maryland

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lima : 9.15 UTC — Vor weni­gen Stun­den noch auf dem Sofa sitzend, beobachtete ich Esmer­al­da wie sie sich mir langsam über den hölz­er­nen Boden meines Arbeit­sz­im­mers von der Diele her kom­mend näherte. Immer wieder ein­mal hielt die kleine Sch­necke kurz an, betra­chtete Struk­turen des Holzes, Wirbel ins­beson­dere, die sie aus irgen­deinem Grund für bemerkenswert erachtete. Eine halbe Stunde später war sie bei mir auf dem Sofa angekom­men, fuhr sogle­ich ihre Füh­ler in den Kopf zurück, um ein wenig zu schlafen. Gegen 22 Uhr weck­te ich Esmer­al­da. In diesem Augen­blick bemerk­te ich, dass ich nicht wusste wie ich Esmer­al­da präzise ansprechen sollte: Guten Mor­gen vielle­icht, oder doch: Guten Abend! Welche Uhrzeit haben wir, dachte ich, ger­ade in Mary­land? Ich über­legte einige Minuten lang, indessen Esmer­al­da mich aufmerk­sam zu betra­cht­en schien. Dann schlief sie wieder ein. — Heute ist der 1. Mai. Regen. Nichts weit­er. — stop

nachricht­en von esmer­al­da »
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ny

picping

MELDUNG. Ein halbes Pfund Lakritze bei Macy’s [ 151 West 34th Strasse, NY ], damit in der Tüte ist Odile, eine Rose, zwanzigzwölf voller Glück über die Straße gegan­gen. — stop

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eine telefongeschichte

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himalaya : 17.50 UTC — Gestern klin­gelte mein Tele­fon, nein, wirk­lich, mein Tele­fon meldete nicht nur einen Anruf, es klin­gelte tat­säch­lich, weil ich einen Signal­ton eingestellt hat­te, der einem Klin­gel­ton der Tele­fone mein­er Kind­heit sehr ähn­lich ist. Mein Tele­fon ver­mag gle­ich­wohl zu zwitsch­ern oder zu sum­men oder zu trompe­ten wie Ele­fan­ten sprechen, aber wenn mein Tele­fon klin­gelt in der Weise mein­er Kind­heit, mag ich das am lieb­sten, oder wenn es Ben­ny Good­man spielt, aber dann gehe ich nicht dran, dann hebe ich nicht ab, dann höre ich zu und tanze ein wenig in der Woh­nung herum bis die Vögel an mein Fen­ster klopfen: Louis komm, die Arbeit wartet! — Gestern also klin­gelte mein Tele­fon. B. mein Patenkind, war in der Leitung, und ich freute mich sehr, weil ich ein halbes Jahr nichts von ihr gehört hat­te. Kannst du dich erin­nern an unsere Affengeschichte? Oh, ja sagte B., da hab ich mich gefürchtet, da war ich noch klein. Es ist inter­es­sant, fuhr sie fort, ich fürchte mich vor der Geschichte noch immer, obwohl ich schon erwach­sen gewor­den bin. B. erzählte noch ein wenig von Berlin und von New York, und als sie aufgelegt hat­te, suchte ich nach ein­er Notiz der Affengeschichte, die schon so lange Zeit in der Ver­gan­gen­heit liegt, dass B. bald selb­st ein­mal von Affen erzählen wird. Die Geschichte geht so: Ein­mal, früh­mor­gens, kam ein schläfriges Mäd­chen zu mir in die Küche, set­zte sich auf meine Knie und sagte: Du, Louis, ich muss Dir was erzählen. Ein Mann lebt in Ameri­ka. Er lässt sich seinen Kopf abnehmen und auf einen Affen verpflanzen. – Warum, fragte ich, will der Mann das tun? – Bei dem Mann lebt nur noch der Kopf, antwor­tete das Mäd­chen und gäh­nte. – Warum nur noch der Kopf, fragte ich. – Er ist gelähmt. – Und der Affe? – Der Affe nicht. – Was geschieht mit dem Kopf des Affen? – Weiß nicht, sagte das Mäd­chen, und stürmte davon. — stop

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lions writers inc.

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alpha : 17.25 UTC — Eine Notiz der Lions Writ­ers Sup­port Ser­vices. Inc., die ich an dieser Stelle mit großer Freude über­set­zt wiedergebe, berichtet von Mr. und Mrs. Shapiro: > AUF NACH CONEY ISLAND. Als Mr. Sini Shapiro, wohn­haft zu New York ( Park Avenue 720 ), im ver­gan­genen Jahr den drin­gen­den Wun­sch äußer­ste, endlich ein­mal seine Woh­nung ver­lassen zu dür­fen, um sich in der Stadt sein­er Geburt umzuse­hen, waren wir mit enor­men Her­aus­forderun­gen kon­fron­tiert. Wie kön­nte es möglich wer­den, fragten wir, einen Kiemen­men­schen, der zeit seines Lebens ein hochspezial­isiertes Wasser­habi­tat in Man­hat­tan bewohnt, einen Zugang zur Stadt zu ermöglichen, ohne ihn umzubrin­gen. Sehr bald fol­gten wir ein­er konkreten Spur. Aus der nautis­chen Samm­lung der Fam­i­lie Lan­dau, die auf Long Island lebt, erwar­ben wir einen Tief­see­taucher­anzug, welch­er zulet­zt in den 40er Jahren der unter­seeis­chen Minen­räu­mung diente. Der Anzug selb­st wog 240, Mr. Shapiro, ein zartes Wesen, 32 Kilo­gramm, die Maße stimmten, und der Anzug, wenn man ihn mit Wass­er füllte, erwies sich als voll­ständig dicht über viele Tage hin. Am 5. Juni des Jahres 2016 unter­nah­men wir mit Mr. Shapiro einen ersten Ver­such unter wirk­lichkeit­sna­hen Bedin­gun­gen. Getestet wurde in der Woh­nung der Shapiros zunächst unter Wass­er, ob Mr. Shapiros Leib sich in den Anzug fügte und ob er sich gebor­gen fühlen kon­nte. In ein­er zweit­en Phase des Testes ver­sucht­en wir einen Ein­druck von der Beweglichkeit des Anzugs zu gewin­nen, immer­hin war das Gefäß nun voll­ständig mit Wass­er gefüllt. Der Taucher­anzug, Mr. Shapiro plus Wasser­fül­lung, sowie angeschlossene tech­nis­che Weiterun­gen, Fil­ter und Pumpen, eine Fotokam­era sowie zwei Funkkom­mu­nika­tion­s­mod­ule, wogen ins­ge­samt 352 Kilo­gramm. Am 22. Juli dann in den frühen Mor­gen­stun­den von sor­gen­vollen Blick­en sein­er Frau begleit­et, wagte Mr. Shapiro sich zum ersten Mal in das Leben jen­seits der Schleusen­türen sein­er Woh­nung hin­aus. Der alte Mann wurde in sitzen­der Posi­tion über Aufzüge des Haus­es vor­sichtig zu einem Sub­aru — Sam­bar — Auto­mo­bil trans­portiert, das sich, von einem Polizeifahrzeug esko­rtiert, bald langsam über die Man­hat­tan­bridge, kurz darauf über die Coney Island Avenue süd­wärts bewegte. Mr. Shapiro wollte das Meer mit eige­nen Augen betra­cht­en. Brook­lyn, äusserte er später, gefalle ihm. / — stop New York City. May 3 2017 by Miu Gal­lane

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bamako : 0.05 UTC — Was präzise geschieht, wenn zwei Per­so­n­en, die an oder in dem­sel­ben Doku­ment arbeit­en, inner­halb eines gemein­samen Datentrans­ferzeitraums simul­tan notieren. Die Ver­wirrung der Ver­sio­nen vielle­icht, rauschende Zeichen? ローマのロ­ta — stop
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late late blues

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echo : 18.30 UTC — Sam­stag. Kaum auf den Beinen beschließe ich, ein Exper­i­ment zu wagen, an dem ich mich vor Jahren schon ein­mal ver­suchte. Ich wün­schte, einen Gedanken genau so zu denken, als wäre dieser Gedanke der let­zte mein­er Gedanken. Die Beobach­tung, dass sich bere­its die Wahrnehmung eines let­zten Gedankens in ein­er Zeit weit nach dem let­zten Gedanken zu befind­en scheint, als ob jedem Gedanken sofort ein Echo fol­gte. Vielle­icht wird über­haupt jed­er Gedanke niemals als Gedanke im Moment sein­er Ver­fer­ti­gung, son­dern immer nur in sein­er Echos­pur für mich ver­füg­bar sein. — Sehr schönes Pastel­l­licht gegen den Abend zu, Sinne Eeg Remem­ber­ing You. Noch zu tun: Nach­denken über den Sand­mann. — stop
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die geschwindigkeit der wörter

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tan­go : 22.30 UTC — Wie flink ver­mag ich mit einem Fin­ger auf einem Bild­schirm zu schreiben, wie schnell mit einem Sen­sors­tift? Am schnell­sten schreibe ich, wenn ich mit­tels Wörtern denke? Ich schreibe dann, ohne eine sicht­bare Spur zu hin­ter­lassen, schreibe eine denk­ende Spur, die erin­nert oder sofort vergessen wer­den kön­nte, wie jen­er Mann, der in ein­er Erzäh­lung Patri­cia High­smiths einen Roman nach dem anderen Roman im Kopf notiert. Das Schreiben per Hand auf Papi­er oder mit­tels ein­er Tas­tatur auf einem Bild­schirm bewirkt ver­mut­lich ohne Aus­nahme eine Ver­langsamung des Denkens, eine Präzisierung. Das sprechende, erzäh­lende Denken scheint der Luft, den Vögeln ver­bun­den, das schreibende Denken dem Wass­er, den Fis­chen. Ich stelle mir vor, Men­schen, die mich ein­mal schweigsam wahrgenom­men haben, eine in sich gekehrte Per­son, wer­den diese Gedanken in ein­er völ­lig anderen Weise wahrnehmen, als jene Men­schen, die einen sprudel­nd erzäh­len­den, mit­teilungslusti­gen, Wörter sprühen­den Mann erlebten. — stop

hrabal

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ulysses : 0.12 UTC — Ein gutes Heft ist, würde Hra­bal, wenn er noch lebte, vielle­icht sagen, gut für die Ohren, etwas zu denken, aber von dem Gedacht­en nichts zu äußern. — stop
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sekundenglück

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romeo : 17.10 UTC — Adele, die in Südafri­ka geboren wurde, in Johan­nes­burg genauer, in Sove­to, sitzt auf ein­er Bank der Cen­tral­sta­tion. Sie sollte eigentlich längst auf dem Weg zur Arbeit sein, es ist kurz nach zehn Uhr, stattdessen sitzt sie hier unter weit­eren Men­schen auf ein­er Bank und weint. Sie sagt, sie habe ihre Brille vergessen, ohne Brille könne sie nicht arbeit­en, wenn sie heute nicht arbeit­en würde, werde das sehr schlimme Fol­gen haben, man würde ihren Ver­trag nicht ver­längern, ohne Arbeit sei ihre Aufen­thalts­genehmi­gung bald ver­wirkt, sie müsse dann zurück nach Südafri­ka, ich kön­nte mir gar nicht vorstellen, was das für sie bedeuten würde, deshalb weine sie, deshalb sei sie ganz am Ende, nein, dass Lese­brillen existieren, die nicht ein­mal soviel kosten wie eine Wochen­zeitung, das wusste sie nicht, das ist jet­zt doch eine Über­raschung, die wun­der­bar ist, Brillen gle­ich hier um die Ecke, Brillen die stark sind, nein wirk­lich! Wie sie jet­zt auf­springt, wie sie zunächst auf die Uhr blickt, dann auf die kleine Skizze, die sie aus den Wörtern pflück­te, die ich ihr erzählte, wie sie auf knall­roten Turn­schuhen los­ren­nt, wie sie mit einem Lächeln zurück in der Men­schen­menge ver­schwindet, so viel Glück, dass die Luft zu knis­tern begin­nt, soviel Glück. — stop

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ai : IRAN

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MENSCH IN GEFAHR : “Nach 31 Tagen im Hunger­streik im Evin-Gefäng­nis in Teheran geht es Ate­na Dae­mi gesund­heitlich sehr schlecht und sie benötigt umge­hend eine sta­tionäre Behand­lung. Sie ist seit Novem­ber 2016 auf­grund ihrer men­schen­rechtlichen Aktiv­itäten zu Unrecht inhaftiert. / Am 8. April trat die iranis­che Men­schen­rechtsvertei­di­gerin Ate­na Dae­mi im Evin-Gefäng­nis in den Hunger­streik. Sie protestiert damit gegen die Verurteilung ihrer Schwest­ern Hanieh und Ensieh zu aus­ge­set­zten Gefäng­nis­strafen wegen “Belei­di­gung von Beamt_innen im Dienst”. Bei­de wur­den am 13. März 2017 von einem Strafgericht in Teheran zu aus­ge­set­zten Gefäng­nis­strafen von drei Monat­en und einem Tag verurteilt. Laut der Fam­i­lie von Ate­na Dae­mi hat sich ihr Gesund­heit­szu­s­tand sehr ver­schlechtert. Sie soll etwa 12 kg Gewicht ver­loren haben. Sie lei­det an ständi­gem Schwindel, Erbrechen, Blut­druckschwankun­gen und großen Nieren­schmerzen. Am 2. Mai ver­lor sie kurzzeit­ig das Bewusst­sein. Sie wurde am 8. Mai für kurze Zeit in ein Kranken­haus außer­halb des Gefäng­niss­es gebracht, in dem einige medi­zinis­che Unter­suchun­gen durchge­führt wur­den. Man brachte sie jedoch ins Gefäng­nis zurück, noch ehe die Unter­suchungsergeb­nisse vor­la­gen. Ärzt_innen haben war­nend erk­lärt, dass ihre Niere­nentzün­dung einen kri­tis­chen Zus­tand erre­icht habe und sie sofort sta­tionär behan­delt wer­den müsse. / Die Gefängnisbeamt_innen gewähren ihr jedoch keine angemessene medi­zinis­che Ver­sorgung. Am 29. April erzählte Ate­na Dae­mi ihrer Fam­i­lie, dass die Gefängnisärzt_innen in ihren Bericht­en weit­er­hin schreiben, dass ihr Gesund­heit­szu­s­tand nor­mal sei und sie ihre Erkrankung nur “vortäuscht”. Ende April wurde sie in die Gefäng­nisklinik gebracht, um ein EKG zu erstellen, doch der Krankenpfleger weigerte sich, die Unter­suchung durchzuführen. Er recht­fer­tigte seine Weigerung damit, dass es für männlich­es medi­zinis­ches Per­son­al “unangemessen” sei, diese Unter­suchung an Pati­entin­nen durchzuführen, da sie dabei ihre Brust ent­blößen müssen. Weib­liche poli­tis­che Gefan­gene sehen sich häu­fig zusät­zlichen For­men geschlechtsspez­i­fis­ch­er Diskri­m­inierung gegenüber, wenn sie Zugang zu medi­zinis­ch­er Behand­lung suchen. Weib­lichen Gefan­genen mit abendlichen oder nächtlichen Herzprob­le­men wur­den bere­its bei mehreren Gele­gen­heit­en Not­fall-EKGs ver­weigert, da die Gefäng­nis­be­hör­den darauf bestanden, dass diese Tests von weib­lichem Per­son­al durchge­führt wer­den, da die Pati­entin­nen für die Unter­suchung ihre Brust ent­blößen müssen. / Ate­na Dae­mi und der Rechts­bei­s­tand ihrer Schwest­ern warten derzeit auf die Über­prü­fung der Schuld­sprüche und Straf­maße durch das Beru­fungs­gericht. Der Rechts­bei­s­tand befürchtet, dass die Rechtsmit­tel zurück­gewiesen wer­den kön­nten. Amnesty Inter­na­tion­al betra­chtet das Ver­fahren, das zu ihrer Verurteilung führte, als unfair und würde Hanieh und Ensieh Dae­mi bei ein­er Inhaftierung als gewalt­lose poli­tis­che Gefan­gene ein­stufen, die nur deshalb zur Zielscheibe wur­den, weil sie mit Ate­na Dae­mi ver­wandt sind.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 20. Juni 2017 hin­aus, unter > ai : urgent action

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von der stille

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himalaya : 20.12 UTC — Ein­mal spazierte ich durch New York an einem war­men Tag im April. Ich ging einige Stun­den lang ohne ein Ziel nur so herum, manch­mal blieb ich ste­hen und beobachtete dies oder das. Ich dachte, New York ist ein ausge­zeich­neter Ort, um unter­zu­tau­chen, um zu ver­schwinden, sagen wir, ohne aufzu­hören. Ich stellte mir vor, wie ich in dieser Stadt Jahre spazieren würde und schauen, mit der Sub­way fahren, auf Schif­f­en, im Cen­tral Park liegen, in Cafés sitzen, durch Brook­lyn wan­dern, ins The­ater gehen, ins Kino, Jazz hören, sein, anwe­send sein, gegen­wärtig, ohne aufzu­fallen. Ich kön­nte exis­tieren, ohne je ein Wort zu spre­chen, oder viel­leicht nur den ein oder anderen höfli­chen Satz. Ich kön­nte Nacht­men­sch oder Tag­men­sch sein, nie würde mich ein weit­er­er Men­sch für eine län­gere Zeit als für eine Sekunde bemerken. Sehen und vergessen. Wenn ich also ein­mal ver­schwinden wollte, dann würde ich in New York ver­schwinden, vor­sichtig über Trep­pen steigen, jeden Rumor mei­den, den sensi­blen New York­er Blick erler­nen, eine kleine Woh­nung suchen in ein­er Gegend, die nicht allzu anstren­gend ist. In Green­wich Vil­lage viel­leicht in ein­er höheren Etage sollte sie liegen, damit es schön hell wer­den kann über Schreib­tisch und Schreib­ma­schine. Ich kön­nte dann von Zeit zu Zeit ein Tonband­gerät in meine Hosen­ta­sche steck­en und für einen oder zwei mein­er Tage verze­ich­nen, was Men­schen, die mir begeg­neten, erzählten. So ging ich damals dahin, ich glaube, ich spazierte im Kreis herum, berührte da und dort die Küste eines Flusses, und als es Abend wurde, besuchte ich Mari­na Abramovic, die seit Monat­en bere­its in einem Saal des Muse­ums für mod­erne Kun­st auf einem Stuhl saß. Wie sie Men­schen erwartete, um mit ihnen gemein­sam zu schweigen, berührende Stun­den, und ich dachte und notierte, wie ich heute wieder notiere, es geht darum, in der Begeg­nung mit Men­schen Zeit zu teilen, es geht darum, die Zeit zu syn­chro­nisieren, in meinem Falle geht es darum, langsamer zu wer­den, um Men­schen in der Wirk­lichkeit nahekom­men zu kön­nen, es geht darum in dieser rasenden Welt von Still­stand, so langsam zu wer­den, und wenn es nur für wenige Stun­den ist, dass ein Gespräch, eine Berührung, über­haupt möglich sein kann. Daran wieder erin­nern, Tag für Tag. — Heute bin ich nicht in New York. Wo ich bin, schwebt ein dun­kler, schlafend­er Zep­pelin am Hor­i­zont, der möglicher­weise bald aufwachen und blitzen wird. Ein schön­er, nach­den­klich­er Tag, weit­ere schöne Tage wer­den fol­gen. Ich werde langsam lesen und langsam sprechen, und denken werde ich so langsam wie nie zuvor. Ich werde die Empfind­ung der Zeit zur Geschmei­digkeit überre­den, ja, das ist vorstell­bar, weiche, warme Stun­den. — stop

chicago

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india : 16.28 UTC — Ein­mal, ich habe vor zwei Jahren bere­its davon erzählt, arbeit­ete ich im Pal­men­garten abends bei leichtem Regen auf ein­er Bank. Neben mir saß ein Mann, der mich nicht sehen, aber hören kon­nte. Ich bemerk­te nicht sofort, dass er blind war, weil ich unter einem Regen­schirm saß, auch der Mann hat­te einen Regen­schirm über sich aufges­pan­nt. Kaum hat­te ich Platz genom­men, notierte ich zunächst eine Liste von Büch­ern in mein Note­book, die sich mit der Arbeitswelt der Men­schen beschäfti­gen. Sie schreiben schnell, sagte der Mann plöt­zlich, sie sind wohl geübt. Sie haben vielle­icht etwas im Kopf, das sie los wer­den wollen. Als ich mich dem Mann zuwen­dete, bemerk­te ich, dass er den Regen­schirm in eine langsame Drehung ver­set­zt hat­te, sein Gesicht kon­nte ich nicht erken­nen. Wenn das meine Schreib­mas­chine wäre, kön­nte ich Ihnen genau sagen, was sie ger­ade geschrieben haben. Ich kann hören, was meine Schreib­mas­chine schreibt. Der Mann machte eine kurze Pause. Was haben sie denn aufgeschrieben, wollte er dann wis­sen. Ich antworte: Einige Namen, Namen, die sie vielle­icht schon ein­mal gele­sen haben. Melville. Bukows­ki. Upton Sin­clair. Max von der Grün. – Gele­sen nicht, antwortete der Mann, aber gehört habe ich zwei der Namen. Upton Sin­clairs Dschun­gel­buch existiert in englis­ch­er Sprache als Hör­buch für Blinde oder für Men­schen, die nicht lesen wollen. Ich würde gerne lesen, aber das geht ja nicht so leicht, wenn man nichts sieht. Der Mann lachte. Ich höre dem Regen gern zu, aus mein­er Sicht der Dinge ist das so, als würde der Regen schreiben, hören Sie, wie es reg­net, wie es schreibt. Ist das nicht wun­der­bar! – Ich fragte den Mann, ob er denn lesen oder hören könne, was der Regen genau notiere in diesem Augen­blick. – Aber natür­lich, antwortete der Mann, es ist mit jedem Regen etwas anderes, nicht wahr, der Regen, der auf das Meer fällt, erzählt etwas anderes, als dieser Regen hier, der über einem kleinen See niederge­ht. Für einen Moment stand der Regen­schirm neben mir ganz still. Ich hörte ein Flüstern: Dieser Regen hier erzählt von Chica­go. — stop

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washington

picping

MELDUNG. Zu Wash­ing­ton im Opern­haus, 2700 F Street, wer­den am Mittwochabend, 17. Mai 2017, zwei goldgelbe Baum­steiger­frösche, let­zte ihrer Art, öffentlich auf der zen­tralen Bühne zur Spren­gung gebracht. Zün­dung des männlichen Tieres um 22 Uhr Ort­szeit, Zün­dung des weib­lichen Tieres um 22 Uhr 30. Die Vorstel­lung ist ausverkauft. – stop

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in der schnellbahn

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zoulou : 10.12 UTC — Gestern in der Schnell­bahn las ich in meinem elek­trischen Notizbuch fol­gen­den Hin­weis: Geschichte vom Papiersegler. Ich habe diesen Ver­merk ein­er Geschichte, die sich irgend­wo in meinem Kopf befind­en muss, im August des ver­gan­genen Jahres fest­ge­hal­ten, ver­mut­lich in ein­er Schnell­bahn fahrend. Auch in diesem Moment, wieder sitze ich in ein­er Schnell­bahn, komme ich an meine Geschichte nicht her­an. Sie ken­nen das vielle­icht. Wie man nach einem Wort sucht oder ein­er Tele­fon­num­mer, in dieser Art und Weise suchte ich vor weni­gen Minuten nach mein­er Geschichte. Ich schloss also meine Augen oder öffnete sie, um vorüberziehende Wald­land­schaft zu betra­cht­en, der eigentliche suchende Blick aber war nach Innen gerichtet. Auch meine Gedächt­nisohren waren indessen äußerst aufmerkam gewe­sen. Viel­er­lei Geräusche, aber nicht ein einziges Geräusch, das mich zu mein­er Geschichte führte. Ich ahne, dass ich Geschicht­en oder Wörter, sobald ich sie gefun­den habe, zunächst höre mit meinem Kopf, erst dann ver­mag ich sie zu lesen. Ich will das weit­er beobacht­en. Jet­zt muss ich aussteigen. — stop

ein papiersegler

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ulysses : 17.52 UTC — Wie viele Geschicht­en habe ich in meinem Leben bere­its vergessen? Es ist denkbar, dass ich, wenn ich mich von Zeit zu Zeit an vergessene Geschicht­en erin­nere, meine, sie seien umfassend neue Geschicht­en. — stop

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am telefon

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marim­ba : 17.55 UTC — Plöt­zlich kracht es. Sie muss während unseres Gespräch­es in irgen­det­was gebis­sen haben. Ja, sagt sie, ich habe furcht­baren Hunger, war den ganzen Tag in irgendwelchen Sitzun­gen, ich muss etwas essen, ich habe ger­ade in einen Apfel gebis­sen. — Das war wohl ein sehr fes­ter Apfel, bemerke ich. Willst Du mal eine Banane hören, fragt sie? Das Meer vor Thes­sa­loni­ki sei unruhig an diesem Tag, die Nächte sind wärmer gewor­den, auf den Straßen und Plätzen, in den Parks campierten noch immer tausende Flüchtlinge. Ich stelle mir vor wie L. mit lächel­n­dem und doch ern­stem Gesicht Obst verteilt, Brote, Tee, dann wieder in irgendwelche Sitzun­gen eilt, um hun­grig zu wer­den. Bana­nen, das weiß ich nun mit Sicher­heit zu sagen, sind kaum zu hören über eine Tele­fon­verbindung hin. Was man von ein­er Banane in dieser Sit­u­a­tion zu hören ver­mag, ist allein die Vorstel­lung, dass ger­ade eben in größer­er Ent­fer­nung ein Men­sch in eine Banane beißt. Ich höre demzu­folge ein vorgestelltes Geräusch, weshalb ich sagen kann, dass die Vorstel­lungskraft wirkungsvoll sein kann wie ein Mikrophon oder wie eine Lupe. — Das war gestern. Heute ist es kurz vor sechs Uhr. Die Luft ist warm und feucht. Noch zu tun: Lek­türe — Ita­lo Calvi­no Herr Palo­mar. Nichts weit­er. — stop

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glück

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char­lie : 20.52 UTC — Am Ufer eines kleinen Sees auf ein­er Bank in einem Park kurz vor der Däm­merung. Da und dort Karpfen­schnä­bel, die etwas von der regen­frischen Luft zu trinken scheinen. Drei Ameisen has­ten gle­ich neben mir hin und her über warmes, ver­wit­tertes Holz. Und da ist ein Fal­ter. Er tastet mit seinen Füh­lern nach Wortze­ichen auf meinem beleucheten Bild­schirm, viel­leicht deshalb, weil das strahlende Weiß des Bild­schirm­hin­ter­grundes Luft, Zeichen hinge­gen ein Etwas bedeu­ten, einen Schat­ten, mit dem kommu­ni­ziert wer­den kann. — Ich habe wieder ein­mal  beob­achtet, dass ich, wenn ich mit meinen Ohren nach Geräu­schen suche, die nicht hör­bar sind, meine Augen öffne so weit ich kann. Der Wun­sch, ein­mal in meinem Leben, für eine halbe Stunde nur, über das Ver­mö­gen zu ver­fü­gen, den Sonar­hupen der Abend­segler lauschen zu kön­nen. — stop

früher morgen

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lima : 7.30 UTC — Vor einiger Zeit ein­mal wachte ich auf und dachte: Heute wirst Du einen Text notieren, der reinen Unsinn erzählt. Ich trank einen Kaf­fee, ass einen Apfel, öffnete das Fen­ster und schaute auf die Straße hin­unter. Dort bewegten sich Men­schen. Ich beobachte wie sie aus Straßen­bah­nen stiegen, wie sie die Straße über­querten, manche raucht­en noch schnell eine Zigarette, andere tele­fonierten, manche durch­sucht­en ihre Taschen oder schaut­en in die Bäume, alle aber bewegten sich fast senkrecht vor­wärts. Als ich ihnen so zuschaute, ahnte ich, dass es nicht ein­fach sein würde, einen Text zu schreiben, der reinen Unsinn erzählt. — stop

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jonny

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ulysses : 6.25 UTC — Was für ein schön­er Mor­gen unter Kas­tanien­bäu­men. Som­mer­fä­den treiben durch die warme Luft. Atemzüge der Spin­nen, der Fal­ter, der Käfer, san­ft streifen sie durch Blüten­staub­wolken. In diesem Moment, da ich mir ein Baum­mikroskop erfinde, höre ich aus dem Radio, der 45. Präsi­dent der Vere­inigten Staat­en von Ameri­ka habe ver­sucht, Ermit­tlun­gen des FBI zu behin­dern. Das ist eine ziem­lich inter­es­sante Geschichte. Das Kurz­wort FBI war schon immer ein leuch­t­en­des Wort. Wenn ich mich nicht irre, ist das so, dass ich in meinem wirk­lichen Leben noch nie einem FBI — Beamten begeg­net bin. Vielle­icht habe ich ein­mal in ein­er U-Bahn, die in Rich­tung Coney Island fuhr, neben einem FBI — Beamten Platz genom­men, das ist möglich, ich habe ihn nicht bemerkt. Mit dem Wort FBI ist in mein­er Erin­nerung zunächst ein heftiges Gespräch ver­bun­den, welch­es ich ein­mal in mein­er Kind­heit mit einem Jun­gen namens Jon­ny führte, der war uni­formiert und bewaffnet gewe­sen zur Karneval­szeit. Ich sagte: Du, Jon­ny, Du bist Polizist! Er sagte: Nein, ich bin vom FBI, und zück­te seine Waffe. Seit etwa ein­er hal­ben Stunde trage ich die For­mulierung Sum­mer of Sam wie einen Stem­pel in meinem Kopf. Warum? — stop

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turingluftmaschine

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sier­ra : 0.05 UTC — Bis in den späten Abend bei geöffneten Fen­stern über das Wesen nicht­de­ter­min­is­tis­ch­er Algo­rith­men nachgedacht. Da war plöt­zlich wieder ein sehr helles Pro­pel­lerg­eräusch an meinem Ohr, ein ver­trauter Ton, den ich seit Kinderzeit erfinde, aber immer dann, wenn ich dieses Geräusch sum­mieren wollte zu einem Geräusch hun­dert­tausender Fliegen­tiere, der Ver­dacht, dass mit mein­er Erin­nerung etwas nicht ganz in Ord­nung sein kön­nte. Ein Schwarm der Ord­nung Ephemeroptera ist in der Luft kaum zu vernehmen. Habe fünf oder sechs Schwarm­er­schei­n­un­gen in der Wirk­lichkeit beobachtet, sie sind laut­los wie wirbel­nder Schnee. Und doch war da stets ein beson­der­er Ton, sobald eine Fliege dicht an meinem Ohr vorüber gekom­men war oder in näch­ster Nähe auf mir lan­dete. – Ein zartes Klap­pern vielle­icht? – Weit­er­hin Luft­geräuschworte erfind­en. — stop

taormina

picping

MELDUNG. Tief­seeele­fan­ten, 528 hupende Rüs­sel­rosen, kurz vor Taormi­na in Sichtweite des Ätnas gesichtet. Man befind­et sich in zirkulieren­der Bewe­gung. — stop
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von kakteen

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ulysses : 19.35 UTC — Ein­mal wollte ich einen Text notieren, der möglichst noch nie zuvor aufgeschrieben wurde. Ich wollte diesen Text in das Mag­a­zin ein­er Server­mas­chine trans­ferieren, verse­hen mit ein­er all­ge­meinen Anweisung für Such­maschi­nen, diesen Text nicht zu beacht­en. Ich plante demzu­folge mit­tels ein­er Ver­lock­ung ( Tex­tköder ) sowie ein­er Anweisung für entsprechende Verze­ich­nisse ( .htac­cess noin­dex ) zu erproben, ob Such­maschi­nen meinen Wun­sch wahrnehmen und akzep­tieren, oder ob sie meinen Wun­sch wahrnehmen und sich ihm wider­set­zen wer­den. Ich notierte: marim­ba : 8.02 – Palmen­garten. stop. Wüsten­haus. stop. Das feine Geräusch der Kak­teen, sobald ich ihr Stachel­horn mit einem Pin­sel, einem Mika­do­st­äb­chen, einem Fin­ger berühre. Hell. stop. Fed­ernd. stop. Propel­lernd. stop. Klänge, für die in meinem suchen­den Wort­gehör noch keine eigene Zeichen­folge zu find­en ist. stop. stop. Die Stille beim Durch­blät­tern eines feucht­en Buch­es in der Mangro­ven­ab­tei­lung. stop. stop. Zweit­er Ver­such. — Ich kön­nte vom heuti­gen Tage an Such­maschi­nen als Lebe­we­sen betra­cht­en, die über Wille, Lust und Laune gebi­eten. — stop

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lappo

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nord­pol : 12.30 UTC — Ein anderes Mal beobachtete ich einen Film­bericht, der von Men­schen erzählte, die auf der Insel Lap­po in Meeres­nähe sehn­süchtig den Win­ter wie einen Besuch­er erwarten, dass das Meer endlich gefriert, dass sie bis nach Turku über das Wass­er laufen kön­nen. Eine Frau sagt, sie liebe die Stille im Ohr. Diese Stille sei wie ein Geräusch für sich. Man könne der Stille zuhören. Manch­mal knis­tere das Eis, im Som­mer summten Insek­ten­tiere durch Luft und Stille. — Eben fällt mir ein, dass ich vor län­ger­er Zeit bere­its den Auf­trag for­mulierte, Schnee­l­i­bellen zu erfind­en. Fan­gen wir an. — stop

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ein koffer

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delta : 16.12 UTC — Ich weiss nicht, wohin die Vögel schlafen gehen, stellt Hilde Domin ein­mal fest. Sie erzählt, wie sie ihrem geliebten Mann begeg­nete, dass sie wun­der­bare Gespräche führten, dass sie sich­er ein Jahr braucht­en, um sich zum ersten Mal zu küssen. Wir waren sehr förm­lich. In der 45. Minute des wun­der­vollen Films Ich will Dich — Begeg­nun­gen mit Hilde Domin von Anna Dit­ges will die junge Filmemacherin wis­sen, ob Hilde Domins Ehe­mann ein guter Lieb­haber gewe­sen sei. Hilde Domin antwortet mit trock­en­er Stimme: Ich hat­te keinen anderen. Ich kann das nicht beurteilen. Ich find, ja. Sie macht ein län­gere Pause. Dann fährt sie fort: Ich habe auch vor ihm nie­man­den geküsst. Das war damals nicht üblich, dass man so zurück­hal­tend war wie ich. Meine Fre­undin­nen waren alle anders. Anna Dit­ges: Er war der einzige Mann, den Du je gekan­nt hast? Hilde Domin antwortet: Ja! Anna Dit­ges: Würdest Du sagen, dass Erwin heute immer noch Deine große Liebe ist? — Hilde Domin: Jeden­falls hab ich keine andere. Weisst Du, der lebendi­ge Men­sch ist der lebendi­ge Men­sch. Und der Men­sch, der nur noch in mein­er Vorstel­lung ist, das ist nicht das­selbe. — In diesem Augen­blick erin­nere ich mich an eine Foto­grafie, die mich neben meinem ster­benden Vater zeigt. Ich sitze auf einem Stuhl, mein Vater liegt in einem Bett. Es ist ein Bild, das ich zunächst kaum anzu­sehen wagte. Ich habe tatsäch­lich eine Hand vor Augen gehal­ten und zwis­chen meinen Fin­gern hervor­ge­späht. Später wurde mir warm, wenn ich das Bild betra­chtete. Die Foto­grafie zeigt einen fried­li­chen Moment meines Lebens. Etwas geschieht, wovor ich mich lange Zeit fürchtete. Weinen und Lachen fal­ten sich wie Hände sich fal­ten. Mut­ter irrte wochen­lang zwis­chen Haus und Fried­hof hin und her, als würde sie irgend­eine unsicht­bare Ware in gleich­falls unsicht­baren Kof­fern tra­gen. Sie geht noch immer, Jahre sind ver­gan­gen, so umher. – stop

bei harrods

picping

MELDUNG. Auto­mo­bile, fol­gende, wur­den nach einem Kaufhaus­be­such zu Lon­don in Martha B., 91, vorge­fun­den. Magen — 1 Bent­ley Con­ti­nen­tal [ 1952 ], Dün­ndarm — 1 Lam­borgh­i­ni Miuri [ 1964 ], Dick­darm — 2 Cit­roen B12 [ 1912 ]. Ein nach­sichtiger wie wohlmeinen­der Richter hat­te die Durch­suchung des hochbe­tagten Bauch­es ein­er­seits, sowie unmit­tel­bare Rück­führung der Fahrzeuge in das Waren­haus Har­rods an der Bromp­ton Road ander­er­seits, ange­ord­net. — stop

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