existenz

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echo : 0.08 — Erneut, es ist kurz nach Mit­ter­nacht, die heit­ere Frage: Muss ich die Exis­tenz der Kiemen­men­schen begrün­den? - stop
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seltsame geschichte

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india : 5.56 — Seit eini­gen Tagen ereignen sich in oder in der Umge­bung mein­er Schreib­mas­chine kuriose Dinge. Es geht darum, dass ein Text, den ich am Mon­tag notierte, sich immer dann, wenn ich schlafe, verän­dert und zwar zu seinem Nachteil. Fehler­hafte Wörter, die ich bere­its kor­rigierte, kehren wieder oder ich ent­decke voll­ständig neuar­tige Miss­bil­dun­gen, ver­drehte Buch­staben, Worterfind­un­gen, Punk­te oder Kom­ma­ta ver­schwinden, aus der Farbe ROT wird die Farbe BLAU, aus Schnee wird Regen, aus Kindern wer­den Greise. Es ist eine eige­nar­tige Sit­u­a­tion, ich geste­he, ich beginne mich zu fürcht­en. Selb­stver­ständlich habe ich mir die Frage gestellt, ob sich vielle­icht ein weit­er­er Men­sch, den ich bis­lang noch nicht ent­deck­te, in mein­er Woh­nung befind­et, oder ob ich vielle­icht selb­st schlafwan­del­nd mich an meine Schreib­mas­chine set­ze. In diesem Zusam­men­hang kön­nte die unheim­lich­ste Aus­sicht der Gedanke sein, dass meine Schreib­mas­chine selb­st oder gar der Text an sich, machen was sie wollen. Von Außen jeden­falls ist ihm nicht anzuse­hen, ob irgen­det­was mit ihm nicht in Ord­nung sein kön­nte. Zur Prü­fung, der Text begin­nt so: Der Rasen in Zyp’s Garten war ein Tep­pich von Moos, auf dem immer irgen­det­was blühte. Selb­st in den kalten Monat­en des Win­ters, wenn es schneite, wenn das Eis an die Küste schin­delte, glaubte Zyp Wes­ley, die Geräusche des Wach­sens und Verge­hens zu hören aus dem unsicht­baren Raum unter dem Weiß. Er ver­fügte über ein her­vor­ra­gen­des Gehör, obwohl er seit Jahren Posaune spielte, wohnte deshalb etwas abseits. Das näch­ste Haus, indem eine Fam­i­lie mit Kindern siedelte, war etwa zwei­hun­dert Meter weit ent­fer­nt, hin­ter ein­er Anhöhe passierten die Geleise der Stat­en Island Rail seine Gegend. Man kon­nte von dort das Schep­pern der Sub­wayzüge leise hören bei Tag und bei Nacht. – stop
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charles mingus

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nord­pol : 0.08 — Ich stelle mir eine Stadt ohne Trep­pen vor, eine Stadt ohne Keller, ohne Aufzüge, eine Stadt ohne Leit­ern, eine voll­ständig ebene Stadt. Die Däch­er der Stadt sind von durch­sichti­gen Stof­fen gewirkt, Licht fällt zu jed­er Tageszeit in jedes ihrer Zim­mer. Kaum Bäume, keine größeren Straßen, keine Auto­mo­bile. In dieser Stadt wohnen 8 oder 10 oder 12 Mil­lio­nen Men­schen. Würde man auf einen der sel­te­nen Bäume klet­tern, wäre kein Ende, kein Land jen­seits der Stadt zu erken­nen. Es existieren keine Pläne der Gassen, der Plätze, der Winkel, nach welchen man sich richt­en kön­nte. Alle Wege sind schmal, sind ver­winkelt, sind ohne Namen. Um sich zu ori­en­tieren, wenn sie ihre ver­traute Umge­bung ver­lassen, markieren die Bewohn­er der Stadt ihre Wege an Wän­den, die sie passieren, deshalb sind die Häuser der ebe­nen Stadt über und über von Zeichen bedeckt, diese nachtwärts vorgestellte Stadt ist eine beschriftete Stadt. Man richtet sich wan­dernd auch nach der Sonne, nach den Ster­nen, wer sich ver­läuft ist ver­loren, jed­er Abschied kön­nte der let­zte sein, die Lieben­den gehen immer zu zweit, es ist eine Stadt zum Ver­schwinden schön, die Häuser sind hell, sind von der Farbe der Kamele, das beständi­ge Rauschen der Stim­men macht einen weichen Him­mel. – Es ist drei Uhr. Ich habe wun­der­volles Chaos zu Gast. Charles Min­gus At Carnegie Hall : C Jam Blues — stop

ein unglück

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echo : 0.15 — Von einem Unglück habe ich erfahren. Ein alter Mann ist gestürzt. Es war später Abend. Der alte Mann wollte seine Frau in den Arm nehmen, um sich zu bedanken, weil sie bei­de einen glück­lichen Tag gemein­sam ver­bracht­en. Sie waren spazieren im Englis­chen Garten und kurz darauf in einem Kino gewe­sen, und essen und dann, nach vie­len Stun­den wieder zu Hause, umarmte der alte Mann seine geliebte Frau, um kurz darauf das Gle­ichgewicht zu ver­lieren. Jet­zt liegt er, so hörte ich, in einem Hos­pi­tal in einem Bett. Es ist die Nacht nach dem Tag nach dem Abend des Unglücks. Und dass sie froh seien, dass sie so gut ver­sorgt wür­den, dass sie nicht erleben müssten, was ver­let­zten Men­schen in der Stadt Homs wider­fährt. Und doch ist ein großes Unglück geschehen, Sorge und Angst sind zurück. Ich hörte eine leise, sehr trau­rige Stimme: Wir wer­den uns in Zukun­ft im Sitzen umar­men. — stop
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ein engel im koffer

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zoulou : 2.18 — Jed­er Men­sch sollte für Zeit­en der Sorge, der Furcht, der inneren Not über einen Kof­fer klein­er Geschicht­en gebi­eten, Geschicht­en, die man sich selb­st erzählen kann, ohne die Lip­pen öff­nen zu müssen, heit­ere, tröstliche Kopfgeschicht­en, Geschicht­en, die sich bei Tag und bei Nacht, auch eben im Dunkeln ereignen. Ich selb­st trage seit bald 15 Jahren einen Kof­fer dieser Art mit mir herum. Manch­mal, wenn ich an meinen Kof­fer denke, fange ich an zu lachen, ohne ihn noch geöffnet zu haben. Es ist ein Kof­fer, — jed­er, der selb­st einen Behäl­ter dieser Art besitzt, wird das wis­sen -, der durch seine reine, geheime Anwe­sen­heit bere­its wirk­sam wer­den kann. Manche mein­er Geschicht­en sind kurzen Fil­men ähn­lich, sie ver­fü­gen über kaum eine Hand­lung, und weil ich sie mir immer wieder vorstelle oder erzäh­le, sind sie zu wahren Geschicht­en gewor­den. Ein­mal, zum Beispiel, in einem weit in der Zeit zurück liegen­den Som­mer saß ich auf meinem Sofa und las in irgen­deinem Buch herum. Als ich kurz zum Fen­ster sah, flat­terte ein Zitro­nen­fal­ter vorüber, er flog von links nach rechts und zwar sehr ger­ade, das heißt in ein und der­sel­ben Höhe. Kaum war er ver­schwun­den kehrte er wieder, dieses Mal flog er von rechts nach links, war nun allerd­ings nicht mehr allein, ein Engel, groß wie ein Men­schen­fin­ger, fol­gte ihm. Dieser hell­häutige Engel ver­suchte in der Art und Weise der Zitro­nen­fal­ter zu fliegen. Er hat­te eine Fliegerbrille auf den Kopf geset­zt und seine äußerst fil­igra­nen Arme über einem run­den Bauch gefal­tet, er flog näm­lich auf dem Rück­en und stürzte aus dieser ungewöhn­lichen Hal­tung ab. Bald war der Zitro­nen­fal­ter vor meinem Fen­ster ver­schwun­den gewe­sen, aber der Engel kam wieder und wieder vor­bei in dem Ver­such, ein Fal­ter zu sein. Seine Stürze waren so senkrecht wie plöt­zlich, ein tapferes Wesen, das nicht aufgeben wollte. Ich las dann bald weit­er in irgen­deinem Buch, und war glück­lich, würde ich sagen. – 2 Uhr Nacht. Lou Don­ald­son Call­in’ all cats. — stop
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manhattan

picping

MELDUNG. Man­hat­tan, Lex­ing­ton Avenue 822, 28. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 1228 [ Mar­mor, Car­rara : 8.25 Gramm ] vol­len­det. — stop
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bewegung

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nord­pol : 0.28 — Wie Peter Bich­sel vor Jahren in ein­er Film­doku­men­ta­tion von einem Zus­tand der Bewe­gung berichtete, der für ihn zum Schreiben hil­fre­ich sei. Fahren. Reisen. Der Schrift­steller saß, indem er das erzählte, in einem Wag­on der Schweiz­er Bun­des­bahn, Land­schaft mit Bäu­men schwebte hin­ter dem Fen­ster vor­bei, und ich meine, mich richtig zu erin­nern, wenn sich das Gesicht des Dichters in der Scheibe spiegelte. Immer wieder ein­mal hab ich an diese Sit­u­a­tion gedacht, gestern zulet­zt, weil ich bemerk­te, dass mir in diesen Tagen die Stun­den des Schreibens auf der Stat­en Island Fähre fehlen, Stun­den bemerkenswert­er Beweglichkeit in meinen Gedanken. Nicht allein die gle­ich­mäßige Bewe­gung des Schiffes, scheint eine selt­same Öff­nung mein­er Gedanken bewirkt zu haben, oder der Blick auf das Meer, die Sil­hou­ette Brook­lyns, den Hafen New Jer­seys, seine Kräne, die wie Storchen­vögel am Hor­i­zont zu sehen sind, in meinem Fall waren es die Men­schen, ihre Gesichter, Stim­men, Bewe­gun­gen, Gerüche, Hüte, Tele­fone, Schuhe, Taschen, Gespräche, die mich mit Span­nung ein­er­seits und inner­er Ruhe ander­seits ver­sorgten. Ich ahne, ich ver­mag in der Umge­bung zahlre­ich­er Men­schen, die sich nicht weit­er um mich küm­mern, sehr lange Zeit­en und weit geöffnet still zu sitzen. Meine Augen spazieren herum und meine Ohren, mein Schreibge­hirn aber scheint indessen in eine ganz andere Rich­tung zu schauen. Warum das so ist, weiß ich nicht. – Ein stilles Gebet seit Tagen.

in der dritten stunde schlafloser nacht

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gink­go : 2.55 — In dem Doku­men­tarfilm Unter Kon­trolle, der von den inneren Räu­men des Atom­kraftzeital­ters her erzählt, erk­lärt ein lei­t­en­der Inge­nieur den Wirkungszusam­men­hang zwis­chen com­put­erges­teuerten Rou­ti­nen und men­schlichen Wirkung­sop­tio­nen, die zu Sicher­heit oder möglichst geringer Unsicher­heit führen sollen. Es ist ein sym­pa­this­ch­er älter­er Herr, der dort spricht. Man sieht, er ist stolz auf die von men­schlichem Geist geschaf­fene Mas­chine. Um sein­er Überzeu­gungskraft nicht voll­ständig zu erliegen, muss ich mich bemühen, ich schwimme, mit­tels Gedanken­be­we­gung, ger­adezu an gegen den Sog sein­er Argu­men­ta­tion, ich denke: Three Mile Island, Tsch­er­nobyl, Fukushi­ma, ein Telegramm denke ich, das sich wieder­holen lässt, ein klein­er Kopfro­tor. Ein­mal äußert der sym­pa­this­che alte Mann einen höchst bemerkenswerten Gedanken, er sagt, dass sta­tis­tisch gese­hen jed­er Men­sch 10 Fehler in ein­er Stunde unternehmen würde. Das ist eine sehr selt­same Sache. Mir geht das nicht mehr aus dem Kopf. Es ist jet­zt bald drei Uhr in der Nacht, der Sta­tis­tik zu Folge habe ich bish­er 28 Fehler unter­nom­men, die jed­er für sich nicht sehr schw­er gewe­sen sein dürften, weil ich noch immer existiere. Ich ruhte, zum Beispiel, in der ver­gan­genen Stunde auf einem Sofa, ich habe wed­er tele­foniert, noch habe ich Musik gehört, auch habe ich in keinem Buch gele­sen, ich habe an meinen Vater gedacht, an meine Mut­ter, an meine Schwest­er, an meine Brüder, und auch an jenen älteren Her­rn und seine Begrün­dung der Mas­chine. Bald, in weni­gen Minuten, werde ich in die vierte Stunde dieses Tages treten. — stop
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doppelherzprozessor

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echo : 1.16 – Wieder ein­mal die Frage, wer­den Men­schen, sobald sie über Schreib­maschi­nen mit Dop­pel­herzprozes­soren ver­fü­gen, in ihren Bewe­gun­gen, in ihren Erwartun­gen schneller? — stop
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erfundene fotografie mit kamelen

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delta : 0.22 – Kamele sind Tiere, die ich schon immer mochte. Sie erscheinen mir ver­traut, als hätte ich einen Teil meines Lebens unter Kame­len zuge­bracht. Ihre großen Augen, die leicht aus dem Kopf her­vorste­hen, ihr samtig ledriger Mund, ihr Geruch, ihr warmer Bauch, das weiche dichte Fell. Ich erin­nere mich, dass man mir vor langer Zeit ein­mal erzählte, ich sei während mein­er Besuche mit meinem Vater im zool­o­gis­chen Garten immer wieder gern bei den Kame­len gewe­sen. Auch soll mein Vater mich auf den Schul­tern getra­gen haben, während ich seinen großen Kopf mit meinen kleinen Armen umfasste. Merk­würdig ist, dass ich mich an keine Fotografie erin­nere, die mich dort oben als einen stolzen Reit­er zeigt, ver­mut­lich deshalb, weil mein Vater vor Jahren der einzige Fotograf der Fam­i­lie gewe­sen war. Es existieren über­haupt nur wenige frühe Bilder, die ihn und mich gemein­sam zeigen. Und so habe ich nun fol­gen­des pro­biert. Ich habe eine Fotografie in meinem Kopf illu­miniert, ein Doku­ment, das nie existierte und doch sehr wirk­lich wer­den kön­nte, wenn ich nur lange genug daran arbeite. Das Doku­ment ist eine schwarzweiß Auf­nahme. Sie zeigt einen Mann in weit­en dun­klen Hosen mit hellem Hemd, das ist mein Vater. Auf seinen Schul­tern sitzt ein klein­er Junge, auch er trägt ein helles Hemd, San­dalen und kurze Leder­ho­sen, das bin ich. Über uns verzweigt sich ein Ulmen­baum. Es ist ein mächtiger Baum. In seinem Schat­ten hin­ter einem Zaun ste­hen zwei Kamele, sie schauen uns an. Da ist noch ein Flamin­govo­gel, hun­grige Gestalt, der auf einem Bein mit­ten auf dem Spazier­weg ste­ht. Das sieht alles schon sehr gut aus, finde ich. Ich habe mir dieses Bild vorgestellt, bis ich es so genau vor mir sehen kon­nte, dass ich es auf einem vorgestell­ten Tisch drehen und wen­den kön­nte. Mein Vater, den ich jet­zt in dieser Weise sehen kann, war ein junger Mann, der lachte. Er zeigte in die Rich­tung der Kamele. Und auch ich zeigte mit einem Fin­ger in die Rich­tung der Kamele und auch ich lachte. Es war Som­mer. — stop
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zikaden

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alpha : 0.50 – Einem Men­schen vorzule­sen, von dem ich nicht weiß, ob er mir zuhören kann, ob er vielle­icht schläft oder bei­des. Ja, so eine Nacht, eine Nacht, die fünf oder sechs Jahre zurück­liegt. Der Men­sch, an dessen Bett ich wartete, hat­te hohes Fieber. Ich trock­nete sein Gesicht von Zeit zu Zeit, ich nahm seine Tem­per­atur, ich hörte seinen Atem. Manch­mal ging ich spazieren in der Woh­nung oder in den Garten. Es war August, eine hand­voll Zikaden musizierte, schwüle, süße Luft. Dann wieder am Bett. Mit Mühe die Augen offenge­hal­ten. In der Küche Kaf­fee gemacht. Nach Atem gelauscht. Das Buch geöffnet und weit­erge­le­sen. Stimme, manch­mal fra­gende Stimme: Hörst du mich, hörst Du mir zu? Soll ich weit­er­lesen? Also lese ich weit­er, ich lese Ago­ta Kristof, ich lese davon, wie man Schrift­steller wird. Zu allererst muss man natür­lich schreiben. Dann muss man weit­er­schreiben. Selb­st wenn es nie­man­den inter­essiert. Selb­st wenn man das Gefühl hat, dass es niemals jeman­den inter­essieren wird. Selb­st wenn die Manuskripte sich in den Schubladen stapeln und man sie ver­gisst, während man neue schreibt./ Am Anfang gab es nur eine einzige Sprache. Die Objek­te, die Dinge, die Gefüh­le, die Far­ben, die Träume, die Briefe, die Büch­er, die Zeitun­gen waren diese Sprache. Ich kon­nte mir nicht vorstellen, dass es eine andere Sprache geben kön­nte, dass ein Men­sch ein Wort sprechen kön­nte, das ich nicht ver­ste­he. — Ja, es war Nacht, eine Nacht, die fünf oder sechs Jahre zurück­liegt. Der Men­sch, an dessen Bett ich wartete, hat­te hohes Fieber. Ich trock­nete sein Gesicht von Zeit zu Zeit, ich nahm seine Tem­per­atur, ich hörte seinem Atem zu. — stop

ein zimmer

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zoulou : 1.02 – Ich fahre eine Stun­den­zeit mit dem Aufzug aufwärts. Wo ich her­auskomme, wach­sen Aprikosen­bäume aus den Wän­den. Ein Flur, helles Licht, der Boden von Kirsche, Wal­nuss, Esche. Und Türen. Türen in blau, grün, gelb und rot. Durch eine der Türen hin­durch: Was für ein hüb­sch­er Raum! Fen­ster mit Wolken. In der Mitte des Raumes kauert ein junger Mann auf dem Boden. Er scheint mich nicht zu sehen und nicht zu hören. Es ist so als wär ich nicht da. Ein kleines Net­book, ein Tier, das knis­tert, sitzt wie der Mann auf dem Boden. Lichtschlit­ten fahren pausen­los in seinem Gehäuse auf und ab. Da war ein Glas Milch und da war eine Schale von Hum­mer­schwänzen. Weit­er nichts. Aber Schat­ten doch auf dem Boden und an den Wän­den, Schat­ten von Tis­chen, Stühlen, Bilder­rah­men. Plöt­zlich geh ich über eine Straße. Es ist die 8th Avenue. Ich weiß das. Ich weiß das noch immer. Es war Son­ntag. Grad bin ich wach gewor­den. — stop
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minutengeschichten

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ulysses

~ : louis
to : daisy und vio­let hilton
sub­ject : MINUTENGESCHICHTEN

Liebe Daisy, liebe Vio­let! Grüß Euch ganz her­zlich! Früher Mor­gen hier unten bei uns. How are you doing? Ich hat­te, selt­same Sache, in der ver­gan­genen Nacht das Gefühl, irgend­je­mand würde mir, während ich mit meinem Bleis­tift arbeit­ete, über die Schul­ter schauen. Mehrfach hab ich mich umge­se­hen, auch vorgegeben, rein gar nie­man­den bemerkt zu haben, und dann plöt­zlich, na, Ihr wisst schon, ich bin mir sich­er, Ihr wart in mein­er Nähe gewe­sen, wie noch vor weni­gen Wochen, als ich unter­wegs war in New York, da hab ich Euch leib­haftig gese­hen nachts an Bord der John F. Kennedy — Fähre, wie ihr übers Salon­deck huschtet, Gespen­ster, würde man vielle­icht sagen, Geis­ter, reizende Erschei­n­un­gen. Sagt, habt Ihr nun gele­sen, was ich notierte? Jenen kleinen Text der Minutengeschicht­en, den ich so gern mit der Hand wieder­hole in schw­eren Zeit­en? Ich schick ihn Euch zur Sicher­heit noch ein­mal mit, ja, ja, die Bücher­men­schen, das soll­tet Ihr wis­sen, das sind Per­so­n­en, die selb­st dann noch lesen, wenn sie spazieren gehen. Wenn sie ein­mal nicht spazieren gehen, sitzen sie studierend auf Bänken in Park­land­schaften herum, in Cafés oder in ein­er Unter­grund­bahn. Dort, aus heit­erem Him­mel ange­sprochen, wenn man sich nach ihrem Namen erkundigte, wür­den sie erschreck­en und sie wür­den vielle­icht sagen, ohne den Kopf von der Zeichen­lin­ie zu heben, ich heiße Anna oder Vic­tor, obwohl sie doch ganz anders heißen. Wenn man sie fragte, wo sie sich ger­ade befind­en, wür­den sie behaupten, in Petusch­ki oder in Brook­lyn oder in Kairo oder auf einem Amzonas­re­gen­wald­fluss. — Heute habe ich mir gedacht, man sollte für diese Men­schen eine eigene Stadt erricht­en, eine Metro­pole, die allein für lesend durch das Leben reisende Men­schen gemacht sein wird. Man kön­nte natür­lich sagen, wir bauen keine neue Stadt, son­dern wir nehmen eine bere­its existierende Stadt, die geeignet ist, und machen daraus eine ganz andere Stadt, eine Stadt zunächst nur zur Probe. In dieser Stadt lesender Men­schen sind Bib­lio­theken zu find­en wie Blu­men auf ein­er Wiese. Da sind also große Bib­lio­theken, und etwas kleinere, die haben die Größe eines Kiosks und sind geöffnet bei Tag und bei Nacht. Man kön­nte dort sehr kost­bare Büch­er entlei­hen, sagen wir, für eine Stunde oder zwei. Dann macht man sich auf den Weg durch die Stadt. Während man geht, wird gele­sen. Das ist sehr gesund in dieser Art so in Bewe­gung. Auf alle Straßen, die man passieren wird, sind Lin­ien aufge­tra­gen, Streck­en, die lesende Men­schen durch die Stadt geleit­en. Da sind also die gel­ben Kreise der Stun­den-, und da sind die roten Lin­ien der Minutengeschicht­en. Blau sind die Streck­en mächtiger Büch­er, die schw­er sind von fein­sten Papieren. Sie führen weit aufs Land hin­aus bis in die Wälder, wo man ungestört auf sehr beque­men Pinien­bäu­men sitzen und schlafen kann. In dieser Stadt lesender Men­schen haben Auto­mo­bile, sobald ein lesender Men­sch sich nähert, den Vor­tritt zu geben, und alles ist sehr schön zauber­haft beleuchtet von einem Licht, das aus dem Boden kommt. – Ahoi! Euer Louis — stop

gesendet am
13.03.2012
06.05 MEZ
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louis to daisy and vio­let »

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winterkrieg in tibet

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alpha : 2.58 — Ich weiß nicht genau wie wir darauf gekom­men sind, vom Inneren der Berge zu bericht­en. Irgend­wann kurz vor Mit­ter­nacht haben wir den ersten Faden gelegt im Gespräch. Ein marokkanis­ch­er Fre­und erzählte von sein­er Groß­mut­ter eine Geschichte, die geheim bleiben muss. Uralt war sie gewor­den, so alt, dass nie­mand sagen kann wie alt genau. Drei Kriege hat­te sie miter­lebt, Elend, Unter­drück­ung in ein­er kleinen Stadt am Mit­telmeer. Von dort waren wir auf Mr. Assad gekom­men, ich hörte von Strafen, die mein junger Fre­und for­mulierte für diesen mörderischen Mann, apoka­lyp­tis­che Wün­sche, Höl­lenkerne, und von der Prophezeiung eines atom­aren Weltkrieges. An dieser Stelle meine ich, eine Geschichte Friedrich Dür­ren­matts erwäh­nt zu haben, die vom Win­terkrieg in Tibet han­delt, ein äußerst skur­riles Stück. Und weil ich mit dem Moment der Erfind­ung bere­its Geschwindigkeit aufgenom­men hat­te, set­zte ich hinzu, dass in den Bergen um Salzburg Höhlen existieren sollen, in welchen Höh­len­wiesen und Höh­len­bäume wach­sen. Auch Vögel, sagte ich, seien nachgewiesen, Blu­men, bläulich glim­mende Beeren, Höh­len­hirsche, Höh­len­hasen. Kaum zwei Minuten später existierte eine weit­ere Höh­le nahe Agmat im Atlas­ge­birge. Man darf sich nun vorstellen, welch wun­der­bare Dunkelvielfalt dort anzutr­e­f­fen sein wird. Von wessen Atom­bomben haben wir gesprochen? — stop

romantische kurzgeschichte

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sier­ra : 4.28 — Genève / Place Bel Air. Es ist 1 Uhr und 30 Minuten MEZ : Ein Mann dun­kler Haut­farbe, schw­er betrunk­en, wird von städtis­chen Gen­dar­men im zen­tralen Polizeiamt fest­ge­set­zt. Ruh­estörung. — 1 Uhr 35 Minuten MEZ : Der Betrunk­ene, Hände auf den Rück­en gefes­selt, behauptet Char­lie Park­er zu sein. Er will sein Sax­ophon wieder­haben. — 2 Uhr 05 Minuten MEZ : Die Iden­tität des Gefes­sel­ten wird zweifels­frei fest­gestellt. Es han­delt sich um US-Bürg­er Jon­ny Wilk­er­son, 36, wohn­haft zu Paris, 8, Rue de Jav­el. – 2 Uhr 38 Minuten MEZ : Über­gabe des Blasin­stru­mentes an den Ran­dalieren­den. – 2 Uhr 40 Minuten bis 4 Uhr und 5 Minuten MEZ : Fünf sta­tionäre Gen­dar­men der Nachtschicht sind von ent­fes­sel­ten Geräuschen, die ein­er ver­git­terten Aus­nüchterungszelle entkom­men, stark beein­druckt. Man hat Stüh­le von Holz vor dem Gehäuse abgestellt. — 4 Uhr und 6 Minuten MEZ : Park­er, Char­lie, eingeschlafen. — stop

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sumatrakäfer

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sier­ra : 0.27 — Gestern, am späten Abend, habe ich den Ver­such unter­nom­men, das Wort Stre­ich­holz so lange wie möglich in meinem Kopf hin und her zu bewe­gen, ohne indessen ein weit­eres Wort zu denken. Kurz darauf habe ich meinen Ver­such wieder­holt, in dem ich das Wort Stre­ich­holz durch das Wort Suma­trakäfer erset­zte, eben­solch­es eine Zehn­tel­stunde später durch das Wort Kühlschrank, welch­es selb­st kurz vor Mit­ter­nacht im Wort­loop der Hibiskus­blüte endete. Vorgestern noch hat­te ich eine ähn­liche Nachtübung durchge­führt. Wörter waren fol­gende gewe­sen: Samshep­ard, Hum­mer­vo­gel, Tic­tac­to, Lep­orel­lo. Ich stelle fest: Die lang anhal­tende Wieder­hol­ung des Wortes Lep­orel­lo bewirkt in mein­er Seele ein­er­seits deut­lich­es Gefühl von Hitze, ander­seits eine Ahnung der Farbe Gelb­o­r­ange, ohne dass diese Farbe selb­st vor meinem inneren Auge sicht­bar wer­den würde. Warum? — stop

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mikado zu weilburg

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MELDUNG. Offen­sichtlich bei Mond­schein von leichtem Geistess­chwindel befall­en, rück­te Charles M., 88, in der Orangerie zu Weil­burg mit­te­lamerikanis­chen Kak­teen mit­tels Mika­dostäbchen zu Leibe. Man arbeite, so der alte Herr kurz nach sein­er Fes­t­nahme während erster Befra­gung, an ein­er Sym­phonie für Stachel­horn. Es ist jet­zt kurz nach 5. — Game over.
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stand clear to the closing doors

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sier­ra : 0.27 —  War auf dem Weg süd­wärts in einem Sub­wayzug. Hat­te mein Notizbuch in der Hand und notierte Wörter für Geräusche, die ich hörte. Heulen. Schep­pern. Klir­ren. Zis­chen. Pfeifen. Bald waren alle nahe liegen­den Möglichkeit­en verze­ich­net, und so fing ich an, Wörter zu erfind­en, dschumm dschumm. Das war keine leichte Arbeit, vor allem das Notieren von Hand in dieser schwank­enden Land­schaft war kaum möglich gewe­sen, ich machte anstatt Wörtern Zeich­nun­gen, die sich über eine ganze Seite meines Notizbuch­es erstreck­ten. Und plöt­zlich war da eine Stimme, eine beson­dere Stimme. Es war die Stimme ein­er Frau, die ich hörte. Sie reiste mit im Zug, verkün­dete die Namen der Sta­tio­nen, die wir bald erre­ichen wür­den. Die Stimme kam aus einem Laut­sprech­er, der in die Decke des Wag­ons ein­ge­lassen war. Eine san­fte Stimme, eine Stimme, die ich vielle­icht deshalb wahrgenom­men hat­te, weil man in ihr eine Spur von Anteil­nahme vernehmen kon­nte, eine Freude zu sprechen, diese Wörter aufzusagen, Cham­bers Street. Ein Satz schien ihr beson­ders am Herzen zu liegen: Stand clear to the clos­ing doors! Diesen Satz wieder­holte sie beina­he zärtlich immer dann, wenn der Zug eine der Sta­tio­nen wieder ver­lassen sollte. Es war wie eine Melodie. Ich hörte auf zu schreiben, und ich machte ein Tonauf­nahme, beobachtete den Auss­chlag des Zeigers auf mein­er Mas­chine. Als wir eine halbe Stunde später die End­sta­tion des Zuges erre­icht­en, South Fer­ry, machte ich mich auf die Suche nach der Frau, der ich zuge­hört hat­te. Es war eine kleine Frau, eine dunkel­häutige Frau mit weißem Haar, sie war sehr fein geschminkt, etwa 60 Jahre alt, sie unter­hielt sich, als ich an ihr vorüber kam, mit einem Her­rn, der wie sie selb­st die blaue Uni­form der New York­er Verkehrs­be­triebe trug. Sie schien sehr glück­lich zu sein, voller Freude, eine leuch­t­ende Per­son, dschumm dschumm. — stop

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ein ohr

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sier­ra : 0.01 — Im Traum hat­te eines mein­er Ohren seine Posi­tion ver­lassen. Das wan­dernde Ohr hoc­ck­te, als ich erwachte, auf mein­er linken Wange wie ein wildes Tier, das ich zu bändi­gen tra­chtete, in dem ich mit ihm ein Gespräch zu führen ver­suchte. Beschwörung. Ver­hand­lung. — stop

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255 jahre

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echo : 6.05 — Ich habe fol­gen­des aus­gerech­net. Wenn ich jeden Tag 16 Stun­den arbeit­ete, in jed­er dieser Stun­den je eine Minute mit einem Men­schen sprechen würde, ihm oder ihr die Hand geben, ihm oder ihr in die Augen sehen, dann kön­nte ich mit 880 Men­schen am Ende eines Tages Kon­takt aufgenom­men haben. Wenn ich nun 255 Jahre in dieser Weise arbeit­ete, ohne je einen Tag eine Pause einzule­gen oder Urlaub zu nehmen, wäre ich schließlich in der Lage, 82 Mil­lio­nen Men­schen per­sön­lich ken­nen­zuler­nen. Ich sollte möglichst mit älteren Men­schen begin­nen, sollte nach einem geeigneten, vorzugsweise mobilen Haus für mein Unternehmen suchen, nach Spon­soren, Verpfle­gung, Warteräu­men, einem Stab von Mitar­beit­ern. Ich stelle mir vor, wie meine begrüßende Hand nach ersten Jahrzehn­ten der Arbeit sehr hart gewor­den sein wird, von ech­se­nar­tiger Haut, auch kön­nte vielle­icht ein gewiss­es Bedürf­nis ent­standen sein, mor­gens bere­its vor nahen­den Besuch­ern die Flucht zu ergreifen. — Was wäre nun zu unternehmen mit all den wahren, den erfun­de­nen, den beschei­de­nen, den großar­ti­gen Minutengeschicht­en, die sich wie Vögel in Schwär­men um mich herum ver­sam­melt haben wer­den? — stop

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zungenbäume

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india : 6.08 — Ein beson­der­er Baum im nahen­den Früh­ling, erste Knospen faszinieren­den Gewebes. Sobald man sich anschle­icht wird man erken­nen, nicht Blät­ter, nicht Blüten, aber Hände, eine Ahnung zunächst, dann deut­lich zu erken­nen, men­schliche Hände im Alter von sechs oder sieben Wochen, wie sie wach­sen, wie sie sich ent­fal­ten, wie sie mit erster Bewe­gung begin­nen. Auf einem weit­eren Baum sprießen Ohren und Nasen, dann wieder Hände, vielle­icht weil man ger­ade sehr viel Hände benötigt. Und Augen­bäume, Herzbäume, Nieren­bäume, selb­st Mund-, und Zun­gen­bäume sind denkbar, und weit­ere schreck­lich schöne Krea­turen. — stop

james baldwin

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tan­go

~ : oe som
to : louis
sub­ject : JAMES BALDWIN
date : mar 22 12 11.15 p.m.

Absolute Stille. Kein Wind, keine Bewe­gung auf dem Wass­er, der Him­mel leer. Seit 382 Tagen schwebt Tauch­er Noe unter uns in der Tiefe. Er scheint glück­lich zu sein, die Tage seines Auf­begehrens sind vorüber. Noch vor weni­gen Wochen wün­schte Noe, zurück­kehren zu dür­fen, sofort! Wir haben ihm vom Regen erzählt, von Stür­men, von sein­er Mut­ter, von seinem Vater, wie stolz sie auf ihn sind. Nach 5 Tagen war Noe ruhiger gewor­den, mürbe von der lan­gen Zeit toben­den Zweifels, vielle­icht auch deshalb, weil wir ihn aus 850 Fuß Tiefe der Dunkel­heit auf Höhe der Däm­merung hoben, eine Ahnung von Licht, Hoff­nung, das Gefühl, noch nicht ver­loren zu sein. Ein tapfer­er Mann. Er habe das Wort Schnee in seinem Kopf hin und her bewegt, aber er könne nicht sagen, was es bedeute. Sorge bere­ite ihm außer­dem, dass er sein Gesicht nicht erin­nere. Sei­ther disku­tieren wir, ob wir ihm nicht doch ein heit­eres Bild sein­er Per­son über­mit­teln kön­nten, Noe dro­hte das Rück­wärtssprechen zu üben. All das scheint nicht ungewöhn­lich zu sein für seine schwebende Lage, ein lange Zeit andauern­der Moment von Ein­samkeit, Fis­che, die ihn beobacht­en, Wörter gehen ver­loren. In dieser Sekunde, lieber Louis, da ich Dir schreibe, begin­nt Noe wieder zu lesen mit heller Stimme, James Bald­win / Unter­wasser­buch No 285, nachts träumte ich, und mor­gens wachte ich zit­ternd auf, kon­nte mich aber nie an den Traum erin­nern, nur daran, dass ich ger­an­nt war. Ich wusste nicht mehr, wann es mit diesen Träu­men ange­fan­gen hat­te; es war lange her. Zwis­chen­durch gab es Zeit­en, in denen ich über­haupt nicht träumte. Und dann ging es wieder los, jede Nacht. – Ahoi! Dein OE SOM

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23.03.2012
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ein ballon

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echo : 6.22 — Ein Vogel, ein Sper­ling, sitzt auf dem Sims vor meinem Fen­ster. Es ist kurz nach zwei Uhr. Der Vogel scheint zu schlafen unter einem geschlosse­nen Augen­lid, das andere Auge schaut mich an, wie ich mich vor­sichtig nähere. Langsam fahre ich mit dem Kopf an die Scheibe her­an. Ich glaube, ich bin einem Sper­ling in meinem Leben noch nie so nahe gekom­men, nur Zen­time­ter, etwas Glas, etwas Luft tren­nen uns. Der Vogel scheint mich in diesem Moment sorgsam zu beobacht­en, bei­de Augen sind geöffnet, er plus­tert sich, jet­zt macht er bei­de Augen wieder zu. Ich gehe zum Schreibtisch, bin schläfrig gewor­den, nein, ich darf mich auf keinen Fall aufs Sofa set­zten, das wäre das Ende der Arbeit­snacht. Ich notiere: Auf dem Broad­way, Ecke 28. Straße, ste­ht ein Mann zwis­chen Autos vor ein­er Ampel. Er verkauft Pis­tolen, die Seifen­blasen erzeu­gen. Es ist kalt und windig, weswe­gen dem Lauf der Pis­tole nur kleine Seifen­blasen entkom­men. Der Mann schimpft vor sich hin, er dro­ht dem Him­mel mit der Waffe. Die Geste bleibt ohne Wirkung, weshalb der Mann sich wieder auf den Lauf seines Werkzeuges konzen­tri­ert. Sobald ein kopf­großer Seifen­bal­lon doch ein­mal entste­ht, der Aus­druck empörter Zufrieden­heit auf seinem Gesicht, aber dann platzt die Blase und er fängt wieder von vorne an, wis­cht sich die Nase, die ihm davon zu laufen dro­ht, richtet sich den Lumpen, der sein Gesicht umhüllt, die Ampel springt auf grün, Autos fahren an, weit­ere Autos hal­ten. Es ist kalt heute. Ich gehe süd­wärts spazieren bis ich den Union Square erre­iche, sitze ein wenig in der Sonne, Eich­hörnchen wälzen sich wie Katzen auf dem sandi­gen Boden. Nach drei Stun­den kehre ich zur Kreuzung Broad­way Ecke 28 Straße zurück. Ein Mann ste­ht dort zwis­chen Autos vor ein­er Ampel. Er verkauft Pis­tolen, die Seifen­blasen erzeu­gen. Es ist der­selbe Mann, den ich bere­its beobachtete, es scheint sich bei dieser Men­sch­en­er­schei­n­ung um einen Loop zu han­deln. Es ist denkbar, dass es hun­dert­tausende ähn­lich­er Loops in der Stadt New York zu beobacht­en gibt, Loops, die in der Sub­way sich vol­lziehen, Loops in Büroland­schaften, Loops in Waren­häusern. Ich freue mich über diese Ent­deck­ung. Der Vogel vor dem Fen­ster lungert dort immer noch herum. Es ist jet­zt schon viel später gewor­den, ich habe sehr langsam gear­beit­et. – Astor Pia­zol­la / El Concier­to De Lugano. — stop

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peru

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sier­ra : 0.02 — Ein Tele­fon klin­gelt und hört sofort wieder auf. Aus einem Buch fällt eine Kinokarte, sie ist 21 Jahre alt, Down by Law. Ein peru­anis­ch­er Zwergkak­tus auf meinem südöstlichen Fen­ster­brett begin­nt zu blühen. Das Knis­tern in der Tiefe meines Armes. Und ein Fal­ter, still, das Dio­den­licht sein­er Augen. Eine Wiese von Leberblüm­chen. Wie kleine Dinge in diesen Tagen beruhi­gen. – stop

wörterzunge

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alpha : 2.05 Hörte im Bild­schir­mge­spräch Thomas Bern­hard wieder sagen: Alles ist immer wirk­lich, es gibt nichts Erfun­denes. Froh bin ich über diesen Satz. Nach Selb­st­beobach­tung scheint in mein­er erzäh­len­den Welt ein Zei­tan­näherungswerk zu existieren, das nach Ent­deck­ung zunächst arbeit­en muss im Kopf. Ich habe gestern zum Beispiel den Ver­such eines Mannes notiert, eine Biene von Stein zu fab­rizieren, ein soziales Wesen, das in der Lage sein sollte, sich in die Luft zu erheben. Diese Vorstel­lung war mir zunächst dur­chaus fremd gewe­sen, mein eigen­er Gedanke. Als ich dann nach zwei Stun­den von einem Spazier­gang an den Schreibtisch zurück­kehrte, war mir der Mann und sein Unternehmen so ver­traut gewor­den, als würde er in ein­er benach­barten Woh­nung leben, ich würde ihn besucht haben und über die Schul­ter geschaut wie er etwas Felss­pat mit einem Meißelchen behut­sam fächert, dass es als Flügel­teilchen bald ein­mal durch die Luft segeln kön­nte. Es scheint vielle­icht so zu sein, dass sich meine Wirk­lichkeit zunächst mit­tels ein­er Wörterzunge vor­sichtig in unbekan­nte Räume tastet. — Vier Uhr zwei in Homs, Syr­ia. — stop
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fünfzehn schwalben

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MELDUNG. Bei bestem Büch­sen­licht von 10 bis 12, wur­den bere­its am Fre­itag, dem Dreiundzwanzig­sten, 276 Tauben, fün­fzehn Schwal­ben, sowie acht heilige Fig­uren vom Dach der Jesuit­enkirche zu Aschaf­fen­burg geschossen. Der Schütze : Staats­förster Leuen­berg­er, 67, aus Lin­den­berg [ Oden­wald ] — stop
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PRÄPARIERSAAL — ich sage immer: es geht mir gut.

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gink­go : 3.05 — Ich erin­nere mich an Olga, die sich kaum bewegte, während sie von ihren Ein­drück­en des Prä­pari­er­saales berichtete. Die junge Frau schien während unseres Gespräch­es jed­erzeit auf ihren Kör­p­er zu acht­en, eine Tänz­erin, die in ein­er vorgenomme­nen Posi­tion geduldig und diszi­plin­iert eine Stunde lang zur Übung ver­har­rt, nur ihre Hände bewegten sich unen­twegt wie kleine Vögel über den Tisch, weil sie ihre Gedanken mit Zeich­nun­gen auf Servi­et­ten unter­stütze. Ihre warme, weiche Stimme, die in dieser Nacht­minute vom Ton­bandgerät aus mit leichtem Akzent zu mir spricht: > Ich mache das so. Ich stelle mir Bezugspunk­te vor. Wo also begin­nt eine Struk­tur und wo endet sie, ein Muskel zum Beispiel. Und dann denke ich mir einen Nerv und frage, wo set­zt dieser Nerv eigentlich an? / Als ich am ersten Tag in die Anatomie kam, habe ich mich zunächst gewun­dert, weil ich ein mod­ernes Gebäude erwartet hat­te, einen Raum, der kalt ist. Außer­dem war ich über­rascht, eine so genaue Prä­pari­er­an­leitung zu bekom­men. Nach zwei oder drei Wochen habe ich am Fuß prä­pari­ert. Plöt­zlich der Gedanke, dass diese Füße einen Men­schen ein Leben lang getra­gen haben. Da musste ich weinen. Wenn ich in diesen Tagen nach Hause komme, sehe ich meine Mut­ter, die in der Küche ste­ht. Sie fragt, wie es mir geht. Ich sage immer: Es geht mir gut. Wenn ich mit Fre­un­den spreche, mache ich oft ein­mal einen Spaß. Ich erzäh­le nicht alles, weil ich doch Respekt habe vor den Toten dort. Alles zu erzählen, wäre fast zu intim. Wenn meine Fre­unde bemerken, dass das dort eigentlich eher ein wis­senschaftlich­er Raum ist, ver­lieren sie sofort ihr Inter­esse. / Da war also eine Hand. Diese Hand war am Gelenk abknickt, sie wurde nur noch von etwas Haut und Sehnen und Gefäßen am Kör­p­er gehal­ten, weil ein Knochen ent­fer­nt wor­den war. Dieser Anblick, ein Bild der Ver­heerung, hat mir schmer­zlich zuge­set­zt. — stop
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spuren

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ulysses : 2.06 — Die Ent­deck­ung, dass ich mich, über die Begren­zung mein­er Haut hin­aus, in den Raum fortzuset­zen scheine. Ständig fällt irgen­det­was von mir ab oder steigt irgen­det­was von mir auf. Ich hin­ter­lasse eine Spur. Ich hin­ter­lasse eine Spur, wie ein Schiff auf dem Meer eine Spur hin­ter­lässt. Eine Spur, die ver­schwindet, in dem sie mit den Winden wan­dert. Eine Spur in einem Uni­ver­sum kle­in­ster Teilchen weit­er­er Men­schen. Eine Spur in ein­er unvorstell­bar großen Samm­lung codierten Textes. — stop

MLR X-867

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nord­pol : 3.55 — Fol­gen­dem Mol­lusken­we­sen gilt nachtwärts meine Aufmerk­samkeit: MLR X-867, 10 cm in der Länge, 1 cm in der Höhe, 2 cm in der Bre­ite, samtig schwarz­er Kör­p­er, 30 Gramm schw­er, hohl und höchst beweglich. Dieses Sch­neck­en­we­sen lebt vornehm­lich im Wass­er, weswe­gen es über Kiemen gebi­etet, wan­dert dort langsam auf Lamel­len­beinen über den Boden hin oder fel­sige Wände auf und abwärts. Aber auch in Gefan­gen­schaft über­lebt es gerne, solange man blut­warme Fliegen­lar­ven füt­tert, die großzügig über die Ober­fläche des Mol­luskengewässers zu verteilen sind. Es ist vielle­icht so, dass in stetiger Erwartung, das kleine Tier in genau jen­em Moment, da es der beben­den Lar­venkör­p­er ansichtig gewor­den ist, Hochgeschwindigkeit­szun­gen in Rich­tung sein­er Beute schick­en wird, Zun­gen, die einem schmalen Rück­en entkom­men, dort rei­ht sich ein Mund an den näch­sten, es sind sieben ins­ge­samt, die geschlossen voll­ständig unsicht­bar bleiben. Nun wäre das noch nichts Beson­deres, wenn es sich bei diesem Wesen, nicht um eine Per­sön­lichkeit von her­vor­ra­gen­der Musikalität han­deln würde, man leuchtet näm­lich in jed­er erden­klichen Farbe, sobald man Geräusche, noch die leis­es­ten hört. Das Schwarz­sein bedeutet also Stille. Art und Posi­tion der Sch­neckenohren sind zu diesem Zeit­punkt, 3 Uhr 28 Minuten, noch nicht bekan­nt. — stop
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indianer

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delta

~ : oe som
to : louis
sub­ject : INDIANER
date : mar 30 12 9.28 a.m.

Gestern Abend, stür­mis­che See, war Miller mit ein­er Schachtel Fotografien Noe’s vom Fes­t­land zurück­gekehrt. Es dunkelte bere­its als er mit dem Segelschiff Esther Valdez zufrieden ein­traf. Wir saßen dann die halbe Nacht an einem Tisch, um eine erste Fotografie unter drei Dutzend weit­er­er Fotografien Noe’s auszuwählen. Noe als Säugling auf einem Wick­eltisch liegend. Noe in ein­er Bade­wanne mit einem Hütchen auf dem Kopf. Er war damals vier oder fünf Jahre alt gewe­sen und lachte in die Kam­era. Noe zur Karneval­szeit, ein Indi­an­er. Noe wie er ein kleines Mäd­chen küsst, das größer ist als er selb­st. Ein Pass­bild in Farbe. Noe ist bere­its weit über 20 Jahre alt gewe­sen, mit diesem Bild wollen wir begin­nen, und so haben wir Noe’s Fotografie in Glas gepanz­ert. Miller machte sich dann nach etwas Schlaf höch­st­per­sön­lich auf den Weg abwärts. Er ist in diesem Moment auf Tiefe 250 Fuß angekom­men, noch zwei Stun­den und er wird Noe erre­ichen. Miller meldet, er könne Noe bere­its erken­nen, einen leuch­t­en­den Punkt, sagt Miller, einen gle­ich­mäßig blink­enden Punkt. Noe selb­st scheint zufrieden zu sein. Er ist wach, wir hören seinen Atem. Noch vor weni­gen Minuten ver­suchte er seinen Blick nach oben zu richt­en, aber seine Kräfte sind zu ger­ing, um seinen schw­eren Anzug bewe­gen zu kön­nen. Er sei nicht mehr der Jüng­ste, sagte Noe. Er sehne sich nach ein­er Uhr, set­zte er hinzu. — Das Meer ist heute ruhig. Ein san­ft­blauer Him­mel über uns. Nichts an dieser Stelle deutet daraufhin, welch drama­tis­che Geschichte sich unter uns in aller Stille ereignet. Ob Noe sich wieder erken­nen wird? — Ahoi, lieber Louis. Dein OE SOM

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30.03.2012
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