PRÄPARIERSAAL : xiangs momentaufnahme

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nordpol : 8.27 – Xiang, 24, notiert in einer E-Mail über Musik und Anatomie – zwei Begriffe, die auf den ersten Blick unver­einbar scheinen. Aber je länger ich darüber nach­denke, desto deut­li­cher erkenne ich eine mögliche Verbin­dung. Sicher ist es das Thema des Todes, das die Musik dort domi­nieren würde, so dass mir spontan Beset­zungen wie Orgel (allmäch­tiger Charakter), Xylo­phon (Kälte, Leblo­sig­keit) oder Chor (Toten­klage) einfallen. Ich kann mir entweder sehr alte Musik­stile, wie Grego­rianik und Früh­ba­rock, aber auch Musik des 20./21.Jahrhunderts vorstellen, z.B. John Cage oder George Crumb, deren Inten­tion immerhin gerade in einer gewissen Absur­dität, Grenz­über­schrei­tung, bzw. in gewollter Entfer­nung von der Ästhetik der Wirk­lich­keit zu finden ist. Gerade dieses Moment prägt die Atmo­sphäre des Präpa­rier­saales: eine zwar arti­fi­zi­elle, jedoch nicht primär ästhe­ti­sche Arbeit an mensch­li­chen Körpern, die durch den Tod und den Vorgang des Haltbar-Machens von einem Indi­vi­duum zu einem Präparat verwan­delt wurden, so dass Zeit­lo­sig­keit an die Stelle dyna­mi­schen Lebens getreten ist. Es ist nicht leicht an Musik in diesem Zusam­men­hang zu denken, da sich Musik gerade durch ihren ewigen Fluss, ihre im Inneren gebor­gene Leben­dig­keit auszeichnet, ihre Seele, die niemals sterben kann, selbst dann nicht, wenn noch so viele Versuche unter­nommen werden, sie in Moment­auf­nahmen zu konser­vieren. – stop

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contergan

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lima : 10.27 – Die Arme meiner Cousine sind kurz, an ihren Händen fehlen die Daumen. Als ich noch ein Kind gewesen war, beob­ach­tete ich gern ihre Füße, die sich bewegten als wären sie nicht Füße sondern Hände. Man kann mit den Füßen malen, das wusste ich schon immer, und man kann mit den Füßen in Büchern blät­tern und einen Löffel zum Munde führen, man kann auf Füßen gehen und man kann sich mit den Füßen die Haare kämmen. Je nachdem, von welchem Stand­punkt aus man das betrachtet, ist das seltsam oder eben nicht. Meine Cousine machte die Erfah­rung, dass man sie versteckte, wenn Besu­cher zu ihrer Familie nach Hause kamen. Ich selbst dagegen wurde gerufen, damit ich betrachtet werden konnte. Mein Gott, ist er doch wieder kräftig gewachsen, der kleine Kerl! Er heißt Andreas, nichts weiter. Meine Cousine heißt Lilli, und sie heißt noch das Wort Contergan dazu, weil das viele Menschen sofort denken, wenn sie die Malerin Lilli Eben sehen. Da kann man nichts machen. Wenn etwas anders ist an einem Menschen, wenn etwas zuviel ist oder fehlt, dann bekommt das Fehlende oder das Zusätz­liche einen Namen, der ein Leben begleitet, wie das meiner Cousine, die eine starke Persön­lich­keit geworden ist. Aber die Hände und der Rücken tun außer­or­dent­lich weh mit dem Alter, und auch die Zähne tun weh, weil sie soviel mit den Zähnen machen musste in ihrem Leben. Eine einzige kleine Tablette, nicht wahr, die ihre Mutter, meine Tante, zu sich genommen hatte zu einer Zeit, da sie noch nicht wusste, dass sie schwanger gewesen war. Tausende Tote. Zehn­tau­sende Menschen mit einem oder mehreren Handi­caps. Am vergan­genen Freitag wurde von dem Geschäfts­führer der Firma Grünen­thal der Versuch einer Entschul­di­gung unter­nommen, ohne weiter­füh­rende Verant­wor­tung über­nehmen zu wollen. Er sagte: Wir bitten um Entschul­di­gung, dass wir fast 50 Jahre lang nicht den Weg zu Ihnen von Mensch zu Mensch gefunden haben. Wir bitten Sie, unsere lange Sprach­lo­sig­keit als Zeichen der stummen Erschüt­te­rung zu sehen, die Ihr Schicksal bei uns bewirkt hat. – stop

mikobeli

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alpha : 0.22 – Die Entde­ckung des Wortes miko­beli ereig­nete sich am 20. Dezember des Jahres 2007. Ich machte das so: Zunächst schloss ich die Augen. Dann versuchte ich laut­hals Wörter auszu­spre­chen, die ich nie zuvor hörte. Eine nicht ganz leichte Aufgabe. Kurz darauf notierte ich das Wort miko­beli auf ein Blatt Papier und prüfte, ob das Wort in den Verzeich­nissen der Goog­le­ma­schine bereits enthalten sein könnte. Das war nicht der Fall, ich war zufrieden. Einige Zeit, zwei oder drei Wochen lang, versuchte ich weitere unbe­kannte und zugleich wohl­klin­gende Wörter zu entde­cken, dann hörte ich damit auf. Heute, Dienstag, 4. September 2012 um kurz nach 17 Uhr MESZ, wurde mir das Wort miko­beli wieder in Erin­ne­rung gerufen, in dem ich bemerkte, dass nahe Tiblisi (Geor­gien) nach genau diesem erfun­denen Wort in den Goog­le­ver­zeich­nissen gesucht worden war. Und weil nun das Wort miko­beli in meinem digi­talen Schatten zu finden war, durfte ich für wenige Minuten einen Besu­cher aus dem Kaukasus auf meiner Parti­cles – Seite verzeichnen. Erstaun­lich ist, dass das Wort miko­beli von meiner Analy­se­ma­schine mittels geor­gi­scher Schrift­zei­chen wieder­ge­geben wird, fein und weich und voll­ständig fremd. Irgendein Mensch, stellte ich mir vor, könnte in derselben Art und Weise wie ich das Wort miko­beli erfunden haben und hatte kurz darauf nach Spuren seiner Exis­tenz im Internet gesucht. Eine aufre­gende Geschichte, die sich tatsäch­lich genauso ereig­nete. Bitte melden! – stop

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brooklyn

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MELDUNG. Brooklyn, 197 Columbia Heights, 5. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 864 [ Marmor, Carrara : 2.12 Gramm ] voll­endet. – stop
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robots

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hima­laya : 6.55 – Isaak B. Singer in deutsch­spra­chiger Über­set­zung: Ein Tag in Coney Island. Lektüre immer wieder unter­bro­chen, um Such­ma­schinen zu kontak­tieren: Seagate Esther Brooklyn Sience Post Nanoro­bots Kier­ke­gaard Columbia Heights Pulsar Giuseppi Logan. Ich zählte, wie vorge­nommen, meine Such­an­fragen für diesen Tag. Es waren 27 nach­mit­tags und weitere 15 am Abend. Jede einzelne meiner Fragen soll den Verbrauch von vier Watt Strom verur­sacht haben. Erstaun­liche Sache. Entdeckte wunder­bares Orchester flie­gender Roboter. Draußen Regen wie Gischt. Die Vögel in den Bäumen dampfen. – stop

schallplatte

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tango : 6.28 – Nehmen wir wieder einmal an, ich könnte die Geschwin­dig­keit meines Spre­chens für einen ganzen Tag bestimmen, etwa so, als würde ich die Dreh­ge­schwin­dig­keit einer Schall­platte durch das Umlegen eines Hebels verän­dern. Würde ich mich beschleu­nigen oder würde ich mich bremsen? Spreche ich so schnell oder so langsam wie vor Jahren noch? – stop

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herzschrittmacher

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zoulou : 2.52 – Tatsäch­lich exis­tieren noch immer Menschen, deren Herzen mittels Schritt­ma­chern beschleu­nigt werden, die von Pluto­nium 238 ange­trieben sind. Andere ruhen bereits in Gräbern. Ihre Herzen, stell ich mir vor, sind längst verschwunden, aber aus edel­me­tal­lenen Dosen funken weiterhin elek­tri­sche Pulse, laut­lose wie vergeb­lich Suchende. – stop

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mr. munki

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marimba : 6.22 – Das Vergessen ist nicht gerade eine meiner Stärken. Ich kann mich noch nach Jahren an jedes schwie­rige Gespräch erin­nern, wo es sich ereig­nete, mit wem ich mich unter­halten hatte und worüber. Dafür vergesse ich auf dem Weg von meinem Arbeits­zimmer in die Küche, weshalb ich mich eigent­lich in Bewe­gung setzte. Auch die Uhrzeit vergesse ich gerne, Tele­fon­num­mern, Pass­wörter, Namen, ganze Bücher, dass sie exis­tieren, Buch­staben, meinen Regen­schirm. Einmal wäre ich beinahe im Herbst ohne Schuhe auf die Straße getreten. Genau genommen bin ich im Vergessen leicht­fü­ßiger als ich dachte. Ich vergesse aber leider sehr häufig nicht, was ich gerne vergessen würde. Heute habe ich bemerkt, dass ich versäumte, also vergessen habe, in einem Buch weiter zu lesen, das ich im Mai zuletzt in Händen gehalten habe. Viel­leicht erin­nern Sie sich, es handelte sich um Pete L. Munki’s Roman Nautilus. Der Erzähler der Geschichte, ein junger Mann namens Zezito Lopes, ruhte zuletzt im 10. Stock eines Hauses in der Lexington Avenue auf einer Trep­pen­stufe. Früher Nach­mittag. Ein schwerer Behälter von gepan­zertem Glas, in dem sich zwei Mollus­ken­fi­sche der Gattung Nautilus befanden, stand neben dem wartenden Mann auf dem Boden. Ich erin­nerte mich damals, dass der junge Mann, er war ein gut trai­nierter Träger, sich kurz darauf erhoben hatte, um an einer der Wohnungs­türen, die auf den Flur führten, zu klin­geln und nach einem Glas Wasser zu fragen. Unver­züg­lich wurde geöffnet, ein Gespräch entwi­ckelte sich, in dessen Folge Zezito Lopes sich bückte, seinen gepan­zerten Behälter in die Hände nahm und mit ihm in der Wohnung verschwand. So weit so gut. Als ich das Buch im Mai im Zug geöffnet hatte, konnte ich die markierte Text­stelle nicht finden. Sofort der Gedanke, ich hätte mögli­cher­weise phan­ta­siert, eine durchaus beun­ru­hi­gende Vorstel­lung. Nicht minder beun­ru­hi­gend schien mir der Gedanke gewesen zu sein, das Buch selbst könnte sich verän­dert haben, weiter- oder umge­schrieben worden sein, obwohl sich das Buch, auch nachts, immer in meiner Nähe aufge­halten hatte. Zu Hause ange­kommen legte ich das Buch unter andere Bücher auf meinem Schreib­tisch ab, wo ich es heute wieder entdeckte. Als ich das Buch öffnete, war das Buch leer. Kein Zeichen zu finden, nur der Titel der Geschichte: Nautilus. Daraunter ein weiterer Satz: Bitte warten. Pete L. Munki. – stop

polaroidamph

herzwanderung

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ginkgo : 0.28 – Auf Notiz­kärt­chen, die ich im Präpa­rier­saal beschrif­tete, das Wort Herz­wan­de­rung entdeckt. Ich notierte dieses Wort, kurz nach dem ich einen jungen Mann beob­achtet hatte, wie er mit einem kleinen rosa­far­benen Herzen, das er zuvor unter Anlei­tung eines Assis­tenten aus dem Brust­korb einer alten Frau operierte, durch den Saal eilte, um es unter kaltem Wasser zu waschen. Unmit­telbar hinter ihm wartete ein Kollege. Auch er hielt ein Herz in Händen. Dieses Herz schien vergleichs­weise das Herz eines Riesen gewesen zu sein, und es war dunkel, fast schwarz. Als der junge Mann mit der Waschung des kleinen rosa­far­benen Herzen fertig geworden war, drehte er sich um. Für einige Sekunden standen sich die zwei Männer gegen­über und betrachten je das Herz des anderen. – stop

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angmagssalik

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lima : 0.05 – Ob es wohl möglich ist, einen wohl­klin­genden Kontra­bass zu bauen, der kein weiteres Mate­rial enthält, als Substanzen eines gestran­deten Walfi­sches? – stop

quallenuhr

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ulysses

~ : oe som
to : louis
subject : QUALLENUHR
date : sept 12 12 10.22 a.m.

Ganz plötz­lich, lieber Louis, habe ich Lust bekommen, Dir zu schreiben. Eigent­lich wollte ich mich erst am kommenden Samstag melden, aber ein Sturm bewegt sich auf uns zu und es ist nichts zu tun, als zu warten, ob er uns mit voller Wucht treffen wird. Vermut­lich ist es diese Warterei, die an unseren Nerven zerrt. Auch, dass die Tage wieder kürzer werden. Gestern haben wir einen Schwarm Tinten­fi­sche beob­achtet, der unser Schiff umkreiste. Eine unge­wöhn­li­cher Anblick, die Tiere waren schnee­weiß. Wir haben einige gefangen, sie schme­cken süß, wenn man sie brät, nach Brot, nach Gebäck, nach Mandeln. Beun­ru­hi­gend ist, dass sie weder über Herzen noch Augen verfügen. Eine halbe Nacht haben wir einen Fisch nach dem andern durch­sucht. Als wir kein Exem­plar mehr hatten, um unsere Suche fort­setzen zu können, ist Miller mit dem Beiboot losge­fahren. Fast wind­still ist es hier unten auf Höhe des Meeres, weit oben jedoch rasende Wolken von West nach Ost. Ja, lieber Louis, wir durch­leben schwie­rige Tage. Und Noe, unser Noe in der Tiefe, ist von Fieber befallen. Wir haben ihn gut 150 Fuß ange­hoben, damit er Licht sehen kann. Seit mehreren Stunden wieder­holt er eine kleine Geschichte, von der wir nicht wissen, woher sie kommt. Noe sagt, Noe stelle sich ein Zimmer vor, ein freund­li­ches, helles Zimmer von aller­feinster Qual­len­haut, ein Zimmer von Wasser, ein Zimmer von Salz, ein Zimmer von Licht. Man könnte dieses Zimmer, und alles was sich im Zimmer befindet, das Qual­len­bett, die Qual­lenuhr, und all die Qual­len­bü­cher und auch die Schreib­ma­schinen von Qual­len­haut, trocknen und falten und sich 10 Gramm schwer in die Hosen­ta­sche stecken. Und dann geht man mit dem Zimmer durch die Stadt spazieren. Oder man geht kurz mal um die Ecke und setzt sich in ein Kaffee­haus und wartet. Noe sitzt also ganz still und zufrieden unter einer Venti­la­tor­ma­schine an einem Tisch, trinkt eine Tasse Kakao und lächelt und ist geduldig und sehr zufrieden, weil niemand weiß, dass er ein Zimmer in der Hosen­ta­sche mit sich führt, ein Zimmer, das er jeder­zeit auspa­cken und mit etwas Wasser, Salz und Licht, zur schönsten Entfal­tung bringen könnte. Hier spricht Noe. Noe stellt sich ein Zimmer vor, ein freund­li­ches, helles Zimmer von feinster Qual­len­haut. – Beste Grüße. Ahoi. Dein OE SOM

gesendet am
12.09.2012
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oe som to louis »

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versuchsanordnung

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echo : 2.05 – Gestern, am späten Abend, wurde ich während meiner Arbeit von einem Eich­hörn­chen beob­achtet. Das kleine Tier kauerte im Kirsch­baum auf Höhe der Fenster meines Arbeits­zim­mers gut sichtbar im Licht einer Stra­ßen­lampe. Beinahe wollte ich meinen, dass es sich mit Absicht zeigte. Seine Augen leuch­teten rötlich, als wären sie Taschen­lampen. Ich trat vorsichtig ans Fenster und schon war das Tier verschwunden. Es war also fast Mitter­nacht gewesen, ich versuchte zu diesem Zeit­punkt ein Expe­ri­ment zu wieder­holen, das ich vor 5 Jahren bereits erfolg­reich im Internet unter­nommen hatte. Krapp war mit meiner Hilfe in Chat­räumen zu Sprache gekommen. In einem 30-Sekun­den­rhythmus wieder­holte er Sätze, die Samuel Beckett für ihn notierte. Eine halbe Stunde arbei­tete ich mich damals voran, als in der künst­li­chen Welt auf Krapp reagiert wurde. Das war ein faszi­nie­render Vorgang gewesen, ein Ereignis, das sich gestern leider nicht wieder­holte. Extra­or­di­nary silence this evening. Wie ich es auch versuchte, Krapp wurde nicht bemerkt oder wurde unhöf­li­cher­weise igno­riert. Hier nun noch einmal das Doku­ment aus dem Jahr 2007 : >

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Versuchs­an­ord­nung >
20.05 – 20.07 Uhr MEZ
Krapp im Chat

[Login OK]
[Krapp joined channel Welcome!]
[82users in channel Welcome!]

RickJ2!!: Bye bye.
Krapp: „Have just eaten I regret to say three bananas and
only with diffi­culty refrained from a fourth.“
Gulli_S2: Hotmail?
[katsu left channel Welcome!]
UrFixa­tion: Omg, stop it with the banana story.
Krapp: „Fatal things for a man with my condi­tion.“
2005Guy!!: Ur…is getting visuals..lol
Gulli_S2: Hotmail
[muff’ joined channel Welcome!]
Krapp: „Extra­or­di­nary silence this evening.“
UrFixa­tion: lol
UrFixa­tion: I am
RickJ2!!: Some old stories krapp.
[muff’ left channel Welcome!]
Devilish.fr is away from keyboard.
UrFixa­tion: Flash­backs
UrFixa­tion: lol
Gulli_S2: Fuck you!
Krapp: „I strain my ears and do not hear a sound.“
RickJ2!!: lol
[Gulli_S2 left channel Welcome!]
2005Guy!!: I bet…not pretty
UrFixa­tion grins evilly.
RickJ2!!: Watch out gulli
Krapp: „Just been listening to an old year,
passages at random.“
[2HOT4YOU left channel Welcome!]
AngusYoung: I just found out i have lung
cancer and it sucks!
RickJ2!!: aww
Krapp: „I did not check in the book, but it must
be at least ten or twelve years ago.“
UrFixa­tion: Where did that come from?
[GuitarAd­dicted left channel Welcome!]
2005Guy!!: Woaw.
[Play­boyl­overs joined channel Welcome!]
Krapp: „Now the day is over.“
2005Guy!!: Zackly.
SlicK­girl: Should i simply mute him?
[Muff joined channel Welcome!]
RickJ2!!: Same stories krapp, right?
[Kalkan left channel Welcome!]
[Space Monkey left channel Welcome!]
Muff greets all.
Krapp: „Night is drawing nigh-igh.“
[Porto-boy joined channel Welcome!]
2005Guy!!: I thought i just had dezavu…
RickJ2!!: Get it??
Play­boyl­overs: hi dudes
Play­boyl­overs: lol
Krapp: „Shadows.“
2005Guy!!: Don’t know how to spell it..lol
[AngusYoung left channel Welcome!]
RickJ2!!: Hey baaby
[Bryan1997_4_you joined channel Welcome!]
[Desiree left channel Welcome!]
Bryan1997_4_you: Hi all
Muff: Chess game anybody?
Bryan1997_4_you: Anyone wanna chat
RickJ2!!: Krapp do you know english?
[Andriy!!!! left channel Welcome!]
[Lana-puma-hoty joined channel Welcome!]
19-m-Fran­cais: Kein Deutsch hier?
UrFixa­tion: Nein
Muff: RickJ2 do you fancy me.
Krapp: „Past midnight. Never knew such silence.
The earth might be unin­ha­bited.“
Thebi­gone greets all.
[Black­S­cor­pion left channel Welcome!]
[JoeNY left channel Welcome!]
Bryan1997_4_you: hi courtney
RickJ2!!: what u mean muff
[Country-Boy joined channel Welcome!]
Muff: RickJ2 why do u ignore me?
Porto-boy greets all.
[Krapp left channel]
[Welcome!]

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MELDUNG : ameisengesellschaft ln – 788

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MELDUNG. Amei­sen­ge­sell­schaft LN – 788 [ lasius niger ] : Posi­tion 48°21’N 07°01’O : Folgende Objekte wurden von 14.00 – 15.55 Uhr MESZ über das nord­west­liche Wendel­portal ins Waren­haus einge­führt : sieben­und­zwanzig trockene Flie­gen­torsi mitt­lerer Größe [ je ohne Kopf ], sech­zehn Baum­stämme [ à 5 Gramm ], vier Raupen in Grün, zwei­hun­dert­zwölf Raupen in Orange, zwei Insek­ten­flügel [ vermut­lich die eines Zwerg­kopf­nacht­fal­ters ], fünf Streich­holz­köpfe [ à 2 Gramm ], vier Fliegen der Gattung Calli­pho­ridae in vollem Saft, sonnen­ge­trock­nete Rosen­blätter [ ca. 20 Gramm ], einhun­dert-vier­und­vierzig Schne­cken­häuser [ je ohne Schnecke ], acht gelähmte Schne­cken [ je ohne Haus ], 5328 Ameisen anlie­gender Staaten [ betäubt oder tran­chiert ], sechs Rüssel­käfer [ blau­tür­kise ], die Aaskugel eines Pillen­dre­hers, wenig später der Pillen­dreher selbst, eine Wild­biene, sieb­zehn Frag­mente eines Blattes [ Ilias / Homer ] 7.5 Gramm. – stop

sprachwanderung

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kili­man­dscharo : 6.51 – Einmal nur für eine Stunde oder zwei, je ein Inuit, Chinese, Marok­kaner, Fran­zose, Kurde, Tutsie, Israeli oder Norweger sein, um hören zu können, wie die deut­sche Sprache von dort aus klingt. – stop

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zeppelin

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lima : 1.38 – Früh­mor­gens, sobald ich den anato­mi­schen Präpa­rier­saal betrete, immer wieder der Eindruck, an einem nicht wirk­li­chen Ort zu sein, an einem geträumten Ort, obwohl ich der festen Über­zeu­gung bin, längst wach geworden zu sein. Ich schlen­dere, unwirk­lich selbst und wirk­lich zugleich, an jungen Menschen vorüber, die Herzen oder Gehirne oder Muskel­gruppen studieren, und ich höre, wie sie von einer Damp­fer­fahrt erzählen, die sie am Abend zuvor  unter­nommen haben, höre, wie sie sich verab­reden, höre, wie sie mich grüßen. Manchmal reiche ich eine Hand und ich spüre eine weitere Hand in meiner Hand, ihre Bewe­gung, und doch der Gedanke, beide Hände und jede der Stimmen um mich her könnten nicht wirk­lich exis­tieren. – Alles, was ich sehe und höre, sehe und höre ich in meinem Kopf.  – stop

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stanislav lem : ein langsamer brief

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ulysses : 5.05 – In der Nacht zum 17. April 2010 im Schlaf eine inter­es­sante Erfah­rung der Zeit. Ich hatte mir vorge­nommen, eine Zugfahrt nach Montauk zu träumen. Statt­dessen träumte ich, Stanislav Lem habe mir einen Brief geschrieben. Ein geheim­nis­volles Büro über­mit­telte mir den ersten, und zu diesem Zeit­punkt gleich­wohl einzigen Buch­staben einer Nach­richt des Schrift­stel­lers an mich mit dem Hinweis, ich müsse von diesem Zeit­punkt an geduldig warten, da die Zeit der jenseits Lebenden sehr viel lang­samer vergehen würde, als die Zeit der dies­seits exis­tie­renden Menschen. Mit einem weiteren Zeichen, einem zweiten Zeichen des Briefes, sei im Juni, und zwar doch im Juni des laufenden Jahres zu rechnen. Ich wachte damals auf und war fröh­lich und machte mich unver­züg­lich an die Beob­ach­tung eines Nach­rich­ten­schat­tens, den flie­gende vulka­ni­sche Mikro­ge­birge über Europa erzeugten. Der über­tra­gene Buchtstabe, den mir Stanislav Lem damals über­mit­telt hatte, war ein l gewesen. Als im Juni der zweite Buch­stabe des Briefes über­tragen wurde, es handelte sich um ein i, wurde deut­lich, weshalb Geduld von mir erwartet wurde, da sich ein Wort deut­lich bestimmte, das mich im Jahre 2011, und zwar im November voll­ständig erreicht haben würde. Ein gewisser Moment von Span­nung war zunächst wieder im Januar des Jahres 2012 zu spüren gewesen, da ein voll­ständig neues Wort mit einem ersten Zeichen aufge­nommen war. Ein groß­ge­schrie­benes l, das zweite bereits, traf ein, ihm folgte im April ein o, sowie im Juli der Buch­stabe u. Zu diesem Zeit­punkt also ist noch keinerlei Anlass zur Aufre­gung gegeben. Ich werde bei Gele­gen­heit Weiteres berichten. – stop

winterfliegen

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charlie : 6.37 – Regen fällt. Soviel Regen fällt, dass die Nacht­luft hell wird vom Wasser. Viel­leicht war es diese Helle, die mich an die Frage nach der Exis­tenz der Winter­fliegen erin­nerte. Vor einigen Tagen hatte ich mich auf die Suche nach dieser Spezies begeben. Nicht in der wirk­li­chen, aber in der Welt der Zahlen, welche Zeichen, Bilder, Filme in Licht­ge­schwin­dig­keit durch den Raum trans­por­tieren. Ich suchte nach Winter­fliegen vornehm­lich in den Maga­zinen digi­taler Biblio­theken, aber ich habe keine Flie­gen­sorte gefunden, die meinen Vorstel­lungen einer polaren Flie­gen­gat­tung entspro­chen haben würde, denn die Art der Winter­fliegen sollte in eisiger Umge­bung exis­tieren, in Höhlen, stelle ich mir vor, die sie mit ihren Flie­gen­füßen höchst­per­sön­lich in den Schnee gegraben haben. Viel­leicht sind sie von Natur aus eher kühle Wesen, oder aber sie tragen einen Pelz, ein Fell, wie das der Eisbären, weiche, weiße Mäntel von Haut und Haar, die ihre äußerst langsam schla­genden Herzen schützen. Diese Fliegen werden einhun­dert Jahre oder älter, sie könnten sich von feinsten Stäuben ernähren, vom Plankton der Luft, das aus wind­ge­bückten Wäldern ange­flogen kommt, Moose, Birken­pollen, Kotsand von nordi­schen Füchsen. Ich stelle mir vor, dass diese Fliegen so weiß sind, dass man sie nicht sehen wird, wenn sie über den Schnee spazieren. Man wird meinen, der Schnee bewege sich selbst oder es wäre der Wind, der den Schnee bewegt, aber statt­dessen sind es die Fliegen, die nicht größer sind als jene Fliegen, die nacht­wärts in meiner Küche im Sommer aus einem Apfel steigen. – stop
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giuseppi logan

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hima­laya : 6.45 – Vor zwei oder drei Monaten habe ich eine Geschichte gelesen, von der ich mich sagen hörte, sie sei eine Geschichte, die ich nie wieder vergessen werde, die Geschichte selbst und auch nicht, dass sie exis­tiert, dass sie sich tatsäch­lich ereig­nete, eine Geschichte, an die ich mich erin­nern sollte selbst dann noch, wenn ich meinen Computer und seine Dateien, meine Notiz­bü­cher, meine Wohnung, meine Kartei­karten bei einem Erdbeben verlieren würde, alle Verzeich­nisse, die ich studieren könnte, um auf die Geschichte zu stoßen, wenn sie einmal nicht gegen­wärtig sein würde. Diese Geschichte, ich erzähle eine sehr kurze Fassung, handelt von Giuseppi Logan, der in New York lebt. Er ist Jazz­mu­siker, ein Mann von dunkler Haut. Logan, so wird berichtet, atme Musik mit jeder Zelle seines Körpers in jeder Sekunde seines Lebens. In den 60er Jahren spielte er mit legen­dären Künst­lern, nahm einige bedeu­tende Free­jazz­platten auf, aber dann war die Stadt New York zu viel für ihn. Er nahm Drogen und war plötz­lich verschwunden, manche seiner Freunde vermu­teten, er sei gestorben, andere speku­lierten, er könnte in einer psych­ia­tri­schen Anstalt vergessen worden sein. Ein Mann wie ein Blackout. Über 30 Jahre war Giuseppi Logan verschollen, als man ihn vor wenigen Jahren in einem New Yorker Park lebend entdeckte. Er exis­tierte damals noch ohne Obdach, man erkannte ihn an seinem wilden Spiel auf einem zerbeultes Saxo­phon, einzig­ar­tige Geräu­sche. Freunde besorgten ihm eine Wohnung, eine Platte wurde aufge­nommen, und so kann man ihn nun wieder spielen hören, live, weil man weiß, wo er sich befindet von Zeit zu Zeit, im Tomp­kins Square Park nämlich zu Manhattan. Es ist ein kleines Wunder, das mich sehr berührt. Ich will es unter der Wort­boje Giuseppi Logan in ein Verzeichnis schreiben, das ich auswendig lernen werde, um alle die Geschichten wieder­finden zu können, die ich nicht vergessen will. – stop
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von den vasentieren

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tango : 3.15 – Tage­lang habe ich über­legt, ob es sinn­voll ist, über die Exis­tenz der Vasen­tiere weiter nach­zu­denken. In diesem Diskurs mit mir selbst, haben meine Vorstel­lungen über das Wesen und die Gestalt der Vasen­tiere, indessen weiter an Präzi­sion zuge­nommen, ohne dass ich das zunächst bemerkte. Einmal wartete ich an einer Ampel unter einer Kastanie. Es war früher Abend und ich nutzte diese Situa­tion des Inne­hal­tens, um mir vorzu­stellen wie es sein könnte, wenn ich eine Vase wäre. Ich hielt zunächst den Atem an, was eigent­lich nicht notwendig gewesen war, Vasen­tiere dürfen atmen, Vasen­tiere müssen atmen, und versuchte mich so wenig wie möglich zu bewegen, eine innere feste Struktur auszu­bilden, sagen wir, eben eine Art Behälter zu sein. Das ist gut gelungen, auch nachdem ich von einer Kastanie auf den Kopf getroffen worden war, bewegte ich mich nicht. In diesem Moment wurde statt­dessen deut­lich, dass Vasen­tiere niemals flüchten, weil sie nicht flüchten wollen und weil sie nicht flüchten können, ihnen fehlen Füße und Beine. Aber sie haben Augen und Ohren, und sind von ihrer orga­ni­schen Konstruk­tion her begabt, Formen nach­zu­ahmen, die geeignet sind, tiefere Gewässer in sich auszu­bilden, das ist nicht verhan­delbar. Auch nicht, dass sie das Wasser zur Versor­gung der Pflanzen, welchen sie Herberge bieten, aus der Luft entnehmen, sei sie noch so trocken. Möglich ist, dass Vasen­tiere, die in der Lage sind, mittels ihrer Gedanken Bewe­gung zu formu­lieren, eher unglück­liche Wesen sein werden, daran sollte man unbe­dingt denken, ehe man sich an die Verwirk­li­chung der Vasen­tiere machen wird. – stop

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delta : 6.46 – Das war so gewesen. Kurz nach dem Abend­essen treffe ich im Zug auf einen Freund. Er kam gerade vom Gebet. Ich weiß nicht wie er das macht, er betet an allen denkbar unmög­li­chen Orten, aber immer zur rechten Zeit. Wir müssen nicht mehr darüber spre­chen, er ist Moslem, über­zeugt, tief­gläubig, ich bin Christ, einer, der eher zwei­felt, aber nicht NEIN sagen will, nicht, dass das alles Unfug ist mit den Jenseits­ge­schichten. Mein Freund und ich lieben Jazz. Er ist ein Schlag­zeuger von hoher Bega­bung, ich habe ein feines Gehör, das ist die andere Seite, mein bebendes Zwerch­fell, wenn er spielt. Was das doch für ein Irrsinn wieder ist, dieser Film, diese Provo­ka­tion, dass das nie aufhört, sagte er dann doch in meine Rich­tung. Und dass ihm das vor allem so unan­ge­nehm sei, weil wir doch wie Puppen sind, die man aufziehen kann, irgendwo eine böse sati­ri­sche Zeich­nung, und schon tanzen wir los. – Ja, das ist äußerst seltsam, diese Art der Kommu­ni­ka­tion über große Entfer­nungen hinweg, die Menschen­leben fordert. Über­haupt ist das merk­würdig, die Schöp­fung, der Tod, das Erzählen von der Zeit danach, die Gesetze, die Bewer­tung nach Gut und Böse. Ich erin­nere mich, wie ich vor vielen Jahren einmal mit meinem Vater vor einem Fern­seh­gerät saß. Das war an einem Oster­sonntag kurz vor 12 Uhr mittags gewesen. Auf einem Balkon in Rom stand ein alter Mann, er trug einen merk­wür­digen Hut auf dem Kopf und sprach in singender Weise Verse, von welchen ich ahnte, dass es sich nur um ein Gebet handeln könnte. Das Gebet war in meinen Ohren nicht verständ­lich gewesen, weil es in italie­ni­scher Sprache gesungen wurde, aber dann äußerte sich der geist­liche Mann plötz­lich in einer mir bekannten Sprache. Meine Mutter war indessen hinzu­ge­treten. In genau dem Moment als der alte Mann seinen Segen erteilte, kniete sie nieder und bekreu­zigte sich. Ich erin­nere, mich über ihre Geste gewun­dert zu haben, das Knien vor einem Fern­seh­gerät. Genau­ge­nommen wundere ich mich bis heute, wie die Segen wandern. – stop
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rom : ein flugzeug

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marimba : 22.58 – Man müsste einmal ein Flug­zeug erfinden, das nicht sichtbar und doch wirkungs­voll anwe­send ist. Unsicht­bare Sitze, auf welchen sicht­bare Passa­giere Platz genommen haben, durch­sich­tige Steu­er­knüppel, durch­sich­tige Flügel, ein durch­sich­tiges Leit­werk. Man sieht nun Menschen, wie sie über Taxi­way­bahnen eines Flug­ha­fens schweben, gut sortiert, acht Personen zu einer Reihe neben­ein­ander, so sitzt man. Da und dort liegen schlam­pi­ger­weise Taschen herum, Ruck­säcke, Zeitungen, auch sie sind sichtbar wie ihre Besitzer und die Benzine in den Flügeln der Maschinen, das Nest der Koffer am Flug­zeug­heck, jene zwei Herren mit ihren akkurat gefal­teten Flie­ger­hauben an der Spitze der Prozes­sion, bald wird man sehen wie das alles fliegt sehr steil gegen den Himmel zu. Und dieser Blick nun nach unten, Seen, Straßen, Wälder, Schnee auf den Bergen, das Meer, die große Stadt im Anflug, ein rötlich brauner Fleck in einer Land­schaft, die hell ist. Es war viel Wind unter­wegs und beständig das Gefühl in die Tiefe zu fallen, weil die Substanzen des Flug­zeuges nicht zu sehen gewesen waren. Nun aber Rom. Da stehe ich mit beiden Beinen fest auf einem Boden, unter dem viel Zeit­spur im Verbor­genen liegt. Das Taxi, das durch das groß­zü­gige Spalier der Zedern­bäume gleitet, Schirm­pi­nien da und dort in Step­pen­land­schaft jenseits der Straße. Plötz­lich dichtes Häuser­ge­füge in warmer­digen Farben, braun, ocker, gelb, rot, orange, an den Ampeln helle Wölk­chen von Blei­luft, die aus knat­ternden Roller­mo­toren paffen. Via della Magliana, Via Portu­ense, Via Quirino Majorana, Via delle Fornaci, Via delle Mura Aurelie. Vor dem Haus liegen drei scheue, schlanke Katzen. Das Gespräch der Möwen auf ihrem Flug gegen Tras­te­vere. – stop
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rom : antennenbild

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nordpol : 2.28 – Dämme­rung. Die Kuppel der Peters­ba­si­lika plötz­lich in Sicht wie ich um eine Häuser­ecke komme. Seltsam blaues Leuchten, als würde sich das abwan­dernde Licht des Himmels auf den Kupfer­ble­chen des Daches spie­geln. Dann ist’s stock­finster geworden und die Kuppel schim­mert noch immer blau­tür­kise wie zuvor. Sehr kleine Menschen spazieren über Bernini’s Platz, sitzen in der warmen Abend­luft auf Brun­nen­rän­dern und Trep­pen­stufen, die unter Kolon­naden den Platz umarmen. Ziem­liche Stille. Kaum Tauben. Keine Katzen, nicht einmal schläf­rige Augen­lichter. Ein paar Männer arbeiten sich pfei­fend durch Türme von Stühlen. Sobald sie einen Stuhl von einem der Gebäude heben, wird es etwas kleiner, bildet eine Reihe aus wie einen Arm, der sich an einer Schnur entlang ausrichtet, tausende wartende Objekte, auf welchen bald Menschen sitzen werden, die beten oder schreien oder ihre Stühle besteigen, weil auch andere bereits auf Stühlen stehen. Das ist der Moment, da man als Pilger oder Beob­achter viel­leicht seinen Namen heim­lich in einen der Stühle ritzen möchte oder eine Figur zeichnen, die Ähnlich­keit zur eigenen Person aufzeigen wird, sodass man etwas zurück­lässt auf dem Platz, ein Anten­nen­bild um späterhin päpst­li­chen Segen aus der Ferne einfangen zu können. Michel­an­gelo heim­lich, eine Vorstel­lung, die möglich ist in der Nacht im sanften Later­nen­licht nahe des Maderno-Brun­nens, wie er sich nach Jahr­hun­derten wundert über das Blau dieser Kuppel, das er so nicht ange­ordnet haben mag. – stop

rom : am tiber

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nordpol : 10.32 – Gestern, am späten Abend, von einer Tiber­brücke aus einen Mann beob­achtet, der am Ufer des Flusses vor einer Insel­aus­buch­tung kauerte. Der Mann fütterte größere und klei­nere Tiere mit seiner linken Hand, in der rechten Hand hielt er eine Angel fest. Das war nicht sofort zu erkennen gewesen, weil sich im Fluss und auch in der Luft über dem Fluss nichts bewegte, nicht einmal das Wasser zeigte Strö­mung. Die Fluss­ober­fläche schim­merte im Mond­licht wie ein See, und das Schilf des Ufers schien von Winden, nicht von wildem Wasser gebeugt. Da waren Schatten im Gras der kleinen Insel, hunderte vorwärts oder rück­wärts sprin­gende Schemen. Noch nie zuvor habe ich so viele Ratten auf einen Blick gesehen. Wie Eisen­späne einer physi­ka­li­schen Anord­nung zur Unter­su­chung magne­ti­scher Felder waren sie zu dem Mann hin ausge­richtet, wirbelten durch­ein­ander, sobald der Mann Futter­ware unter die Tiere schleu­derte. Dann wieder stilles Warten. Eine Bisam­ratte, scheuer Herr­scher, enterte das Land. – Am folgenden Tag kehre ich morgens zur Nacht­brücke zurück. Der Mann kauert noch immer vor der kleinen Insel und angelt im Fluss. Möwen haben sich genä­hert. Ratten sind nur wenige zu sehen, aber Tauben. Wenn der Mann einen Fisch erbeutet, wirft er ihn seinen Freunden vor die Füße. An den steilen Wänden der künst­li­chen Tiber­fas­sung da und dort blühende Büsche. Eidechsen züngeln gegen die Sonne. – stop
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