 2.24 – Ort: Upper Bay von New York. Zeit: Som­mer 1958. Auf einem Fährschiff, dessen Name ich nicht ermit­teln kon­nte, ste­ht am Heck ein Junge im Alter von unge­fähr 12 Jahren. Es ist früher Nach­mit­tag, die Schule ver­mut­lich ger­ade vorüber, der Junge fährt mit dem Schiff von Man­hat­tan nach Hause. Er trägt Halb­schuhe, ein helles Hemd, eine Krawat­te und ein dun­kles Jack­ett, seine Schul­tasche lehnt an einem Pfeil­er, der für schwere Schiff­s­taue vorge­se­hen ist. Im Hin­ter­grund, am Hor­i­zont, sind Kräne zu erken­nen, die wie eis­erne Vögel auf stelzenar­ti­gen Füssen ste­hend, zu warten scheinen. Einige Meter über dem Jun­gen schwebt eine Möwe, auch sie ist, wie der Junge selb­st, reg­los in ein­er Schwarzweiß­fo­tografie gefan­gen. Zwei ältere Per­so­n­en, eine Frau in einem hellen Kleid, und ein Mann, der einen dun­klen Anzug trägt, lungern auf ein­er Bank. Sie küssen sich ger­ade auf den Mund, sind vielle­icht eigentliche Ursache der Fotografie, der Junge, der gefährlich nah an der Kante zum Wass­er ste­ht, ist also möglicher­weise verse­hentlich mit auf das Bild ger­at­en. Eine Hand des Jun­gen ist nach vorne hin aus­gestreckt, es ist seine linke Hand, während seine rechte Hand einen Faden, so fein, dass er kaum noch sicht­bar ist, um diese linke aus­gestreck­te Hand wick­elt, als wäre sie eine Spule. Der Junge scheint im Moment der Auf­nahme mit sein­er Arbeit des Wick­elns beina­he fer­tig gewor­den zu sein, das Ende des Fadens wird bere­its sicht­bar, ein klein­er Drache von Papi­er ist dort befes­tigt, ein Drache nicht länger als zehn Zen­time­ter und nicht bre­it­er als sechs Zen­time­ter, ein Zwergdrache, in der ein­fach gekreuzten Form der Kinder­drachen, dessen Kör­p­er mit Sei­den­pa­pi­er bespan­nt gewe­sen sein kön­nte, unbekan­nte Farbe, vielle­icht blau, vielle­icht gelb. Eine erstaunliche Ent­deck­ung im zweit­en Blick. – stop

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lissabon

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MELDUNG. Junge Engel, Schule zu St. Nazaire, sind in der Nacht von Mon­tag auf Dien­stag kom­mender Woche von 2 bis 5 Uhr bei leichter Fliegerei über dem Jardim da Torre de Belem zu Liss­abon anzutr­e­f­fen. Ein­tritt frei. – stop

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paris : 5 minuten

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sier­ra : 3.15 – Der junge Mann will wis­sen, ob ich vielle­icht ger­ade Nachricht­en lese, die von der Stadt Paris erzählen. Sein Gesicht­saus­druck, indem er auf mein Mobil­tele­fon deutet, ist ernst. Ich wohne in Paris, sagt er, ich bin dort aufgewach­sen, ich studiere in Deutsch­land, ich habe ver­sucht meinen Groß­vater zu erre­ichen, aber er meldet sich nicht, ich komme nicht durch, ich bin so aufgeregt, auch meine Fre­undin ist ver­schwun­den. Wir ste­hen am Bahn­hof, warten auf einen Zug, der in Rich­tung des Flughafens fährt. Es ist kurz nach Mit­ter­nacht. Auf dem Mobil­tele­fon des jun­gen Mannes wird von achtzehn Todes­opfern berichtet, auf meinem sind bere­its über vierzig Men­schen gestor­ben. Der junge Mann läuft immer wieder ein­mal einige Meter den Bahn­steig ent­lang, schaut auf sein Tele­fon, hält es an sein Ohr, kommt wieder zu mir zurück, fragt, ob ich etwas Neues in Erfahrung brin­gen kon­nte. Ich sage: Ich glaube, für Frankre­ich wurde ger­ade der Aus­nah­mezu­s­tand erk­lärt. Oh Gott, antwortet der junge Mann, was ist nur geschehen! Er ste­ht ganz still vor mir, schaut mich an. Wir ken­nen uns eigentlich nicht sehr gut. Fünf oder sechs Minuten Zeit sind ver­gan­gen, seit der junge Mann fragte, ob ich Nachricht­en lese, die von der Stadt Paris erzählen. Plöt­zlich klin­gelt sein Tele­fon. – stop

fest

sanguin nitro

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echo : 0.12 – Ich wieder­hole: Es ist eine Frage der Zeit, ehe irgen­dein Ver­rück­ter men­schlichem Blut Sprengstoffmit­tel zufü­gen wird. Ein Lachen der Zün­der. Oder ein Klatschen der Hände. – stop

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im zug kürzlich

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india : 0.12 – Ein Mäd­chen, das möglicher­weise ger­ade erst sprechen lernte in ein­er Sprache, die ich nicht ver­ste­he, ste­ht im Zug vor mir. Ich notiere auf ein Blatt Papi­er, als ich die kleine Per­son bemerke. Ich sage: Hel­lo! Sofort schließt das Mäd­chen die Augen, bleibt aber wie angewurzelt vor mir ste­hen. Wenige Meter ent­fer­nt sitzen zwei Frauen und vier Män­ner, sie tra­gen Anoraks, die zu groß sind, die Frauen ausser­dem Kopftüch­er und Hand­schuhe, obwohl es im Zug warm ist. Sie scheinen müde zu sein, nie­mand spricht. Ein­er der Män­ner beobachtet mich, ein ruhiger, aufmerk­samer, fre­undlich­er Blick, ich denke noch, was sieht er in mir, da macht das kleine Mäd­chen seine Augen wieder auf, schaut mich an, kein Lächeln, als ich eine Hand hebe und winke. Ein Gesicht, blass, fast weiß, tiefe, dun­kle Ringe unter den Augen, die glänzen. Was haben diese Augen gese­hen in den ver­gan­genen Wochen, Monat­en, Jahren, vielle­icht Men­schen, die tot sind, wie sie auf ein­er Straße liegen, eine Hand der Mut­ter, die  Augen des Mäd­chens bedeck­en im Moment ein­stürzen­der Häuser, Luft voller Fliegen unter einem Zelt­dach, das nächtliche Meer, schreiende Men­schen vor Stachel­draht bewehrten Toren, rasende Schäfer­hunde, die in Ungarn geboren wor­den sind? – Ein Kind will sehen. So fängt es immer an, auch damals fing es so an. Ein Kind wollte sehen. / Julian Barnes Arthur & George – stop
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5 stunden

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nord­pol : 10.22 – Ich beobachte das Fernse­hgerät. Eine Repor­terin des amerikanis­chen Fernse­hens berichtet aus St. Denis, ein­er kleineren Stadt nordöstlich der größeren Stadt Paris. Sie erzählt in Echtzeit fünf lange Stun­den lang. Die Sendung begin­nt gegen 4 Uhr mor­gens, da ist es noch dunkel am Him­mel, aber eine Straße der kleineren Stadt wird hell erleuchtet von Blaulicht und Schein­wer­fern der Kam­eras, die nach Bildern und Geräuschen eines schw­eren Kampfes suchen. Schüsse sind zu hören, rhyth­misch, drei oder vier dumpfe Det­o­na­tio­nen. In Hau­se­ingän­gen, vor Straße­neck­en, auf ein­er Kreuzung warten Polizis­ten und Sol­dat­en, sie bewe­gen sich so, als wäre tief­ster Win­ter, sie scheinen über­haupt nervös zu sein. Irgend­wo hin­ter der Flucht alter Häuser­fas­saden, die auf dem Bild­schim in ein­er schein­bar unver­rück­baren Ein­stel­lung zu sehen ist, tobt dieser Kampf, das ist sich­er, es heißt, eine Frau habe sich mit­tels eines Sprengstof­fgür­tels getötet, von Fes­t­nah­men wird berichtet, Namen junger, berühmter Ter­ror­is­ten wer­den pos­tuliert. Weil doch nur sel­ten hör­bar geschossen wird, wer­den etwas später, es ist Tag gewor­den, hell, immer wieder Szenen ein­er Zeit auf den Bild­schirm gespielt, als noch Dunkel war am Him­mel, als noch geschossen wurde, so dass alle es hören kon­nten, die ger­ade erst wach gewor­den sind. Gestern erzählte mir Nas­rin, die in einem Cafe am Flughafen arbeit­et, ein Kol­lege deutsch­er Mut­ter­sprache habe sie gefragt, ob M., einen weit­er­er Kol­lege, vielle­icht sich freuen würde, dass in Paris so viele Men­schen getötet wor­den seien. Sie habe geant­wortet, er solle M. doch selb­st befra­gen, woraufhin der Kol­lege deutsch­er Mut­ter­sprache gesagt habe, ihm würde M. ja doch niemals die Wahrheit sagen. Da habe sie nicht weit­er gewusst, sie habe den Wun­sch gehabt sofort einzuschlafen oder aufzuwachen. – stop
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vor schnee

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marim­ba : 6.18 – Ein Zoologe, L., mit dem ich gestern am späten Abend tele­fonierte, erzählte von ein­er Reise nach Grön­land im ver­gan­genen Früh­ling. Er sei ein­ge­laden gewe­sen an der Besich­ti­gung eines schlafend­en Wales teilzunehmen, der in ein­er tiefen Bucht vor Oqaat­sut senkrecht mit dem Kopf nach oben im kalten Wass­er schwebte. Ein großar­tiger Anblick, dieser mächtige Kör­p­er umschwärmt von See­hun­den, die unter gle­icher­maßen neugieri­gen Fis­chen wilderten. Von der nautis­chen Gesellschaft der Uni­ver­sität Oslo seien mehrere Kam­eras einge­set­zt gewe­sen, die den Wal Zen­time­ter für Zen­time­ter unter­sucht­en. Erste Hin­weise deuteten auf eine möglicher­weise noch unbekan­nte Spezies hin. Man sei am zweit­en Tage der Unter­suchung behut­sam mit­tels eines Köper-U-Bootes in das Innere des Wals vorge­drun­gen, habe in die Dunkel­heit des Magens geleuchtet, um dort zwei sehr alte Kämme von Elfen­bein vorzufind­en, ein Kof­fer­ra­dio, drei Ret­tungsringe ohne Beschrif­tung, einen Peilsender, sowie fünf Büch­er, die merk­würdi­ger­weise von wasser­fester Sub­stanz gewe­sen seien. Am kom­menden Son­ntag, so L., reise er nach Oqaat­sut zurück, der Wal schlafe noch immer, er habe indessen kaum an Kör­per­masse ver­loren, was höchst erstaunlich sei. – Fre­itag. Früher Mor­gen. Die Luft duftet nach Schnee. – stop
basskäfer

schnee

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oli­mam­bo : 2.22 — Ich hörte das Geräusch ein­er schep­pern­den Glo­cke, ein Klin­geln oder metal­le­nes Hupen. Ich dachte, irgend­je­mand wollte mich weck­en, obwohl ich doch bere­its wach gewor­den war. Ich spa­zierte zunächst in die Küche. Das Geräusch wan­derte mit. Plötz­lich erin­nerte ich mich, woher ich das Geräusch kan­nte, ich hat­te über das Geräusch schon ein­mal notiert. Ich erin­nerte mich zunächst an meinen Text und dann an den Ursprung des Geräusches, das ich hörte, oder war es vielle­icht genau ander­herum gewe­sen? Das Geräusch mein­er Erin­nerung kam von einem Glöck­chen her, das am Weih­nachts­abend hin­ter ein­er Tür von mei­nem Vater durch hef­tige Bewe­gung zum Klin­gen gebracht wor­den war, ein ver­trau­tes, jähr­lich wie­der­keh­ren­des Geräusch. Ein­mal bekam ich ein Radio geschenkt. Das Radio war das erste Radio mei­nes Lebens gewe­sen, ein Tran­sis­to­r­emp­fän­ger, hand­lich und doch sehr schw­er. Ich weiß nicht wes­halb, ich öffnete das Radio mit Hil­fe eines Schrauben­ziehers, ich zer­legte die kleine Appa­ra­tur in ihre Ein­zel­teile und wun­derte mich. Ein Jahr darauf bekam ich einen Fotoap­pa­rat, den ich am darauf­fol­gen­den Tag wie zuvor das Radio öffnete und auf das genaueste unter­suchte, im Früh­ling zählte ich Vögel, im Som­mer durch­suchte ich das Unter­holz nach Knochen von Hasen und Rehen, um sie in meinem Zim­mer auf dem Schreibtisch so zu kon­fig­uri­eren, dass ich sie mir vorstellen kon­nte. Es ist merk­würdig, wie Geräusche über große Zeiträume hin­weg wiederkehren, als wären sie ger­ade erst in der Wirk­lichkeit abge­spielt wor­den. Es lässt sich nicht über­prüfen, aber sie scheinen sich tat­säch­lich nicht verän­dert zu haben, sind unteil­bare Wesen. Heute Schnee, sehr leise. — stop
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the look of silence

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papa : 0.45 — Als ich gestern Abend den außergewöhn­lichen Doku­men­tarfilm The Look of Silence betra­chtete, ist etwas sehr Merk­würdi­ges geschehen. Meine Sch­necke Esmer­al­da stürzte näm­lich aus 1 Meter Höhe von der Wand auf den Fuß­bo­den, woraufhin ich die Sch­necke vor­sichtig in die Hände nahm und nach möglichen Schä­den suchte. Als ich die Sch­necke kurz darauf wieder vor die Wand set­zte, als Esmer­al­da nach weit­eren 2 Minuten erneut von der Wand stürzte, stoppte ich den Film und über­legte, ob meine Sch­necke möglicher­weise krank gewor­den sein kön­nte. Indessen klet­terte Esmer­al­da, wie unter einem Zwang, zum drit­ten Mal die Wand hin­auf, dies­mal jedoch fiel sie nicht auf den Boden zurück. Besorgt ver­fol­gte ich ihre Bewe­gung mehrere Minuten lang, alles ging solange gut, bis ich die Betra­ch­tung des Filmes fort­set­zte. Nach eini­gen weit­eren Ver­suchen ist nun Fol­gen­des zu bericht­en. Esmer­al­da reagiert schein­bar auf Geräusche, die der Film erzeugt. Ich nehme an, meine Sch­necke wird von Rufen der Zikaden, welche im Film immer wieder über län­gere Zeit zu hören sind, müde, sie schläft ein, sie ver­gisst sich sozusagen, ihre Lage an der Wand, die gefährliche Tiefe unter ihr. Eine erstaunliche Beobach­tung. Ich habe bish­er noch nicht darüber nachgedacht, ob Sch­neck­en über ein Hörver­mö­gen ver­fü­gen, es ist denkbar, dass Sch­neck­en über ein Kör­per­hau­tohr gebi­eten. — stop

nachricht­en von esmer­al­da »

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ein gespräch

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fox­trott : 0.28 – Ein­mal nur für kurze Zeit die unver­rück­bare Gren­ze des Todes mit­tels eines Funkgerätes über­schre­it­en. Ich stellte mir vor, ich kön­nte ein Gespräch führen mit einem Selb­st­mor­dat­ten­täter, sagen wir mit MMK. Ich berichtete O. von dieser Idee. Ich sagte, stell Dir ein­mal vor, ich würde fol­gende Sätze sprechen: Lieber MMK, jet­zt bist Du also tot, du hast Deinen Auf­trag zur vollen Zufrieden­heit Dein­er Vorge­set­zten erfüllt, Du hast Dich in die Luft gesprengt, in alle Him­mel­srich­tun­gen sind Teile Deines Kör­pers davon geflo­gen. Wie geht es Dir jet­zt? Wo bist Du, mein Fre­und? — O., der inter­essiert zuge­hört hat­te, antwortete: Sag, lieber Louis, was erwartest Du denn, was MMK antworten würde? Ehe ich sprechen kon­nte, set­zte O. fort, er sagte: Ich nehme an, Du wirst daran denken, dass er Dir sagen wird: Kein Paradies. Dunkel. Nichts. Ich bin allein, ver­dammt. Er schaute mich bedeu­tungsvoll an. Was aber, lieber Louis, machst Du, wenn er Dir erzählt, dass er im Paradies angekom­men sei, dass alles noch wun­der­bar­er sei, als je vorgestellt, ja, was macht Du dann, mein Junge? — stop

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von menschen und affen

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nord­pol : 0.22 – Wäre es nicht vielle­icht doch sin­nvoll, anstatt unschuldige Kin­der­men­schen der Stadt Rak­ka zu bom­bardieren, elek­trische Daten­net­ze zu attack­ieren, welche von Riad aus Gotteskrieger mit Entwick­lung­shil­fe ver­sor­gen? Immer wieder das Fra­gen üben. Auch nach Fra­gen suchen. Gestern sprach ich mit ein­er jun­gen Mus­li­ma über ihre Schulzeit, viel zu kurz, sagte sie, viel zu früh zu Ende. Es ist so, dass sie, H., der fes­ten Überzeu­gung ist, von Adam und Eva unmit­tel­bar abzus­tam­men. Da sie jedoch nicht dog­ma­tisch lebe und denke, wäre sie bere­it, zu akzep­tieren, dass ich, Louis, ein Affen­men­sch sei oder eben ein Men­schenaffe. Wir lachen ganz her­zlich. It works! — In der ver­gan­genen Nacht habe ich mein Radio gelehrt, in der beruhi­gen­den Sprache der Nachtzikaden zu sprechen. Guten Mor­gen! – stop

nachtzikaden

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ai : MEXICO

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MENSCH IN GEFAHR : “Am 14. Novem­ber erhielt der Men­schen­rechtsvertei­di­ger Fray Aure­lio Mon­tero Vásquez, der sich für Migrant_innen ein­set­zt, einen Dro­han­ruf von einem Mann, der angab, der Anführer eines der größten Dro­genkartelle zu sein. Als Fray Aure­lio Mon­tero Vásquez den Anruf erhielt, befand er sich in ein­er Krisen­sitzung mit nationalen Ermit­tlungs­be­hör­den, um über die jüng­sten Ent­führun­gen von und sex­uellen Über­griffe auf Migrant_innen in der Nähe von Tenosique im Bun­desstaat Tabas­co zu sprechen. Er gab sein Tele­fon an einen Ange­höri­gen der Gen­er­al­staat­san­waltschaft Mexikos weit­er, damit dieser mithören kon­nte. Fray Aure­lio Mon­tero Vásquez zufolge soll der Anrufer, der weit­er in dem Glauben war, mit dem Men­schen­rechtler zu sprechen, gesagt haben: “Du bist zu weit gegan­gen”. Außer­dem habe er gedro­ht, ihn anzu­greifen, wenn er nicht 50.000 mexikanis­che Pesos (ca. 2850 Euro) von ihm erhielte. Während der Krisen­sitzung rief der­selbe Mann noch acht weit­ere Male an, sodass es den Behör­den möglich war, her­auszufind­en, dass die Anrufe aus einem nördlichen Teil Mexikos getätigt wur­den. An dem Tag, als Fray Aure­lio Mon­tero Vásquez die Dro­han­rufe erhielt, hat­te er zusam­men mit Kolleg_innen der Migranten­her­berge La 72 in Tenosique im Bun­desstaat Tabas­co Anzeige wegen der Ent­führung von Migrant_innen ein­gere­icht. In den Wochen zuvor berichteten Fray Aure­lio Mon­tero Vásquez und seine Kolleg_innnen über eine starke Zunahme der sex­uellen Über­grif­f­en auf und Ent­führun­gen von Migrant_innen, von denen die meis­ten aus Zen­tralameri­ka stam­men. Fray Tomás González, der eben­falls in der Migranten­her­berge La 72 tätig ist, hat viel zu diesen Fällen gear­beit­et und in den ver­gan­genen Wochen Sicher­heitsvor­fälle bei den Behör­den gemeldet. Am 16. Novem­ber war die Bun­de­spolizei, die für den Schutz der Migrante­nun­terkun­ft La 72 zuständig ist, in der Umge­bung nicht oft genug auf Streife gegan­gen und hat­te die Unterkun­ft mehrere Stun­den mit­ten in der Nacht und am frühen Mor­gen unbeauf­sichtigt gelassen. Diese Polizeistreifen gehören zu den Sicher­heits­maß­nah­men der Regierung, damit die Mitarbeiter_innen der Her­berge ihrer Men­schen­recht­sar­beit weit­er­hin ausüben kön­nen.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 7. Jan­u­ar 2016 hin­aus, unter »> ai : urgent action

ping

von schmetterlingen

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himalaya : 0.28 – Wenn ich nicht irre, dann mochte meine Groß­mut­ter, die Münch­en­er Oma, wie wir sie nan­nten, das Wort Bomben­stim­mung nicht gern aussprechen. Das lag ver­mut­lich daran, dass sehr häu­fig der Boden unter ihren Füßen zit­terte, wenn irgend­wo in der Stadt, in der sie lebte, Bomben unsan­ft auf dem Boden lan­de­ten. Meine Münch­en­er Oma ist schon vor langer Zeit gestor­ben, sie hat­te eine Krankheit, die ihre Glieder beben ließ von Zeit zu Zeit, als ob sie sich an das Zit­tern des Bodens immer wieder erin­nern musste. Vor weni­gen Stun­den nun ist ihre Tochter aus dem Leben ver­schwun­den, weiß der Him­mel, ob sie davon erfahren hat. Auch ihre Tochter kan­nte das Beben des Erd­bo­dens noch, während der Boden unter meinen Füßen niemals bebte unter dem Ein­druck men­schlich­er Spreng­mit­tel­erfind­un­gen. Das Wort Fliegerbombe kommt in meinem Leben schon sehr lange vor, es gehört zum Wortschatz des Kindes, ver­mut­lich weil von den Bomben­zeit­en immer wieder berichtet wurde. Manche Men­schen, die heutzu­tage Kinder sind, bück­en sich nach Schmetter­lin­gen, die grün sind wie Frösche, und sie denken vielle­icht noch, das sind aber schwere Schmetter­linge, und ver­lieren ger­ade in diesem Sekun­den­mo­ment für immer Augen und Hände. — stop
louis

shanghai

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echo : 0.55 – In Shang­hai soll eine Woh­nung existieren, die sich zwis­chen zwei mod­erne Wolkenkratzer schmiegt. 26 Zim­mer zu je 3 Quadrat­metern, 2.5 Meter hoch, liegen unmit­tel­bar übere­inan­der und sind je mit ein­er Leit­er durch Luken zu erre­ichen. In dieser Woh­nung soll ein drahtiger, älter­er Mann leben, davon träumte ich vorgestern, ich schlief also und beobachtete mich selb­st, wie ich der Stimme des Mannes fol­gte, der lange Zeit nicht sicht­bar gewe­sen war. Die Stimme feuerte mich an, komm, komm, Louis, nicht müde wer­den! Aber ich war nicht müde, niemals war ich müde gewor­den, son­dern sah mich in jedem der Zim­mer nur um, ehe ich zum näch­sten Zim­mer weit­er stieg. Die Wände einiger Zim­mer waren Fotografien vor­be­hal­ten, an den Wän­den ander­er Zim­mer stapel­ten sich Büch­er, in jedem Zim­mer stand ein Stuhl vor einem Fen­ster, im 24. Stock ent­deck­te ich eine Küche, und wie ich das Zim­mer unter dem Dach erre­ichte, wurde ich vom Her­rn der Turm­woh­nung begrüßt. Er war ein sehr klein­er Mann, recht alt, er sah im Grunde ganz genau­so aus, wie ich mir vorstelle selb­st ein­mal auszuse­hen, wenn ich unge­fähr 150 Jahre alt gewor­den sein werde. Der Mann trug eine Khak­i­hose und ein weißes Hemd. An Weit­eres erin­nere ich mich nicht. — stop
ping

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