existenz

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echo : 0.08 – Erneut, es ist kurz nach Mitter­nacht, die heitere Frage: Muss ich die Exis­tenz der Kiemen­men­schen begründen? - stop
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seltsame geschichte

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india : 5.56 – Seit einigen Tagen ereignen sich in oder in der Umge­bung meiner Schreib­ma­schine kuriose Dinge. Es geht darum, dass ein Text, den ich am Montag notierte, sich immer dann, wenn ich schlafe, verän­dert und zwar zu seinem Nach­teil. Fehler­hafte Wörter, die ich bereits korri­gierte, kehren wieder oder ich entdecke voll­ständig neuar­tige Miss­bil­dungen, verdrehte Buch­staben, Wort­er­fin­dungen, Punkte oder Kommata verschwinden, aus der Farbe ROT wird die Farbe BLAU, aus Schnee wird Regen, aus Kindern werden Greise. Es ist eine eigen­ar­tige Situa­tion, ich gestehe, ich beginne mich zu fürchten. Selbst­ver­ständ­lich habe ich mir die Frage gestellt, ob sich viel­leicht ein weiterer Mensch, den ich bislang noch nicht entdeckte, in meiner Wohnung befindet, oder ob ich viel­leicht selbst schlaf­wan­delnd mich an meine Schreib­ma­schine setze. In diesem Zusam­men­hang könnte die unheim­lichste Aussicht der Gedanke sein, dass meine Schreib­ma­schine selbst oder gar der Text an sich, machen was sie wollen. Von Außen jeden­falls ist ihm nicht anzu­sehen, ob irgend­etwas mit ihm nicht in Ordnung sein könnte. Zur Prüfung, der Text beginnt so: Der Rasen in Zyp’s Garten war ein Teppich von Moos, auf dem immer irgend­etwas blühte. Selbst in den kalten Monaten des Winters, wenn es schneite, wenn das Eis an die Küste schin­delte, glaubte Zyp Wesley, die Geräu­sche des Wach­sens und Verge­hens zu hören aus dem unsicht­baren Raum unter dem Weiß. Er verfügte über ein hervor­ra­gendes Gehör, obwohl er seit Jahren Posaune spielte, wohnte deshalb etwas abseits. Das nächste Haus, indem eine Familie mit Kindern siedelte, war etwa zwei­hun­dert Meter weit entfernt, hinter einer Anhöhe passierten die Geleise der Staten Island Rail seine Gegend. Man konnte von dort das Schep­pern der Subway­züge leise hören bei Tag und bei Nacht. – stop
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charles mingus

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nordpol : 0.08 – Ich stelle mir eine Stadt ohne Treppen vor, eine Stadt ohne Keller, ohne Aufzüge, eine Stadt ohne Leitern, eine voll­ständig ebene Stadt. Die Dächer der Stadt sind von durch­sich­tigen Stoffen gewirkt, Licht fällt zu jeder Tages­zeit in jedes ihrer Zimmer. Kaum Bäume, keine größeren Straßen, keine Auto­mo­bile. In dieser Stadt wohnen 8 oder 10 oder 12 Millionen Menschen. Würde man auf einen der seltenen Bäume klet­tern, wäre kein Ende, kein Land jenseits der Stadt zu erkennen. Es exis­tieren keine Pläne der Gassen, der Plätze, der Winkel, nach welchen man sich richten könnte. Alle Wege sind schmal, sind verwin­kelt, sind ohne Namen. Um sich zu orien­tieren, wenn sie ihre vertraute Umge­bung verlassen, markieren die Bewohner der Stadt ihre Wege an Wänden, die sie passieren, deshalb sind die Häuser der ebenen Stadt über und über von Zeichen bedeckt, diese nacht­wärts vorge­stellte Stadt ist eine beschrif­tete Stadt. Man richtet sich wandernd auch nach der Sonne, nach den Sternen, wer sich verläuft ist verloren, jeder Abschied könnte der letzte sein, die Liebenden gehen immer zu zweit, es ist eine Stadt zum Verschwinden schön, die Häuser sind hell, sind von der Farbe der Kamele, das bestän­dige Rauschen der Stimmen macht einen weichen Himmel. – Es ist drei Uhr. Ich habe wunder­volles Chaos zu Gast. Charles Mingus At Carnegie Hall : C Jam Blues – stop

ein unglück

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echo : 0.15 – Von einem Unglück habe ich erfahren. Ein alter Mann ist gestürzt. Es war später Abend. Der alte Mann wollte seine Frau in den Arm nehmen, um sich zu bedanken, weil sie beide einen glück­li­chen Tag gemeinsam verbrachten. Sie waren spazieren im Engli­schen Garten und kurz darauf in einem Kino gewesen, und essen und dann, nach vielen Stunden wieder zu Hause, umarmte der alte Mann seine geliebte Frau, um kurz darauf das Gleich­ge­wicht zu verlieren. Jetzt liegt er, so hörte ich, in einem Hospital in einem Bett. Es ist die Nacht nach dem Tag nach dem Abend des Unglücks. Und dass sie froh seien, dass sie so gut versorgt würden, dass sie nicht erleben müssten, was verletzten Menschen in der Stadt Homs wider­fährt. Und doch ist ein großes Unglück geschehen, Sorge und Angst sind zurück. Ich hörte eine leise, sehr trau­rige Stimme: Wir werden uns in Zukunft im Sitzen umarmen. – stop
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ein engel im koffer

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zoulou : 2.18 – Jeder Mensch sollte für Zeiten der Sorge, der Furcht, der inneren Not über einen Koffer kleiner Geschichten gebieten, Geschichten, die man sich selbst erzählen kann, ohne die Lippen öffnen zu müssen, heitere, tröst­liche Kopf­ge­schichten, Geschichten, die sich bei Tag und bei Nacht, auch eben im Dunkeln ereignen. Ich selbst trage seit bald 15 Jahren einen Koffer dieser Art mit mir herum. Manchmal, wenn ich an meinen Koffer denke, fange ich an zu lachen, ohne ihn noch geöffnet zu haben. Es ist ein Koffer, – jeder, der selbst einen Behälter dieser Art besitzt, wird das wissen -, der durch seine reine, geheime Anwe­sen­heit bereits wirksam werden kann. Manche meiner Geschichten sind kurzen Filmen ähnlich, sie verfügen über kaum eine Hand­lung, und weil ich sie mir immer wieder vorstelle oder erzähle, sind sie zu wahren Geschichten geworden. Einmal, zum Beispiel, in einem weit in der Zeit zurück liegenden Sommer saß ich auf meinem Sofa und las in irgend­einem Buch herum. Als ich kurz zum Fenster sah, flat­terte ein Zitro­nen­falter vorüber, er flog von links nach rechts und zwar sehr gerade, das heißt in ein und derselben Höhe. Kaum war er verschwunden kehrte er wieder, dieses Mal flog er von rechts nach links, war nun aller­dings nicht mehr allein, ein Engel, groß wie ein Menschen­finger, folgte ihm. Dieser hell­häu­tige Engel versuchte in der Art und Weise der Zitro­nen­falter zu fliegen. Er hatte eine Flie­ger­brille auf den Kopf gesetzt und seine äußerst fili­granen Arme über einem runden Bauch gefaltet, er flog nämlich auf dem Rücken und stürzte aus dieser unge­wöhn­li­chen Haltung ab. Bald war der Zitro­nen­falter vor meinem Fenster verschwunden gewesen, aber der Engel kam wieder und wieder vorbei in dem Versuch, ein Falter zu sein. Seine Stürze waren so senk­recht wie plötz­lich, ein tapferes Wesen, das nicht aufgeben wollte. Ich las dann bald weiter in irgend­einem Buch, und war glück­lich, würde ich sagen. – 2 Uhr Nacht. Lou Donaldson Callin’ all cats. – stop
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manhattan

picping

MELDUNG. Manhattan, Lexington Avenue 822, 28. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 1228 [ Marmor, Carrara : 8.25 Gramm ] voll­endet. – stop
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bewegung

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nordpol : 0.28 – Wie Peter Bichsel vor Jahren in einer Film­do­ku­men­ta­tion von einem Zustand der Bewe­gung berich­tete, der für ihn zum Schreiben hilf­reich sei. Fahren. Reisen. Der Schrift­steller saß, indem er das erzählte, in einem Wagon der Schweizer Bundes­bahn, Land­schaft mit Bäumen schwebte hinter dem Fenster vorbei, und ich meine, mich richtig zu erin­nern, wenn sich das Gesicht des Dich­ters in der Scheibe spie­gelte. Immer wieder einmal hab ich an diese Situa­tion gedacht, gestern zuletzt, weil ich bemerkte, dass mir in diesen Tagen die Stunden des Schrei­bens auf der Staten Island Fähre fehlen, Stunden bemer­kens­werter Beweg­lich­keit in meinen Gedanken. Nicht allein die gleich­mä­ßige Bewe­gung des Schiffes, scheint eine selt­same Öffnung meiner Gedanken bewirkt zu haben, oder der Blick auf das Meer, die Silhou­ette Brook­lyns, den Hafen New Jerseys, seine Kräne, die wie Stor­chen­vögel am Hori­zont zu sehen sind, in meinem Fall waren es die Menschen, ihre Gesichter, Stimmen, Bewe­gungen, Gerüche, Hüte, Tele­fone, Schuhe, Taschen, Gespräche, die mich mit Span­nung einer­seits und innerer Ruhe ander­seits versorgten. Ich ahne, ich vermag in der Umge­bung zahl­rei­cher Menschen, die sich nicht weiter um mich kümmern, sehr lange Zeiten und weit geöffnet still zu sitzen. Meine Augen spazieren herum und meine Ohren, mein Schreib­ge­hirn aber scheint indessen in eine ganz andere Rich­tung zu schauen. Warum das so ist, weiß ich nicht. – Ein stilles Gebet seit Tagen.

in der dritten stunde schlafloser nacht

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ginkgo : 2.55 – In dem Doku­men­tar­film Unter Kontrolle, der von den inneren Räumen des Atom­kraft­zeit­al­ters her erzählt, erklärt ein leitender Inge­nieur den Wirkungs­zu­sam­men­hang zwischen compu­ter­ge­steu­erten Routinen und mensch­li­chen Wirkungs­op­tionen, die zu Sicher­heit oder möglichst geringer Unsi­cher­heit führen sollen. Es ist ein sympa­thi­scher älterer Herr, der dort spricht. Man sieht, er ist stolz auf die von mensch­li­chem Geist geschaf­fene Maschine. Um seiner Über­zeu­gungs­kraft nicht voll­ständig zu erliegen, muss ich mich bemühen, ich schwimme, mittels Gedan­ken­be­we­gung, gera­dezu an gegen den Sog seiner Argu­men­ta­tion, ich denke: Three Mile Island, Tscher­nobyl, Fuku­shima, ein Tele­gramm denke ich, das sich wieder­holen lässt, ein kleiner Kopf­rotor. Einmal äußert der sympa­thi­sche alte Mann einen höchst bemer­kens­werten Gedanken, er sagt, dass statis­tisch gesehen jeder Mensch 10 Fehler in einer Stunde unter­nehmen würde. Das ist eine sehr selt­same Sache. Mir geht das nicht mehr aus dem Kopf. Es ist jetzt bald drei Uhr in der Nacht, der Statistik zu Folge habe ich bisher 28 Fehler unter­nommen, die jeder für sich nicht sehr schwer gewesen sein dürften, weil ich noch immer exis­tiere. Ich ruhte, zum Beispiel, in der vergan­genen Stunde auf einem Sofa, ich habe weder tele­fo­niert, noch habe ich Musik gehört, auch habe ich in keinem Buch gelesen, ich habe an meinen Vater gedacht, an meine Mutter, an meine Schwester, an meine Brüder, und auch an jenen älteren Herrn und seine Begrün­dung der Maschine. Bald, in wenigen Minuten, werde ich in die vierte Stunde dieses Tages treten. – stop
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doppelherzprozessor

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echo : 1.16 – Wieder einmal die Frage, werden Menschen, sobald sie über Schreib­ma­schinen mit Doppel­herz­pro­zes­soren verfügen, in ihren Bewe­gungen, in ihren Erwar­tungen schneller? – stop
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erfundene fotografie mit kamelen

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delta : 0.22 – Kamele sind Tiere, die ich schon immer mochte. Sie erscheinen mir vertraut, als hätte ich einen Teil meines Lebens unter Kamelen zuge­bracht. Ihre großen Augen, die leicht aus dem Kopf hervor­stehen, ihr samtig ledriger Mund, ihr Geruch, ihr warmer Bauch, das weiche dichte Fell. Ich erin­nere mich, dass man mir vor langer Zeit einmal erzählte, ich sei während meiner Besuche mit meinem Vater im zoolo­gi­schen Garten immer wieder gern bei den Kamelen gewesen. Auch soll mein Vater mich auf den Schul­tern getragen haben, während ich seinen großen Kopf mit meinen kleinen Armen umfasste. Merk­würdig ist, dass ich mich an keine Foto­grafie erin­nere, die mich dort oben als einen stolzen Reiter zeigt, vermut­lich deshalb, weil mein Vater vor Jahren der einzige Foto­graf der Familie gewesen war. Es exis­tieren über­haupt nur wenige frühe Bilder, die ihn und mich gemeinsam zeigen. Und so habe ich nun folgendes probiert. Ich habe eine Foto­grafie in meinem Kopf illu­mi­niert, ein Doku­ment, das nie exis­tierte und doch sehr wirk­lich werden könnte, wenn ich nur lange genug daran arbeite. Das Doku­ment ist eine schwarz­weiß Aufnahme. Sie zeigt einen Mann in weiten dunklen Hosen mit hellem Hemd, das ist mein Vater. Auf seinen Schul­tern sitzt ein kleiner Junge, auch er trägt ein helles Hemd, Sandalen und kurze Leder­hosen, das bin ich. Über uns verzweigt sich ein Ulmen­baum. Es ist ein mäch­tiger Baum. In seinem Schatten hinter einem Zaun stehen zwei Kamele, sie schauen uns an. Da ist noch ein Flamin­go­vogel, hung­rige Gestalt, der auf einem Bein mitten auf dem Spazierweg steht. Das sieht alles schon sehr gut aus, finde ich. Ich habe mir dieses Bild vorge­stellt, bis ich es so genau vor mir sehen konnte, dass ich es auf einem vorge­stellten Tisch drehen und wenden könnte. Mein Vater, den ich jetzt in dieser Weise sehen kann, war ein junger Mann, der lachte. Er zeigte in die Rich­tung der Kamele. Und auch ich zeigte mit einem Finger in die Rich­tung der Kamele und auch ich lachte. Es war Sommer. – stop
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zikaden

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alpha : 0.50 – Einem Menschen vorzu­lesen, von dem ich nicht weiß, ob er mir zuhören kann, ob er viel­leicht schläft oder beides. Ja, so eine Nacht, eine Nacht, die fünf oder sechs Jahre zurück­liegt. Der Mensch, an dessen Bett ich wartete, hatte hohes Fieber. Ich trock­nete sein Gesicht von Zeit zu Zeit, ich nahm seine Tempe­ratur, ich hörte seinen Atem. Manchmal ging ich spazieren in der Wohnung oder in den Garten. Es war August, eine hand­voll Zikaden musi­zierte, schwüle, süße Luft. Dann wieder am Bett. Mit Mühe die Augen offen­ge­halten. In der Küche Kaffee gemacht. Nach Atem gelauscht. Das Buch geöffnet und weiter­ge­lesen. Stimme, manchmal fragende Stimme: Hörst du mich, hörst Du mir zu? Soll ich weiter­lesen? Also lese ich weiter, ich lese Agota Kristof, ich lese davon, wie man Schrift­steller wird. Zu aller­erst muss man natür­lich schreiben. Dann muss man weiter­schreiben. Selbst wenn es niemanden inter­es­siert. Selbst wenn man das Gefühl hat, dass es niemals jemanden inter­es­sieren wird. Selbst wenn die Manu­skripte sich in den Schub­laden stapeln und man sie vergisst, während man neue schreibt./ Am Anfang gab es nur eine einzige Sprache. Die Objekte, die Dinge, die Gefühle, die Farben, die Träume, die Briefe, die Bücher, die Zeitungen waren diese Sprache. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es eine andere Sprache geben könnte, dass ein Mensch ein Wort spre­chen könnte, das ich nicht verstehe. – Ja, es war Nacht, eine Nacht, die fünf oder sechs Jahre zurück­liegt. Der Mensch, an dessen Bett ich wartete, hatte hohes Fieber. Ich trock­nete sein Gesicht von Zeit zu Zeit, ich nahm seine Tempe­ratur, ich hörte seinem Atem zu. – stop

ein zimmer

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zoulou : 1.02 – Ich fahre eine Stun­den­zeit mit dem Aufzug aufwärts. Wo ich heraus­komme, wachsen Apri­ko­sen­bäume aus den Wänden. Ein Flur, helles Licht, der Boden von Kirsche, Walnuss, Esche. Und Türen. Türen in blau, grün, gelb und rot. Durch eine der Türen hindurch: Was für ein hübscher Raum! Fenster mit Wolken. In der Mitte des Raumes kauert ein junger Mann auf dem Boden. Er scheint mich nicht zu sehen und nicht zu hören. Es ist so als wär ich nicht da. Ein kleines Netbook, ein Tier, das knis­tert, sitzt wie der Mann auf dem Boden. Licht­schlitten fahren pausenlos in seinem Gehäuse auf und ab. Da war ein Glas Milch und da war eine Schale von Hummer­schwänzen. Weiter nichts. Aber Schatten doch auf dem Boden und an den Wänden, Schatten von Tischen, Stühlen, Bilder­rahmen. Plötz­lich geh ich über eine Straße. Es ist die 8th Avenue. Ich weiß das. Ich weiß das noch immer. Es war Sonntag. Grad bin ich wach geworden. – stop
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minutengeschichten

14

 

 

ulysses

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : MINUTENGESCHICHTEN

Liebe Daisy, liebe Violet! Grüß Euch ganz herz­lich! Früher Morgen hier unten bei uns. How are you doing? Ich hatte, selt­same Sache, in der vergan­genen Nacht das Gefühl, irgend­je­mand würde mir, während ich mit meinem Blei­stift arbei­tete, über die Schulter schauen. Mehr­fach hab ich mich umge­sehen, auch vorge­geben, rein gar niemanden bemerkt zu haben, und dann plötz­lich, na, Ihr wisst schon, ich bin mir sicher, Ihr wart in meiner Nähe gewesen, wie noch vor wenigen Wochen, als ich unter­wegs war in New York, da hab ich Euch leib­haftig gesehen nachts an Bord der John F. Kennedy – Fähre, wie ihr übers Salon­deck huschtet, Gespenster, würde man viel­leicht sagen, Geister, reizende Erschei­nungen. Sagt, habt Ihr nun gelesen, was ich notierte? Jenen kleinen Text der Minu­ten­ge­schichten, den ich so gern mit der Hand wieder­hole in schweren Zeiten? Ich schick ihn Euch zur Sicher­heit noch einmal mit, ja, ja, die Bücher­men­schen, das solltet Ihr wissen, das sind Personen, die selbst dann noch lesen, wenn sie spazieren gehen. Wenn sie einmal nicht spazieren gehen, sitzen sie studie­rend auf Bänken in Park­land­schaften herum, in Cafés oder in einer Unter­grund­bahn. Dort, aus heiterem Himmel ange­spro­chen, wenn man sich nach ihrem Namen erkun­digte, würden sie erschre­cken und sie würden viel­leicht sagen, ohne den Kopf von der Zeichen­linie zu heben, ich heiße Anna oder Victor, obwohl sie doch ganz anders heißen. Wenn man sie fragte, wo sie sich gerade befinden, würden sie behaupten, in Petuschki oder in Brooklyn oder in Kairo oder auf einem Amzo­nas­re­gen­wald­fluss. – Heute habe ich mir gedacht, man sollte für diese Menschen eine eigene Stadt errichten, eine Metro­pole, die allein für lesend durch das Leben reisende Menschen gemacht sein wird. Man könnte natür­lich sagen, wir bauen keine neue Stadt, sondern wir nehmen eine bereits exis­tie­rende Stadt, die geeignet ist, und machen daraus eine ganz andere Stadt, eine Stadt zunächst nur zur Probe. In dieser Stadt lesender Menschen sind Biblio­theken zu finden wie Blumen auf einer Wiese. Da sind also große Biblio­theken, und etwas klei­nere, die haben die Größe eines Kiosks und sind geöffnet bei Tag und bei Nacht. Man könnte dort sehr kost­bare Bücher entleihen, sagen wir, für eine Stunde oder zwei. Dann macht man sich auf den Weg durch die Stadt. Während man geht, wird gelesen. Das ist sehr gesund in dieser Art so in Bewe­gung. Auf alle Straßen, die man passieren wird, sind Linien aufge­tragen, Stre­cken, die lesende Menschen durch die Stadt geleiten. Da sind also die gelben Kreise der Stunden-, und da sind die roten Linien der Minu­ten­ge­schichten. Blau sind die Stre­cken mäch­tiger Bücher, die schwer sind von feinsten Papieren. Sie führen weit aufs Land hinaus bis in die Wälder, wo man unge­stört auf sehr bequemen Pini­en­bäumen sitzen und schlafen kann. In dieser Stadt lesender Menschen haben Auto­mo­bile, sobald ein lesender Mensch sich nähert, den Vortritt zu geben, und alles ist sehr schön zauber­haft beleuchtet von einem Licht, das aus dem Boden kommt. – Ahoi! Euer Louis – stop

gesendet am
13.03.2012
06.05 MEZ
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louis to daisy and violet »

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winterkrieg in tibet

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alpha : 2.58 – Ich weiß nicht genau wie wir darauf gekommen sind, vom Inneren der Berge zu berichten. Irgend­wann kurz vor Mitter­nacht haben wir den ersten Faden gelegt im Gespräch. Ein marok­ka­ni­scher Freund erzählte von seiner Groß­mutter eine Geschichte, die geheim bleiben muss. Uralt war sie geworden, so alt, dass niemand sagen kann wie alt genau. Drei Kriege hatte sie miter­lebt, Elend, Unter­drü­ckung in einer kleinen Stadt am Mittel­meer. Von dort waren wir auf Mr. Assad gekommen, ich hörte von Strafen, die mein junger Freund formu­lierte für diesen mörde­ri­schen Mann, apoka­lyp­ti­sche Wünsche, Höllen­kerne, und von der Prophe­zeiung eines atomaren Welt­krieges. An dieser Stelle meine ich, eine Geschichte Fried­rich Dürren­matts erwähnt zu haben, die vom Winter­krieg in Tibet handelt, ein äußerst skur­riles Stück. Und weil ich mit dem Moment der Erfin­dung bereits Geschwin­dig­keit aufge­nommen hatte, setzte ich hinzu, dass in den Bergen um Salz­burg Höhlen exis­tieren sollen, in welchen Höhlen­wiesen und Höhlen­bäume wachsen. Auch Vögel, sagte ich, seien nach­ge­wiesen, Blumen, bläu­lich glim­mende Beeren, Höhlen­hir­sche, Höhlen­hasen. Kaum zwei Minuten später exis­tierte eine weitere Höhle nahe Agmat im Atlas­ge­birge. Man darf sich nun vorstellen, welch wunder­bare Dunkel­viel­falt dort anzu­treffen sein wird. Von wessen Atom­bomben haben wir gespro­chen? – stop

romantische kurzgeschichte

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sierra : 4.28 – Genève / Place Bel Air. Es ist 1 Uhr und 30 Minuten MEZ : Ein Mann dunkler Haut­farbe, schwer betrunken, wird von städ­ti­schen Gendarmen im zentralen Poli­zeiamt fest­ge­setzt. Ruhe­stö­rung. – 1 Uhr 35 Minuten MEZ : Der Betrun­kene, Hände auf den Rücken gefes­selt, behauptet Charlie Parker zu sein. Er will sein Saxo­phon wieder­haben. – 2 Uhr 05 Minuten MEZ : Die Iden­tität des Gefes­selten wird zwei­fels­frei fest­ge­stellt. Es handelt sich um US-Bürger Jonny Wilkerson, 36, wohn­haft zu Paris, 8, Rue de Javel. – 2 Uhr 38 Minuten MEZ : Über­gabe des Blas­in­stru­mentes an den Randa­lie­renden. – 2 Uhr 40 Minuten bis 4 Uhr und 5 Minuten MEZ : Fünf statio­näre Gendarmen der Nacht­schicht sind von entfes­selten Geräu­schen, die einer vergit­terten Ausnüch­te­rungs­zelle entkommen, stark beein­druckt. Man hat Stühle von Holz vor dem Gehäuse abge­stellt. – 4 Uhr und 6 Minuten MEZ : Parker, Charlie, einge­schlafen. – stop

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sumatrakäfer

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sierra : 0.27 – Gestern, am späten Abend, habe ich den Versuch unter­nommen, das Wort Streich­holz so lange wie möglich in meinem Kopf hin und her zu bewegen, ohne indessen ein weiteres Wort zu denken. Kurz darauf habe ich meinen Versuch wieder­holt, in dem ich das Wort Streich­holz durch das Wort Suma­tra­käfer ersetzte, eben­sol­ches eine Zehn­tel­stunde später durch das Wort Kühl­schrank, welches selbst kurz vor Mitter­nacht im Wort­loop der Hibis­kus­blüte endete. Vorges­tern noch hatte ich eine ähnliche Nacht­übung durch­ge­führt. Wörter waren folgende gewesen: Samshe­pard, Hummer­vogel, Tict­acto, Lepo­rello. Ich stelle fest: Die lang anhal­tende Wieder­ho­lung des Wortes Lepo­rello bewirkt in meiner Seele einer­seits deut­li­ches Gefühl von Hitze, ander­seits eine Ahnung der Farbe Gelb­orange, ohne dass diese Farbe selbst vor meinem inneren Auge sichtbar werden würde. Warum? – stop

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mikado zu weilburg

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MELDUNG. Offen­sicht­lich bei Mond­schein von leichtem Geis­tes­schwindel befallen, rückte Charles M., 88, in der Oran­gerie zu Weil­burg mittel­ame­ri­ka­ni­schen Kakteen mittels Mika­do­stäb­chen zu Leibe. Man arbeite, so der alte Herr kurz nach seiner Fest­nahme während erster Befra­gung, an einer Symphonie für Stachel­horn. Es ist jetzt kurz nach 5. – Game over.
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stand clear to the closing doors

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sierra : 0.27 –  War auf dem Weg südwärts in einem Subwayzug. Hatte mein Notiz­buch in der Hand und notierte Wörter für Geräu­sche, die ich hörte. Heulen. Schep­pern. Klirren. Zischen. Pfeifen. Bald waren alle nahe liegenden Möglich­keiten verzeichnet, und so fing ich an, Wörter zu erfinden, dschumm dschumm. Das war keine leichte Arbeit, vor allem das Notieren von Hand in dieser schwan­kenden Land­schaft war kaum möglich gewesen, ich machte anstatt Wörtern Zeich­nungen, die sich über eine ganze Seite meines Notiz­bu­ches erstreckten. Und plötz­lich war da eine Stimme, eine beson­dere Stimme. Es war die Stimme einer Frau, die ich hörte. Sie reiste mit im Zug, verkün­dete die Namen der Stationen, die wir bald errei­chen würden. Die Stimme kam aus einem Laut­spre­cher, der in die Decke des Wagons einge­lassen war. Eine sanfte Stimme, eine Stimme, die ich viel­leicht deshalb wahr­ge­nommen hatte, weil man in ihr eine Spur von Anteil­nahme vernehmen konnte, eine Freude zu spre­chen, diese Wörter aufzu­sagen, Cham­bers Street. Ein Satz schien ihr beson­ders am Herzen zu liegen: Stand clear to the closing doors! Diesen Satz wieder­holte sie beinahe zärt­lich immer dann, wenn der Zug eine der Stationen wieder verlassen sollte. Es war wie eine Melodie. Ich hörte auf zu schreiben, und ich machte ein Tonauf­nahme, beob­ach­tete den Ausschlag des Zeigers auf meiner Maschine. Als wir eine halbe Stunde später die Endsta­tion des Zuges erreichten, South Ferry, machte ich mich auf die Suche nach der Frau, der ich zuge­hört hatte. Es war eine kleine Frau, eine dunkel­häu­tige Frau mit weißem Haar, sie war sehr fein geschminkt, etwa 60 Jahre alt, sie unter­hielt sich, als ich an ihr vorüber kam, mit einem Herrn, der wie sie selbst die blaue Uniform der New Yorker Verkehrs­be­triebe trug. Sie schien sehr glück­lich zu sein, voller Freude, eine leuch­tende Person, dschumm dschumm. – stop

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ein ohr

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sierra : 0.01 – Im Traum hatte eines meiner Ohren seine Posi­tion verlassen. Das wandernde Ohr hocckte, als ich erwachte, auf meiner linken Wange wie ein wildes Tier, das ich zu bändigen trach­tete, in dem ich mit ihm ein Gespräch zu führen versuchte. Beschwö­rung. Verhand­lung. – stop

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255 jahre

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echo : 6.05 – Ich habe folgendes ausge­rechnet. Wenn ich jeden Tag 16 Stunden arbei­tete, in jeder dieser Stunden je eine Minute mit einem Menschen spre­chen würde, ihm oder ihr die Hand geben, ihm oder ihr in die Augen sehen, dann könnte ich mit 880 Menschen am Ende eines Tages Kontakt aufge­nommen haben. Wenn ich nun 255 Jahre in dieser Weise arbei­tete, ohne je einen Tag eine Pause einzu­legen oder Urlaub zu nehmen, wäre ich schließ­lich in der Lage, 82 Millionen Menschen persön­lich kennen­zu­lernen. Ich sollte möglichst mit älteren Menschen beginnen, sollte nach einem geeig­neten, vorzugs­weise mobilen Haus für mein Unter­nehmen suchen, nach Spon­soren, Verpfle­gung, Warte­räumen, einem Stab von Mitar­bei­tern. Ich stelle mir vor, wie meine begrü­ßende Hand nach ersten Jahr­zehnten der Arbeit sehr hart geworden sein wird, von echsen­ar­tiger Haut, auch könnte viel­leicht ein gewisses Bedürfnis entstanden sein, morgens bereits vor nahenden Besu­chern die Flucht zu ergreifen. – Was wäre nun zu unter­nehmen mit all den wahren, den erfun­denen, den beschei­denen, den groß­ar­tigen Minu­ten­ge­schichten, die sich wie Vögel in Schwärmen um mich herum versam­melt haben werden? – stop

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zungenbäume

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india : 6.08 – Ein beson­derer Baum im nahenden Früh­ling, erste Knospen faszi­nie­renden Gewebes. Sobald man sich anschleicht wird man erkennen, nicht Blätter, nicht Blüten, aber Hände, eine Ahnung zunächst, dann deut­lich zu erkennen, mensch­liche Hände im Alter von sechs oder sieben Wochen, wie sie wachsen, wie sie sich entfalten, wie sie mit erster Bewe­gung beginnen. Auf einem weiteren Baum sprießen Ohren und Nasen, dann wieder Hände, viel­leicht weil man gerade sehr viel Hände benö­tigt. Und Augen­bäume, Herz­bäume, Nieren­bäume, selbst Mund-, und Zungen­bäume sind denkbar, und weitere schreck­lich schöne Krea­turen. – stop

james baldwin

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tango

~ : oe som
to : louis
subject : JAMES BALDWIN
date : mar 22 12 11.15 p.m.

Abso­lute Stille. Kein Wind, keine Bewe­gung auf dem Wasser, der Himmel leer. Seit 382 Tagen schwebt Taucher Noe unter uns in der Tiefe. Er scheint glück­lich zu sein, die Tage seines Aufbe­geh­rens sind vorüber. Noch vor wenigen Wochen wünschte Noe, zurück­kehren zu dürfen, sofort! Wir haben ihm vom Regen erzählt, von Stürmen, von seiner Mutter, von seinem Vater, wie stolz sie auf ihn sind. Nach 5 Tagen war Noe ruhiger geworden, mürbe von der langen Zeit tobenden Zwei­fels, viel­leicht auch deshalb, weil wir ihn aus 850 Fuß Tiefe der Dunkel­heit auf Höhe der Dämme­rung hoben, eine Ahnung von Licht, Hoff­nung, das Gefühl, noch nicht verloren zu sein. Ein tapferer Mann. Er habe das Wort Schnee in seinem Kopf hin und her bewegt, aber er könne nicht sagen, was es bedeute. Sorge bereite ihm außerdem, dass er sein Gesicht nicht erin­nere. Seither disku­tieren wir, ob wir ihm nicht doch ein heiteres Bild seiner Person über­mit­teln könnten, Noe drohte das Rück­wärts­spre­chen zu üben. All das scheint nicht unge­wöhn­lich zu sein für seine schwe­bende Lage, ein lange Zeit andau­ernder Moment von Einsam­keit, Fische, die ihn beob­achten, Wörter gehen verloren. In dieser Sekunde, lieber Louis, da ich Dir schreibe, beginnt Noe wieder zu lesen mit heller Stimme, James Baldwin / Unter­was­ser­buch No 285, nachts träumte ich, und morgens wachte ich zitternd auf, konnte mich aber nie an den Traum erin­nern, nur daran, dass ich gerannt war. Ich wusste nicht mehr, wann es mit diesen Träumen ange­fangen hatte; es war lange her. Zwischen­durch gab es Zeiten, in denen ich über­haupt nicht träumte. Und dann ging es wieder los, jede Nacht. – Ahoi! Dein OE SOM

gesendet am
23.03.2012
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oe som to louis »

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ein ballon

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echo : 6.22 – Ein Vogel, ein Sper­ling, sitzt auf dem Sims vor meinem Fenster. Es ist kurz nach zwei Uhr. Der Vogel scheint zu schlafen unter einem geschlos­senen Augenlid, das andere Auge schaut mich an, wie ich mich vorsichtig nähere. Langsam fahre ich mit dem Kopf an die Scheibe heran. Ich glaube, ich bin einem Sper­ling in meinem Leben noch nie so nahe gekommen, nur Zenti­meter, etwas Glas, etwas Luft trennen uns. Der Vogel scheint mich in diesem Moment sorgsam zu beob­achten, beide Augen sind geöffnet, er plus­tert sich, jetzt macht er beide Augen wieder zu. Ich gehe zum Schreib­tisch, bin schläfrig geworden, nein, ich darf mich auf keinen Fall aufs Sofa setzten, das wäre das Ende der Arbeits­nacht. Ich notiere: Auf dem Broadway, Ecke 28. Straße, steht ein Mann zwischen Autos vor einer Ampel. Er verkauft Pistolen, die Seifen­blasen erzeugen. Es ist kalt und windig, weswegen dem Lauf der Pistole nur kleine Seifen­blasen entkommen. Der Mann schimpft vor sich hin, er droht dem Himmel mit der Waffe. Die Geste bleibt ohne Wirkung, weshalb der Mann sich wieder auf den Lauf seines Werk­zeuges konzen­triert. Sobald ein kopf­großer Seifen­ballon doch einmal entsteht, der Ausdruck empörter Zufrie­den­heit auf seinem Gesicht, aber dann platzt die Blase und er fängt wieder von vorne an, wischt sich die Nase, die ihm davon zu laufen droht, richtet sich den Lumpen, der sein Gesicht umhüllt, die Ampel springt auf grün, Autos fahren an, weitere Autos halten. Es ist kalt heute. Ich gehe südwärts spazieren bis ich den Union Square erreiche, sitze ein wenig in der Sonne, Eich­hörn­chen wälzen sich wie Katzen auf dem sandigen Boden. Nach drei Stunden kehre ich zur Kreu­zung Broadway Ecke 28 Straße zurück. Ein Mann steht dort zwischen Autos vor einer Ampel. Er verkauft Pistolen, die Seifen­blasen erzeugen. Es ist derselbe Mann, den ich bereits beob­ach­tete, es scheint sich bei dieser Mensche­n­er­schei­nung um einen Loop zu handeln. Es ist denkbar, dass es hundert­tau­sende ähnli­cher Loops in der Stadt New York zu beob­achten gibt, Loops, die in der Subway sich voll­ziehen, Loops in Büro­land­schaften, Loops in Waren­häu­sern. Ich freue mich über diese Entde­ckung. Der Vogel vor dem Fenster lungert dort immer noch herum. Es ist jetzt schon viel später geworden, ich habe sehr langsam gear­beitet. – Astor Piazolla / El Concierto De Lugano. – stop

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peru

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sierra : 0.02 – Ein Telefon klin­gelt und hört sofort wieder auf. Aus einem Buch fällt eine Kino­karte, sie ist 21 Jahre alt, Down by Law. Ein perua­ni­scher Zwerg­kaktus auf meinem südöst­li­chen Fens­ter­brett beginnt zu blühen. Das Knis­tern in der Tiefe meines Armes. Und ein Falter, still, das Dioden­licht seiner Augen. Eine Wiese von Leber­blüm­chen. Wie kleine Dinge in diesen Tagen beru­higen. – stop

wörterzunge

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alpha : 2.05 Hörte im Bild­schirm­ge­spräch Thomas Bern­hard wieder sagen: Alles ist immer wirk­lich, es gibt nichts Erfun­denes. Froh bin ich über diesen Satz. Nach Selbst­be­ob­ach­tung scheint in meiner erzäh­lenden Welt ein Zeit­an­nä­he­rungs­werk zu exis­tieren, das nach Entde­ckung zunächst arbeiten muss im Kopf. Ich habe gestern zum Beispiel den Versuch eines Mannes notiert, eine Biene von Stein zu fabri­zieren, ein soziales Wesen, das in der Lage sein sollte, sich in die Luft zu erheben. Diese Vorstel­lung war mir zunächst durchaus fremd gewesen, mein eigener Gedanke. Als ich dann nach zwei Stunden von einem Spazier­gang an den Schreib­tisch zurück­kehrte, war mir der Mann und sein Unter­nehmen so vertraut geworden, als würde er in einer benach­barten Wohnung leben, ich würde ihn besucht haben und über die Schulter geschaut wie er etwas Fels­spat mit einem Meißel­chen behutsam fächert, dass es als Flügel­teil­chen bald einmal durch die Luft segeln könnte. Es scheint viel­leicht so zu sein, dass sich meine Wirk­lich­keit zunächst mittels einer Wörter­zunge vorsichtig in unbe­kannte Räume tastet. – Vier Uhr zwei in Homs, Syria. – stop
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fünfzehn schwalben

picping

MELDUNG. Bei bestem Büch­sen­licht von 10 bis 12, wurden bereits am Freitag, dem Drei­und­zwan­zigsten, 276 Tauben, fünf­zehn Schwalben, sowie acht heilige Figuren vom Dach der Jesui­ten­kirche zu Aschaf­fen­burg geschossen. Der Schütze : Staats­förster Leuen­berger, 67, aus Linden­berg [ Oden­wald ] – stop
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PRÄPARIERSAAL – ich sage immer: es geht mir gut.

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ginkgo : 3.05 – Ich erin­nere mich an Olga, die sich kaum bewegte, während sie von ihren Eindrü­cken des Präpa­rier­saales berich­tete. Die junge Frau schien während unseres Gesprä­ches jeder­zeit auf ihren Körper zu achten, eine Tänzerin, die in einer vorge­nom­menen Posi­tion geduldig und diszi­pli­niert eine Stunde lang zur Übung verharrt, nur ihre Hände bewegten sich unent­wegt wie kleine Vögel über den Tisch, weil sie ihre Gedanken mit Zeich­nungen auf Servi­etten unter­stütze. Ihre warme, weiche Stimme, die in dieser Nacht­mi­nute vom Tonband­gerät aus mit leichtem Akzent zu mir spricht: > Ich mache das so. Ich stelle mir Bezugs­punkte vor. Wo also beginnt eine Struktur und wo endet sie, ein Muskel zum Beispiel. Und dann denke ich mir einen Nerv und frage, wo setzt dieser Nerv eigent­lich an? / Als ich am ersten Tag in die Anatomie kam, habe ich mich zunächst gewun­dert, weil ich ein modernes Gebäude erwartet hatte, einen Raum, der kalt ist. Außerdem war ich über­rascht, eine so genaue Präpa­rier­an­lei­tung zu bekommen. Nach zwei oder drei Wochen habe ich am Fuß präpa­riert. Plötz­lich der Gedanke, dass diese Füße einen Menschen ein Leben lang getragen haben. Da musste ich weinen. Wenn ich in diesen Tagen nach Hause komme, sehe ich meine Mutter, die in der Küche steht. Sie fragt, wie es mir geht. Ich sage immer: Es geht mir gut. Wenn ich mit Freunden spreche, mache ich oft einmal einen Spaß. Ich erzähle nicht alles, weil ich doch Respekt habe vor den Toten dort. Alles zu erzählen, wäre fast zu intim. Wenn meine Freunde bemerken, dass das dort eigent­lich eher ein wissen­schaft­li­cher Raum ist, verlieren sie sofort ihr Inter­esse. / Da war also eine Hand. Diese Hand war am Gelenk abknickt, sie wurde nur noch von etwas Haut und Sehnen und Gefäßen am Körper gehalten, weil ein Knochen entfernt worden war. Dieser Anblick, ein Bild der Verhee­rung, hat mir schmerz­lich zuge­setzt. – stop
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spuren

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ulysses : 2.06 – Die Entde­ckung, dass ich mich, über die Begren­zung meiner Haut hinaus, in den Raum fort­zu­setzen scheine. Ständig fällt irgend­etwas von mir ab oder steigt irgend­etwas von mir auf. Ich hinter­lasse eine Spur. Ich hinter­lasse eine Spur, wie ein Schiff auf dem Meer eine Spur hinter­lässt. Eine Spur, die verschwindet, in dem sie mit den Winden wandert. Eine Spur in einem Universum kleinster Teil­chen weiterer Menschen. Eine Spur in einer unvor­stellbar großen Samm­lung codierten Textes. – stop

MLR X-867

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nordpol : 3.55 – Folgendem Mollus­ken­wesen gilt nacht­wärts meine Aufmerk­sam­keit: MLR X-867, 10 cm in der Länge, 1 cm in der Höhe, 2 cm in der Breite, samtig schwarzer Körper, 30 Gramm schwer, hohl und höchst beweg­lich. Dieses Schne­cken­wesen lebt vornehm­lich im Wasser, weswegen es über Kiemen gebietet, wandert dort langsam auf Lamel­len­beinen über den Boden hin oder felsige Wände auf und abwärts. Aber auch in Gefan­gen­schaft über­lebt es gerne, solange man blut­warme Flie­gen­larven füttert, die groß­zügig über die Ober­fläche des Mollus­ken­ge­wäs­sers zu verteilen sind. Es ist viel­leicht so, dass in stetiger Erwar­tung, das kleine Tier in genau jenem Moment, da es der bebenden Larven­körper ansichtig geworden ist, Hoch­ge­schwin­dig­keits­zungen in Rich­tung seiner Beute schi­cken wird, Zungen, die einem schmalen Rücken entkommen, dort reiht sich ein Mund an den nächsten, es sind sieben insge­samt, die geschlossen voll­ständig unsichtbar bleiben. Nun wäre das noch nichts Beson­deres, wenn es sich bei diesem Wesen, nicht um eine Persön­lich­keit von hervor­ra­gender Musi­ka­lität handeln würde, man leuchtet nämlich in jeder erdenk­li­chen Farbe, sobald man Geräu­sche, noch die leisesten hört. Das Schwarz­sein bedeutet also Stille. Art und Posi­tion der Schne­cken­ohren sind zu diesem Zeit­punkt, 3 Uhr 28 Minuten, noch nicht bekannt. – stop
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indianer

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delta

~ : oe som
to : louis
subject : INDIANER
date : mar 30 12 9.28 a.m.

Gestern Abend, stür­mi­sche See, war Miller mit einer Schachtel Foto­gra­fien Noe’s vom Fest­land zurück­ge­kehrt. Es dunkelte bereits als er mit dem Segel­schiff Esther Valdez zufrieden eintraf. Wir saßen dann die halbe Nacht an einem Tisch, um eine erste Foto­grafie unter drei Dutzend weiterer Foto­gra­fien Noe’s auszu­wählen. Noe als Säug­ling auf einem Wickel­tisch liegend. Noe in einer Bade­wanne mit einem Hütchen auf dem Kopf. Er war damals vier oder fünf Jahre alt gewesen und lachte in die Kamera. Noe zur Karne­vals­zeit, ein Indianer. Noe wie er ein kleines Mädchen küsst, das größer ist als er selbst. Ein Pass­bild in Farbe. Noe ist bereits weit über 20 Jahre alt gewesen, mit diesem Bild wollen wir beginnen, und so haben wir Noe’s Foto­grafie in Glas gepan­zert. Miller machte sich dann nach etwas Schlaf höchst­per­sön­lich auf den Weg abwärts. Er ist in diesem Moment auf Tiefe 250 Fuß ange­kommen, noch zwei Stunden und er wird Noe errei­chen. Miller meldet, er könne Noe bereits erkennen, einen leuch­tenden Punkt, sagt Miller, einen gleich­mäßig blin­kenden Punkt. Noe selbst scheint zufrieden zu sein. Er ist wach, wir hören seinen Atem. Noch vor wenigen Minuten versuchte er seinen Blick nach oben zu richten, aber seine Kräfte sind zu gering, um seinen schweren Anzug bewegen zu können. Er sei nicht mehr der Jüngste, sagte Noe. Er sehne sich nach einer Uhr, setzte er hinzu. – Das Meer ist heute ruhig. Ein sanft­blauer Himmel über uns. Nichts an dieser Stelle deutet daraufhin, welch drama­ti­sche Geschichte sich unter uns in aller Stille ereignet. Ob Noe sich wieder erkennen wird? – Ahoi, lieber Louis. Dein OE SOM

gesendet am
30.03.2012
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oe som to louis »

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