brooklyn

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MELDUNG. Brook­lyn, 258 Pineap­ple Street, 8. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 622 [ Mar­mor, Car­rara : 8.32 Gramm ] vol­len­det. — stop

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radio

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kil­i­mand­scharo : 2.12 — Es ist jet­zt kurz nach 2 Uhr. Seit ein­er hal­ben Stunde schaue ich aus dem Fen­ster. Ange­blich soll die Raum­sta­tion ISS ger­ade eben den Him­mel über mir passieren. Ich suche verge­blich. Wolken versper­ren die Sicht, auch ist die Stadt viel zu hell, um das Forschungss­chiff erken­nen zu kön­nen. Trotz­dem schaue ich nach oben und freue mich. Vorhin habe ich noch einen Text notiert, der von einem alten Radio han­delt, das von einem Tisch fällt, weil es Maceo Park­er spielte. Ger­ade noch rechtzeit­ig, ehe es den Boden erre­ichte, wurde es aufge­fan­gen, um kurz darauf auf dem Tisch fest­gek­lebt zu wer­den. Das Radio war eines gewe­sen wie ich es früher ein­mal hat­te, ein Radio mit einem elek­trischen Auge. Sobald ich auf einen Knopf drück­te, glühte das Auge zunächst däm­mernd, dann leuchtete das Auge grün wie das Wass­er eines Bergsees und ich hörte selt­same Stim­men und Rauschen und Pfeifen. Das Radio war ein sehr gutes Radio. Es existierte seit dem Jahre 1952, war also viel älter als ich selb­st und musste nie zur Reparatur gebracht wer­den. Nur ein­mal hüpfte eine Taste her­aus und das Radio sah for­t­an aus, als habe es einen Zahn ver­loren. An einem sehr heißen Julitag des Jahres 1974 saß ich ger­ade vor dem Radio ohne Zahn, als gemeldet wurde, Fallschir­mjäger seien über Zypern abge­sprun­gen. Von einem Kon­flikt war die Rede und das Auge des Radios leuchtete dazu und die Mem­bran seines Laut­sprech­ers zit­terte. Ich erin­nere mich, dass ich dachte, dass nun Krieg sei, ein wirk­lich­er Krieg, der erste Kriegs­be­ginn, den ich als Wellen­empfänger miter­lebte. Irgend­wann ver­schwand das alte Radio und ich bekam ein neues Radio. Dieses Radio kon­nte Geräusche spe­ich­ern, und so spe­icherte ich Geräusche, sin­gende Frösche vielle­icht, oder meine Stimme, die mich befremdete, die nie meine eigene Stimme gewe­sen war, son­dern immer die Stimme eines anderen, der ähn­liche Dinge sagte. Bald machte ich mit ein­er weit­eren Mas­chine Filme, nein, ich zeich­nete Filme auf ein Band, den Film der Stadt Bag­dad an einem Vorkriegsmor­gen zum Beispiel. Die Sonne strahlte vom Him­mel, und ein Vogel, der nicht zu sehen war, zwitscherte. Vielle­icht saß der Vogel auf ein­er gepanz­erten Kam­era, die das Bild der leuch­t­en­den Stadt zu mir hin übertrug. Dieser Vogel war noch Radio gewe­sen. — stop
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australien

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oli­mam­bo : 3.26 — Im anatomis­chen Insti­tut, unter dem Prä­pari­er­saal, befind­en sich Arbeit­sräume für Prä­para­toren, das sind kleinere Zim­mer, in welchen met­al­lene Tis­che ste­hen, helles Licht, sehr helles Licht, Lupen­leucht­en, Pinzetten, Skalpelle, Gefäße aller Art. Ich besuchte dort mehrere Male einen älteren Her­rn, durfte ihm gegenüber Platz nehmen, beobachtete ihn bei der Arbeit an einem Herz, das vor uns auf dem Tisch ruhte. Ich erin­nere mich noch gut an seine hellen, feingliedri­gen Hände, wie sie rasend schnell Gewebe vom Herzkör­p­er zupften. Der alte Mann war sehr erfahren in der Prä­pa­ra­tion, und er war schweigsam, also sprachen wir wenig. Gestern Abend habe ich an ihn gedacht, weil ich nach einem Tele­fonge­spräch eine Frage ent­deck­te, die ich nun gerne sofort an ihn richt­en würde, wenn ich nur wüsste, ob er noch existiert. Ich würde näm­lich gerne erfahren, wie es möglich sein kann, das Skelett eines Men­schen, der ger­ade erst gestor­ben ist, seinem Kör­p­er zu ent­nehmen und auf dem Luft­post­weg von Aus­tralien nach Europa zu senden. Genau das ist näm­lich vor nicht ein­mal einem hal­ben Jahrhun­dert geschehen. Eine Fre­undin, die in Griechen­land aufgewach­sen war, eine Griechin also, erzählte mir gestern, sie habe in ihrer Schulzeit ein men­schlich­es Skelett vor Augen gehabt, von dem sie wusste, dass es echt gewe­sen war, dass es zu einem Bürg­er der Stadt, in der sie lebte, gehörte. Dieser Mann war nach Aus­tralien aus­ge­wan­dert, um vor der Armut und Hoff­nungslosigkeit, in der er lebte, zu flücht­en. Kaum in Aus­tralien angekom­men, starb der Mann. Und weil er nichts weit­er zu ver­schenken hat­te, ver­ma­chte er sein Skelett der Schule sein­er Stadt. Der Mann hieß mit Vor­na­men Teo­fa­nis, weshalb auch das Skelett diesen Namen trug. Teo­fa­nis kehrte also an den Ort zurück, an dem er geboren wor­den war, genauer sog­ar in das Klassen­z­im­mer, in dem er seine Matu­ra abgelegt hat­te, um dort dauer­haft zu ver­weilen in ein­er feinen Geschichte, deren eigentlich­es Ende in der Zeit noch nicht abzuse­hen ist. — stop

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ein kleines tier von luft

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marim­ba : 3.10 — Es ist richtig, ich bin begeis­tert. Seit zwei Tagen schwebt eine merk­würdi­ge Gestalt durch meine Woh­nung. Es han­delt sich um ein Lun­gen­bal­lon­tier, nichts weit­er, um eine Krea­tur von küh­ler, sand­far­ben­er Haut in der Größe ein­er Honig­mel­one. Wenn ich sage, dass es sich bei diesem Wesen um ein Lun­gen­bal­lon­tier han­delt, dann deshalb, weil das Tier in sein­er derzeit­i­gen Erschei­n­ung vor allem aus Luft zu beste­hen scheint. Es war näm­lich nicht sehr groß gewe­sen, als es mir am Sam­stag von einem Brief­boten in ein­er flachen Schachtel übergeben wor­den war. Wie es dort lag, sah es zunächst noch aus wie ein Taschen­tuch, sorgfältig gebügelt und gefal­tet. Genau in sein­er Mitte war ein winziger Kopf zu erken­nen, ein Mund und eine Nase und Augen, die geschlossen waren, als würde das Tier schlafen. Kaum aber aus seinem Reise­be­häl­ter gehoben, holte das kleine, gefal­tete Tier Luft und begann langsam zu wach­sen. Es war in diesem Vor­gang des Wach­sens nichts zu hören, als ein äußerst leis­es Pfeifen, dessen Ursprung ich nicht erken­nen kon­nte. Ein Stunde verg­ing und eine weit­ere Stunde, bis das Tier sich voll­ständig ent­fal­tet hat­te. Es war rund gewor­den, nach wie vor aber noch faltig, und es wuchs weit­er, und es begann sich von dem Tisch zu lösen, auf dem es die ersten Stun­den in Frei­heit ver­bracht hat­te. Sei­ther bewegt es sich langsam wie ein Zep­pelin durch meine Zim­mer. Zunächst war es ins Bad geflo­gen, dann in die Küche, durch den Flur zurück ins Wohnz­im­mer, und von dort ins Arbeit­sz­im­mer, wo es vor dem Fen­ster eine Weile ver­har­rte, obwohl draußen tiefe Nacht herrschte. Das Tier hat­te inzwis­chen seine Augen geöffnet, kein Wun­der, es schien auch an mir selb­st zunehmend inter­essiert zu sein, wie genau in diesem Moment, da ich notiere. Ger­ade kommt es wieder zurück aus der Küche, es nähert sich, es ist nun ohne Fal­ten und es schim­mert, und noch immer pfeift es leise vor sich hin. — stop

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tiefe

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tan­go : 3.22 — In Peter Bich­sels Buch der Kindergeschicht­en, einen wun­der­baren ersten Satz der Erzäh­lung Die Erde ist rund gele­sen. Der Satz geht so: Ein Mann, der weit­er nichts zu tun hat­te, nicht mehr ver­heiratet war, keine Kinder mehr hat­te und keine Arbeit mehr, ver­brachte seine Zeit damit, dass er sich alles, was er wusste, noch ein­mal über­legte. — stop — Weit nach Mit­ter­nacht. Leichter Schneefall, leichter Wind. Immer wieder der Wun­sch, Gegen­stände, auch erfun­dene Dinge und Wesen, unverzüglich zu öff­nen, um nachzuse­hen, was in ihrem Inneren zu ver­merken ist. stop. Vor­wärts erfind­en in die Tiefe. stop. Vor­wärts bis hin zur let­zten ein­samen Haut, die jedes verbleibende Geheim­nis umwick­elt. – stop

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jamaica

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echo : 20.26 — Ich will von einem Mann erzählen, der mir in einem Sub­way­wag­on auf der Fahrt von der Lex­ing­ton Avenue nach Jamaica begeg­net war. Er trug, obwohl es im Abteil sehr warm gewe­sen war, Hand­schuhe an bei­den Hän­den. Das waren recht merk­würdi­ge Hand­schuhe, denn die Dau­men des Mannes wur­den von Schnüren, die an den Fäustlin­gen befes­tigt waren, ins Innere der Hand gezo­gen. Fin­ger umschlossen sie fest, auch sie waren mit­tels Schnur­w­erkes gefes­selt. Man kön­nte sagen, dass die Hand­schuhe, die der Mann trug, seine Hände bändigten, in dem sie Fäuste formten. So, gefes­selt, saß der Mann während der lan­gen Fahrt vor mir und nick­te. Er betra­chtete seine Hände, wie mir schien, mit zärtlichenr Aufmerk­samkeit, in der Art und Weise der Lieben­den vielle­icht, wenn ein Blick nachts heim­lich einen schlafend­en Mund umschme­ichelt. Ich ver­suchte zu arbeit­en, kon­nte mich aber nicht konzen­tri­eren. Nach einiger Zeit fragte ich den Mann, ob er denn etwas in Hän­den hielte, etwas, das vielle­icht flüchte kön­nte, wenn er seine Hände öffnete. Das schien nicht der Fall zu sein, weil der Mann seinen Kopf schüt­telte und lachte, ohne indessen mit mir ein Gespräch aufnehmen zu wollen. Ich wartete also einige Zeit, sah aus dem Fen­ster, späte Flugzeuge, eine Kette von Lichtern, näherte sich dem Flughafen. Und da war mein müdes Gesicht im Spiegel der Scheibe. Und dann wieder der Mann und seine Hände, die auf seinen Schenkeln lagen. Sie drück­en die Dau­men, sagte ich, ist das möglich? Der Mann lachte jet­zt. Er schien zu über­legen, dann antwortete er mit leis­er Stimme, die in dem schep­pern­den Lärm des Sub­way­wag­ons kaum noch zu hören war, dass ein Prob­lem sei, dass er nicht wisse, wie er seine Fäustlinge für das Wün­schen bei Nacht, ohne die Hil­fe eines weit­eren Men­schen anle­gen kön­nte. Der linke der Hand­schuhe war im übri­gen von gel­ber, der rechte von blauer Farbe. — stop

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schwäne

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sier­ra : 6.26 — Die Beobach­tung in dieser Nacht, eine Wieder­hol­ung, dass sich in der Welt mein­er Vorstel­lung, die Zeit ohne Aus­nahme in eine Rich­tung zu bewe­gen scheint. Sobald ich mich an einen Ort zurück­ver­set­ze oder mich mit einem Ereig­nis verbinde, mich also erin­nere an einen August­tag am Starn­berg­er See beispiel­sweise, bewege ich mich als klein­er, von der Sonne gebräunter Junge unverzüglich vor­wärts weit­er. Auch alle Schwäne bewe­gen sich vor­wärts weit­er, Fliegen, Stim­men, Wellen, Som­mer­fä­den. Es sind in mein­er erin­nern­den Arbeit stets nur sprung­hafte Bewe­gun­gen in der Zeit möglich, als würde der Raum, der zwis­chen bei­den vorgestell­ten Zeitorten liegt, nicht existieren. — stop

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gink­go : 6.38 — Ich habe diese Geschichte gestern Abend selb­st erlebt. Wenn sie mir jemand anderes als ich selb­st erzählt haben würde, hätte ich sie vielle­icht nicht geglaubt, weil sie schon ein wenig ver­rückt ist. Die Geschichte begin­nt damit, dass ich in einem Café sitze und auf einen jun­gen Mann warte, der mir etwas erzählen will. Ich bin frühzeit­ig gekom­men, bestelle einen Cap­puc­ci­no und schalte mein kleines Hand­ki­no an, beobachte eine Doku­men­ta­tion der Arbeit Maceo Park­ers in New York, mitreißende Musik, ger­ade eben umarmt die Sän­gerin Kym Mazelle den Posaunis­ten Fred Wes­ley, als der junge Mann, den ich erwartete, plöt­zlich neben mir sitzt. Er schaut wie ich auf den kleinen Bild­schirm. Sofort kom­men wir ins Gespräch. Ich frage ihn, welche Musik er gehört habe, als Kind in der belagerten Stadt Sara­je­vo. Jeden­falls nicht solche Musik, antwortet er, und lacht, no Funk, wir hat­ten keinen Strom. Avi ist heute Anfang dreißig, und dass er noch lebt ist ein Wun­der. Tat­säch­lich ste­ht ihm jet­zt Schweiß auf der Stirn, wie immer, wenn er von der Stadt Sara­je­vo erzählt. Ein­mal fragte ich ihn, was er emp­fun­den habe, als er von Karadz­ics Ver­haf­tung hörte. Anstatt zu antworten, perlte in Sekun­den­schnelle Schweiß von Avis Stirn. Heute begin­nt er schon zu schwitzen, ehe er über­haupt zu erzählen begin­nt, weil er weiß, dass er gle­ich wieder bericht­en wird von den Straßen sein­er Heimat­stadt, die nicht mehr passier­bar waren, weil Scharf­schützen sie ins Visi­er genom­men hat­ten. Man schleud­erte Papiere, Zigaret­ten, Brote, Wasser­flaschen in Kör­ben von ein­er Seite der Straße zu anderen. Diese Körbe wur­den nicht beschossen, aber sobald ein Men­sch auch nur eine Hand aus der Deck­ung hielt, ja, aber dann. Avi war ein klein­er Junge. Er war so klein, dass er nicht ver­ste­hen kon­nte, was mit ihm und um ihn herum geschah, auch dass ein Holzs­plit­ter sein linkes Auge so schw­er ver­let­zte, dass er jet­zt ein Glasauge tra­gen muss, das so gut gestal­tet ist, dass man schon genau hin­se­hen muss, um sein kün­stlich­es Wesen zu erken­nen. Er sagt, er kön­nte, wenn ich möchte, das Auge für mich her­aus­nehmen. Aber das will ich nicht. Ich erzäh­le ihm, dass ich damals, als er klein gewe­sen war, jeden Abend Bilder aus Sara­je­vo im Fernse­hen beobachtet habe. Was das für Bilder gewe­sen seien, will Avis wis­sen. Ich sage: Das waren Bilder, die ren­nende Men­schen zeigten. Avi schwitzt. Und er lacht: Das Fernse­hen kann nicht gezeigt haben, was geschah, weil es immer sehr schnell und über­all passierte. Und diese Geräusche. Plöt­zlich nimmt der junge Mann mein kleines Kino in die Hand zurück, set­zt sich die Kopfhör­er in seine Ohren ein, hört Maceo Park­er, Kim Macelle, Fred Wes­ley, Pee Wee Ellis, nickt im Rhyth­mus der Musik mit dem Kopf. Ein Wis­pern. — stop

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abschnitt neufundland

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Abschnitt Neu­fund­land meldet fol­gende gegen Küste gewor­fene Arte­fak­te : Wrack­teile [ Seefahrt – 254, Luft­fahrt — 1573, Auto­mo­bile — 2546 ], Grußbotschaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahrhun­dert — 5, 19. Jahrhun­dert – 122, 20. Jahrhun­dert – 568 , 21. Jahrhun­dert — 118 ], phys­i­cal mem­o­ries [ bespielt — 251, gelöscht : 88 ], Licht­fang­maschi­nen [ Rollei­flex Stan­dard 620/621 : 1 ], Diary [ Mr. Kekko­la 1972 — 1978 : 1 ] Öle [ 4.2 Ton­nen ], Prothe­sen [ Herz — Rhyth­mus­beschle­u­niger – 12, Kniege­lenke – 17, Hüftkugeln – 421, Brillen – 1755 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 744, Größen 38 — 45 : 867 ], Kühlschränke [ 88 ], Tief­see­tauchanzüge [ ohne Tauch­er – 5, mit Tauch­er – 21 ], Engel­szun­gen [ 18 ] | stop |

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chile

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echo : 6.05 — Der Spatz, der gestern Nach­mit­tag auf dem Brett vor dem Fen­ster saß, war ein küh­ler Vogel gewe­sen. Von der Kälte der Luft so langsam gewor­den, kon­nte ich ihn ohne Gegen­wehr in meine Hände nehmen. Draußen ist es jet­zt schon lange dunkel gewor­den. Der kleine Vogel kauert in der Nähe der Heizung in einem Kör­bchen auf einem Tuch und scheint zu schlafen. Ich frage mich, wie er den Novem­ber, den Dezem­ber, den Jan­u­ar über­leben kon­nte. Es ist über­haupt seit län­ger­er Zeit der erste Spatz, der mir begeg­net. Wenn ich darüber nach­denke, weiß ich nicht ein­mal mehr über welche Stimme Spatzen oder Sper­linge gebi­eten. Ich höre hier in der Stadt im Som­mer noch das sir­rende Gespräch der Schwal­ben und im Win­ter das Gur­ren der Tauben vom Dach her und mor­gens ein­same Amseln sin­gen. Die Stim­men der Sper­linge aber sind ver­loren gegan­gen. Ger­ade noch habe ich in den Brief­marken­samm­lun­gen meines Vaters geblät­tert, die zu ein­er Zeit angelegt wor­den waren, als in Mit­teleu­ropa noch Wolken von Spatzen durch die Gärten wirbel­ten. Es ist ein eigen­tüm­lich­er Geruch, der von den Alben aus­ge­ht, lange wur­den sie nicht geöffnet. Auch Briefe sind dort archiviert, kost­bare Schrift­stücke ein­er Zeit, da mein Vater noch lange nicht existierte. In dieser Minute erin­nere ich mich an einen beson­deren Brief, den ich vor Jahren ein­mal auf meinem Schreibtisch gefun­den hat­te, ich berichtete bere­its. Es war ein bunter Brief, ein Luft­post­brief gewe­sen. Als ich das Cou­vert des Briefes genauer betra­chtete, das heißt, als ich den Brief so nahe an meine Augen her­an­führte, dass ich die Stem­pelein­träge sein­er Anschriften­seite entz­if­fern kon­nte, bemerk­te ich, dass der Luft­post­brief bere­its vor langer Zeit in Europa aufgegeben und über den Atlantik geflo­gen wor­den war. In San­ti­a­go de Chile dann angekom­men, kon­nte der Brief nicht zugestellt wer­den, ver­mut­lich weil die Zeichen, die den Brief beschrifteten, kaum zu entz­if­fern gewe­sen waren. Nach eini­gen Wochen Wartezeit reiste der Brief, nun markiert mit einem Schild­chen in blauer, spanis­ch­er Farbe: -Nicht zustell­bar!-, über den Atlantik zurück, um sich nur wenige Tage später erneut auf den Weg über das Meer nach Chile zu begeben. Ein weit­er­er Schriftzug war hinzugekom­men, ein fein­er, aber großzügiger Stem­pelab­druck: -Diese Sendung wurde von einem Blind­en geschrieben!- Zwei frische Wert­marken, nichts son­st verän­dert. Und so machte sich der Brief bald darauf ein viertes Mal auf den Weg über das Meer wieder nach Europa zurück und lan­dete, weiß der Him­mel warum, in mein­er Nähe, in der Nähe mein­er Schreib­mas­chine. — stop

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pseudonym No 5

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india : 6.22 — Ich kenne einen Mann, der lei­den­schaftlich gerne Wörter erfind­et. Es han­delt sich bei diesen Wörtern um Wörter, die vor ihrer Ent­deck­ung in der Wirk­lichkeit tat­säch­lich noch nicht existierten. Und weil er sich niemals sich­er sein kann, ob das Wort, das ger­ade erst erfun­den wor­den ist, in der Wirk­lichkeit tat­säch­lich noch nicht existiert, verbindet er seinen Com­put­er mit der Such­mas­chine Google. Wenn das Wort, das erfun­den wurde, in den Verze­ich­nis­sen der Such­mas­chine nicht zu ent­deck­en ist, kann er sich sein­er Sache beina­he sich­er sein. Das Wort oli­mam­bosa, zum Beispiel, wurde in der ver­gan­genen Woche ins Leben gerufen, ein voll­ständig neues Wort in der dig­i­tal­en Sphäre. Vielle­icht deshalb, weil der Mann im Moment sein­er Erfind­ung sehr zufrieden mit sich und ein wenig stolz gewe­sen war, sendete er einen E-Mail­brief an mich, um mir seine Erfind­ung zu schenken. Er schrieb, er würde sich ver­wandt mit mir fühlen, da ich ähn­lich vorge­hen würde wie er selb­st. Für diese Behaup­tung habe er eine beweiskräftige Spur in meinen Par­ti­cles-Archiv­en ent­deckt. Dort soll ich am 30. Mai des ver­gan­genen Jahres einen Text veröf­fentlicht haben unter dem Titel Pseu­do­nym No 5. Tat­säch­lich, ich hat­te den Text beina­he vergessen, wurde fol­gen­des geschrieben: Gestern war das Wet­ter schön, ich suchte spazierend im Park nach einem Namen für mein Pseu­do­nym No 5. Sobald ich glaubte, einen geeigneten Namen gefun­den zu haben, sagte ich ihn laut vor mich hin, ich sagte zum Beispiel: Felix May­er Kekko­la. Als Nach­mit­tag gewor­den war, gefiel mir dieser Name noch immer, ich hat­te Lil­li M. Mur­phy bere­its ver­wor­fen, auch Kas­par Joe Wei­de­mann und weit­ere Namen waren gründlich vergessen. Ich notierte den gewählten Namen Felix May­er Kekko­la in mein Notizbuch und ging nach Hause. Es ist selt­sam, ich war mit meinem neuen Namen an der Seite stark unruhig bis in den Abend hinein. Ich kon­nte mir diese Unruhe zunächst nicht erk­lären, dann hat­te ich die Idee, dass ich nach­se­hen sollte, ob der Name Felix May­er Kekko­la vielle­icht im Inter­net schon län­gere Zeit existiert, ein Men­sch also, der genau so heißt, oder ein Men­sch, der diesen Namen ver­wen­det, um sich zu ver­ber­gen und zu veröf­fentlichen in ein und dem sel­ben Moment. Mehrfach prüfte ich mit Such­maschi­nen die Exis­tenz ein­er Spur. Kein Ergeb­nis für “Felix May­er Kekko­la” war zu find­en. Ich kön­nte nun also erstens annehmen, dass ein Men­sch, der diesen Namen trägt, nicht existiert, was sich­er nur sehr vor­sichtig for­muliert wer­den darf. Zweit­ens kön­nte ich jenen feinen Namen nun für mich beset­zen, okkupieren sozusagen nach bestem Wis­sen und Gewis­sen, was in dieser Sekunde genau so geschieht, indem ich meinen Text in die dig­i­tale Sphäre sende. – stop

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fingergeschichte

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india : 6.14 — Nehmen wir ein­mal an, irgend­wann in den kom­menden Jahrzehn­ten würde es möglich sein, einen Laden zu betreten wie man heute eine Apotheke betritt, um sich einen sech­sten Fin­ger für die rechte Hand zu bestellen. Oder ein drittes Ohr, oder ein fün­ftes Auge, eines, mit dem man schlafen kön­nte, während alle weit­eren Augen das Geschehen in der näch­sten Umge­bung überwachen. Was darf es denn bitte sein, wird man gefragt. Man antwortet unverzüglich: Guten Abend, ich hätte gerne einen Fin­ger, sagen Sie, wann kön­nte der Fin­ger ein­er recht­en Hand früh­estens fer­tig aus­gewach­sen sein? Und schon ist man wieder auf die Straße getreten. Man ist zufrieden, ja glück­lich, weil man sich schon lange Zeit einen sech­sten Fin­ger wün­schte, sie sind nicht ganz bil­lig zu haben, man muss sich einen sech­sten Fin­ger sehr wohl über­legen. Aber wenn man den Fin­ger dann verbindlich bestellt haben wird, ist alles ganz ein­fach gewor­den. Ein oder zwei Wochen, nicht länger wird man warten, bis man den Fin­ger in sich wach­sen fühlt. Es ist ein schmer­zlos­er Vor­gang, eine lang erprobte Sache, man hat schon viel vom Wach­sen der Fin­ger gehört. Der ein oder andere Fre­und ver­fügt bere­its über Füße, auf welchen man sehr viel bess­er ste­hen kann, als noch zuvor. Auch sind Men­schen, die über Ohren gebi­eten, mit welchen man von den Schul­tern aus die Welt belauschen kann, längst keine Sel­tenheit. Irgend­wo im Nor­den soll eine Frau existieren, die fliegen kann, ein Wun­sch vielle­icht, Leg­ende, aber nehmen wir doch ein­mal an, es wür­den bald Läden existieren für fliegende Men­schen, oder Läden für mod­erne Kiemen­we­sen, wenn doch das Wass­er weltweit gegen die Küsten steigt. — Früher Mor­gen. Dieser kleine Text wurde in ein­er Straßen­bahn notiert. Die Straßen dampfen. Ich bin sehr schön wach gewor­den, weil ich durchgeschüt­telt wor­den bin. Um mich herum schlafen noch ein paar sehr müde Men­schen. Es ist eine sehr alte Straßen­bahn. Über uns leuchtet Glüh­bir­nen­licht. — stop

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k.a.i.r.o.

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MELDUNG. Fünf mit Hand­feuer bewaffnete Beamte [ Soko K.a.i.r.o ] haben nahe Pica­dil­ly Cir­cus [ Lon­don ] zwei Ägypter sichergestellt, fil­igrane Meißel weit­er­hin [ 0.5 Zoll Kan­ten­länge ], sowie zwei Handtäschchen [ türkise ]. Fol­gende kryp­tis­che Sig­natur war dem Sock­elgestein eines städtis­chen Gebäudes [ Regent Street 162 ] beige­bracht : 756KILI8845MAN8X. Auch diese Ägypter [ Ägypter No 3 und 4 der laufend­en Woche ], je 178 cm hoch, mit­tleres Alter, ver­weigern jede Aus­sage. – stop

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Louis / XD5878682-NOE06 24.11.10~24.11.2015

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nord­pol : 5.04 — Denkbar, dass irgend­wann ein­mal Waren­häuser existieren wer­den für Ohren, Nasen, Augen, Läden also für Kopfes Zube­hör. Auch Geschäfte für Nieren, Knochen, Sehnen, Haut und weit­ere Mate­ri­alien eines men­schlichen Kör­pers sind wahrschein­lich gewor­den. Man wird, sofern man über aus­re­ichend finanzielle Mit­tel ver­fügt, wesentliche anatomis­che Sub­stanzen der eige­nen Exis­tenz in zen­tralen Mag­a­zi­nen voll aus­gewach­sen vor­rätig hal­ten, um in der Not ohne Verzögerung han­deln zu kön­nen. Fer­n­reisende führen dann Behäl­ter mit sich, in welchen sich tiefgekühlte Lun­gen und Herzen befind­en. Ein anatomis­ch­er Eiss­chat­ten kön­nte unsere Leben­szeit begleit­en, solange man noch nicht in der Lage ist, eine kom­plette, eine durch­blutete, wil­len­lose Gestalt, eine Kopie der eige­nen Per­son in näch­ster Nähe in Bere­itschaft zu hal­ten. Diese Per­son kön­nte über Reisep­a­piere ver­fü­gen, über per­sön­liche  Klei­dung, über einen Schrankkof­fer zum Schlafen, über einen Stuhl zum Sitzen, über etwas Per­son­al, welch­es das dop­pelte Wesen füt­tern und baden und spazieren führen wird im Garten. Jedes fün­fte Jahr würde das Wesen erneuert wer­den. In den Papieren meines Schat­tens kön­nte fol­gende Sig­natur zu ent­deck­en sein: Louis / XD5878682-NOE06 24.11.10~24.11.2015. − stop
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eleonore

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delta : 2.42 — Von Eleonore weiß ich nichts, außer, dass sie über sehr kleine Hände ver­fügt. Das ist nicht viel, nein, nicht viel, vielle­icht sollte ich erwäh­nen, dass sie die Luft sehr lange Zeit anzuhal­ten ver­mag. Ich habe vor kurzem noch mit ihr das Luftan­hal­ten geübt, wie saßen vor­einan­der und lacht­en, dann sagte sie: Jet­zt, und schloss ihren Mund. Auch ich schloss meinen Mund, ich machte einen Strich aus ihm in meinem Gesicht. Es war natür­lich Ehren­sache, dass in der Zeit unseres Wet­tkampfes wed­er von ihr noch von mir durch die Nase geat­met wurde. Zunächst übten wir eine Minute, dann zwei, bis dahin hat­ten wir uns nur gewärmt oder entspan­nt, um sehr bald 2 Minuten und dreißig Sekun­den lang die Luft anzuhal­ten, was mir bere­its Schmerzen bere­it­ete, ich musste mich konzen­tri­eren, während Eleonore mich völ­lig entspan­nt betra­chtete. In der Diszi­plin eines Atem­still­standes von drei Minuten und dreißig Sekun­den senk­te sie ihre Augen, nicht weil sie kämpfen musste, son­dern weil sie meine Hände beobachtete, die ein wenig zit­terten, ich hat­te sie zu Fäusten geballt, ein Zeichen, dass ich bald aufgeben würde, wie man mir später erzählte. Das war nach mein­er zweit­en Ohn­macht gewe­sen, ich wurde näm­lich schläfrig nach 3 Minuten und 45 Sekun­den, sowie nach ein­er Übung von über 4 Minuten. Hier endete unser gemein­sames Train­ing, weil Eleonore nicht weit­er­ma­chen wollte, da ich kein ern­stzunehmender Geg­n­er für sie war. Stattdessen durfte ich ihr zuse­hen, wie sie ver­suchte, in ihrer Lieblings­diszi­plin, der Langzeit­strecke von über sechs Minuten, eine schwierige Rechenauf­gabe zu lösen. Sie notierte ein Ergeb­nis, eine größere Zahl, auf ein Blatt Papi­er in der acht­en Minute, und sank dann laut­los in ihrem Stuhl in sich zusam­men, wo sie in dieser Minute noch immer sitzt und fest zu schlafen scheint. Mehrfach habe ich ver­sucht, sie zu weck­en, in dem ich ihren Namen rief. Mit jedem mein­er Rufe wuchs die Furcht, sie zu berühren. Es ist jet­zt eine halbe Stunde ver­gan­gen, draußen vor dem Fen­ster summt eine kalte Nacht. Nein, nein, ich bin nicht wirk­lich beun­ruhigt, denn ich meine zu erken­nen, dass sich Eleonores Brüste heben und senken. Auch ihre Hände scheinen sich leicht zu bewe­gen. Sie sind tat­säch­lich außeror­dentlich klein, es sind die Hände eines Mäd­chens an den Armen ein­er erwach­se­nen Frau, und sie sind weiß, ich erin­nere mich, sie waren schon immer sehr weiß gewe­sen. — stop

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eine unerhörte geschichte

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alpha : 6.20 — Eine uner­hörte Geschichte soll am ver­gan­genen Sam­stagabend auf der Stat­en Island Fähre MS John F. Kennedy ihren Aus­gang genom­men haben. Das Schiff war auf dem Weg zurück nach Man­hat­tan gewe­sen, als drei junge Män­ner eine junge Möwe lock­ten, und zwar mit hand­war­men Rosi­nen, die sie dem Tier, das auf ein­er Rel­ing saß, vor die Füße war­fen, so dass es sich auf den Boden begab, wo es gefan­gen wer­den kon­nte. Bei den jun­gen Män­nern han­delte es sich um Tim­o­thy Wak­en, Bill L. Ander­son, sowie Max Aurel Steven­son, alle drei leben in Brook­lyn von Kind­heit an. Sie waren wohl stolz auf ihr Han­deln gewe­sen, weil sie sich filmten, während sie das erschrock­ene Tier mit selt­samen Bällen zwangsweise füt­terten, Bällen, die prall mit Heli­um oder einem anderen leicht­en Gas gefüllt wor­den waren, weshalb das Tier, als man es wieder in die Frei­heit entließ, wild zu schreien begann, ver­mut­lich deshalb, weil es bald bemerk­te, dass sich das Ver­hal­ten seines Kör­pers in der Luft stark verän­dert hat­te. Die Möwe kon­nte nicht mehr lan­den, immer wieder fassten ihre Füße ins Leere, wenn sie nach der Rel­ing der John F. Kennedy greifen wollte. Einen Ver­such nach dem anderen unter­nahm die trau­rige Krea­tur, bis sie im let­zten Moment vor tödlich­er Erschöp­fung doch noch erfol­gre­ich war. Nun aber musste sich die Möwe fest mit dem Schiff verbinden, um nicht sofort wieder aufzusteigen, ihr Bauch war rund, sie schien starke Schmerzen zu haben und sich zu fürcht­en vor den jun­gen Män­nern, die sie filmten, die ihr mit einem Schein­wer­fer ins Antlitz leuchteten. Die Möwe hat­te eine rosa Zunge, sie war zu diesem Zeit­punkt die einzige Möwe noch an Bord, alle anderen Tiere waren west­wärts nach New Jer­sey geflüchtet. Gegen 10 Uhr und dreißig Minuten, kurz bevor das Fährschiff Man­hat­tan erre­ichte, ver­ließen die Möwe ihre Kräfte. Mit einem leisen, verzweifel­ten Ton löste sie sich vom Schiff. Sie war so schwach, dass sie die Flügel hän­gen ließ und langsam, wie ein Zep­pelin den Bat­tery Park in 25 Fuß Höhe durch­querte. Ein leichter Wind trieb das Tier die Sixth Avenue nord­wärts, wo es mehrfach von Zeu­gen gesichtet wurde, entwed­er von den Fen­stern der Wohn­häuser aus oder vom Boden her. Kurz vor Mit­ter­nacht wurde die Feuerwache nahe Wash­ing­ton Square Park alarmiert. Dort genau, in diesem Park, wurde die Möwe schließlich vom Him­mel geholt. Behut­sam wurde das Tier in den Arm genom­men. Es hat­te die Augen geschlossen und war voll­ständig stumm. — stop

polaroidzimmerlicht

daniel pearl

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nord­pol : 6.22 — In weni­gen Tagen werde ich die Woh­nung, in der ich lange Zeit lebte, ver­lassen, um in eine andere, größere Woh­nung zu ziehen. Es wird eine Woh­nung unter dem Dach sein, ver­mut­lich werde ich Tauben hören, wie sie über mir plaud­ernd spazieren. Ich habe erfahren, dass Tauben­paare auch nachts miteinan­der sprechen, während andere Vögel still oder stumm zu sein scheinen. Aber vielle­icht zwitsch­ern diese Vögel, die nicht Tauben sind, doch, wenn sie träu­men. Es ist selt­sam, wie ein Fremder füh­le ich mich nach und nach, wenn ich mich in mein­er eige­nen Woh­nung bewege. Ich über­legte, wer in weni­gen Wochen hier von einem Zim­mer in ein anderes Zim­mer laufen wird. Dieser Men­sch oder diese Men­schen wer­den zunächst keine Ahnung haben, keine Vorstel­lung, sagen wir, wer vor ihnen in diesen Räu­men wohnte. Es ist denkbar, dass sie vielle­icht meine Nach­barn fra­gen wer­den. Ich kön­nte eine Fotografie mit meinem Namen und ein­er Botschaft hin­ter­lassen: Hal­lo, hier wohnte Louis, hier an dieser Stelle stand mein Schreibtisch, hier habe ich Texte notiert. In einem Win­ter vor langer Zeit, ich ahnte nicht, dass ich diese meine Woh­nung ein­mal aufgeben würde, hat­te ich die Zeit vergessen. Ich schrieb fol­gen­des: Was haben wir heute eigentlich für einen Tag, Son­ntag vielle­icht, oder Mon­tag? Abend jeden­falls, einen schwieri­gen Abend. Würde ich aus mein­er Haut fahren, sagen wir, oder mit einem Auge meinen Kör­p­er ver­lassen und etwas in der Zeit zurück­reisen, dann kön­nte ich mich selb­st beobacht­en, einen Mann, der gegen sechs Uhr in der Küche ste­ht und spricht. Der Mann spricht mit sich selb­st, während er Tee zubere­it­et, er sagt: Heute machen wir das, heut ist es richtig. Ein Bün­del von Melisse zieht durchs heiße, samtig flim­mernde Wass­er. Jet­zt trägt er seine dampfende Tasse durch den Flur ins Arbeit­sz­im­mer, schal­tet den Bild­schirm an, sitzt auf einem Garten­stuhl vor dem Schreibtisch und arbeit­et sich durch elek­trische Ord­ner in die Tiefe. Dann ste­ht der Mann, er ste­ht zwei Meter vom Bild­schirm ent­fer­nt, ein Men­sch kni­et dort auf dem Boden, ein Men­sch, der sich fürchtet. Da ist eine Stimme. Eine schrille Stimme spricht schep­pernd Sätze in ara­bis­ch­er Sprache, unerträglich diese Töne, so dass der Mann vor dem Schreibtisch einen Schritt zurück­tritt. Er scheint sich zur Betra­ch­tung zu zwin­gen. Zwei Fin­ger der recht­en Hand bilden einen Ring. Er hält ihn vor sein linkes Auge, das andre Auge geschlossen, und sieht hin­durch. So ver­har­rt er, leicht vorge­beugt, bewe­gungs­los, zwei Minuten, drei Minuten. Ein­mal ist sein Atmen heftig zu hören. Kurz darauf ste­ht er wieder in der Küche, lehnt mit dem Rück­en am Kühlschrank, denkt, dass es schneit und spürt eine Unruhe, die lange Zeit in dieser Heftigkeit nicht wahrzunehmen gewe­sen war. Ein Men­sch, Daniel Pearl, wurde zur Ansicht getötet. – Was machen wir jet­zt? - stop

ping

auf der roseninsel

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india : 5.15 — Ich habe etwas Lustiges geträumt. War nachts mit einem Zug nach Pos­sen­hofen gefahren. Ein har­ter Win­ter, schlen­derte am Ufer des Starn­berg­er Sees. Man­schet­ten von Eis umsäumten Steine und Hölz­er, die im Niedrig­wass­er sicht­bar gewor­den waren. Ich erin­nere mich, dass ich ver­suchte Wörter zu find­en für Geräusche, die meine Schritte auf dem gefrore­nen Boden erzeugten. Ich hat­te viel Zeit, ich war auf dem Weg zur Ros­enin­sel. Eich­hörnchen flitzten durchs Unter­holz, auf Bänken, welche ich passierte, saßen gefrorene Men­schen, das war selt­sam, weil sie alle lächel­ten, als wäre das Erfrieren ein angenehmer Vor­gang gewe­sen. Außer­dem kon­nten sie leise sprechen. Wenn ich ihnen eine Frage stellte, näm­lich, ob ich auf dem richti­gen Weg zur Ros­enin­sel sei, antworteten sie, jaja, ihre Stim­men kamen aus den Ohren der gefrore­nen Gestal­ten her­aus, sodass ich den Ein­druck hat­te, in den men­schlichen Kör­pern wür­den weit­ere Kör­p­er sitzen. Auch Fis­che spazierten im Traum herum, auf Füssen, an welchen sie Wan­der­schuhe tru­gen. Dann war ich irgend­wann angekom­men und wartete am Ufer, ob mich jemand holen würde. Das Wass­er an dieser Stelle leuchtete, ein Licht, das sich bewegte. Plöt­zlich tauchte ein kleines U-Boot aus dem Wass­er. Es hat­te die Form ein­er Zigarre und war durch­sichtig und kam sehr nah an das Ufer her­an. Eine Luke öffnete sich. Robert de Niro wink­te und er sagte, ich solle zu ihm ins Boot steigen. Wir taucht­en dann rüber zur Insel, es war Tag als wir angekom­men waren, Som­mer. Auf ein­er Bank sass mein Vater, er las in ein­er Zeitung. Hier, in sein­er Nähe, wachte ich auf, weil mein Weck­er klin­gelte. Ich nahm den Weck­er in die Hand, und als ich drei Stun­den später wieder ein­mal wach gewor­den war, hat­te ich den Weck­er noch immer der Hand, so wie es sein muss, mit den Weck­ern, wenn man sie träumt. — stop

polaroidwolken

erzählende physik eines fallendes radios

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sier­ra : 6.32 — Von der Berech­nung des Luftwider­standes, dem ein Kör­p­er begeg­net, wenn er sich im freien Fall befind­et, wusste ich bis kurz nach Mit­ter­nacht nichts. Auch die Berech­nung der wach­senden Geschwindigkeit, mit der sich ein stürzen­der Kör­p­er dem Erd­mit­telpunkt nähert, war mir bish­er nicht möglich, weil ich noch nie sehr gut gewe­sen bin in der Math­e­matik der Physik. Ich habe also nachge­le­sen und bin in dieser Lek­türe auf einen wun­der­baren Text gestoßen, den der Philosoph Lukrez bere­its im Jahr 55 vor Chris­tus notiert haben soll. Er schreibt: Wer nun etwa ver­meint, die schw­er­eren Kör­p­er, die senkrecht rasch­er im Leeren versinken, ver­möcht­en von oben zu fall­en auf die leichteren Kör­p­er und dadurch die Stöße bewirken, die zu erre­gen ver­mö­gen die schöpferisch täti­gen Kräfte: Der ent­fer­nt sich gar weit von dem richti­gen Wege der Wahrheit. Denn was immer im Wass­er her­abfällt oder im Luftre­ich, muß, je schw­er­er es ist, um so mehr sein Fall­en beeilen, deshalb, weil die Natur des Gewässers und leichteren Luftre­ichs nicht in der näm­lichen Weise den Fall zu verzögern imstand ist son­dern im Kampfe besiegt vor dem Schw­er­eren schneller zurück­we­icht: Dahinge­gen ver­möchte das Leere sich niemals und nir­gends wider irgen­dein Ding als Halt ent­ge­gen­zustellen, son­dern es weicht ihm beständig, wie seine Natur es erfordert. Deshalb müssen die Kör­p­er mit gle­ich­er Geschwindigkeit alle trotz ungle­ichem Gewicht durch das ruhende Leere sich stürzen. — Eine weit­ere Stunde später hat­te ich eine recht präzise Vorstel­lung von der Beschle­u­ni­gung, die ein Tran­sis­tor­ra­dio erfährt, wenn es aus 1.60 Meter Höhe von einem Bar­tisch aus zu Boden fällt. Das ist eine wichtige Erfahrung, um eine Geschichte erzählen zu kön­nen, die sich dem Ver­hal­ten eines fal­l­en­den Radios gemäß entwick­eln kön­nte. Weil sich das Radio zunächst langsam, dann schneller wer­dend durch die Luft bewegt, wür­den sich auch die Wörter der Geschichte zunächst langsamer ereignen, eine geringe Menge Wörter für ein erzähltes Par­ti­cle der Geschichte, wohinge­gen zulet­zt, kurz vor dem Auf­prall des Radios sich sehr viele Wörter ereignen wer­den, um ein erzähltes Par­ti­cle zu erzeu­gen. Eine inter­es­sante Vorstel­lung, die ich para­dox­er­weise in meinem Gehirn herumzu­drehen ver­mag. Weil sich das Radio zunächst langsam bewegt, ist viel Zeit um viele Wörter zu notieren. Nach und nach wer­den die Wörter weniger, weil sich die Zeit ihrer Auf­führung verkürzt. Alles das ist für eine extreme Zeitlupe aus­gedacht. Und jet­zt habe ich einen kleinen Knoten im Kopf. Guten Mor­gen. — stop

formel

sao paulo

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MELDUNG. Sao Paulo, Rua Con­sel­heiro Crispini­ano 15, 3. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 622 [ Mar­mor, Car­rara : 3.38 Gramm ] vol­len­det. — stop

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flugbriefe

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delta : 0.01 — Nach ein­er harten Schicht im Post­amt von Bre­les, an welch­er nicht weniger als zwei­hun­dert Beamte beteiligt gewe­sen sein sollen, starteten in den frühen Mor­gen­stun­den 5778 Luft­post­briefe von eigen­er Kraft, jed­er also für sich und zur gle­ichen Zeit, ihren Flug von der franzö­sis­chen Küste über den Atlantik nach John Island, South Car­oli­na. Man fliegt im Schwarm nun schon die 16. Stunde, eine äußerst gün­stige Lin­ie ent­lang, weil man in der Lage ist, sich an den Ster­nen zu ori­en­tieren. Es soll ein wun­der­bares Schaus­piel gewe­sen sein, wie sich die Wolke der Luft­post­briefe unter dem Beifall des gelade­nen Pub­likums vom Boden erhob, um sich auf den Weg zu machen, das unendlich weite West­meer zu über­queren. Ein Augen­zeuge berichtete von einem Geräusch, das er nie zuvor wahrgenomme­nen habe, als ob sich ihm tausende Bienen näherten. Ein weit­er­er Beobachter schwärmte von wun­der­bar schim­mern­der Erschei­n­ung genau in dem Moment, da die Brief­wolke den Hor­i­zont erre­ichte. Er sagte, dass man noch eine lange Zeit ein Brum­men ver­nom­men habe. Ein­er der fliegen­den Briefe sei vor seinen Füßen ins Gras gestürzt. Er habe den Brief mit sich nach Hause genom­men, wo er ihn unter­suchte. Ein Liebes­brief von Madame Juli­ett L. an sich selb­st sei im Umschlag enthal­ten gewe­sen. An der oberen Briefkante, je an ein­er Ecke links und rechts, befän­den sich Rotoren, die im Zus­tand der Ruhe, in der Art geschlossen­er Regen­schirme nach unten gefal­teten seien. Der Flug­brief ist sehr leicht, sagte der Mann zum Schluss, ein kleines Wun­der mit ein­er Brief­marke, die über Licht­sen­soren zu ver­fü­gen scheint. — stop

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echinocereus coccineus xdl — 77

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MELDUNG. Drei Kak­teen [ Gat­tung — echinocereus coc­cineus xdl — 77 ] haben fün­fzehn Uhr zweiundzwanzig MEZ zwölf Pfund fil­igranes Stachel­horn auf flüch­t­ende Lab­o­ran­ten geschossen. [ MPI für Biotech­nolo­gie, 5th floor : Labor IIId-7 : Lev­el 4 ] — stop

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