nazamins schwester

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echo : 5.08 – Ich träumte von merk­wür­digen Tieren, die sehr flach sind und weich und außerdem sehr schön gestaltet. Wenn man eines dieser Tiere auf einem Tisch in der Wirk­lich­keit vor sich liegend betrachten könnte, würde man viel­leicht die Ähnlich­keit zu Brief­marken erkennen, so wie wir sie als Kinder entde­cken und zu sammeln beginnen. Tatsäch­lich handelt es sich bei jenen Tieren, welche ich träumte, um Brief­mar­ken­tiere, die sehr leicht sind, manche tragen die Zeich­nung weiterer Tiere auf ihrem Körper, Zebras oder Schmet­ter­linge oder Sing­vögel sind häufig auf ihrem Rücken zu erkennen. An einem ihrer gezahnten Ränder sitzen sehr kleine Augen fest, dort soll sich gleich­wohl ein Mund befinden, der feinste Stäube aus der Luft entnimmt, Pollen­samen, Bakte­rien, Sporen jeder Art, davon ernähren sich Brief­mar­ken­tiere vornehm­lich, es sein denn, sie werden mit feinstem Puder­zu­cker vorsätz­lich gefüt­tert. Brief­mar­ken­tiere sollen dort zu erwerben sein, wo man auch herkömm­liche Post­wert­zei­chen bestellen kann, sie sind zunächst nicht so preis­wert wie das papie­rene Mate­rial, dafür mehr­fach verwendbar. Um einen Brief mit einem Brief­mar­ken­tier zu versehen, legt man das betref­fende Schrift­stück im Kuvert auf einen Tisch, setzt nun behutsam eines der Brief­mar­ken­tiere an geeig­nete Stelle, nämlich genau dorthin, wo norma­ler­weise papie­rene Brief­marken aufzu­tragen sind, und schon wird man beob­achten wie sich das Brief­mar­ken­tier mit seinem neuen Zuhause verbindet, es schmiegt sich an und ist fortan vom Brief nur noch mittels Gewalt zu trennen. Wie es jetzt leuchtet, wie es seine wunder­baren Farben zeigt, wie es mit Mustern spielt und mit Bildern, die zu Filmen werden, zu Geschichten, die das Brief­mar­ken­tier irgendwo gelernt haben muss. Und wenn nun der Brief auf die Reise geht, reist das Brief­mar­ken­tier mit ihm mit, und bleibt dem Brief solange verbunden, bis der Brief geöffnet wird. In diesem Moment der Öffnung, löst sich das Brief­mar­ken­tier von seinem Brief, der nun nicht mehr sein Brief sein kann. Es ist kaum zu glauben, aber es ist wahr, ich hab’s geträumt, das Brief­mar­ken­tier segelt sogleich durch die Luft davon, es ist sehr schnell unter­wegs, schnell wie ein Zugvogel kehrt es zu seinem Absender zurück, Tage oder auch Wochen ist es unter­wegs, Schwärme von Brief­mar­ken­tieren wurden bereits in großer Höhe über dem Erdboden beob­achtet. Zuhause endlich ange­kommen, lungern sie dann gern an den Fens­tern und warten. stop. Ende meines Traumes. stop – Nazamins Schwester wurde am vergan­genen Samstag in den Bergen nahe Semdinli vermut­lich von türki­scher Mili­tär­po­lizei getötet. Nazamins Schwester wird nie wieder erwa­chen. – stop

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abschnitt neufundland

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Abschnitt Neufund­land meldet folgende gegen Küste gewor­fene Arte­fakte : Wrack­teile [ Seefahrt – 108, Luft­fahrt – 322, Auto­mo­bile – 16], Gruß­bot­schaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert – 17, 19. Jahr­hun­dert – 75, 20. Jahr­hun­dert – 988, 21. Jahr­hun­dert – 532 ], Trol­ley­koffer [ blau : 143, rot : 643, gelb : 88, schwarz : 1734 ] physical memo­ries [ bespielt – 1186, gelöscht : 34 ], Seenot­ret­tungs­westen : [ 1801 ], Ameisen [ Arbeiter ] auf Treib­holz [ 1453 ], Brumm­kreisel : 5, Öle [ 0.06 Tonnen ], Matroschka – Puppen von Birken­holz : 5, Prothesen [ Herz – Rhyth­mus­be­schleu­niger – 77, Knie­ge­lenke – 345, Hüft­ku­geln – 16, Brillen – 6754 ], Halb­schuhe [ Größen 28 – 39 : 133, Größen 38 – 45 : 766 ], Plas­tik­san­dalen [ 1562 ], Kühl­schränke [ 1 ], Tele­fone [ 874 ], Puppen­köpfe [ 102 ] Gasmasken [ 2 ], Tief­see­tauch­an­züge [ ohne Taucher – 3, mit Taucher – 1 ], Engels­zungen [ 56 ] | stop |

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sarajevo

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alpha : 2.12 – In meiner Vorstel­lung wurde ein drei­jäh­riger Junge von seiner Mutter in einem Kinder­wagen über eine Straße geschoben. Die Mutter, die zunächst vorsichtig ging, um das Kind nicht zu wecken, beschleu­nigte plötz­lich ihre Schritte, nach wenigen Sekunden spur­tete sie eine Häuser­wand entlang, sie hatte das Kind aus dem Kinder­wagen gehoben und trug es jetzt in ihren Armen, während sie etwas seit­wärts lief, sie war geschickt in dieser Art und Weise zu laufen, sie schützte das Kind mit ihrem Körper vor Projek­tilen, die von einem Scharf­schützen, einem Sniper, auf den Weg gebracht worden waren, um sie und ihr Kind ums Leben zu bringen. Irgendwo irgend­wann muss ich einen Film gesehen haben, der eine Szene wie die vorge­stellte Szene zeigte. Unlängst sprach ich mit einem jungen Mann, der sich in meine geschil­derte Vorstel­lung harmo­nisch einfügen würde, ich kenne ihn seit längerer Zeit, er war tatsäch­lich Kind gewesen in Sara­jevo während der Bela­ge­rung der Stadt. Einmal, als etwas Zeit war zu spre­chen, fragte ich ihn, wie diese Jahre damals für ihn gewesen waren, ob er sich erin­nern könne. Er schaute mich freund­lich an und lachte. Als ich meine Frage wieder­holte, sagte er, dass er über diese Zeit noch nie gespro­chen habe. Ich fragte ihn, ob er viel­leicht noch nie mit einer Person wie mir gespro­chen habe, die die Bela­ge­rung, die Erschie­ßung von Menschen damals, als er noch ein Kind gewesen war, auf einem Fern­seh­bild­schirm beob­achtet hatte. Er antwor­tete, nein, er habe über­haupt noch nie, mit Niemandem, mit keinem Mensch also über diese Zeit, deren Geräu­sche er kenne, gespro­chen. Seine Mutter habe den Krieg über­lebt, seine Schwester, die ein Jahr älter als er selbst gewesen war, sei gestorben. Und wieder lachte er, und dann klopfte er mir auf die Schulter, und ich stellte keine weitere Frage. – stop

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mosul

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MELDUNG. Mosul, Nabi Jorjis St., 3. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 2801 [ Marmor, Carrara : 3.65 Gramm ] voll­endet. – stop

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kili­man­dscharo : 0.27 – Original-Nach­richt / Betreff : Unde­li­vered Mail Returned to Sender Datum: 2015–11-08T00:47:36+0100 – I’m sorry to have to inform you that your message could not be deli­vered to one or more reci­pi­ents. It’s atta­ched below. For further assi­s­tance, please send mail to post­master. If you do so, please include this problem report. You can delete your own text from the atta­ched returned message. NOTE: Lieber Teddy, drei Jahre sind vergangen, seit ich hörte, dass Du in Peking gestorben sein sollst. Einige Tage zuvor waren damals Freunde in einem Restau­rant versam­melt gewesen, um gemeinsam Enten und Gänse zu verspeisen. Du hattest Deinen Besuch ange­kün­digt, kamst aber nicht. Wir warteten vergeb­lich auf Deinen Anruf, hatten keine Vorstel­lung davon, was geschehen sein konnte, ein kalter Tag, eisig, der 20. November 2012. Wenn ich im Internet nach Deinen Spuren suche, ist immer noch alles so wie im letzten Jahr anzu­treffen, Deine Foto­gra­fien, Deine Webseite, Spuren in Foren. Bemerks­wert ist eine beson­dere Anfrage, die in hinzu­ge­kommen ist im Bezirk einer Such­ma­schine, deren Dienst­leis­tung inii­tiert werden musste, irgend jemand erkun­digt sich nach Dir in einer außer­ge­wöhn­li­chen Weise. Wie in den Jahren zuvor, lieber Teddy, sichere ich auch in diesem Jahr eine Deiner Foto­gra­fien, von deren Geschichte Du mir leider nie erzählen wirst. – Dein Louis < t.s@posteo.de: host mx02.posteo.de[89.146.194.165] said: 550 5.1.1 < t.s@posteo.de>: Reci­pient address rejected: unde­li­ver­able address: Reci­pient address lookup failed (in reply to RCPT TO command) – The mail system – stop

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mitado muje

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olimambo : 2.02 – In einem Postamt der neusee­län­di­schen Stadt Whakatane arbeite ein Nacht­schicht­be­amter mitt­leren Alters, der beson­dere Namen sammle. Er soll, so ein Gerücht, auf einem Dreh­stuhl vor einem Fächer­regal sitzen und Briefe in zwei­erlei Hinsicht sorg­fältig betrachten, ob sie nämlich einer­seits ausrei­chend fran­kiert sind, um ihren Bestim­mungsort errei­chen zu können, ander­seits würde er Namen von Adres­saten, die sich in aller Welt befinden, ihrem Klang nach inspi­zieren. Sobald der Nacht­mann einen Namen, der ihm gefällt, entdeckt, würde der Name auf einem Zettel notiert: Sakonakis Pina, Emilie Lionel, Pollie Patatas, Josef Thomey, Laily Pina, Clara Lorenz, Phil­lipe Odil. Es heißt, man könne diese Namen im Internet erwerben, viel­leicht, wenn man einen geräusch­vollen Namen benö­tigten würde weil man eine Person erfinden möchte, die sich in poeti­scher Weise darzu­stellen wünscht, 10 Cent. Ich muss das über­prüfen. – stop


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lilly

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marimba : 2.05 – Auf der Suche nach einem Kiemen­mäd­chen namens Lilly Mangold war ich gegen Mitter­nacht einge­schlafen, da öffnete tief im Gehör­gang meines rechten Ohres knis­ternd eine Zwerg­see­rose ihre Blüte. Ich hörte, man könne Zwerg­see­rosen in Kaffee­tassen züchten. Ist das eine Nach­richt? – stop

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tango : 6.52 – Dieses Wort, Propeller­wort, das sich seit einigen Stunden, weiß der Himmel woher es gekommen ist, in meinem Kopf bewegt, scheint in der wirk­li­chen Welt noch nicht zu exis­tieren. Ich suchte in Wörter­bü­chern, ich suchte in der digi­talen Sphäre, vergeb­lich. Was also könnte unter einem Propeller­wort exakt zu verstehen sein? Ein Wort viel­leicht, das in der Lage wäre, weitere Wörter, die vor oder hinter ihm in einem Satz­ver­bund notiert worden sind, im Geiste eines Lesenden zu beschleu­nigen, oder den Lesenden selbst in seiner Art des Lesens heftig anzu­regen. In diesem Augen­blick kommt mir kein Wort in den Sinn, das in dieser Weise wirksam werden könnte. Statt­dessen dachte ich an das Wort Zwerg­see­rose, das ich gestern noch notierte, das Wort Zwerg­see­rose könnte für mich zu einem Propeller­wort werden, weil es mich leichter werden lässt, weil ich mich freue, sobald ich das Wort denke oder höre, weil ich sofort weitere Zwerg­wörter bemerke, die mir gefallen, das Wort Zwerg­li­belle beispiels­weise, oder das Wort Zwerga­mei­sen­pferd, von den Amei­sen­pferden habe ich bereits erzählt, auch das Wort Ohrfeige, wenn ich das Wort Ohrfeige hinsicht­lich der Baum­früchte betrachte, scheint sich gleich­wohl zu einem Propeller­wort zu entwi­ckeln. Oh, Du schöner Früh­lings­morgen. – stop
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marimba : 2.24 – Ort: Upper Bay von New York. Zeit: Sommer 1958. Auf einem Fähr­schiff, dessen Name ich nicht ermit­teln konnte, steht am Heck ein Junge im Alter von unge­fähr 12 Jahren. Es ist früher Nach­mittag, die Schule vermut­lich gerade vorüber, der Junge fährt mit dem Schiff von Manhattan nach Hause. Er trägt Halb­schuhe, ein helles Hemd, eine Krawatte und ein dunkles Jackett, seine Schul­ta­sche lehnt an einem Pfeiler, der für schwere Schiffstaue vorge­sehen ist. Im Hinter­grund, am Hori­zont, sind Kräne zu erkennen, die wie eiserne Vögel auf stel­zen­ar­tigen Füssen stehend, zu warten scheinen. Einige Meter über dem Jungen schwebt eine Möwe, auch sie ist, wie der Junge selbst, reglos in einer Schwarz­weiß­fo­to­grafie gefangen. Zwei ältere Personen, eine Frau in einem hellen Kleid, und ein Mann, der einen dunklen Anzug trägt, lungern auf einer Bank. Sie küssen sich gerade auf den Mund, sind viel­leicht eigent­liche Ursache der Foto­grafie, der Junge, der gefähr­lich nah an der Kante zum Wasser steht, ist also mögli­cher­weise verse­hent­lich mit auf das Bild geraten. Eine Hand des Jungen ist nach vorne hin ausge­streckt, es ist seine linke Hand, während seine rechte Hand einen Faden, so fein, dass er kaum noch sichtbar ist, um diese linke ausge­streckte Hand wickelt, als wäre sie eine Spule. Der Junge scheint im Moment der Aufnahme mit seiner Arbeit des Wickelns beinahe fertig geworden zu sein, das Ende des Fadens wird bereits sichtbar, ein kleiner Drache von Papier ist dort befes­tigt, ein Drache nicht länger als zehn Zenti­meter und nicht breiter als sechs Zenti­meter, ein Zwerg­drache, in der einfach gekreuzten Form der Kinder­dra­chen, dessen Körper mit Seiden­pa­pier bespannt gewesen sein könnte, unbe­kannte Farbe, viel­leicht blau, viel­leicht gelb. Eine erstaun­liche Entde­ckung im zweiten Blick. – stop

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lissabon

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MELDUNG. Junge Engel, Schule zu St. Nazaire, sind in der Nacht von Montag auf Dienstag kommender Woche von 2 bis 5 Uhr bei leichter Flie­gerei über dem Jardim da Torre de Belem zu Lissabon anzu­treffen. Eintritt frei. – stop

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paris : 5 minuten

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sierra : 3.15 – Der junge Mann will wissen, ob ich viel­leicht gerade Nach­richten lese, die von der Stadt Paris erzählen. Sein Gesichts­aus­druck, indem er auf mein Mobil­te­lefon deutet, ist ernst. Ich wohne in Paris, sagt er, ich bin dort aufge­wachsen, ich studiere in Deutsch­land, ich habe versucht meinen Groß­vater zu errei­chen, aber er meldet sich nicht, ich komme nicht durch, ich bin so aufge­regt, auch meine Freundin ist verschwunden. Wir stehen am Bahnhof, warten auf einen Zug, der in Rich­tung des Flug­ha­fens fährt. Es ist kurz nach Mitter­nacht. Auf dem Mobil­te­lefon des jungen Mannes wird von acht­zehn Todes­op­fern berichtet, auf meinem sind bereits über vierzig Menschen gestorben. Der junge Mann läuft immer wieder einmal einige Meter den Bahn­steig entlang, schaut auf sein Telefon, hält es an sein Ohr, kommt wieder zu mir zurück, fragt, ob ich etwas Neues in Erfah­rung bringen konnte. Ich sage: Ich glaube, für Frank­reich wurde gerade der Ausnah­me­zu­stand erklärt. Oh Gott, antwortet der junge Mann, was ist nur geschehen! Er steht ganz still vor mir, schaut mich an. Wir kennen uns eigent­lich nicht sehr gut. Fünf oder sechs Minuten Zeit sind vergangen, seit der junge Mann fragte, ob ich Nach­richten lese, die von der Stadt Paris erzählen. Plötz­lich klin­gelt sein Telefon. – stop

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echo : 0.12 – Ich wieder­hole: Es ist eine Frage der Zeit, ehe irgendein Verrückter mensch­li­chem Blut Spreng­stoff­mittel zufügen wird. Ein Lachen der Zünder. Oder ein Klat­schen der Hände. – stop

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im zug kürzlich

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india : 0.12 – Ein Mädchen, das mögli­cher­weise gerade erst spre­chen lernte in einer Sprache, die ich nicht verstehe, steht im Zug vor mir. Ich notiere auf ein Blatt Papier, als ich die kleine Person bemerke. Ich sage: Hello! Sofort schließt das Mädchen die Augen, bleibt aber wie ange­wur­zelt vor mir stehen. Wenige Meter entfernt sitzen zwei Frauen und vier Männer, sie tragen Anoraks, die zu groß sind, die Frauen ausserdem Kopf­tü­cher und Hand­schuhe, obwohl es im Zug warm ist. Sie scheinen müde zu sein, niemand spricht. Einer der Männer beob­achtet mich, ein ruhiger, aufmerk­samer, freund­li­cher Blick, ich denke noch, was sieht er in mir, da macht das kleine Mädchen seine Augen wieder auf, schaut mich an, kein Lächeln, als ich eine Hand hebe und winke. Ein Gesicht, blass, fast weiß, tiefe, dunkle Ringe unter den Augen, die glänzen. Was haben diese Augen gesehen in den vergan­genen Wochen, Monaten, Jahren, viel­leicht Menschen, die tot sind, wie sie auf einer Straße liegen, eine Hand der Mutter, die  Augen des Mädchens bede­cken im Moment einstür­zender Häuser, Luft voller Fliegen unter einem Zelt­dach, das nächt­liche Meer, schrei­ende Menschen vor Stachel­draht bewehrten Toren, rasende Schä­fer­hunde, die in Ungarn geboren worden sind? – Ein Kind will sehen. So fängt es immer an, auch damals fing es so an. Ein Kind wollte sehen. / Julian Barnes Arthur & George – stop
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5 stunden

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nordpol : 10.22 – Ich beob­achte das Fern­seh­gerät. Eine Repor­terin des ameri­ka­ni­schen Fern­se­hens berichtet aus St. Denis, einer klei­neren Stadt nord­öst­lich der größeren Stadt Paris. Sie erzählt in Echt­zeit fünf lange Stunden lang. Die Sendung beginnt gegen 4 Uhr morgens, da ist es noch dunkel am Himmel, aber eine Straße der klei­neren Stadt wird hell erleuchtet von Blau­licht und Schein­wer­fern der Kameras, die nach Bildern und Geräu­schen eines schweren Kampfes suchen. Schüsse sind zu hören, rhyth­misch, drei oder vier dumpfe Deto­na­tionen. In Haus­ein­gängen, vor Stra­ßen­ecken, auf einer Kreu­zung warten Poli­zisten und Soldaten, sie bewegen sich so, als wäre tiefster Winter, sie scheinen über­haupt nervös zu sein. Irgendwo hinter der Flucht alter Häuser­fas­saden, die auf dem Bild­schim in einer scheinbar unver­rück­baren Einstel­lung zu sehen ist, tobt dieser Kampf, das ist sicher, es heißt, eine Frau habe sich mittels eines Spreng­stoff­gür­tels getötet, von Fest­nahmen wird berichtet, Namen junger, berühmter Terro­risten werden postu­liert. Weil doch nur selten hörbar geschossen wird, werden etwas später, es ist Tag geworden, hell, immer wieder Szenen einer Zeit auf den Bild­schirm gespielt, als noch Dunkel war am Himmel, als noch geschossen wurde, so dass alle es hören konnten, die gerade erst wach geworden sind. Gestern erzählte mir Nasrin, die in einem Cafe am Flug­hafen arbeitet, ein Kollege deut­scher Mutter­sprache habe sie gefragt, ob M., einen weiterer Kollege, viel­leicht sich freuen würde, dass in Paris so viele Menschen getötet worden seien. Sie habe geant­wortet, er solle M. doch selbst befragen, woraufhin der Kollege deut­scher Mutter­sprache gesagt habe, ihm würde M. ja doch niemals die Wahr­heit sagen. Da habe sie nicht weiter gewusst, sie habe den Wunsch gehabt sofort einzu­schlafen oder aufzu­wa­chen. – stop
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vor schnee

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marimba : 6.18 – Ein Zoologe, L., mit dem ich gestern am späten Abend tele­fo­nierte, erzählte von einer Reise nach Grön­land im vergan­genen Früh­ling. Er sei einge­laden gewesen an der Besich­ti­gung eines schla­fenden Wales teil­zu­nehmen, der in einer tiefen Bucht vor Oqaatsut senk­recht mit dem Kopf nach oben im kalten Wasser schwebte. Ein groß­ar­tiger Anblick, dieser mäch­tige Körper umschwärmt von Seehunden, die unter glei­cher­maßen neugie­rigen Fischen wilderten. Von der nauti­schen Gesell­schaft der Univer­sität Oslo seien mehrere Kameras einge­setzt gewesen, die den Wal Zenti­meter für Zenti­meter unter­suchten. Erste Hinweise deuteten auf eine mögli­cher­weise noch unbe­kannte Spezies hin. Man sei am zweiten Tage der Unter­su­chung behutsam mittels eines Köper-U-Bootes in das Innere des Wals vorge­drungen, habe in die Dunkel­heit des Magens geleuchtet, um dort zwei sehr alte Kämme von Elfen­bein vorzu­finden, ein Koffer­radio, drei Rettungs­ringe ohne Beschrif­tung, einen Peil­sender, sowie fünf Bücher, die merk­wür­di­ger­weise von wasser­fester Substanz gewesen seien. Am kommenden Sonntag, so L., reise er nach Oqaatsut zurück, der Wal schlafe noch immer, er habe indessen kaum an Körper­masse verloren, was höchst erstaun­lich sei. – Freitag. Früher Morgen. Die Luft duftet nach Schnee. – stop
basskäfer

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olimambo : 2.22 – Ich hörte das Geräusch einer schep­pernden Glo­cke, ein Klin­geln oder metal­le­nes Hupen. Ich dachte, irgend­je­mand wollte mich wecken, obwohl ich doch bereits wach geworden war. Ich spa­zierte zunächst in die Küche. Das Geräusch wan­derte mit. Plötz­lich erin­nerte ich mich, woher ich das Geräusch kannte, ich hatte über das Geräusch schon einmal notiert. Ich erin­nerte mich zunächst an meinen Text und dann an den Ursprung des Geräu­sches, das ich hörte, oder war es viel­leicht genau ander­herum gewesen? Das Geräusch meiner Erin­ne­rung kam von einem Glöck­chen her, das am Weih­nachts­abend hin­ter einer Tür von mei­nem Vater durch hef­tige Bewe­gung zum Klin­gen gebracht worden war, ein ver­trau­tes, jähr­lich wie­der­keh­ren­des Geräusch. Ein­mal bekam ich ein Radio geschenkt. Das Radio war das erste Radio mei­nes Lebens gewe­sen, ein Tran­sis­to­r­emp­fän­ger, hand­lich und doch sehr schwer. Ich weiß nicht wes­halb, ich öffnete das Radio mit Hilfe eines Schrau­ben­zie­hers, ich zerlegte die kleine Appa­ra­tur in ihre Ein­zel­teile und wun­derte mich. Ein Jahr darauf bekam ich einen Foto­ap­parat, den ich am darauf­fol­genden Tag wie zuvor das Radio öffnete und auf das genau­este unter­suchte, im Früh­ling zählte ich Vögel, im Sommer durch­suchte ich das Unter­holz nach Knochen von Hasen und Rehen, um sie in meinem Zimmer auf dem Schreib­tisch so zu konfi­gu­rieren, dass ich sie mir vorstellen konnte. Es ist merk­würdig, wie Geräu­sche über große Zeit­räume hinweg wieder­kehren, als wären sie gerade erst in der Wirk­lich­keit abge­spielt worden. Es lässt sich nicht über­prüfen, aber sie scheinen sich tatsäch­lich nicht verän­dert zu haben, sind unteil­bare Wesen. Heute Schnee, sehr leise. – stop
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the look of silence

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papa : 0.45 – Als ich gestern Abend den außer­ge­wöhn­li­chen Doku­men­tar­film The Look of Silence betrach­tete, ist etwas sehr Merk­wür­diges geschehen. Meine Schnecke Esme­ralda stürzte nämlich aus 1 Meter Höhe von der Wand auf den Fußboden, woraufhin ich die Schnecke vorsichtig in die Hände nahm und nach mögli­chen Schäden suchte. Als ich die Schnecke kurz darauf wieder vor die Wand setzte, als Esme­ralda nach weiteren 2 Minuten erneut von der Wand stürzte, stoppte ich den Film und über­legte, ob meine Schnecke mögli­cher­weise krank geworden sein könnte. Indessen klet­terte Esme­ralda, wie unter einem Zwang, zum dritten Mal die Wand hinauf, diesmal jedoch fiel sie nicht auf den Boden zurück. Besorgt verfolgte ich ihre Bewe­gung mehrere Minuten lang, alles ging solange gut, bis ich die Betrach­tung des Filmes fort­setzte. Nach einigen weiteren Versu­chen ist nun Folgendes zu berichten. Esme­ralda reagiert scheinbar auf Geräu­sche, die der Film erzeugt. Ich nehme an, meine Schnecke wird von Rufen der Zikaden, welche im Film immer wieder über längere Zeit zu hören sind, müde, sie schläft ein, sie vergisst sich sozu­sagen, ihre Lage an der Wand, die gefähr­liche Tiefe unter ihr. Eine erstaun­liche Beob­ach­tung. Ich habe bisher noch nicht darüber nach­ge­dacht, ob Schne­cken über ein Hörver­mögen verfügen, es ist denkbar, dass Schne­cken über ein Körper­hautohr gebieten. – stop

nach­richten von esme­ralda »

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ein gespräch

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foxtrott : 0.28 – Einmal nur für kurze Zeit die unver­rück­bare Grenze des Todes mittels eines Funk­ge­rätes über­schreiten. Ich stellte mir vor, ich könnte ein Gespräch führen mit einem Selbst­mord­at­ten­täter, sagen wir mit MMK. Ich berich­tete O. von dieser Idee. Ich sagte, stell Dir einmal vor, ich würde folgende Sätze spre­chen: Lieber MMK, jetzt bist Du also tot, du hast Deinen Auftrag zur vollen Zufrie­den­heit Deiner Vorge­setzten erfüllt, Du hast Dich in die Luft gesprengt, in alle Himmels­rich­tungen sind Teile Deines Körpers davon geflogen. Wie geht es Dir jetzt? Wo bist Du, mein Freund? – O., der inter­es­siert zuge­hört hatte, antwor­tete: Sag, lieber Louis, was erwar­test Du denn, was MMK antworten würde? Ehe ich spre­chen konnte, setzte O. fort, er sagte: Ich nehme an, Du wirst daran denken, dass er Dir sagen wird: Kein Para­dies. Dunkel. Nichts. Ich bin allein, verdammt. Er schaute mich bedeu­tungs­voll an. Was aber, lieber Louis, machst Du, wenn er Dir erzählt, dass er im Para­dies ange­kommen sei, dass alles noch wunder­barer sei, als je vorge­stellt, ja, was macht Du dann, mein Junge? – stop

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von menschen und affen

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nordpol : 0.22 – Wäre es nicht viel­leicht doch sinn­voll, anstatt unschul­dige Kinder­men­schen der Stadt Rakka zu bombar­dieren, elek­tri­sche Daten­netze zu atta­ckieren, welche von Riad aus Gottes­krieger mit Entwick­lungs­hilfe versorgen? Immer wieder das Fragen üben. Auch nach Fragen suchen. Gestern sprach ich mit einer jungen Muslima über ihre Schul­zeit, viel zu kurz, sagte sie, viel zu früh zu Ende. Es ist so, dass sie, H., der festen Über­zeu­gung ist, von Adam und Eva unmit­telbar abzu­stammen. Da sie jedoch nicht dogma­tisch lebe und denke, wäre sie bereit, zu akzep­tieren, dass ich, Louis, ein Affen­mensch sei oder eben ein Menschen­affe. Wir lachen ganz herz­lich. It works! – In der vergan­genen Nacht habe ich mein Radio gelehrt, in der beru­hi­genden Sprache der Nacht­zi­kaden zu spre­chen. Guten Morgen! – stop

nacht­zi­kaden

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ai : MEXICO

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MENSCH IN GEFAHR : “Am 14. November erhielt der Menschen­rechts­ver­tei­diger Fray Aurelio Montero Vásquez, der sich für Migrant_innen einsetzt, einen Droh­anruf von einem Mann, der angab, der Anführer eines der größten Drogen­kar­telle zu sein. Als Fray Aurelio Montero Vásquez den Anruf erhielt, befand er sich in einer Krisen­sit­zung mit natio­nalen Ermitt­lungs­be­hörden, um über die jüngsten Entfüh­rungen von und sexu­ellen Über­griffe auf Migrant_innen in der Nähe von Teno­sique im Bundes­staat Tabasco zu spre­chen. Er gab sein Telefon an einen Ange­hö­rigen der Gene­ral­staats­an­walt­schaft Mexikos weiter, damit dieser mithören konnte. Fray Aurelio Montero Vásquez zufolge soll der Anrufer, der weiter in dem Glauben war, mit dem Menschen­rechtler zu spre­chen, gesagt haben: “Du bist zu weit gegangen”. Außerdem habe er gedroht, ihn anzu­greifen, wenn er nicht 50.000 mexi­ka­ni­sche Pesos (ca. 2850 Euro) von ihm erhielte. Während der Krisen­sit­zung rief derselbe Mann noch acht weitere Male an, sodass es den Behörden möglich war, heraus­zu­finden, dass die Anrufe aus einem nörd­li­chen Teil Mexikos getä­tigt wurden. An dem Tag, als Fray Aurelio Montero Vásquez die Droh­an­rufe erhielt, hatte er zusammen mit Kolleg_innen der Migran­ten­her­berge La 72 in Teno­sique im Bundes­staat Tabasco Anzeige wegen der Entfüh­rung von Migrant_innen einge­reicht. In den Wochen zuvor berich­teten Fray Aurelio Montero Vásquez und seine Kolleg_innnen über eine starke Zunahme der sexu­ellen Über­griffen auf und Entfüh­rungen von Migrant_innen, von denen die meisten aus Zentral­ame­rika stammen. Fray Tomás González, der eben­falls in der Migran­ten­her­berge La 72 tätig ist, hat viel zu diesen Fällen gear­beitet und in den vergan­genen Wochen Sicher­heits­vor­fälle bei den Behörden gemeldet. Am 16. November war die Bundes­po­lizei, die für den Schutz der Migran­ten­un­ter­kunft La 72 zuständig ist, in der Umge­bung nicht oft genug auf Streife gegangen und hatte die Unter­kunft mehrere Stunden mitten in der Nacht und am frühen Morgen unbe­auf­sich­tigt gelassen. Diese Poli­zei­streifen gehören zu den Sicher­heits­maß­nahmen der Regie­rung, damit die Mitarbeiter_innen der Herberge ihrer Menschen­rechts­ar­beit weiterhin ausüben können.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 7. Januar 2016 hinaus, unter »> ai : urgent action

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von schmetterlingen

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hima­laya : 0.28 – Wenn ich nicht irre, dann mochte meine Groß­mutter, die Münchener Oma, wie wir sie nannten, das Wort Bomben­stim­mung nicht gern ausspre­chen. Das lag vermut­lich daran, dass sehr häufig der Boden unter ihren Füßen zitterte, wenn irgendwo in der Stadt, in der sie lebte, Bomben unsanft auf dem Boden landeten. Meine Münchener Oma ist schon vor langer Zeit gestorben, sie hatte eine Krank­heit, die ihre Glieder beben ließ von Zeit zu Zeit, als ob sie sich an das Zittern des Bodens immer wieder erin­nern musste. Vor wenigen Stunden nun ist ihre Tochter aus dem Leben verschwunden, weiß der Himmel, ob sie davon erfahren hat. Auch ihre Tochter kannte das Beben des Erdbo­dens noch, während der Boden unter meinen Füßen niemals bebte unter dem Eindruck mensch­li­cher Spreng­mit­tel­er­fin­dungen. Das Wort Flie­ger­bombe kommt in meinem Leben schon sehr lange vor, es gehört zum Wort­schatz des Kindes, vermut­lich weil von den Bomben­zeiten immer wieder berichtet wurde. Manche Menschen, die heut­zu­tage Kinder sind, bücken sich nach Schmet­ter­lingen, die grün sind wie Frösche, und sie denken viel­leicht noch, das sind aber schwere Schmet­ter­linge, und verlieren gerade in diesem Sekun­den­mo­ment für immer Augen und Hände. – stop
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echo : 0.55 – In Shanghai soll eine Wohnung exis­tieren, die sich zwischen zwei moderne Wolken­kratzer schmiegt. 26 Zimmer zu je 3 Quadrat­me­tern, 2.5 Meter hoch, liegen unmit­telbar über­ein­ander und sind je mit einer Leiter durch Luken zu errei­chen. In dieser Wohnung soll ein drah­tiger, älterer Mann leben, davon träumte ich vorges­tern, ich schlief also und beob­ach­tete mich selbst, wie ich der Stimme des Mannes folgte, der lange Zeit nicht sichtbar gewesen war. Die Stimme feuerte mich an, komm, komm, Louis, nicht müde werden! Aber ich war nicht müde, niemals war ich müde geworden, sondern sah mich in jedem der Zimmer nur um, ehe ich zum nächsten Zimmer weiter stieg. Die Wände einiger Zimmer waren Foto­gra­fien vorbe­halten, an den Wänden anderer Zimmer stapelten sich Bücher, in jedem Zimmer stand ein Stuhl vor einem Fenster, im 24. Stock entdeckte ich eine Küche, und wie ich das Zimmer unter dem Dach erreichte, wurde ich vom Herrn der Turm­woh­nung begrüßt. Er war ein sehr kleiner Mann, recht alt, er sah im Grunde ganz genauso aus, wie ich mir vorstelle selbst einmal auszu­sehen, wenn ich unge­fähr 150 Jahre alt geworden sein werde. Der Mann trug eine Khaki­hose und ein weißes Hemd. An Weiteres erin­nere ich mich nicht. – stop
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