spulen

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sierra : 15.01 – Ich hatte eine Spule digi­taler Spei­cher­scheiben von einem Zimmer in ein anderes Zimmer getragen. Wie ich über eine Türschwelle trete, wurde mir bewusst, dass ich in meinen Händen 500 Filme trans­por­tierte oder 750 Stunden Zeit, die vergehen würde, wenn ich jeden dieser Filme einmal betrachten sollte. Ich setzte mich auf mein Sofa und legte eine der Scheiben in meinen Computer. Kaum 2 Minuten waren vergangen, und schon hatte ich 5 Filme, die auf dem Daten­träger seit Jahren gespei­chert waren, von ihrem ursprüng­lich Ort in einen Kasten von der Größe einer Zigar­ren­schachtel trans­por­tiert. Mein Computer arbei­tete indessen so leise, dass ich mein Ohr an sein Gehäuse legen musste, um gerade noch seinen Atem vernehmen zu können. Zwei Stunden atmete mein Computer, in dem er alle Filme der Spule, Scheibe um Scheibe, in den kleinen Kasten, der neben ihm auf dem Sofa ruhte, trans­fe­rierte. Dann holte ich eine weitere Spule und setzte meine Arbeit fort, bis auch diese Spule und ihre Filme in das Käst­chen über­tragen waren, Spule um Spule, eine Nacht entlang. Nun ist das so, dass sich in meinem neuen Film­ma­gazin unge­fähr 3000 Filme befinden, ohne dass das Daten­käst­chen größer oder schwerer geworden wäre. Ich glaube, ich habe etwas Welt verdichtet, einen Raum gespei­cherter Film­be­trach­tungs­zeit verklei­nert, eine Möglich­keit der Zeit, die sich selbst nicht verän­dert haben sollte. – stop

ping

echo

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india : 16.32 – Beob­ach­tete, dass die Wahr­neh­mung eines Gedan­kens stets nur von einem weiteren, einem zweiten Gedanken aus möglich zu sein scheint. – Wieder die Fragen : Exis­tieren Satz­zei­chen in der Gedan­ken­sphäre? Ist  es möglich, einen ursprüng­li­chen Gedanken zu erfinden? – stop

matrjoschka

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echo : 6.52 – Weit bin ich in der Beweg­lich­keit meines Ellen­bo­gen­ge­lenkes gekommen. Ich vermag ein Glas Wasser zum Mund zu führen, in einem Buch zu blät­tern oder auf einer meiner elek­tri­schen Schreib­ma­schinen zu schreiben. Auch ein fester Hände­druck ist wieder möglich geworden, wenn­gleich noch schmerz­haft. Gestern nun näherte ich mich mit meinem rechten Daumen meiner rechten Schulter soweit an, dass ich meinte, sie bereits spüren zu können, meine Schulter also an der Haut meines Daumens und umge­kehrt. Eine äußerst lang­same, sagen wir, behut­same Annä­he­rung. Ein Nach­geben Milli­meter für Milli­meter jenes klei­neren Matrjosch­ka­armes, der meinen eigent­li­chen Arm seit Monaten zu bewohnen scheint, eigen­sin­niges Wesen, Wesen wie für sich, das noch fest­halten will an einer Geste des Schutzes, weiter­exis­tieren in einem Winkel von 90°. Mein schnur­render, mein sich räus­pernder Arm. Es knis­tert unter der Haut auch dann, wenn ich mich nicht bewege, als ob der eine Arm mit dem anderen Arm leise verhan­delte. – Dienstag, noch Nacht. Warmer Regen vom Nebel­himmel. Und Jazz, und Jazz von New Jersey her. Art Tatum. März 1946. TIGER RAG. Guten Morgen. – stop

ping

misrata

2

nordpol : 6.38 – Ein faszi­nie­rendes Wort geis­tert seit Monaten in meinem Kopf. Ich kenne das Wort schon lange Zeit, hatte ihm aber zunächst keine beson­dere Aufmerk­sam­keit geschenkt, bis ich das Wort in dem Zusam­men­hang einer unheim­li­chen Szene hörte aus dem Mund eines Repor­ters, der von der liby­schen Stadt Misrata berich­tete. Das war im Oktober des vergan­genen Jahres gewesen. Im Kühl­raum eines Super­marktes lagerte der Leichnam Muamar Gaddafis auf einer Matratze, das Haar des Dikta­tors war zerzaust, seine Augen geschlossen, der Mund leicht geöffnet, dünne Fäden von Blut sickerten aus zwei Wunden. Menschen standen in nächster Nähe, ihre Fußspitzen berührten das Lager des Toten. Sie standen dort auf neugie­rigen Füßen, um den Leichnam zu betrachten, manche photo­gra­phierten mit Handy­ap­pa­raten, andere, auch Kinder waren unter ihnen, warteten in einer Schlange vor dem Gebäude darauf, eintreten zu dürfen. Ich dachte noch an den scharfen Geruch des Todes, der dort unsichtbar auf die wartenden Menschen einwirken musste, als der kommen­tie­rende Reporter bemerkte, die Bevöl­ke­rung der geschun­denen Stadt würden sich aus allen Himmels­rich­tungen nähern, um den Leichnam Gaddafis und den seines Sohnes zu b e ä u g e n. In diesem Augen­blick war das Wort, von dem ich hier berich­tete, einge­troffen, ein zartes Wort wandernder Augen. Wie sich unver­züg­lich in der Gegen­wart dieses Wortes der Schre­cken der Situa­tion, in etwas Mensch­li­ches, beinahe Kind­li­ches verwan­delte, in ein Verhalten, das ich verstehen konnte, eine Berüh­rung, eine Verge­wis­se­rung, dass wahr ist, wovon man hörte. Ein sanftes Wort in der Umge­bung eines Krieges, ein neuro­naler Hebel. – stop

ping

amadeus

picping

india : 8.05 – MELDUNG. Wind­hund Amadeus [ Canis lupus XVZ-658B ], 72 kg, wird heute, Donnerstag, erst­mals zwecks öffent­li­cher Besich­ti­gung durch den zoolo­gi­schen Garten zu Salz­burg geführt. Bemer­kens­wert jene zwei Köpfe des Tieres, davon der eine taub, der andere blind. – 15.00 Uhr Orts­zeit. Eintritt frei. – stop

fluggewicht

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marimba : 8.28 – Vergan­gene Nacht hatte ich einen lustigen Traum. Ich saß auf meinem Sofa mit einem Engel, der vom Fliegen erzählte, davon genauer, wie es ist eine Reise über den Atlantik zu unter­nehmen wenn man ein Engel ist, Flug­zeiten ( 2 Stunden ), Flug­höhe ( 8 Meter ), Proviant, Flie­ger­brille und alle diese Dinge, an die ich zuvor nie gedacht hatte. Der Engel war im Moment unseres Gesprä­ches unbe­kleidet gewesen, schnee­weiße Haut, 5 Zenti­meter Höhe. Eine faszi­nie­rende Situa­tion. Vor uns standen zwei große Koffer. Ich hatte sie gewogen, Gepäck­stücke ausge­tauscht, um das Gewicht gut zu verteilen. Und da war ein weiterer Koffer, etwas kleiner, ein Pilo­ten­koffer. Auch diesen Koffer hatte ich gewogen. Er war 15 Kilo­gramm schwer, ich sollte ihn mit mir ins Flug­zeug nehmen. Wie ich den kleinen Engel fragte, warum sein Koffer so schwer geworden sei, was er denn mit sich nehmen werde nach Amerika, ein Wesen von 20 Gramm Gewicht, daran erin­nere ich mich noch, und wie der Engel bald auf seinem Koffer saß und versuchte einen Reiß­ver­schluss zu öffnen. Dann wach. Regen in Strömen. Samstag. – stopping

ping

ping

tango : 22.28 – Von einer Sekunde zur anderen Sekunde. Als wär der Sonntag ohne Augen­licht gewesen. Als hätte ich nur geträumt, über den Atlantik geflogen zu sein, fünf­tau­send Kilo­meter schloh­weißer Wolken­decke bis kurz vor Neufund­land. Jamaica-Station. Roose­velt Island. Lexington Avenue. Das helle Zimmer im 22. Stock. Ein kühler Wind bläst über den Balkon. Rauschen von tief unten von der Straße her. Wie ich bald vor das Haus trete kommt mir eine ältere Frau entgegen in einen feinen Mantel­stoff gehüllt, Hände seit­lich gegen den Hals gefaltet. Eigent­lich müsst ich ihr unver­züg­lich folgen, sehen, warum sie das macht, einer Geschichte folgen, und diesem damp­fenden, rot und grün und blau blin­kenden Dioden­hund, der sie begleitet, einem Riesen­tier, das ich berühren sollte, seine Tempe­ratur zu fühlen. Ich verstehe an diesem Abend kein Wort in meinem Kopf. Ja, dieses Rauschen der Stadt. Südwärts wandern. Aus dem Boden sind die Stimmen der Subway­spre­cher zu hören, next station : grand central, das Rumpeln, das Zischen der Züge. Ich könnt ein paar Stunden noch so weiter­gehen und schlafen. – stop

chelsea – warten auf schnee

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alpha : 7.21 – New York. Klarer Himmel. Sonne, die warm ist, eine südita­lie­ni­sche Sonne, aber der Wind kalt und unbe­re­chenbar. 8th Avenue südwärts. Chelsea. High Line. East Village. Auf den Stufen des Zentralen Post­amtes nahe Penn Station lungerten Menschen wie Echsen bewe­gungslos, Gesichter zum Stern. Jetzt schmale Straßen, Häuser von mensch­li­cher Größe, Spiel­plätze voller Kinder, kaum Taxis zu sehen, Fahr­räder, ausge­raubt bis aufs Gerippe an beinahe jedem Later­nen­mast. Bald Nach­mittag, bald früher Abend. In Cafe­häu­sern Wärme aufge­nommen und in der Subway. Ich fahre eine halbe Stunde Rich­tung Harlem und wieder zurück und gehe weiter, immer der Blick zum Himmel, Spuren von Dach­gärten zu verzeichnen. Notierte: Nach Fulton­street Lichter der Tunnel­ar­beiter, Glüh­bir­nen­sträuße, der Eindruck, als würd ich einen stei­nernen Christ­baum durch­fahren. Dämme­rung, Ground Zero. An einer bron­zenen Gedenk­tafel mit Kleb­streifen befes­tigt, flat­tert ein Zettel wie zum Trotz im Wind mit Namenszug und Foto­grafie eines jungen Mannes, der nach 9/11 an den Dämpfen des giftigen Schutt­berges gestorben war. Mons­tröse Baustelle. Glei­ßende Helle. Ich warte auf Schnee. – stop
ping

central park : hurly-burly

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lima : 12.05 – Im Lärm ( noise . hubbub . hurly-burly ) der Stadt im Central Park südlich der Straw­berry Fields ( 72nd Street ) das Singen oder Klagen der Kinder­schau­keln, leise und doch weithin hörbar. Die Idee, eines der musku­lösen Eich­hörn­chen des Gartens würde mir folgen, würde mich erkennen, würde sich erin­nern, Squirrel No 5256, Frankie, Billy. – stop
ping

queens : ein mädchen

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lima : 22.06 – Es ist später Nach­mittag. Queens. Eigent­lich wollt ich durch die Gegend streifen in der Louis Armstrong gelebt hatte, sein Haus besu­chen, das zu einem Museum geworden ist. Als ich eintreffe, Station North Corona, bereits Dämme­rung. Die Straßen schwach beleuchtet. In der Nähe eines Fens­ters, das von der Subway in einem Abstand von 1 Meter passiert wird, sitzt ein dunkel­häu­tiges Mädchen vor einem Fern­seh­gerät. Ich würd das Mädchen gern fragen, ob es mich sehen kann, ob es die Züge noch hört, die in fünf Minuten Frequenz an ihrem Wohn­zimmer vorüber­kommen. Das sind schep­pernde Züge, krei­schende, quiet­schende, blecherne Röhren. stop. Schlangen. stop. Unge­tüme. stop. Wie viele Jahre, wie viele Züge, die das Mädchen viel­leicht nicht hörte? – stop

brooklyn : ausgebeulte Stimmen

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foxtrott : 2.32 – Wenn ich aus dem Fenster sehe wenn tiefe Nacht ist, dann scheinen die Menschen alle gleich­wohl noch immer zu arbeiten oder sie verfügen über keinerlei Licht­erschalter in New York. Ja, die Menschen arbeiten und arbeiten und arbeiten und dann sitzen sie eine halbe oder eine ganze Stunde Fahrt in der Subway und schlafen. Das Selt­same ist, dass sie zur rechten Zeit aufwa­chen, jawohl, sie scheinen mit ihrem Gehör an einer Geräusch­spur zu hängen, wie Stra­ßen­bahnen in Europa an einer Ober­lei­tung. Einer­seits schlafen sie, ande­rer­seits warten sie darauf von einem vertrauten Signal geweckt zu werden. Viel­leicht ist da ein beson­deres Krei­schen oder Rütteln, das nur an einer bestimmten Stelle ihrer Strecke heim­wärts zu vernehmen ist, die ausge­beulte Stimme einer Maschi­nen­in­for­ma­tion. Kurz darauf stehen sie auf, so als wär kein Schlaf gewesen und spazieren aus dem Zug, erstaun­lich! – Samstag. Später Abend. Es heult wieder herum da unten auf Höhe der Straße, ein Unglück irgendwo viel­leicht. Wenn man den Feuer­wehr­autos so zuhört den Tag entlang, dann möchte man bald meinen, die Stadt insge­samt würde in Flammen stehn. – stop
ping

manhattan : atome

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tango : 1.56 – Ich hatte in einem Café nahe Times Square ein elek­tro­ni­sches Tonband­gerät aus der Mantel­ta­sche gezogen und rich­tete es auf  ein Fenster, um den Tumult mensch­li­cher Stimmen, Sirenen, Luft­pumpen und weiterer unbe­stimm­barer Geräu­sche aufzu­nehmen. Ein junger Mann, der neben mir vor seinem Note­book saß, beob­ach­tete mich eine Weile aufmerksam. Plötz­lich lacht er: Das ist New York. Verrückt, nicht wahr? Ob ich in dieser Stadt öffent­lich zugäng­liche Orte von Stille finden könnte, wollte ich wissen. Gibt es nicht, antwor­tete der Mann. Es würden jedoch Orte exis­tieren, die beinahe still sind. Dort aber hörst Du Geister! – Sonntag. Minus 5° Celsius. Lässt sich viel­leicht errechnen, aus wie vielen Atomen die Stadt New York sich fügt? Wie viele Atome werden die Stadt täglich verlassen, wie viele Atome einreisen in unsere Rech­nung? Subway 28. Straße wartete ein Mann kurz nach Mitter­nacht mit Angel­rute in hüft­hohen Fischer­stie­feln auf dem Bahn­steig. – stop

roosevelt island : lawrence

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ulysses : 1.58 – Wolken­loser Himmel. -8° Celsius. Ich trage heute zum ersten Mal Lawrence spazieren unter Mantel, Pull­over, Hemd unmit­telbar auf meiner Haut, ein Schlan­gen­wesen mit einem kleinem Kopf, der in der Nähe meines Halses zu liegen gekommen ist. Dort lurt er jetzt unterm Schal hervor, man muss sich das einmal vorstellen, Lawrence’s sand­far­benen Kopf ohne Augen, Ohren, Nase, aber von einem Mund beseelt, den ich mit getrock­neten Speck­streifen füttere, während ich durch die knis­ternde Winter­luft stelze. Ich kann Lawrence hören, er ist ein leiser, ein gemäch­li­cher Fresser. Und die Wärme fühlen, wunder­voll, die sein fein­häu­tiger Körper erzeugt, der mich fest umwi­ckelt, meine Brust, meinen Bauch, meine Arme, meine Beine. Speck für sechs Stunden Wander­zeit hab ich in meine Taschen gepackt. Es ist jetzt 10 Uhr vormit­tags, um kurz vor vier Uhr nach­mit­tags sollt ich zurück gekommen sein, dann sehen wir weiter. Sonntag ist geworden. Und so gehen wir an diesem Sonntag also spazieren, Lawrence und ich. Zunächst gehen wir die 5th Avenue nord­wärts und ein wenig durch den Central Park. Tausende heller Wölk­chen steigen dort aus den Mündern tausender New Yorker Menschen. Höhe 67. Straße drehen wir wieder um, laufen zurück, folgen der 59. Straße west­wärts bis wir den East River errei­chen, Roose­velt Island Tram­sta­tion. In der Seil­bahn über­ge­setzt, einmal hin, und sofort wieder zurück, ping­pong. In einem Baum, 61. Straße, lungerten hunderte schla­fender Tauben als wären sie Blüten. – stop

ping

chinatown : kandierte enten

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nordpol : 2.06 – Über die Brooklyn Bridge nach Manhattan. Wunder­bares Licht, klar und sanft. Da ist ein Wind, der aus dem Landes­in­neren kommt, ein bestän­diger, kalter Strom, gegen den sich Möwen in einer Weise stemmen, dass sie in der Luft zu stehen scheinen. Helle Augen, grau, blau, gelb, das Gefieder dicht und fein wie Pelz. Ich folge kurz darauf einem alten chine­si­schen Mann durch China­town. Tack, tack, tack, das Geräusch seines Stocks auf dem Boden, ein Faden von Zeit über enge Straßen. Links und rechts des Weges, schmale Läden in roten, in goldenen Farben, Waren, die Harmonie bedeuten, Bänder, Fächer, lächelnde Masken. Ich rieche heute nichts, oder die Gerüche, wenn sie noch exis­tieren, bewegen sich dicht über den Boden hin, Morchel­berge, getrock­nete Schwämme, Muscheln, Nüsse, Algen­wedel, Krabben, zwei Hummer­tiere, sie leben noch, sind für 20 Dollar zu haben. Im Restau­rant nahe der Mott­street, eine milde Enten­suppe gegen den Abend zu. Messer der Köche, die vor meinen spei­senden Augen lautlos durch halbe Schweine flitzen. Gebra­tene Enten­körper, glän­zend, als wären sie von der Art kandierter Früchte, baumeln in den Fens­tern. Dann Dämme­rung und Wärme im Bauch und das Schwingen der Brücke noch in den Beinen. – stop

south ferry : elektrischer vogel

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delta : 0.08 – Im Regen gestern am frühen Morgen meinte ich, einen elek­tri­schen Vogel wahr­ge­nommen zu haben zunächst in der digi­talen Fassa­den­haut der Port Autho­rity Bussta­tion, später am Times Square, Ecke 46. Straße, ein Phänomen, das sich in die Anzeigen der Stadt einge­fä­delt haben könnte, einen Code, eine Irri­ta­tion, ein Lebe­wesen, ein mit mir durch den Tag wanderndes Sekun­den­ge­schöpf. Auch im Warte­saal der Staten Island Fähre war der Vogel gegen­wärtig gewesen, dort als ein Schatten, der von Ost nach West über eine Wetter­an­zei­ge­tafel raste. Gleich darunter warteten Menschen, die ihre nassen Schirme zausten. Leichter Seegang. – stop
ping

brighton beach : mr. singer

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delta : 0.03 – Nach Coney Island eine halbe Stunde mit der Subway vom Washington Square aus in südwest­liche Rich­tung. Der Himmel hell über dem Meer, heftige Sand­wel­len­winde. Es lässt sich gut gehen auf diesem Boden, der fest ist. Zerbro­chene Muscheln, Scherben von buntem Glas, Sommer­be­stecke, Schuhe, Wodka­fla­schen, Lippen­stifte, Holz, Knochen. Da und dort haben sich scharfe Kanten gebildet unter der strengen Hand der Winter­stürme, dunkle, feste Struk­turen, in welchen sich Spuren mensch­li­cher Füße finden als wären sie verstei­nert, als wären sie tausende Jahre her. Bald Brighton Beach. An den Wänden der Häuser entlang der Seepro­me­nade sitzen alte russi­sche Frauen wohl verpackt, aufge­hoben in diesem Bild fros­tiger Tempe­ratur. Aber der Schnee fehlt. Und Mr. Singer, der hier spazierte lang vor meiner Zeit. – stop

greenwich village : verschwinden

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echo : 0.12 – New York ist ein ausge­zeich­neter Ort, um unter­zu­tau­chen, zu verschwinden, sagen wir, ohne aufzu­hören. Ich stellte mir vor, wie ich in dieser Stadt Jahre spazieren würde und schauen, mit der Subway fahren, auf Schiffen, im Central Park liegen, in Cafés sitzen, durch Brooklyn wandern, ins Theater gehn, ins Kino, Jazz hören, sein, anwe­send sein, gegen­wärtig, ohne aufzu­fallen. Ich könnte exis­tieren, ohne je ein Wort zu spre­chen, oder viel­leicht nur den ein oder anderen höfli­chen Satz. Ich könnte Nacht,- oder Tagmensch sein, nie würde mich ein weiterer Mensch für eine längere Zeit als für eine Sekunde bemerken. Sehen und vergessen. Wenn ich also einmal verschwinden wollte, dann würde ich in New York verschwinden, vorsichtig über Treppen steigen, jeden Rumor meiden, den sensi­blen New Yorker Blick erlernen, eine kleine Wohnung suchen in einer Gegend, die nicht allzu anstren­gend ist. In Green­wich Village viel­leicht in einer höheren Etage sollte sie liegen, damit es schön hell werden kann über  Schreib­tisch und Schreib­ma­schine. Ich könnte dann von Zeit zu Zeit ein Tonband­gerät in meine Hosen­ta­sche stecken und einen oder zwei meiner Tage verzeichnen, nur so zur Vorsicht, um nach­zu­hören, ob ich nicht viel­leicht schon zu einer selbst­spre­chenden Maschine geworden bin. – stop
ping

downtown manhattan : concerto No 5

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nordpol : 0.01 – Donnerstag, später Abend. Mrs. Lillue spielt Mozarts Violin Concerto No 5. Schwere Schnee­flo­cken schau­keln vom dunklen Himmel. Eisige Kälte da draußen über der Upper Bay, in der Warte­halle White­hall Ferry Terminal aber ist es warm und die Luft so trocken, dass Mrs. Lillue ihren Mantel ablegt. Sie trägt jetzt ein dunkel­grünes Kleid, das bis zum Boden reicht und feuer­rote Turn­schuhe. Ein schwarzer Junge sitzt in ihrer Nähe auf seinem Basket­ball und hört ihr zu mit ernstem Gesicht. Kaum ein weiterer Laut zu hören, obwohl hunderte Menschen darauf warten, auf das nächste Schiff treten zu dürfen, das gleich anlegen wird. In diesem Moment nähert sich eine zier­liche alte Frau der Künst­lerin. Sie ist beinahe durch­sichtig, so hell ihre Haut, so hell ihre Augen, und auch ihre Stimme so hell, dass man sie kaum noch vernehmen kann. Sie will wissen, wie alt die  Geige sei auf der Mrs. Lillue spielt? Wie sich die alte Frau soweit streckt bis sie auf den Spitzen ihrer Zehen zu stehen kommt, um mit dem Rücken ihrer Hand über das Holz des Instru­ments zu strei­chen. – stop

ping

south ferry : durchleuchtung

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kili­man­dscharo : 0.15 – Leichter Schnee­fall, im Bus durch Brooklyn gereist. Ich hatte die Fahr­zeit genützt, um Beob­ach­tungen, die ich auf der Staten Island Fähre hand­schrift­lich notierte, in mein Note­book zu über­tragen. Mehr­fach schrieb ich das Wort Spreng­stoff in eine Datei. Abends wartete ich auf das letzte Schiff, das ich an diesem Tag noch nehmen wollte. Ich saß gerade auf einer Bank, als sich einer der Spreng­stoff­spür­hunde, die ich Stunden zuvor noch beob­achtet hatte, näherte. Präzise formu­liert, näherte sich der Hund nicht mir selbst, sondern meinem Ruck­sack, in dem meine Schreib­ma­schine ruhte. Er legte sich auf den Boden und schaute mich an, nicht unfreund­lich, wie auch der Poli­zist, der dem Hund gefolgt war, mich wohl­wol­lend musterte. Sir, sagte er, Sir! We hope for your coope­ra­tion! Seither stelle ich mir Fragen, die doch erstaun­lich sind. – stop

manhattan

picping

MELDUNG. Manhattan, Lexington Avenue 822, 28. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 1012 [ Marmor, Carrara : 5.03 Gramm ] voll­endet. – stop
ping

staten island : ans ende der Welt

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sierra : 0.10 – In einem Zug der Staten Island Railway ans Ende der Welt durch bors­tige Land­schaft. Ortschaften, die sich ähnlich sind, Häuser von Holz, ein oder zwei Stock­werke hoch, helle Farben, Gärten, klein und von Holz­wänden umzäunt, als wollten die Bewohner dieser selt­samen Gegend einander nicht sehen, nicht hören. Kirch­turm­spitzen, Tank­stellen, Fabriken, Straßen ohne Ende, eine eiserne Wildnis, in welcher Öltanks und Schrott­berge wie Pilze aus kargen Wäldern wachsen. Durch diese Menschen­land­schaft schau­kelt der Zug, dass man sich fest­halten muss. Auf einem Schiffs­dock liegt ein Schau­fel­rad­dampfer, den ich sofort mit mir nehmen würde, wenn ich ihn in meine Hosen­ta­sche stecken könnte. Frie­rende Menschen steigen ein und frieren weiter. Aus einer Tasche ragt die damp­fende Schwanz­flosse eines gekochten Fisches. Konduk­teure wandern von Abteil zu Abteil, schlagen Eis von den Türen. Und da ist dieser wilde Kerl, läuft rufend und singend im Wagon auf und ab. Gefro­rene Möwen fallen vom Himmel. Tomp­kins­ville. Great Kills. Atlantic. – stop

ping

saint george ferry terminal : tiefseeelefanten

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echo : 0.02 – Gestern, Dienstag, 24. Januar, hatte ich Gele­gen­heit mich genau so zu verhalten, als würde ich schlafen, obwohl ich doch hell­wach gewesen war. War in der zentralen Halle des Saint George Ferry Termi­nals, erin­nerte mich an einen Traum, den ich vor zwei Jahren erlebte. Ich wartete in diesem Traum an einem späten Abend an genau derselben Stelle auf das nächste Schiff nach Manhattan zurück. Ich wartete lange, ich wartete die halbe Nacht, begeis­tert vom Anblick einer Herde fili­graner Tief­see­ele­fanten, die über den hell­san­digen Boden eines Aqua­riums wanderten. Sie hatten ihre meter­langen Rüssel zur Wasser­ober­fläche hin ausge­streckt, suchten in der kühlen Luft herum und berührten einander in einer äußerst zärt­li­chen Art und Weise. Ein faszi­nie­rendes Geräusch war zu hören gewesen, sobald ich eines meiner Ohren an das haut­warme Glas des Geheges legte. Und auch gestern wartete ich wieder lange Zeit und beob­ach­tete den sandigen Boden des Aqua­riums, von dem ich geträumt hatte. Von Zeit zu Zeit, nicht ganz wach und nicht im Schlaf, war das Signal­horn eines Fähr­schiffs zu hören. Glück­liche Stunden. – stop

upper east side : mail

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india : 2.08 – Im 22. Stock des Hauses in Manhattan, in dem ich wohne, befindet sich vor Aufzügen ein Brief­kasten der United States Postal Services, ein Schlitz, der in die Wand einge­lassen wurde, ein guss­ei­serner Mund, genauer, mit einem schweren Häub­chen von roter Farbe. Ich war im Postof­fice an der Penn Station gewesen, um eine Brief­marke zu besorgen und einen Brief­um­schlag, eine Post­karte hatte ich schon, sie zeigt eine Foto­grafie der Mund­har­mo­nika Jack Kerouacs. Ich habe nun Folgendes unter­nommen. Ich habe auf die Post­karte einen Satz für mich selbst notiert, der natür­lich geheim bleiben muss. Dann habe ich die Post­karte in den Brief­um­schlag gesteckt, meine Adresse notiert und den Brief in den kleinen Mund vor den Aufzügen gesteckt. In dem Moment, da ich den Brief aus den Händen in die Tiefe gleiten ließ, mein Ohr hatte ich dicht an den Schlitz heran­ge­führt, war kein Geräusch zu hören gewesen, als ob der Brief in einem Nichts verschwinden würde. – Spaziert im Central Park. Leichter Regen. Eine Stadt voller Menschen unter Schirmen, die mitein­ander zu spre­chen scheinen. – stop

ping

manhattan : subwayaugen

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tango : 0.02 – Ich fahre in der Subway, ein Buch in Händen, in oder über der Stadt unter Menschen sitzend dahin und bändige meinen Blick. Ich kann nun tatsäch­lich lesen, also abwe­send sein. Oder ich kann so tun, als ob ich lesen würde. In diesem Fall betrachte ich Buch­staben oder die Seite eines Buches und ihre Zeichen oder das Buch insge­samt. Andere, die in meiner Nähe reisen, betrachten ihre Hände oder ihr Telefon oder eine Zeitung. Wieder andere lesen in der Zeitung, sind demzu­folge tatsäch­lich nicht anwe­send oder nur zum Teil anwe­send, während ein Auge den Zeilen folgt, trachtet das andere Auge nach innen gerichtet in den kommenden Abend oder auf den vergan­genen Morgen zurück. Gestern, auf der Fahrt mit der Linie D von der 96. Straße West nach Coney Island,  habe ich ein sehr schönes Buch beob­achtet. E.B.Whites Essay Here is New York. stopRegen. stop. Es ist warm geworden. Manche New Yorker tragen Sommer­klei­dung für einen Tag, andere Hand­schuhe. In der Dämme­rung in den Pfützen der Straßen wieder blin­kende, damp­fende Hunde, künst­liche Licht­na­turen. Gespenster. – stop

ping

manhattan midtown – käfer der stille

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echo : 0.18 – Wie viele Cent würden Käfer kosten, die sich in meine Ohren schmiegen und von der Stille summen? In welcher Art Wohnung hausen Käfer, die von der Stille erzählen? Was und wie viel würden sie fressen? Sind Orte bekannt, da ihre Lieb­lings­speisen zur Abho­lung lagern? Leben Käfer der Stille für sich oder leben sie in Gruppen? All diese Fragen! All diese Fragen! – Ich habe ein kleines Loch in den Zeige­fin­ger­strumpf meines rechten Hand­schuhs fabri­ziert, um in der Kälte meine iPad Touch – Schreib­ma­schine bedienen zu können. Aber es ist warm geworden in New York. 15 ° C. Regen. Alles dampft. Auf den Dächern der Häuser schnurren die Turbinen. – stop

downtown south ferry : lorra

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nordpol : 0.22 – Elends­men­schen unter Decken, unter Mänteln, unter Papp­kar­tons verbor­gene Perso­nen­wesen, zerschla­gene, gefro­rene, eiternde Gesichter zu Tausenden auf der Straße, in Tunnels, Haus­ein­gängen, Parks. Ich kann nicht erkennen, ob sie Frauen oder Männer sind, sie spre­chen und bewegen sich nicht, oder nur sehr langsam, als würden sie sich in einer anderen Zeit befinden. Wer noch gehen kann, wer noch über Kraft zu spre­chen verfügt, wandert in der Subway, eine äußerst schwie­rige Arbeit, das Erzählen immer wieder ein und derselben Geschichte: Guten Abend, meine Damen und Herren! Ich bitte um ihre Aufmerk­sam­keit! Ich bin Lorra, ich bin 32 Jahre alt, ich bin wohnungslos, ich habe keine Arbeit, ich habe Kinder, wir müssen über den Winter kommen. Von Wagon zu Wagon. Von Zug zu Zug. Stunde um Stunde. Sie nimmt auch zu Essen, zu Trinken, Papier oder leere Flaschen an. Alles hilft, sagt Lorra, alles hilft. Sie wird nicht verhöhnt, vertrieben oder miss­achtet, sie bekommt, so oft ich ihr in der Linie 5 down­town South Ferry begeg­nete, zwei oder drei Dollar über­reicht. Abends sitzt sie im Warte­saal der Fähre und schläft. Einmal nähert sich ein Poli­zist. Lorra war ein wenig zur Seite gefallen. Er spricht sie an, er berührt sie an der Schulter: Mam, ist alles in Ordnung? Aber Lorra antwortet nicht. Ein zweiter Poli­zist kommt hinzu. Er fragt: Ist sie noch am Leben? Sie richten die schla­fende Frau gemeinsam auf. Sie tragen jetzt Hand­schuhe von Plastik. Sie spre­chen solange leise auf Lorra ein, bis sie die Augen öffnet. Dann macht sie die Augen wieder zu. – stop

ping

union square : funkempfänger

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ulysses : 0.08 – Im Taxi, in eine Wand einge­lassen, die den Raum des Fahrers von meinem Raum sorg­fältig trennt, ein Fern­seh­gerät, das sich nicht ausschalten lässt. Über­haupt schep­pert das Fahr­zeug in einer Weise, als wären sämt­liche Schrauben, die am Morgen dieses schönen Tages zu lösen gewesen waren, mit Absicht frei­ge­lassen. Es ist ein altes Taxi, eines, das man foto­gra­fieren könnte, es wäre nicht möglich, zu sagen, in welchem Jahr in New York man sich genau befindet, nicht einmal das Jahr­zehnt wäre eindeutig fest­zu­stellen, in diesem Taxi könnte mein Vater noch gefahren sein, zu einer Zeit, da ich selbst noch kaum des Laufens mächtig gewesen war. Viel­leicht lässt sich das Fern­seh­gerät deshalb nicht ausschalten, weil es eigent­lich nicht in dieses Fahr­zeug gehört, es ist eine nach­träg­lich einge­baute Persön­lich­keit, die Sequenzen einer aktu­ellen Wirk­lich­keit empfängt und wieder­gibt. Irgendwo muss das Auto über einen Funk­emp­fänger verfügen für Fern­seh­wellen. Gerade sehen wir Mr. Romney, aber wir hören ihn nicht, weil das Auto­mobil schep­pert und weil der Fahrer versucht sich mit mir zu unter­halten, während ich versuche, ihm mitzu­teilen, dass ich das Fern­seh­gerät gerne leiser stellen würde, oder ausschalten noch viel lieber, um ihn, den Fahrer verstehen zu können. Am Union Square halten wir an, und der Mann, der mich fährt, ein sehr junger, sehr korpu­lenter schwarzer Mann verlässt sein Auto­mobil, um sich die Sache mit dem Fern­seh­gerät näher anzu­sehen. Eine beson­dere Situa­tion ist nun entstanden, weil der Fahrer eigent­lich sein Fahr­zeug nie verlässt, so sieht er jeden­falls aus, es könnte sein, dass er nicht wieder hinein­findet in seinen Wagen und es ist noch dazu keine Zeit für solche Dinge, wir stehen inmitten des Verkehrs, es könnte alles mögliche passieren an dieser Stelle. – stop

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brooklyn : verrazano

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nordpol : 0.25 – Geträumt in der vergan­genen Nacht, das Fähr­schiff John F. Kennedy wäre der Küste Staten Islands entlang unter Verra­zano-Narrows Bridge hindurch aufs offene Meer hinaus­ge­fahren. – stop

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